In der öffentlichen Debatte gibt es eine Tendenz, bei politischen Positionen, die nicht "links" sind, nicht mehr zu differenzieren. Ob konservativ, rechtspopulistisch oder rechtsextrem, alles ist am Ende einfach "rechts" – und gilt damit tendenziell als illegitim.
Diese Polarisierung, die die Welt zwanghaft in Freund und Feind einsortieren will, kann bei Vertretern konservativer Standpunkte dazu führen, dass sie selbst irgendwann keine roten Linien mehr ziehen. "Die Radikalen", hat COMMUNIO-Kolumnistin Alina Rafaela Oehler einmal geschrieben, "freuen sich über alle, (…) die sich an den Rand gedrängt fühlen, weil in der 'Mitte' angeblich kein Platz mehr für konservative Positionen ist, und die am Ende sagen: Dann bin ich eben 'rechts'."
Das betrifft auch das innerkirchliche Diskussionsklima. Kirchenvertretern und Theologen, die in der Debatte um die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf deren Standpunkte zu Menschenwürde und Schwangerschaftsabbruch kritisierten, wurde vorgehalten, sie würden sich mit Rechtspopulisten gemein machen. Die katholische Moraltheologin Katharina Klöcker hat in diesem Zusammenhang kürzlich noch einmal die "Gefahr ungewollter Komplizenschaft" beschworen. Doch sachlich und differenziert vorgetragene Argumente gegen Brosius-Gersdorf werden nicht dadurch falsch, dass es auch undifferenzierte und unsachliche Kritik an der Juristin gegeben hat – und auch nicht dadurch, dass die Kritik zum Teil aus den Reihen der AfD kam.
Gut vorstellbar, dass manch einer in dieser Lage denkt: "Dann bin ich eben 'Komplize'." Und doch ist das für Christen keine Option.
Es stimmt zwar, dass Christen bei politischen Fragen legitimerweise zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen können. In der Konstitution "Gaudium et spes" des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es:
"Oftmals wird gerade eine christliche Schau der Dinge ihnen [den Christen] eine bestimmte Lösung in einer konkreten Situation nahelegen. Aber andere Christen werden vielleicht, wie es häufiger, und zwar legitim, der Fall ist, bei gleicher Gewissenhaftigkeit in der gleichen Frage zu einem anderen Urteil kommen."
Und doch gibt es – insbesondere an den Rändern des politischen Spektrums – Positionen, die in wesentlichen Punkten objektiv im Widerspruch zu christlichen Grundüberzeugungen stehen.
Das gilt nicht zuletzt für die Positionen der sogenannten "Neuen Rechten".
Unter "Neue Rechte" verstehe ich hier nicht jede Position rechts der Mitte, sondern ein metapolitisch orientiertes intellektuelles und aktivistisches Milieu, das liberal-universalistische Grundannahmen kritisiert, ethnokulturelle Identität und Homogenität als zentrales politisches Anliegen verfolgt und strategisch auf kulturelle Hegemonie zielt.
Gegen eine Anschlussfähigkeit von Christentum und Neuer Rechter spricht zunächst, dass prägende Denker dieser Richtung sich selbst scharf vom Christentum distanziert haben. Julius Evola (1898–1974) plädierte für eine Hinwendung zur paganen Antike und propagierte einen "heidnischen Imperialismus". Auch Alain de Benoist (*1943) ist Fürsprecher eines neuen Heidentums; das Christentum sieht er als Ursprung der modernen Universalismen, die er ablehnt.
Es gibt jedoch auch Vertreter der Neuen Rechten, die sich positiv auf das Christentum beziehen. So sind der deutsche Publizist Götz Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza zwar aus der katholischen Kirche ausgetreten, bezeichnen sich selbst aber im christlichen Sinne als "gläubig". Auch Martin Sellner, Kopf der österreichischen "Identitären Bewegung", gilt als Katholik, auch wenn das in seiner Selbstdarstellung keine prominente Rolle spielt. 2024 ließ er sich mit den Worten zitieren, er habe "einiges dazu beitragen" dürfen, "dass aus vormals offener Feindschaft zwischen christlichen und nichtchristlichen Rechten ein fruchtbarer Dialog und ein produktives Neben- bis Miteinander wurde"; Glaube und Religion "können und sollen eine wichtige Rolle spielen". Das entspricht der erklärten Strategie Sellners, ein "neurechtes Kontinuum" zu schaffen, um die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Akteure wie der Theologe und Politikwissenschaftler Felix Dirsch bemühen sich erkennbar um den Brückenschlag zwischen christlichen und neurechten Positionen.
