Der Schriftsteller Martin Mosebach ist ein Romancier von außerordentlicher Welterfahrung und Beschreibungskunst, aber auch ein katholischer Intellektueller, der sich durch öffentliche Interventionen einen Namen gemacht hat. Sein wohl einflussreichstes theologisches Buch, Häresie der Formlosigkeit, ist mehr als ein Beitrag zur Liturgiedebatte. Mosebach entwickelt darin die These, dass Form nicht äußerliches Beiwerk, sondern Erscheinungsform und Träger von Wahrheit ist. Die Liturgie führt den Menschen in eine Wirklichkeit hinein, die größer ist als er selbst: das Mysterium des Heiligen. Wo mit Formen leichtfertig experimentiert wird, wo heilige Texte nach Kriterien der Verständlichkeit ausgetauscht werden, droht nach Mosebach nicht nur die Schönheit der Liturgie, sondern letztlich auch ihre theologische Substanz zu erodieren.
Diese Grundeinsicht ist tief in der katholischen Tradition verwurzelt. Christlicher Glaube ist niemals rein innerlich. Gott handelt in der Geschichte durch sichtbare Zeichen, sein Heil wird durch Worte und Zeichen vermittelt. Die Inkarnation des Logos ist die Widerlegung einer Spiritualität, die Form und Materie gegeneinander ausspielt oder leibfeindlich-gnostische Züge annimmt. Mosebach erinnert daran, dass das Christentum den Leib ernst nimmt. Wasser, Öl, Brot und Wein sind Elemente, die den Menschen als Sinnenwesen tangieren – und in der eucharistischen Liturgie werden die Gläubigen durch den Empfang des Leibes Christi als Glieder einer Gemeinschaft zusammengeschlossen, die Lebende und Verstorbene umgreift. Das Bewusstsein um die geschichtliche Tiefendimension der communio sanctorum könnte ein Quäntchen Gelassenheit in die mitunter gereizt geführten Debatten um die Reform der Kirche bringen.
Wider das Diktat des Funktionalismus
Man mag einzelne Zuspitzungen seines liturgischen Urteils nicht teilen. Tatsächlich hat die Liturgiereform des Konzils berechtigte Anliegen verfolgt: die tätige Teilnahme der Gläubigen, die Einführung der Landessprache in den Gottesdienst, eine breitere Erschließung der Heiligen Schrift. Doch die Bedeutung von Mosebachs Häresie der Formlosigkeit besteht darin, den Zusammenhang von Form und Wahrheit gegen das Diktat des Funktionalismus verteidigt zu haben. Seine Kritik richtet sich gegen die Vorstellung, die über Jahrhunderte gewachsene Gestalt der Liturgie sei beliebig veränderbar. In dieser Reserve gegenüber dem Kult der Machbarkeit und der Beliebigkeit trifft sich Mosebach mit liturgietheologischen Einsichten von Joseph Ratzinger.
Bemerkenswert ist dabei, dass Mosebach nie einfach Nostalgiker war. Seine Verteidigung der Tradition, die nicht davor zurückschreckt, mit Kontinuitätsfiktionen wie der "Messe aller Zeiten" zu arbeiten, entspringt keiner romantischen Verklärung vergangener Zeiten, sondern folgt einer anthropologischen Einsicht: Der Mensch braucht Formen, weil er kein reiner Geist ist. Rituale, Architektur, Musik und Sprache bilden einen Raum, in dem Transzendenz auch sinnlich erfahrbar werden kann. Dass diese Formen nicht von Liturgie-Designern erfunden werden können, sondern als Gabe von einem Geist der Gemeinschaft empfangen werden müssen, bringt sie auf Abstand zur immer steiler werdenden Kurve der Beschleunigung. Dieser beinahe anarchische Widerstand gegen die Macher verleiht solchen Überlegungen zur Bewahrung der Form eine überraschende Aktualität. Eine tiefe Wurzel des biblischen Monotheismus – Eckhard Nordhofen hat wiederholt darauf hingewiesen – entstammt der Kritik an den selbst gemachten Gottheiten der alten Welt.
