Selten habe ich auf eine Kolumne so viel Resonanz bekommen, wie auf die zum "Rolls Royce" im oberschwäbischen Weingarten, vom Herbst 2024. Worum ging es? Für eine Neugestaltung des Altarraums der Basilika St. Martin war ein Wettbewerb ausgerufen worden. Der bisherige Altar beherbergt ein Reliquiar mit – so wird es geglaubt – einem Blutstropfen Jesu Christi. Der Besucher-Magnet liegt bisher auf einem roten Samtkissen beleuchtet an der Vorderseite, auf die der Mittelgang der Kirche ausgerichtet ist. Eine "via triumphalis für das Heilige Blut" zitiert die Gemeinde auf ihrer Website den Kunsthistoriker Adolf Schahl.
Damit wird es bald vorbei sein. Der Kirchengemeinderat hat nun einstimmig für eine neue Altarraumkonzeption gestimmt, die die wertvolle Reliquie künftig zwischen neuem Altar und Seitenaltar wandern lässt. Ein Kompromiss, bei dem es "keine Gewinner und keine Verlierer" gebe, so die Pressemitteilung. Zuvor hatte es großen Protest in der Bevölkerung gegeben. Viele wollten die Reliquie im Zentrum sehen und fragten sich, ob ein neuer Altar wirklich nötig sei.
Warum muss der Altar vom Podest?
150.000 Euro soll der Umbau der Altarinsel nun kosten, begründet wird er auch mit einer "liturgischen Verbesserung auf Grundlage des Zweiten Vatikanischen Konzils". Was genau damit gemeint ist, wird leider nicht weiter ausgeführt. Der bisherige Altar stehe dafür jedenfalls zu weit oben, und: "Es würde einen hohen technisch-finanziellen Aufwand bedeuten, den gemauerten und mit Stuckmarmor überzogenen Altar von 1931 auf ein neues, einheitliches Stufenniveau umzusetzen". Das Konzil wollte die tätige Teilnahme der Gläubigen stärken, Gemeinschaft fördern und Liturgie verständlicher machen. Doch muss dafür der Altar vom Podest? Und wie ernst hat man den Protest der Bevölkerung wirklich genommen?
An vielen Orten wurden und werden Altarräume eingeebnet und Stufen entfernt.
Der Fall Weingarten ist kein Einzelfall in der kirchlichen Landschaft. An vielen Orten wurden und werden Altarräume eingeebnet und Stufen entfernt. Häufig wirken Prozesse dabei so: es entsteht der Eindruck, dass Entscheidungen bereits vorab gefallen sind und mit Gremienbeteiligung über einen langen Zeitraum den Menschen so lange erläutert werden, bis der Protest einfach verebbt oder man mit einem kleinen Kompromiss für Frieden sorgt (in Weingarten: die Reliquie bleibt zumindest manchmal sichtbar im neuen Altar). Ein Schnäppchen sind die 150.000 Euro vor der Drohkulisse drastisch sinkender Kirchensteuereinnahmen und einer Gemeindereform aufgrund fehlender Finanzierung für das Personal nicht. Wäre es da nicht ehrlicher zu sagen: wir haben im Bistum an anderen Orten schon sehr viel Geld für genau solche Umbauten ausgegeben, wollen diese neue Altarinsel auch hier unbedingt und lassen uns nicht bremsen. Es scheint: Solange man das Geld noch hat, ist die Idee wichtiger als der Blick auf die Finanzen.
Stuhlkreis
Doch was für eine Idee ist das eigentlich?
Im Gespräch mit der Lokalpresse beschreibt der Weingärtner Dekan einen Vorteil der neuen Lösung: Kleinere Gottesdienste wie Trauungen könnten so "in kreisförmiger Bestuhlung unter der Kuppel zwischen Altar und Ambo stattfinden". Auch für kleinere Wallfahrtsgottesdienste sei das neue Setting gut. Vermutlich denkt man hier wieder an die nicht weiter ausgeführten "liturgischen Verbesserungen auf Grundlage des Zweiten Vatikanischen Konzils" und möchte mehr Gemeinschaft um einen "Tisch des Herrn" ermöglichen. Das wird dann so zur "richtigen" Rezeption des Konzils gedeutet. So unumstritten ist diese Auslegung dabei auch mit Blick auf andere Länder aber nicht.
Mir ist die Vorliebe zum Stuhlkreis auf einer Ebene fremd. Ich kann mich nicht daran gewöhnen, dass ich beim Beten Menschen ins Gesicht schaue, statt gemeinsam auf ein Kreuz, ein religiöses Bild, ja auch eine besondere Reliquie ausgerichtet zu sein. Es fühlt sich – gerade wenn man keine vertraute Runde ist – mehr nach Selbsthilfegruppe an, als nach Gottesbegegnung in Gemeinschaft. Natürlich gibt es auch Fans solcher Mitten. Die Pressemitteilung legt Wert darauf, dass der neue Altarraum "zeitgemäß" sein soll, der Kirchenraum "kein Museum".
Ich frage mich: Geht so Liturgie im 21. Jahrhundert? Was sagt so ein Stuhlkreis mit Kochinsel über unsere Zeit und Spiritualität aus?
Wer eine barocke Kirche wie Weingarten betritt, erlebt eigentlich etwas anderes. Einen Raum, der transzendiert, der über einen selbst hinausweist. Viele solcher Kirchen sind gerade deshalb Touristenmagneten, die Menschen staunen über die prunkvollen Hochaltäre, die bildgewordenen Glaubenszeugnisse, die Verehrung, die einen augenblicklich flüstern lässt und die Kniebänke, die deutlich machen, worum es geht: das Gebet.
