Ein grüner Punkt zeigt in manchen sozialen Netzwerken wer gerade online ist. Von diesen Punkten leuchten gerade spätabends viele auf meinem Display, zu einer Zeit, in der man blaues Licht eigentlich meiden sollte. Es ist nicht gut für den Schlaf, genauso wie Doomscrolling, wenn man eigentlich zur Ruhe kommen sollte. Viele der Kontakte, die da aktiv sind, wissen das. Die halbe Welt diskutiert gerade Social-Media-Verbote bei Jugendlichen. Doch wer schützt eigentlich die Erwachsenen?
Social Media können wie eine Droge wirken. Das Belohnungssystem im Gehirn wird ausgelöst, immer bessere Algorithmen halten uns länger fest, als wir wollen. Der Nutzer soll lange im Feed bleiben. In Australien, wo jetzt mehrere Plattformen für Nutzer unter 16 gesperrt wurden, begründet die Online-Sicherheitsbeauftragte Julie Inman Grant das damit, dass den jungen Menschen "wertvolle Zeit" geschenkt werde, sich ohne die "mächtigen, unsichtbaren Kräfte der undurchsichtigen Algorithmen und endlosen Scroll-Funktionen" zu entwickeln.
Wer hält uns Erwachsene auf?
Doch wer hält uns Erwachsene auf, wenn wir unsere Gehirne zu lang mit Posts, Reels oder Shorts fluten und uns "influenzen" lassen? Die ungesunde Routine stiehlt Lebenszeit, ist schlecht für die sozialen Beziehungen und kann die Psyche angreifen. Eigentlich weiß man das. Im letzten Herbst veröffentlichte das ifo-Institut eine Umfrage, nach der über 70 Prozent der Erwachsenen überzeugt sind, dass soziale Medien sowohl der psychischen als auch der körperlichen Gesundheit schaden.
Auch die Kirche beobachtet den Fortschritt mit wachem Blick. In dem 2023 vom Vatikan veröffentlichten Schreiben "Auf dem Weg zu einer vollkommenen Präsenz", wird treffend beschrieben, was diese "Informationsüberflutung" eines "endlosen Scrollens" mit uns macht:
"Eine bedeutende kognitive Herausforderung der digitalen Kultur ist der Verlust unserer Fähigkeit, tief und zielgerichtet zu denken. Wir tasten die Oberfläche ab und bleiben in den seichten Gewässern, statt die Dinge tiefer zu durchdenken. In dieser Hinsicht müssen wir achtsamer sein. Wenn uns die Stille und der Raum zum langsamen, tiefen und zielgerichteten Denken fehlen, riskieren wir nicht nur, kognitive Fähigkeiten zu verlieren, sondern auch die Tiefe unserer Interaktionen, sowohl menschlicher als auch göttlicher Natur. Der Raum für bewusstes Zuhören, Aufmerksamkeit und Unterscheidung der Wahrheit wird immer seltener."
In einer hektisch gewordenen Welt wäre diese Stille wichtig. Stattdessen wird ständig zum Smartphone gegriffen. Im Wartezimmer, an der Supermarktkasse, an der Bushaltestelle, auf dem Spielplatz, bei der Familienfeier auf dem Sofa … einfach überall. Wir müssen uns zunehmend selbst überlisten, um dem zu entkommen. Im Restaurant sieht man Handy-Türme auf den Tischen, bei denen der die Rechnung bezahlt, der seines zuerst zurückholt. Mit kostenpflichtigen Apps wird versucht, die Bildschirmzeit zu begrenzen, oder wir verbannen das Smartphone in einen anderen Raum, um dem Sog zu entkommen. Doch nicht immer wirkt das.
Ein Vorschlag: Ein Tag pro Woche offline
Verlieren wir gegen die Maschinen? Mit dem abendlichen Zeitungslesen hat das müde Endlos-Scrollen wenig zu tun. Werden künftige Generationen einmal auf uns blicken und ungläubig den Kopf schütteln, wie wir diesen (dazu inhaltlich kaum kontrollierten) Plattformen so viel Macht über uns, unsere Gedanken und vor allem unsere Zeit geben konnten?
Unseren Kindern wollen wir Regeln vorschreiben, aber können wir uns denn selbst bremsen? Ein Anfang wäre, einen Tag pro Woche offline zu sein. Kein Scrollen, kein kurzer Blick zwischendurch. Allein, um sich seine Freiheit zu beweisen. Wenn schon der Gedanke daran unruhig stimmt, kann das ein Hinweis sein, wie nötig es ist.