Avantgardistisch ist in dieser Optik weniger die Produktion von Neuem als vielmehr die Rettung von dem, was geschichtlich bewahrenswert ist, über eine traditionsvergessene und neuerungssüchtige Gegenwart hinaus.
So verwundert es nicht, dass Mosebach sich einmal als "Avantgardisten der Tradition" bezeichnet hat. Diese paradoxe Formulierung ist keine kokette Selbstbeschreibung, sondern geistiges Programm. Tradition ist kein Museum, das kostbare Schätze der Vergangenheit ausstellt, sondern meint die treue Weitergabe dessen, was man dankbar empfangen hat. Avantgardistisch ist in dieser Optik weniger die Produktion von Neuem als vielmehr die Rettung von dem, was geschichtlich bewahrenswert ist, über eine traditionsvergessene und neuerungssüchtige Gegenwart hinaus. Solchen Avantgardismus hat der norwegische Schriftsteller Jon Fosse im Wirken der Kirche entdeckt: "Schauen Sie, der katholischen Kirche ist in den vergangenen 2000 Jahre etwas höchst Erstaunliches gelungen: Sie hat das Mysterium des Glaubens durch die Zeit gerettet." Man darf annehmen, dass Mosebach darin nicht nur die Beschreibung einer Leistung, sondern auch eines Auftrags sehen würde.
Neuer Blick auf das Martyrium
Von theologischer Bedeutung ist auch sein Buch Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Märtyrer. Ausgehend vom Schicksal jener koptischen Wanderarbeiter, die 2015 in Libyen von Kämpfern des sogenannten "Islamischen Staates" ermordet wurden, richtet Mosebach den Blick auf eine Dimension des Christentums, die im säkularen Westen weithin aus dem Bewusstsein gerückt ist, obwohl sie täglich traurige Wirklichkeit ist: das Martyrium. Mosebach hat die Familien der koptischen Märtyrer besucht und deren Lebenswelten beschreibungsdicht eingefangen. In Ägypten ist er einer lebendigen Kirche begegnet, deren Glaube sich aus Liturgie, Gebet und der Hoffnung auf die Auferstehung nährt. Darin liegt auch ein Anstoß: Der christliche Glaube tradiert eine Wahrheit, die im Alltag gelebt und bezeugt sein will. Die Passage über "die allgemeine Berufung zur Heiligkeit", die architektonisch in der Mitte der Kirchen-Konstitution Lumen Gentium steht, bietet noch unausgeschöpfte Rezeptionspotentiale für die Kirche hierzulande. Das Buch Die 21 macht zugleich sichtbar, dass das Zeugnis der Märtyrer die Christen verschiedener Konfessionen tiefer verbindet als die beklagenswerten Spaltungen der Kirchengeschichte. Das ökumenische Band des Martyriums sollte theologisch stärker bedacht werden.
In Martin Mosebachs Romanen spielen theologische Motive nur eine Nebenrolle. Darüber könnte man erstaunt sein. Wäre nicht gerade von Mosebach eine Wiederkehr des katholischen Romans zu erwarten? Bei der Wiener Poetikdozentur Literatur und Religion hat er 2022 ausgeführt, dass der katholische Roman heute ein anachronistisches Projekt sei, da das Milieu weggebrochen sei, das der Wurzelboden für solche Bücher gewesen sei. Seine eigenen Romane lebten von eigenen Beobachtungen bei Reisen in andere Länder und Kulturen, aber auch von Kenntnissen seiner Heimatstadt, der Finanzmetropole Frankfurt. Es handelt sich um zeitdiagnostisch wache Erkundungen einer Gesellschaft im Umbruch. Seine Figuren leben selten in eindeutigen moralischen Verhältnissen. Die Ambivalenz der Freiheit, die Passion der Liebe, die Abgründe von Untreue und Schuld, aber auch die Möglichkeiten der Gnade werden ausgelotet. Sein Personal bewegt sich in einer Welt, in der Ordnungen zwar brüchig geworden sind, aber dennoch nicht ganz aufgehört haben zu existieren.