Doch auch, wenn man ein dezidiert konservatives Verständnis des Christentums voraussetzt, lassen sich wesentliche Punkte identifizieren, die einem solchen Brückenschlag entgegenstehen. Als normativer Bezug liegt es dabei nahe, die katholische Soziallehre heranzuziehen, also die Aussagen des katholischen Lehramts, die sich auf das menschliche Zusammenleben beziehen.
Ethnokulturelle Identitätspolitik
Im Mittelpunkt der katholischen Soziallehre steht weder das Volk noch die Nation oder die Kultur als letzter Maßstab, sondern die menschliche Person. Das Personalitätsprinzip geht davon aus, dass der Mensch als Person eine unverfügbare Würde besitzt, die allen politischen Ordnungen vorausgeht und sie begrenzt. Diese Würde ist nicht abhängig von irgendeiner Gruppenzugehörigkeit. "Grund, Träger und Ziel aller gesellschaftlichen Institutionen", heißt es in "Gaudium et Spes", ist "die menschliche Person".
Diese bedarf, so das Konzil weiter, "von ihrem Wesen selbst her des gesellschaftlichen Lebens". Die Familie, die politischen Gemeinschaften auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene und alle Arten von freiwilligen Gruppen und Vereinigungen erfüllen einen wichtigen Zweck. Ihre jeweilige Gestalt ist jedoch historisch kontingent: Reiche, Völker, Kulturen, Sprachen und Nationen entstehen und vergehen. Anders als die Person besitzen solche Größen keinen absoluten Wert und können darum nicht zum letzten Kriterium für politisches Handeln werden. Die Person muss in der Sicht der katholischen Soziallehre stets Subjekt und Ziel der Politik bleiben, keinesfalls Material für kollektive Projekte.
Konsequenterweise ist der Begriff des "Nationalismus" in den Äußerungen des kirchlichen Lehramts stets negativ konnotiert. In der Enzyklika "Ubi arcano Dei consilio" von 1922 unterscheidet Pius XI. zwischen legitimem Patriotismus, im Sinne einer "Liebe zum Vaterland", und einem "extremen Nationalismus", der dann vorliegt, "wenn wir vergessen, dass alle Menschen unsere Brüder und Mitglieder derselben großen Menschheitsfamilie sind, dass andere Nationen das gleiche Recht wie wir auf Leben und Wohlstand haben, dass es niemals rechtmäßig oder gar klug ist, die Moral von den Angelegenheiten des praktischen Lebens zu trennen". Und Johannes Paul II. sagte 1995 vor den Vereinten Nationen:
"Wahrer Patriotismus zielt niemals darauf ab, das Wohlergehen der eigenen Nation auf Kosten anderer zu fördern. Denn letztendlich würde dies auch der eigenen Nation schaden: Unrecht zu tun schadet sowohl dem Aggressor als auch dem Opfer. Nationalismus, insbesondere in seinen radikalsten Formen, ist somit das Gegenteil von wahrem Patriotismus."
In neueren Diskursen der deutschen Neuen Rechten werden positive Bezugnahmen auf den Begriff des Nationalismus tendenziell vermieden, stattdessen nutzt man weniger belastete Ersatzkonzepte. Man könnte sagen: Der alte Nationalismus hat sich zur "ethnokulturellen Identitätspolitik" gewandelt. Das neurechte Konzept des "Ethnopluralismus" postuliert ein "Recht auf Differenz", zielt auf ethnisch und kulturell möglichst homogene politische Räume bzw. Staaten und lehnt eine "Durchmischung" infolge von Migration ab. Eine explizite Hierarchisierung wird in der Theorie zwar meist vermieden; in der politischen und aktivistischen Kommunikation neurechter Akteure treten abwertende Qualifizierungen anderer Kulturen und Ethnien – etwa als rückständig, defizitär oder bedrohlich – jedoch regelmäßig auf.
Zu den Grundpfeilern der katholischen Soziallehre gehören weiterhin die Prinzipien der Gemeinwohlorientierung und der Solidarität. Diese kommen nicht nur auf der Ebene der einzelnen Staaten zur Geltung, sondern besitzen auch eine globale Dimension. So betont der Katechismus der Katholischen Kirche, dass das Gemeinwohl "am vollständigsten in der politischen Gemeinschaft verwirklicht" ist, zugleich aber die "Einheit der Menschheitsfamilie, welche Menschen gleicher natürlicher Würde vereint" ein "weltweites Gemeinwohl" voraussetzt. Außerdem hält der Katechismus fest: "Die internationale Solidarität ist eine Forderung der sittlichen Ordnung."
