Jan-Heiner Tück: Am vergangenen Mittwoch, 24. Juni 2026, sprach Papst Leo XIV. im Vatikan zu einer Gruppe von Schriftstellerinnen und Schriftstellern. In seiner Rede sagte er: "Wir brauchen Euch." Sie waren dabei. Wie haben Sie die Begegnung mit dem Papst erlebt?
Jon Fosse: Ich war sehr stolz, zu diesem Treffen eingeladen worden zu sein. Bereits vor einigen Jahren war ich in die Sixtinische Kapelle eingeladen worden, wo Papst Benedikt XVI. Künstler aus aller Welt versammelt hatte. Schon damals lautete seine Botschaft: Auch wenn die Künstler die Kirche vielleicht nicht brauchen, braucht die Kirche die Künstler. Jene Zusammenkunft erinnerte, so habe ich das damals jedenfalls verstanden, an eine ähnliche Begegnung, die Papst Johannes Paul II. mit einer ähnlichen Botschaft einberufen hatte.
Das war noch Jahre, bevor ich zum Katholizismus konvertiert war, daher konnte ich überhaupt nicht nachvollziehen, warum gerade ich, als der einzige nordische Künstler, eingeladen worden war.
Die Botschaft jedoch leuchtete mir unmittelbar ein: Kunst, das heißt: gute Kunst, Kunst, die diesen Namen verdient (sei es Bildende Kunst, Musik, Literatur oder was auch immer), hält eine geistige Ebene in der Gesellschaft wach, und wahrer religiöser Glaube ist auf diese Ebene angewiesen (selbst wenn die Kirche ohne sie bestehen kann und auf eine gewisse Weise bestehen wird).
Für mich bestätigte Papst Leos Ansprache diese folgenschwere Einsicht und adressierte diese an mich und die anderen Schriftsteller direkt. Selbst wenn ich dieses Vertrauen nicht verdiene, bin ich mir sicher, dass die Literatur es verdient; ebenso wie die anderen Autoren, die mit mir im Saal versammelt waren. Und natürlich war es für mich ein sehr bewegender Moment, Papst Leo die Hand zu schütteln und einige Worte mit ihm zu wechseln. Die Wahrnehmung der apostolischen Sukzession war mir dabei sozusagen sehr präsent.
Tück: "Schreiben ist, wie Sie wissen, ein Akt der Wahrheit, ein Akt der Offenbarung; denn es offenbart, wer wir sind, woran wir glauben und worauf wir hoffen—welche Welt wir erstreben und von welcher Zukunft wir träumen." Wahrheit und Offenbarung sind auch theologische Kategorien. Wie deuten Sie als Schriftsteller diese bemerkenswerte Aussage des Papstes, dass Schreiben zu einem Akt der Wahrheit und der Offenbarung werden kann?
Fosse: Um etwas schreiben zu können, musst du in etwas Vertrauen haben oder vielleicht zu jemandem. Du brauchst beinahe eine kindliche Zuversicht. Wenn du die nicht in dir hast, ja diese Art von Naivität, glaube ich nicht, dass du überhaupt wagst, zu schreiben. (Ich denke hierbei freilich an das, was oft "Creative Writing" genannt wird, einen Begriff übrigens, den ich nicht besonders mag: Ich bevorzuge eher das deutsche Wort Dichtung.) Wenn du schreibst, musst du etwas schreiben, das in einem gewissen Sinne absolut neu ist, sonst ist es der Mühe nicht wert; und indem du das tust, musst du auf gewisse Weise die Kontrolle verlieren. Und ohne Kontrolle brauchst du Zuversicht.
Ist das Schreiben möglicherweise eine Art des Gebets? Vielleicht ist es für jemanden wie mich sogar die primäre Weise des Betens? Nicht jedes Schreiben, nicht die ganze Zeit, aber zumindest ein Teil meines Schreibens, hin und wieder?
Während ich schreibe, ist es mir gleich, ob den Menschen der Text gefallen wird oder nicht. Das ist unwichtig, denn das Einzige, das wichtig ist, ist gut zu schreiben, das bedeutet: die Wahrheit zu schreiben, soweit sie gerade mit diesem einen Text möglich ist, soweit sie innerhalb des Universums exakt in diesem Text möglich ist. Ich muss im Text den "Regeln" des "Universums" folgen, wenn das Niedergeschriebene auch nur den geringsten Wert haben soll. Dennoch bleibt das Schreiben stets eine Reise ins Unbekannte, obschon solche Reisen aufregend sind und zugleich beängstigend. Wenn ich schon vor dem Schreiben wüsste, was ich schreiben werde, dann wäre die Erfahrung vom Schreiben kein Schreiben mehr, sondern eher Unterrichten oder dergleichen.
Ich muss etwas Neues in die Welt hereinbringen, das zuvor nicht da war, oder zumindest etwas, das ich selbst vorher nicht kannte. Sooft das geschieht, könnte man es vielleicht Offenbarung nennen (obgleich mir dieses Wort zu fordernd scheint, um es zu verwenden). Nicht jedes Schreiben ist so. Schlechte Literatur folgt einfach den etablierten Regeln (etwa der Genreliteratur), sie ahmt (epigonal) den Stil anderer Schriftsteller nach oder ist auf eine bestimmte Leserschaft hin bzw. auf einen bestimmten "Markt" kalkuliert.