Theologisch liegt in der Diskretion vielleicht die größte Stärke seines literarischen Werks. Mosebach widersteht sowohl einer moralisierenden Tendenzliteratur als auch einem postmodernen Anything goes, das Sinn als subjektive Option versteht.
Sein Roman Der Nebelfürst, in dem der Protagonist auf einem ramponierten Dampfer in die Arktis reist, um eine Insel zu annektieren, eröffnet bei aller Komik einen Blick auf die Fragilität menschlicher Herrschaft. Auch in anderen Romanen wie Krass oder Die Richtige erzählt Mosebach vom Scheitern des Menschen an sich selbst: hier ein zynischer Macht- und Genussmensch, der andere nur als Funktion seiner selbst betrachtet, am Ende aber die Ohnmacht des Krankseins und das Angewiesensein auf andere erfahren muss, dort ein Maler, der es auf die Haut seiner Akte abgesehen hat, aber erleben muss, dass seine Modelle mehr sind als Marionetten. Gerade im Niedergang und im Zerbrechen leuchtet immer wieder die Möglichkeit der Gnade auf, die freilich nur andeutungsweise ins Spiel kommt. Die spirituellen Dimensionen dieser zumeist ganz säkular wirkenden Romane zu entdecken, ist die Aufgabe von Lesern, die sich nicht auf die Selbstbeschreibung ‚religiös unmusikalisch‘ festlegen möchten.
Theologisch liegt in der Diskretion vielleicht die größte Stärke seines literarischen Werks. Mosebach widersteht sowohl einer moralisierenden Tendenzliteratur als auch einem postmodernen Anything goes, das Sinn als subjektive Option versteht. Seine Romane setzen bei aller Sprach- und Konstruktionskunst voraus, dass Wirklichkeit mehr ist als das Mess- und Machbare. Schuld ist real, Schönheit besitzt objektive Bedeutung, und Erlösung bleibt zumindest als Möglichkeit mitlaufend gegenwärtig.
Der Schönheit Gestalt geben
Nicht zufällig spielt Schönheit für Mosebach eine so zentrale Rolle. Hier berührt sich sein literarisches Werk mit einer langen theologischen Tradition von Augustinus über Thomas von Aquin bis hin zu Hans Urs von Balthasar, der in seiner theologischen Ästhetik Herrlichkeit neben dem verum und bonum das pulchrum wieder in seine Rechte eingesetzt hat. Die Schönheit einer Gestalt wahrzunehmen, sie gesammelt zu betrachten, aber auch sie dem Kontrast des Hässlichen und präzise beschriebenem Grausamen auszusetzen, ist nicht Flucht aus der Wirklichkeit, sondern deren tiefere Erschließung. In einer Gesellschaft, die Wahrheit häufig moralisiert und Schönheit auf äußere Reize reduziert, erinnert Mosebach daran, dass beide aufeinander hingeordnet sind.
Man wird nicht jede seiner kirchenpolitischen Positionen teilen müssen. Seine vehemente Verteidigung der tridentinischen Messe, seine Skepsis gegenüber manchen Entwicklungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und seine scharfen kulturkritischen Diagnosen laden zum Widerspruch ein.
Man wird nicht jede seiner kirchenpolitischen Positionen teilen müssen. Seine vehemente Verteidigung der tridentinischen Messe, seine Skepsis gegenüber manchen Entwicklungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und seine scharfen kulturkritischen Diagnosen laden zum Widerspruch ein. Doch gerade darin erfüllt er eine wichtige Aufgabe des katholischen Intellektuellen: Er verweigert sich dem Konformitätsdruck des juste milieu und hält durch seine stilistisch stets brillanten Einsprüche Fragen offen, die allzu leicht als erledigt gelten.
Der Büchner-Preisträger Martin Mosebach, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, hat die Kirche daran erinnert, dass sie ihre eigene Sprache, ihre Zeichen und ihre Schönheit nicht leichtfertig preisgeben darf. Seine Literatur und seine Essays verteidigen die Überzeugung, dass Form Ausdruck einer Wahrheit ist, die dem Menschen vorausliegt und ihn bereichert. Das ist eine überraschend gegenwärtige Botschaft.