Wenn hingegen in Diskursen der "Neuen Rechten" von Gemeinwohl und Solidarität die Rede ist, dann vor allem in partikularen, nationalstaatlichen, ethnischen und kulturellen Zusammenhängen. "Globale Probleme" werden dort zwar diskutiert, aber meist mit einer antiuniversalistischen Pointe: Auf die "Menschheit" oder die "eine Welt" wird in negativer Form Bezug genommen; als tragfähiges politisches Gemeinwohlsubjekt gilt die – ethnisch und kulturell möglichst einheitliche – politische Gemeinschaft.
Ein von Autoren der Neuen Rechten gern zitierter Satz von Carl Schmitt lautet:
"Wer Menschheit sagt, will betrügen".
Schmitt wollte mit diesem scharfen Diktum deutlich machen, dass die Berufung auf die "Menschheit" häufig dazu dient, die eigenen Partikularinteressen als allgemeingültig darzustellen und den weltanschaulichen Gegner zu delegitimieren, indem man ihn Feind der Menschheit darstellt.
Die Schlussfolgerung jedoch, die ein Autor in der neurechten Zeitschrift "Sezession" aus dem Satz zieht – "Wenn die Deutschen denn ihre Zukunft im eigenen Land zurückgewinnen wollen, werden sie sich von solchen Begriffshülsen einer 'hyperkulturellen Ortlosigkeit' abwenden müssen" – kann für Christen keine Option sein. Abusus non tollit usum – der Missbrauch hebt den Gebrauch nicht auf.
Für das katholische Lehramt ist "Menschheit" keine "Begriffshülse", sondern ein unhintergehbarer Bezugspunkt: Alle Menschen besitzen aufgrund ihrer Geschöpflichkeit und Gottesebenbildlichkeit eine gemeinsame Würde, die "Menschheitsfamilie" ist ein Raum der gemeinsamen Verantwortung, die Kirche selbst versteht sich als Sakrament der "Einheit des ganzen Menschengeschlechts" und auch die Erlösung durch Jesus Christus gilt jedem Einzelnen wie der Menschheit als Ganzer. Papst Pius XII. widmete der "Einheit der menschlichen Gesellschaft" 1939 seine erste Enzyklika "Summi Pontificatus".
Es überrascht nicht, dass ein anderes Prinzip der katholischen Soziallehre in der "Neuen Rechten" tendenziell positiver besetzt ist: das der Subsidiarität. In diesem Zusammenhang wird gelegentlich ein Satz des Publizisten Erik von Kuehnelt-Leddihn (1909–1999) zitiert:
"Rechts steht für Persönlichkeit, Vertikalität, Transzendenz, Freiheit, Subsidiarität und Vielfalt, links steht für Kollektivismus, Horizontalismus, Materialismus, Gleichheit-Nämlichkeit, Zentralismus und Einfalt (in beiden Sinnen des Wortes)."
Der Begriff wird bisweilen zur Abgrenzung von "Globalismus", "EU-Zentralismus" und "Massendemokratie" ins Feld geführt. Doch das Konzept der Subsidiarität wird pervertiert, wenn es aus dem Prinzipiengefüge herausgelöst wird, in das es in der katholischen Soziallehre eingebettet ist: Subsidiarität und Solidarität, Gemeinwohl und Personalität gehören zusammen.
Der Päpstliche Rat für die Kultur schreibt 1999:
"Das Menschsein befindet sich in einer lebendigen Spannung zwischen Universalität und Partikularität, die außerordentlich fruchtbar sein kann, wenn sie auf ausgewogene und harmonische Weise gelebt wird."
Es ist gerade diese Ausgewogenheit der katholischen Auffassung, die einer Anschlussfähigkeit an politische Extremismen entgegensteht.
Das zeigt sich an dem Thema, das in den Diskursen der Neuen Rechten schon lange vor der europäischen Flüchtlingskrise 2015 ideologischer Dreh- und Angelpunkt war: der Migration. Im neurechten Denken ist das entscheidende Motiv für die angestrebte Begrenzung, Verhinderung oder gar Rückgängigmachung von Migration die "Bewahrung der ethnokulturellen Identität".
Tatsächlich leugnet auch die katholische Lehre nicht, dass Staaten die Einwanderung regeln dürfen oder müssen.
