I.
Der Katholikentag beginnt für mich schon am Mittwochnachmittag. Bei einem Event der "Tagespost" am Rande des Katholikentags diskutieren der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet und der Philosoph Sebastian Ostritsch über das Thema "Kant und katholisch – wie passt das zusammen?" Ich hatte die Aufgabe, das Gespräch zu moderieren. Ostritsch hat ein Buch über Gottesbeweise geschrieben, mit dem er ziemlich bekannt wurde, weil die Münchner Jesuitenhochschule eine Veranstaltung zu dem Buch abgesagt hatte. Studenten hatten gegen die Einladung des Autors protestiert – offenbar wegen seiner politischen und religiösen Positionen – und die Hochschulleitung hatte dem nachgegeben. Der Fall von "Cancel Culture" schlug hohe Wellen – und bescherte dem Buch inzwischen die dritte Auflage. Ostritsch sagt: Immanuel Kants Kritik an den klassischen philosophischen Argumenten für die Existenz Gottes, etwas bei Thomas von Aquin, ist nicht stichhaltig. Magnus Striet wiederum hält Kants Kritik an den Gottesbeweisen nach wie vor für zwingend. Und er sieht auch sonst eine ganze Menge von "unerledigten Anfragen", die sich aus dem Denken des Aufklärungsphilosophen für die katholische Theologie ergeben. Wie zu erwarten war, verlief die Debatte überaus kontrovers – aber konstruktiv und freundlich. Es wurden keine Zerrbilder, Schlagworte und Parolen ausgetauscht, sondern philosophische Argumente. Am Ende gab es ein Glas Wein. Warum gibt es solche Debatten eigentlich nicht im Hauptprogramm des Katholikentags?
II.
Alina Oehler kritisiert in ihrer neuesten Kolumne die Tendenz, bei Kirchenumgestaltungen auf Altarstufen zu verzichten. Auf dem Altar vergegenwärtige sich das "Rettungsgeschehen auf Golgatha", da sei es angemessen, dass der Altar an einem "erhöhten Ort" stehe, meint Oehler. In der riesengroßen Basilika in Weingarten, wo der Heilig-Blut-Altar von 1932 entfernt werden soll, um für einen neuen Altar ohne Stufen Platz zu schaffen, würden die Menschen in Zukunft wohl kaum noch etwas von dem Geschehen am Altar sehen, befürchtet Oehler. Ich muss an den Text denken, als ich auf dem Würzburger Residenzplatz stehe, um am Gottesdienst zum Hochfest Christi Himmelfahrt teilzunehmen. Die Organisatoren haben Ambo, Altar und Sedilien unter einem sehr großen, runden Zeltdach angeordnet. Die Gottesdienstteilnehmer stehen rundherum auf dem Platz. An einem Ende des Platzes befindet sich eine Tribüne, auf der Musiker und Sänger positioniert sind. Die kreisrunde Anordnung mit zentralem Zeltdach erinnert entfernt an den Eucharistischen Kongress 1960 in München. Doch während dort der Altar unter dem Zelt auf einem sehr hohen, runden Podest mit zahlreichen Stufen stand, befindet sich der Altarbereich in Würzburg auf der gleichen Ebene, wie die Gottesdienstteilnehmer. Vermutlich soll das gemeinschaftlicher und weniger hierarchisch wirken. Zwar sind Ambo und Altar innerhalb des kreisrunden Raums unter dem Zelt tatsächlich auf kleineren Podesten mit Stufen angeordnet, das ändert aber nichts daran, dass man als Anwesender auf dem Residenzplatz überhaupt nichts sieht. Die Teilnehmer sind auf die großen Leinwände angewiesen, um das liturgische Geschehen zu verfolgen. Im Grunde sieht man also einen Fernsehgottesdienst, während man selbst vor Ort ist.
Altar beim Eucharistischen Weltkongress 1960 in München.
© KNA-Bild
III.
Es gibt einen typischen Katholikentags- und Kirchentagsmusikstil, der sich seit Jahrzehnten kaum verändert hat. Der Sound erinnert an die Titelsongs amerikanischer Fernsehserien der Reagan-Ära: Leicht jazzige Harmonik, federnde Rhythmik zum Mitschnippen – und die Melodien voller Synkopen, die das Mitsingen erschweren. Das Ganze im Synthesizer-Sound, grundiert vom E-Bass, oft mit Bläsern, wobei Saxofon-Soli nie fehlen dürfen. Die Abwesenheit derartiger Musik beim Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt empfinde ich als sehr wohltuend. Domkantorei und Orchester bieten in Würzburg ein ganz anderes Klangerlebnis: Farbig, emotional, symphonisch-orchestral, auch etwas elektronisch, mit Anklängen an Spätromantik, Filmmusik und Musical, dabei aber nicht allzu cheesy. Ein eigentlich recht angestaubter Klassiker des "Neuen Geistlichen Liedes" der Sechzigerjahre zur Gabenbereitung – "Du rufst uns Herr an deinen Tisch" – klingt in dem hier dargebotenen Arrangement mit Chor und Orchester fast ein bisschen nach Third Stream, jazzig-klassisch irgendwie, und wird so jedenfalls wieder erträglich. Und ein Arrangement des gregorianischen Sanctus der Missa Mundi mit luftiger Orchesterbegleitung gemahnt an die impressionistischen Gregorianik-Adaptionen von Maurice Duruflé. Alles jedenfalls geschmackvoller als das, was man von kirchlichen Großereignissen sonst gewohnt ist. Verantwortlich für Arrangements und Kompositionen ist der Film-, Theater- und Game-Musik-Komponist Jan Kohl. Kompliment!
