"Sind sie gläubig?" "Nachts."Ernest Hemingways Bedürfnis nach religiöser Sinngebung

Hemingways Helden trinken, kämpfen, lieben – und fürchten sich vor dem Tod. Hinter der rauen Oberfläche seines Werks verbirgt sich eine überraschende Sehnsucht nach Glauben, Trost und Sinn. Eine Spur, die einen neuen Blick auf den großen Schriftsteller eröffnet. Auch deshalb sollte man Hemingway wieder lesen.

Ernest Hemingway 1953 in Kenia
Ernest Hemingway 1953 in Kenia© National Archives and Records Administration, Public domain, via Wikimedia Commons

Kleine Kinder fürchten sich vor dem Einschlafen, sie fürchten sich vor der Dunkelheit, und nette Eltern lassen ein kleines Licht an, damit die Schwärze der Nacht nicht gar zu undurchdringlich ist. Auch Erwachsene sind nicht immer frei von dieser Angst.

In seinem Roman Fiesta (The Sun Also Rises, 1926) schreibt Ernest Hemingway: "Es ist furchtbar leicht, am Tag über alles erhaben zu sein, aber nachts, mein Gott, ist es was ganz anderes." In der Sammlung "Männer ohne Frauen" (1927) gibt es eine Erzählung mit dem Titel Müde bin ich, geh zur Ruh (Now I Lay Me). Sie handelt von einem amerikanischen Sanitätsoffizier, der im Ersten Weltkrieg an der italienischen Front Dienst tut.

"In jener Nacht lagen wir im Zimmer auf dem Fußboden, und ich hörte dem Fressen der Seidenraupen zu. Die Seidenraupen fraßen Maulbeerblätter auf den Hürden, und die ganze Nacht hörte man sie fressen und ein fallendes Geräusch in den Blättern. Ich für mein Teil wollte nicht schlafen, weil ich schon sehr lange mit dem Wissen lebte, dass meine Seele, falls ich je im Dunkeln die Augen zumachte und mich gehenließ, meinen Körper verlassen würde."

Er betet für die Menschen, die er kennt: "Wenn man für sie alle betete und für jeden ein Ave Maria und ein Vaterunser sagte, nahm es viel Zeit, und schließlich wurde es hell, und dann konnte man einschlafen."

Angst mit Angst bekämpfen

Hemingway, geboren 1899 in Oak Park, einer Kleinstadt unweit von Chicago, entstammte einer gut situierten, strenggläubigen puritanischen Familie, ging aber schon früh eigene Wege und wandte sich dem Katholizismus zu. Er konvertierte, einerseits, weil er die katholische Millionärstochter Pauline Pfeiffer heiraten wollte (nachdem seine erste Ehe mit Hadley Richardson gescheitert war), andererseits, weil er sich von der katholischen Religion eine Hilfe für seine existenziellen Nöte und Ängste erhoffte. Ängste hatte er nicht wenige, und man kann in den halsbrecherischen Abenteuern, in die er sich ständig stürzte – als freiwilliger Soldat, als Kriegsberichterstatter, als Großwildjäger – den Versuch sehen, die Angst mit der Angst zu bekämpfen.

Jake Barnes, Held des Romans Fiesta, der mit seinem Autor viele Ähnlichkeiten hat, besucht in Pamplona, wo sie an einigen Stierkämpfen teilnehmen, die Kathedrale: "Ich kniete nieder und begann zu beten und betete für alle, an die ich denken konnte. (…) Und dann betete ich wieder für mich, und während ich so für mich betete, fühlte ich, wie ich schläfrig wurde." Und ihm fallen ein paar Dinge ein, die er mit seinen Freunden erlebt hat, darunter auch komische. Dann heißt es:

"Ich hatte meinen Kopf auf das Holz vor mir gelegt und dachte eigentlich, dass ich betete, und dann schämte ich mich ein bisschen, dass ich ein so schlechter Katholik war, aber ich war mir klar darüber, dass sich daran nichts ändern ließe, wenigstens jetzt nicht, und vielleicht nie, aber dass es auf jeden Fall eine große Religion war, und ich wünschte nur, dass ich religiös hätte fühlen können, aber vielleicht ging es das nächste Mal, und dann war ich draußen in der heißen Sonne auf den Stufen der Kathedrale, und die Finger und der Daumen meiner rechten Hand waren feucht, und ich fühlte, wie sie in der Sonne trockneten."

Bedürfnis nach religiöser Sinngebung

Hemingway war alles andere als fromm, aber er hatte ein starkes Bedürfnis nach religiöser Sinngebung. Der Tod ist das Leitmotiv der meisten seiner Geschichten. In der Erzählung "Schnee auf dem Kilimandscharo" (1936) liegt der todkranke Schriftsteller Harry auf einem Feldbett irgendwo in Afrika und träumt von vergangenen Erlebnissen, aus denen er gute Stories hätte machen können. Er bedauert, dass es dazu nicht mehr kommen wird. Er spürt den Tod nahen.

In seiner letzten Fantasie stellt er sich vor, das rettende Flugzeug sei doch noch eingetroffen: "Und er sah, weit wie die ganze Welt, riesenhaft und hoch und unglaublich weiß in der Sonne, den breiten Gipfel des Kilimandscharo. Und dann wusste er, das war der Ort, an den er ging." Der Ort ist das "Haus Gottes", denn so nennen die Einheimischen den westlichen Gipfel des rund 6.000 Meter hohen Berges. Das wird im Vorspann der Erzählung vermerkt.

In dem Roman In einem andern Land (A Farewell to Arms, 1929) begegnet der junge Frederic Henry kurz vor seiner Flucht in die Schweiz einem greisen italienischen Grafen. In Stresa spielen sie Billard miteinander, trinken naturgemäß und unterhalten sich über einen Roman, den der Graf kürzlich gelesen hat. Er sagt:

"Es ist eine sehr gute Studie über die Seele des englischen Spießbürgers."
"Ich weiß nichts von der Seele."
"Mein armer Junge. Wir alle wissen nichts von der Seele. Sind sie gläubig?"
"Nachts."
Graf Greffi lächelte und drehte sein Glas zwischen den Fingern. "Ich hatte erwartet, mit zunehmendem Alter frömmer zu werden, aber irgendwie wurde ich es nicht", sagte er. "Es ist sehr schade."

Hemingway, der 1954 den Nobelpreis erhielt und sich 1961 erschoss, war einer der bedeutendsten Schriftsteller überhaupt. Man sollte ihn wieder lesen.

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