"Die wohlhabenderen Nationen sind verpflichtet, so weit es ihnen irgend möglich ist, Ausländer aufzunehmen, die auf der Suche nach Sicherheit und Lebensmöglichkeiten sind, die sie in ihrem Herkunftsland nicht finden können",
heißt es im Katechismus der Katholischen Kirche. Gleichzeitig gilt:
"Die politischen Autoritäten dürfen im Hinblick auf das Gemeinwohl, für das sie verantwortlich sind, die Ausübung des Einwanderungsrechtes verschiedenen gesetzlichen Bedingungen unterstellen und verlangen, dass die Einwanderer ihren Verpflichtungen gegenüber dem Gastland nachkommen."
Auch Papst Leo XIV. hat sich kürzlich gegen "ungeregelte Einwanderung" ausgesprochen; Staaten hätten das Recht, an ihren Grenzen Regeln festzulegen. Gleichzeitig betonte er, alle Ankommenden verdienten Respekt und Achtung ihrer Würde. Und Papst Franziskus sagte 2019, Migranten seien "keine Bedrohung für die Kultur, die Bräuche und die Werte eines Aufnahmelandes", hätten aber die Pflicht, "sich in das Land zu integrieren, das sie aufnimmt."
Eine Regelung der Zuwanderung nur zu dem Zweck, die ethnische und kulturelle Homogenität eines Staates zu erhalten, lässt sich mit der katholischen Soziallehre aber nicht rechtfertigen.
Das heißt allerdings nicht, dass kulturelle Faktoren in der Migrationspolitik keine Rolle spielen dürfen. Der Katechismus fordert von Zuwanderern unter anderem Achtung gegenüber dem "geistigen Erbe" des Gastlandes:
"Der Einwanderer ist verpflichtet, das materielle und geistige Erbe seines Gastlandes dankbar zu achten, dessen Gesetzen zu gehorchen und die Lasten mit zu tragen."
Im geistigen Bürgerkrieg
Der Kontrast zwischen der kirchlichen Lehre und den Grundlinien des neurechten Denkens zeigt sich nicht nur bei einzelnen politischen Themen, sondern in sehr grundsätzlicher Form auch in der Sicht auf die Öffentlichkeit und auf politische Methoden.
Der bereits erwähnte Alain de Benoist empfahl bereits in den Siebzigerjahren, sich strategisch an dem kommunistischen Denker Antonio Gramsci zu orientieren und eine "Kulturrevolution von rechts" anzustreben: Die politische Rechte müsse den Kampf um die "kulturelle Hegemonie" und "Diskurshoheit" in gesellschaftlichen Debatten antreten.
Götz Kubitschek – Mitbegründer des inzwischen aufgelösten "Instituts für Staatspolitik", Leiter des Antaios-Verlags sowie der bereits erwähnten Zeitschrift "Sezession" – steht ganz in dieser Tradition, wenn er 2023 von einem "geistigen Bürgerkrieg" in Deutschland spricht und betont, wie wichtig es sei, "nach den Propagandamitteln zu greifen und ihren Gebrauch einzuüben". Es gehe "um die Vorherrschaft auf medialem, sprach- und geschichtspolitischem Feld, um Deutungshoheit".
In Kubitscheks Sicht "hat der Gegner" den "Krieg" begonnen: "Er grenzt aus, behindert, unterdrückt, er denunziert, setzt Machtmittel ein und kriminalisiert." Da scheint es gerechtfertigt zu sein, sich im Meinungskampf mit entsprechenden Methoden zur Wehr zu setzen.
Im Jahr 2025 bezeichnet Kubitschek das Erzeugen von "Noise" als "eine der wichtigsten Aufgaben, die sich der Öffentlichkeitsarbeit der AfD derzeit stellt". "Noise" – also Rauschen – erzeugen, bedeute: "verunklaren", "irritieren", "Indifferenz einstreuen", um so die politische Kommunikation "des Gegners" zu stören.
Und in einem Artikel von 2017 schildert Kubitschek die politische Strategie der "Selbstverharmlosung". Gemeint ist der "Versuch, die Vorwürfe des Gegners durch die Zurschaustellung der eigenen Harmlosigkeit abzuwehren und zu betonen, dass nichts von dem, was man fordere, hinter die zivilgesellschaftlichen Standards zurückfalle", um die "emotionale Barriere" beim "Normalbürger" zu überwinden. Dabei bestehe allerdings die Gefahr, "aus der Harmlosigkeit nicht mehr herauszufinden".