Während ich schreibe, denke ich nicht daran, dass irgendjemand den Text lesen wird. Täte ich das, würde ich Angst bekommen und aufhören zu schreiben. Ich adressiere niemanden. Trotzdem ist das Geschriebene auf jemanden hin ausgerichtet! Ist es auf mich allein gerichtet? Ich weiß jedenfalls nur, dass es nicht so ist. Ich habe einmal in einem Interview gesagt: Ich schreibe an Gott. Das war, nachdem mich ein Journalist zum x-ten Mal fragte, für wen ich eigentlich schreibe. Als ich dann am nächsten Tag die Schlagzeile der Zeitung sah – in riesigen Lettern, als wäre ein Krieg ausgebrochen: "Fosse schreibt für Gott" –, schämte ich mich sehr. Später las ich bei Franz Kafka ungefähr dasselbe. Da kam ich mir nicht mehr so dumm vor. Und ich überlegte: Ist das Schreiben möglicherweise eine Art des Gebets? Vielleicht ist es für jemanden wie mich sogar die primäre Weise des Betens? Nicht jedes Schreiben, nicht die ganze Zeit, aber zumindest ein Teil meines Schreibens, hin und wieder?
Für mich ist das Christentum im Wesentlichen paradox – Gott ist zugleich einer und dreifaltig; Gott ist Gott und Mensch; selbst das Kreuz ist ein Paradox. Und so weiter. Gleiches gilt für die Literatur.
Tück: Es ist bemerkenswert, dass der Papst auf die Unverfügbarkeit und Transzendenz der Wahrheit hinweist: "Wir sind niemals die Herren der Wahrheit; vielmehr ist es die Wahrheit, die uns erobert." Ihr österreichischer Schriftstellerkollege Michael Köhlmeier sprach kürzlich von einer Umkehr-Erfahrung beim Schreiben: "Nicht mehr ich schreibe, sondern es schreibt in mir und durch mich." Er brachte diese Erfahrung mit Inspiration in Verbindung und sagte: "Inspiration ist die Gotteserfahrung des Künstlers." Kennen Sie solche Erfahrungen beim Schreiben?
Fosse: Sicher. Ständig. Ich denke, das Schreiben ist ein Akt des Zuhörens. Nachdem ich einige Sätze und einige Seiten niedergeschrieben habe, höre ich natürlich auf das, was sich in dieser Schreibbewegung gibt. Wenn ich dann weiterschreibe, horche ich jedoch vor allem auf noch etwas, das nur zum Teil in mir selbst ist, nur zum Teil meine Sprache, meine Art zu schreiben, mein Wissen darüber, wie man schreibt, ist. Auf etwas, das seinem Wesen nach irgendwo außerhalb von mir existiert. Und irgendwann gewinne ich den Eindruck, dass das, was ich schreibe, bereits geschrieben ist. Das Theaterstück oder der Roman oder was immer es sein mag, ist bereits da, und ich muss es bloß niederschreiben, bevor es verschwindet.
Seit vielen Jahren denke ich von mir selbst, als bestünde ich gewissermaßen aus drei Personen: dem privaten Jon, der öffentlichen Person Jon Fosse und dem schreibenden Ich, das nicht ich bin, sondern ein Ich innerhalb (oder außerhalb?) meines Ichs ist. Und ich habe immer das Gefühl, dass Schreiben ein Weg ist, mir selbst zu entkommen, meiner privaten Person, um mich selbst nicht zum Ausdruck zu bringen.
Vielleicht besteht nun ein Widerspruch zwischen der Vorstellung, Schreiben sei immer wieder ein neues Gebet, und der Vorstellung, dass das, was ich schreibe, schon existiert, bevor ich es niederschreibe. So scheint es zumindest. Doch in der Beschränktheit der Sprache kommt man der Wahrheit oft nur durch das Paradox am nächsten. Für mich ist das Christentum im Wesentlichen paradox – Gott ist zugleich einer und dreifaltig; Gott ist Gott und Mensch; selbst das Kreuz ist ein Paradox. Und so weiter. Gleiches gilt für die Literatur, aber gewiss nicht für die Logik der Wissenschaft. Ich finde das Wort des Papstes genau richtig: "Es ist die Wahrheit, die uns erobert." Das gilt für die Literatur ebenso wie für den Glauben. Alles ist Gabe. Alles ist Gnade.
Tück: Für Gnade lässt die künstliche Intelligenz heute keinen Raum. Vielmehr scheint die postmoderne These vom Tod des Autors durch KI auf beunruhigende Weise Wirklichkeit zu werden. Die ersten von KI verfassten Gedichte, Erzählungen und Romane sind bereits veröffentlicht worden. In seiner ersten Enzyklika Magnifica humanitas hat Leo XIV. die Gefahren der KI hervorgehoben. Wie verteidigen Sie mit Ihrem Schreiben die unverwechselbare Stimme des Menschen, der unter dem Neigungswinkel der Kreatürlichkeit steht?