"Liturgie auf einer Ebene"?
Die Ehrfurcht vor einem Gott, der sich für die Menschen ans Kreuz hat schlagen lassen. Ein Museum, vielleicht, aber doch ein zeitlos lebendiges. Ein Raum, der nicht nur Gemeinschaft ermöglicht, sondern Transzendenz. Es sind Orte des Trostes, über Jahrhunderte. Dabei immer im Zentrum: der Altar, nicht als beliebiger Tisch, sondern als Ort des Opfers. Dieser steht nach Umgestaltungen in vielen großen, reich geschmückten Kirchenräumen mittlerweile doch etwas verloren da – häufig nackt, ohne Altartuch, ohne Leuchter, wie es eigentlich vorgesehen ist.
Denn in der aktuell geltenden "Grundordnung des Römisches Messbuchs" heißt es ausdrücklich:
"Vom Schiff der Kirche hat [der Altarraum] sich durch eine gewisse Erhöhung oder durch eine besondere Gestaltung und Ausstattung in geeigneter Weise zu unterscheiden."
Die Differenz markiert, dass etwas Besonderes geschieht. In Weingarten und an vielen anderen Orten werden stattdessen sämtliche Stufen entfernt. Der Künstler Leo Zogmayer, der an der Umgestaltung der St. Hedwigs Kathedrale in Berlin beteiligt war, betonte damals in einem Interview als wesentlichsten Fortschritt, dass die Kleriker sich nicht mehr "auf eine abgetrennte Altar-Insel" zurückziehen könnten. "Die Zeit der Lettner, aber auch der Kommuniongitter und -schranken ist vorbei". Es sei "Liturgie auf einer Ebene".
Doch war der Altar nicht immer schon ein erhöhter Ort? Schon im Alten Testament sind es Anhöhen, auf denen die Opfer dargebracht wurden. In der Bibel spielen gerade Berge eine wichtige Rolle, auf denen Gott begegnet wird. Zahlreiche Beispiele könnte man anführen. Wollen die Menschen nicht zu etwas aufschauen, wenn sie ihren Vater im Himmel anrufen?
Es geht dabei nicht um Nostalgie. Ja, früher, in der Liturgie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, betete der Priester mit den Ministranten vor der Messe das "Stufengebet", um sich vorzubereiten, bevor er zum Altar empor schritt. Triggert das immer noch? Das Alte ist vielen ein Dorn im Auge. Relikt einer überkommenen Theologie, die Menschen angeblich kleingehalten hat und klerikalistisch war. In einer anderen Dorfkirche Oberschwabens wurden bei einer Renovierung kürzlich sogar die kleinen Stufen zu den Seitenaltären mit Mühe entfernt und alles eingeebnet. Man fragt sich: War das wirklich nötig oder ist das ein Statement?
Schwelle zum Heiligen
In einer Wallfahrtskirche wie Weingarten schmerzt die fehlende "Erhobenheit" des Altars umso mehr, als dass man sich fragen muss, ob die Menschen in einem so großen Kirchenschiff (immerhin halb so groß wie der Petersdom) überhaupt noch eine gute Sicht auf das Altargeschehen haben werden. Dieses Problem stellt sich, wenn Stufen fehlen. Der alte Altar garantierte die Sichtbarkeit auf das zentrale Geschehen der Eucharistie. Und ist das nicht der eigentliche Höhepunkt der Messe? Wenn der Priester in der repraesentatio christi das Brot in Jesu Leib und den Wein in Jesu Blut wandelt. Das Rettungsgeschehen auf Golgotha wird gegenwärtig, die Eucharistie ermöglicht einen intimen Moment mit diesem menschenzugewandten Gott – in Gemeinschaft. Ein Geschehen, das so unglaublich ist, dass ihm ein Podest gebührt, oder nicht?
Der Altar von 1932 ist kirchen- und kunsthistorisch damit ein bedeutendes Stück der liturgischen Bewegung, aber das scheint hier keinen großen Wert zu haben.
Man muss dafür nicht zurück zum Hochaltar, so ein Podest kann auch in der Mitte eines Kreises stehen, in einigen Kirchen ist das auch der Fall. Für diese liturgiegeschichtliche Entwicklung ist ironischerweise gerade der bisherige Altar in Weingarten ein besonderes Beispiel: In Form eines Hochaltars konnte an ihm zum Volk zugewandt die Messe gefeiert werden, längst noch vor der Liturgiereform der 1960er Jahre. Der Altar von 1932 ist kirchen- und kunsthistorisch damit ein bedeutendes Stück der liturgischen Bewegung, aber das scheint hier keinen großen Wert zu haben. Auch das geht hier verloren.
Niemand muss heute mehr ein Stufengebet zur Reinigung sprechen, keiner muss ad orientem beten – wobei auch das sinnvoll sein kann. Doch die Hervorhebung des geschmückten Altars als besonderen Ort, auf den sich die Gemeinde mit dem Priester ausrichtet, ist mit gutem Grund so vorgesehen. Es wird eine Schwelle zum Heiligen errichtet, die zeigt: Dies ist kein gewöhnlicher Tisch, er ist geweiht, enthält Reliquien, an ihm vollzieht sich besonderes.
Brauchen wir in einer Gesellschaft der Stuhlkreise nicht genau das? Orte, die uns nicht selbst spiegeln, sondern solche, die uns übersteigen? Begegnung habe ich im Alltag genug, Anbetung nicht.