"Propaganda", "Verunklarung", "Selbstverharmlosung": Was Kubitschek beschreibt, sind kommunikative Mittel der Täuschung. Aus Sicht der katholischen Soziallehre ist der Einsatz solcher Mittel nicht legitim. Das gesellschaftliche Zusammenleben, so heißt es im "Kompendium der Soziallehre der Kirche" von 2004, ist "nur dann geordnet", wenn es sich "auf die Wahrheit gründet".
"Je mehr sich die Personen und sozialen Gruppen bemühen, die gesellschaftlichen Probleme der Wahrheit gemäß zu lösen, desto mehr entfernen sie sich von der Willkür und nähern sich den objektiven Forderungen der Moral",
heißt es dort weiter. Das gilt auch dann nicht, wenn man meint, der Gegner nutze ja die gleichen Mittel und man müsse sich eben zur Wehr setzen. Schlag nach im Katechismus der Katholischen Kirche: "Der Zweck rechtfertigt die Mittel nicht."
Eingangs wurde die Tendenz zur Polarisierung öffentlicher Debatten problematisiert. Carl Schmitt hat Anfang der Dreißigerjahre die zentrale politische Bedeutung des Gegensatzes von Freund und Feind hervorgehoben. Was bei Schmitt eine analytische Kategorie ist, wird im Denken der Neuen Rechten affektiv und normativ aufgeladen. Von den anderen als "Feind" markiert zu werden, wird zwar einerseits beklagt, andererseits gilt es als Rechtfertigung, seinerseits die Gegenseite als Feinde zu markieren; dabei wird der Antagonismus im "geistigen Bürgerkrieg" geradezu emphatisch begrüßt. "Lasst uns Krieg führen", ruft Kubitschek 2023 aus.
Das Ziel ist es dabei nicht, als Stimme im Konzert der Meinungen auch gehört zu werden und die eigenen Argumente vorbringen zu können. Nein, das Ziel des Krieges ist der Sieg: die "Diskurshoheit". Ein zugegebenermaßen schon 20 Jahre alter Satz von Kubitschek, der seitdem häufig zitiert wird, macht das klar: "Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party."
Die katholische Soziallehre versteht die Öffentlichkeit hingegen nicht als Kriegsschauplatz, sondern als Raum der Wahrheitssuche. Das Zweite Vatikanische Konzil mahnt in "Gaudium et spes":
"Achtung und Liebe sind auch denen zu gewähren, die in gesellschaftlichen, politischen oder auch religiösen Fragen anders denken oder handeln als wir. Je mehr wir in Menschlichkeit und Liebe inneres Verständnis für ihr Denken aufbringen, desto leichter wird es für uns, mit ihnen ins Gespräch zu kommen."
Wie die vatikanische Instruktion "Communio et progressio" 1971 betont, beruht das gesellschaftliche Leben "auf einem ständigen Austausch und Dialog zwischen den einzelnen und den Gruppen". Dies sei "für gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit unerlässlich". Öffentliche Kommunikation soll in der Sicht des Vatikans die Menschenwürde achten, der Wahrheit dienen und sich am Gemeinwohl orientieren. Umgekehrt gilt:
"Jede Propaganda jedoch, die sich gegen das Gemeinwohl richtet, die eine offene und öffentliche Einrede hindern will, die Tatsachen verdreht oder den Menschen Vorurteile einhämmert, die halbe oder einseitig gefärbte Wahrheiten verbreitet und wichtige Sachverhalte verschweigt, verweigert dem Menschen das Recht auf Entscheidungsfreiheit."
Grenzen
In Bezug auf die Nation singt die Neue Rechte Loblieder auf die Grenze; wenn es um politische Diskursstrategien geht, werden Grenzen aufgeweicht.
Ja, Differenzierung ist notwendig: Nicht jede konservative Position ist rechtsextrem, und nicht jede Kritik an progressiven Positionen macht Christen zu Komplizen extremer Kräfte. Doch Differenzierung verlangt auch klare Grenzen.
Wo "ethnokulturelle Identität" wichtiger ist als die unverfügbare Würde der Person, wo Solidarität strikt auf die eigene Gemeinschaft begrenzt wird und wo statt Wahrheitssuche und Dialog der "geistige Bürgerkrieg" angestrebt wird, da ist eine Grenzziehung erforderlich: Die Neue Rechte mag das Christentum da und dort taktisch aufgreifen oder kulturell instrumentalisieren. Das ändert nichts am Befund: Neue Rechte und Christentum sind unvereinbar.