Fosse: Wenn es um wirkliche Literatur geht, das heißt eine Literatur der Qualität und nicht der bloßen Quantität, Literatur, in der ein Schriftsteller seine eigene, unverwechselbare Stimme besitzt, dann habe ich im Grunde keine Angst. Solche Literatur besitzt sozusagen eine so starke spirituelle Dimension, wie sie eine Maschine niemals haben könnte. Ist sie jedoch einmal geschaffen, dann kann eine Maschine sie vermutlich kopieren, variieren und einen Fake hervorbringen, der dem nahekommt, was ein jeweiliger Schriftsteller hätte schreiben können. Es ist fast wie in der Malerei: Nachdem Picasso einmal in seiner unverwechselbaren Weise gemalt hatte, war es für andere Maler nicht schwer, ihn nachzuahmen. Die KI ist immer ein Epigone. Und tatsächlich gelten viele Epigonen als gute Schriftsteller. Vielleicht kann die KI unseren Blick dafür schärfen, welche Arten von Epigonentum existieren?
Andererseits bin ich mir ziemlich sicher, dass KI die Genreliteratur ebenso gut schreiben kann wie jeder Krimiautor. Jedenfalls schneller. Ein interessanter Gedanke ist vielleicht dieser: Was ein Mensch erschafft, ist niemals perfekt. Und wenn es perfekt wäre, hätte es seine Schönheit verloren. Vielleicht hat die KI das sogar schon begriffen. Eins ist sicher: Es war lange Zeit politisch korrekt, den Unterschied zwischen ernsthafter Literatur und Unterhaltungsliteratur zu verwischen. Dieses Projekt ist durch die KI zerstört worden. Pop Art existiert nicht mehr als eine interessante künstlerische Option. Aber die Stimme eines neuen Mark Rothko wird stärker sein als je zuvor.
Zu denken, dass Gott sich in meinem Schreiben offenbaren könnte, wäre für mich Hybris von der übelsten Art.
Tück: In Ihren Werken kreisen Sie um das namenlose Geheimnis, das wir Gott nennen, ohne das Unbegreifliche begreifen oder sprachlich festhalten zu wollen. Gerade durch diese tastend umkreisende Sprache scheint immer wieder die Gegenwart des Gegenwärtigen auf. Der Papst deutete etwas Ähnliches in seiner Ansprache an: "Wenn wir in die tiefsten Tiefen unseres Menschseins hinabsteigen, sind wir Gott nicht fern, denn dort, mitten in den allzu menschlichen Geschichten, offenbart sich Gott." Würden Sie dem zustimmen?
Fosse: Absolut. Selbst wenn ich kaum zu denken wage, dass Gott sich in meinem Schreiben offenbaren könnte. Das wäre für mich Hybris von der übelsten Art. Und es wäre gerade das Gegenteil jener Demut, die man braucht, um schreiben zu können. Jedenfalls ist das für mich so.
Tück: In Ihrem dreibändigen Werk Septologien (dt. Heptalogie), sind grundlegende lateinische Gebete wie das Ave Maria oder das Pater noster eingewoben, als wollten Sie die Leser einladen, in jene Gebete einzustimmen, die schon unzählige Menschen vor uns gesprochen haben. In welchem Verhältnis stehen für Sie Erzählen und Beten?
Fosse: Diese überlieferten Gebete sind mir außerordentlich wichtig. In gewisser Weise steht diese traditionelle – ich hätte keine Bedenken zu behaupten: diese eigentliche – Weise des Betens beinahe im Gegensatz zu der Vorstellung, dass Schreiben und Literatur ebenfalls eine Form des Betens sein könnten. Das Pater noster besitzt einen Wert, der jede Literatur überragt. Möglicherweise enthält es die ganze Literatur in sich. Dein Reich komme.
Ich weiß nicht, warum ich die Septologie gerade so geschrieben habe. Sie ist einfach auf diese Weise zu mir gekommen: Das ist die ehrlichste Antwort, die ich geben kann. Dennoch fühlt es sich falsch an, dafür das Wort Inspiration zu verwenden, zumindest so wie ich diesen Begriff verstehe. Ich versuche herauszufinden, warum. Vielleicht liegt es daran, dass "Inspiration" so passiv klingt und das Schreiben hingegen eine Tätigkeit ist, es ist ein Akt, selbst wenn es zugleich stimmt, dass es sich ereignet, wie ja Martin Heidegger sagt.
Zuhören ist in dieser Weise auch ein Akt. Alles ist Gabe, gewiss, aber du, oder etwas in dir, muss auf diese Gabe antworten, um sie ins Werk zu setzen. Und das ist eine Art Arbeit. Und das hat etwas Handwerkliches an sich. Diese Gedanken sind noch ganz unklar. Aber eines weiß ich sicher: Das Wort Inspiration trifft für mich nicht wirklich, was mit Schreiben gemeint. Anders ausgedrückt: Es zu wenig leibhaltig, es ist zu wenig vom Fleisch darin.
Übersetzung: Paul-Henri Campbell