IV.
Die Liturgie ist insgesamt klassischer als noch beim Katholikentag in Erfurt. Der Ablauf ist so, wie das Messbuch ihn vorgibt. Es werden die vorgesehenen Lesungen und Gebete vorgetragen. Zu den Lesungen werden kurze Einleitungstexte gesprochen; ansonsten ist der Gottesdienst aber nicht von Texten überfrachtet. Die wohl durch die zeitlich limitierte Fernsehübertragung bedingte Straffheit finde ich angenehm.
V.
Die Predigt des Würzburger Bischofs Franz Jung ist theologisch und geistlich fundiert; sie widersteht der gerade bei Kirchentagen gelegentlich zu beobachtenden Tendenz zur präsentischen Eschatologie. Derartige Events sollen ja die politische und gesellschaftliche Relevanz des Glaubens unterstreichen; da muss man aufpassen, nicht gleich das Reich Gottes auf Erden heraufzubeschwören. Bischof Jung sagt, die Botschaft vom Gottesreich dürfe "nicht missbraucht werden zur Rechtfertigung irdischer Herrschaftsansprüche". Wo Menschen für sich in Anspruch genommen hätten, "in Namen Gottes zu herrschen", da hätten sie "Blutbäder angerichtet und richten noch heute Blutbäder an". Aufgabe der Kirche sei es, an der Seite der Schwachen zu stehen, sich einzusetzen "für den Schutz des ungeborenen Lebens, für die Würde der kranken Menschen, der Menschen mit Behinderung und der sterbenden Menschen". Bravo!
VI.
Als der Chor das Sanctus anstimmt, hole ich das Funkgerät aus meiner Tasche und sage: "Jetzt!" Kurze Zeit später sehe ich von Norden her die Propellermaschine heranfliegen. Genau zu Beginn des Hochgebets ist das Flugzeug über dem Residenzplatz angekommen. Das Banner, das es hinter sich herzieht, ist hervorragend zu erkennen. Die Leute stoßen sich an, zeigen nach oben; sie lesen die Aufschrift: "Hab Mut, knie dich hin."
VII.
Das habe ich mir natürlich nur ausgedacht.
VIII.
Mit dem Verhältnis von Kirche und Politik ist es ja vertrackt. Bei der Eröffnungspressekonferenz am Mittwoch sagt die Vorsitzende des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp: "Kirche ist politisch". Einige Minuten später betont sie dann, man müsse der politischen Instrumentalisierung der Religion widerstehen, die weltweit zu beobachten sei. Doch wie unterscheidet man eigentlich legitime politische Interventionen der Kirche von politischer Instrumentalisierung der Religion?
IX.
Nach dem Gottesdienst schlendere ich zum Oberen Markt in der Innenstadt. Das gastgebende Bistum Würzburg hat auf dem Platz eine Bühne mit einem eigenen Programm. Als ich dort vorbeikomme, wird gerade ein Sachbuchautor interviewt. In seinem Buch hat der Autor Interviews mit christlichen Palästinensern zusammengestellt. Im Gespräch schildert er mit großer Empathie die alltäglichen Herausforderungen der Menschen im Westjordanland und im Gazastreifen. Sein Buch heißt: "Und am Kontrollpunkt wartet die Erniedrigung". Als ihn der Moderator fragt, wie er sich vom Antisemitismus abgrenzt, antwortet der Gesprächspartner: Das beste Mittel gegen Antisemitismus sei es, wenn die israelische Politik sich ändere. Im Anschluss tritt eine Trachtentanzgruppe auf.
X.
Kurz nach dem 7. Oktober 2023 beginnen an der Münchner Universität die Proteste. Bei einer Demonstration auf dem Geschwister-Scholl-Platz ist im Dezember 2023 ein Plakat mit der Aufschrift "Intifada bis zum Sieg" zu sehen. "Man kann in Deutschland nicht studieren, ohne Antisemitismus zu erfahren". Das sagt Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands, bei einem Gespräch, das am Nachmittag stattfindet, kaum 500 Meter vom Oberen Markt entfernt. Thema: "Israelhass, Judenfeindschaft und Solidarität in Deutschland". Sabena Donath, Direktorin der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden, berichtet: Jüdische DJs oder Fotografen werden nicht mehr gebucht, jüdische Künstler verlieren Aufträge. Es gebe keinen Juden in Deutschland, der nach dem 7. Oktober keine Freunde verloren hätte.