Progressiv bis fundamentalistischDer zweite Tag in Würzburg

Der Katholikentag geht weiter. Benjamin Leven besichtigt Lastenräder und macht sich Gedanken über die katholische Jugend.

Fahrradreifen
© Unsplash

I.

"Unsere Jusos sind auch nicht progressiver als die katholischen Jugendverbände." Beim Empfang der SPD zum Katholikentag am Donnerstagabend spricht Sebastian Roloff, SPD-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender der Bayern-SPD. Den Satz musst du dir merken, denke ich.

II.

Hubertus Heil, religionspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, zitiert Ernst-Wolfgang Böckenförde: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Ein Kollege, der neben mir steht, meint: Das "Böckenförde-Diktum" habe er heute schon drei Mal auf unterschiedlichen Podien gehört.

III.

Eigentlich wollte ich an der Veranstaltung "Katholische Fundamentalismen. Gefährliche Strukturen erkennen und ihnen entgegentreten" teilnehmen. Der Andrang ist groß, vor dem Raum bildet sich eine lange Schlange. Während ich warte, informiere ich mich auf dem Smartphone über die Sprecherinnen. Eine von ihnen arbeitet in einem Kirchencafé in Hannover und ist dort "Referent*in für Urban Churching". Auf der Website lese ich: "Urban Churching als Form von Citypastoral ist eine kirchliche, kontextuelle Ausdrucksform, die von Urbanität geprägt ist." Es gibt dort auch eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel "Toxic Church". Da fällt mir ein, dass in Hannover einmal eine Preisverleihung der Initiative "Neuer Anfang" abgesagt werden musste – wegen "Irritationen, die über die Veranstaltung im Bistum entstanden sind". Der Raum ist leider überfüllt, heißt es irgendwann, kein Zugang mehr, nein, auch nicht mit Presseausweis, tut uns leid. Ich hätte gerne gewusst, welche Definition von katholischem Fundamentalismus die Sprecherinnen zugrunde legen und wo genau die Grenze zwischen legitimen und fundamentalistischen Positionen verläuft, aber das erfahre ich nun leider nicht. 

IV.

Auf der "Kirchenmeile" ist am Freitag viel los, deshalb stelle ich mein Hollandrad ab und gehe zu Fuß weiter. Während ich mir die Stände ansehe, geht Wolfgang Rothe an mein Fahrrad und lässt die Luft auf dem Hinterreifen.

V.

Das habe ich mir natürlich nur ausgedacht. Also, mein Rad hat wirklich einen Platten, aber ich weiß nicht, wer das Ventil aufgedreht hat.

VI.

Ich komme am Stand des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) vorbei. Joachim Frank, ZdK-Mitglied, Vorsitzender der Gesellschaft katholischer Publizisten und Chefkorrespondent des Kölner Stadt-Anzeigers, interviewt gerade die ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp. Sie berichtet, dass der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, es abgelehnt habe, beim Abschlussgottesdienst des Katholikentages eine "Dialogpredigt" mit einer weiblichen Theologin zu halten. Und auch bei der geplanten "Synodalkonferenz" gebe es schlechte Neuigkeiten: Die für November vorgesehene erste Sitzung des Gremiums werde nicht stattfinden können, weil das nötige OK aus Rom noch nicht vorliege.

VII.

Gleichentags veröffentlicht der Sender Phoenix ein Interview mit Wilmer. Ja, bei der Synodalkonferenz brauche es "etwa Geduld", sagt der Bischof, da der entsprechende Satzungsentwurf noch "von Dikasterium zu Dikasterium" gehe. Auf das Thema "Segensfeiern" angesprochen, antwortet Wilmer ausweichend: Natürlich könnten alle gesegnet werden, die Ortsbischöfe müssten Lösungen finden, "im Einklang mit der Weltkirche und im Einklang mit dem Heiligen Vater".

VIII.

Paul-Henri Campbell beauftragt mich, nach Lastenrädern Ausschau zu halten, die im Rahmen pastoraler Projekte zum Einsatz kommen. Innerhalb von nur einer Viertelstunde habe ich auf der Kirchenmeile zwei entdeckt. Campbell hasst Lastenräder. "Lastenräder sind das Ende der Mobilität!", schreibt er mir auf WhatsApp. Lastenräder im Kirchendienst dienen laut Campbell keinem anderen Zweck als dem "institutionell organisierten Narzissmus kirchlicher Mitarbeitender". Soll ich ihm verraten, dass ich auch eins besitze?

IX.

Bei einer Pressekonferenz spricht Isabel Rutkowski, Vorsitzende der Katholischen Landjugendbewegung. Viele junge Menschen, meint Rutkowski, würden der Kirche den Rücken kehren, weil sie verletzt worden seien. Die "jungen Menschen" würden sich Reformen wünschen, "auch auf dem Land". Ungleichbehandlung, Diskriminierung und Machtmissbrauch in der Kirche müssten ein Ende haben. Die Katholische Landjugendbewegung jedenfalls sei "offen" und "solidarisch".

X.

Abends bin ich in einer Sporthalle am Stadtrand, beim charismatischen Event "The Tabernacle", das im Rahmen des Katholikentages stattfindet. Ich werde davon morgen noch mehr erzählen. Die Veranstaltung richtet sich jedenfalls an "junge Menschen von 15 bis 25 Jahren" – und diese sind tatsächlich zahlreich anwesend. Beim übrigen Katholikentagsprogramm dominiert hingegen die Generation 60plus. Die "jungen Menschen", die hier anwesend sind, haben der Kirche nicht den Rücken gekehrt – und feiern die Messe mit, beichten bei den zahlreich anwesenden Priestern und knien vor dem Allerheiligsten. Ob das schon das Fundamentalismus-Kriterium der Referentin aus Hannover erfüllt? Eine "Dialogpredigt" gibt es hier nicht, aber im Rahmen des Events sprechen junge Frauen und Männer mit großer Überzeugung und mit Selbstbewusstsein über ihren Glauben.

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