Neulich wurde mir vorgeworfen, ich würde meine Ortspfarrei verraten, weil ich mit meiner Familie häufiger an anderen Orten den Gottesdienst besuche. Es ist ein alter Streit, ob die "spirituelle Zentren" oder die klassischen Gemeinden die Zukunft der Kirche hierzulande sind. Ich besuche solche "Zentren" auch deshalb gern, weil sich dort viele andere Familien mit Kindern treffen und ich meinen eigenen Kindern das Gefühl geben möchte, keine Exoten zu sein. In der gewöhnlichen Sonntagsmesse sind sie das immer mehr.
An vielen Orten finden wegen des Priestermangels zudem gar keine Messen mehr statt, sondern Wort-Gottes-Feiern. Auf diese Weise versucht man, die bestehenden Strukturen noch aufrechtzuerhalten. Mir ist die Eucharistiefeier wichtig. Ist das den pastoralen Mitarbeitern und Ehrenamtlichen gegenüber unfair, die mit viel Mühe alles dafür tun, eine Gemeinde vor Ort am Leben zu halten? Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat kürzlich vor einer Verdrängung der Sonntagsmesse gewarnt. Sie sei "letztlich durch nichts ersetzbar und austauschbar", so Woelki. Ich empfinde das ähnlich.
Schon immer sind Katholiken an bestimmte Orte gepilgert, um dort den Glauben intensiv und in Gemeinschaft zu erleben und zu feiern.
Natürlich ist es tragisch, wenn traditionsreiche Dorfkirchen verwaisen. Auf der anderen Seite ist das Modell von geistlichen Zentren der katholischen Kultur nicht fremd. Schon immer sind Katholiken an bestimmte Orte gepilgert, um dort den Glauben intensiv und in Gemeinschaft zu erleben und zu feiern: ob nach Altötting, Kevelaer oder zum Kölner Dom.
Auch an weniger prominenten Orten kann man das erleben. Vor ein paar Wochen bin ich bei einem Kurztrip durch eine sehr ländliche Gegend auf einen solchen Ort aufmerksam geworden. Es war mein Geburtstag und ich wollte noch in eine Messe. Allein, also am Abend, wenn meine Kleinkinder schlafen. Ich googelte und fand die Ankündigung eines Gebetsabends mit Messe, nächtlicher Anbetung und Lobpreis in einem unscheinbaren katholischen Tagungshaus in der Nähe.
Das klang interessant. Ich erinnerte mich, vor Jahren schon mal dort gewesen zu sein. In der Region war der Ort bekannt für Exerzitien und andere spirituelle Angebote. Damals war das Publikum überschaubar. Bereits am Parkplatz dämmerte mir, dass es diesmal wohl keine einsame Zeit werden würde. Ich hatte Glück, dass ich noch einen Platz bekam. Ein älterer Herr stand bereit, wies auf eine Lücke, begrüßte mich und erzählte, dass sich hier jeden Monat viele Gleichgesinnte fänden; das sei einfach schön.
Tatsächlich waren sehr viele Menschen unterschiedlicher Altersgruppen gekommen. Die Plätze in der Kapelle reichten nicht, der Gottesdienst wurde auf einem Bildschirm auch in den Vorraum übertragen. Senioren hatte ich bisher eher selten inbrünstig Lobpreislieder singen sehen, doch sie waren genauso da, wie zig junge Menschen, die hier über Stunden zuerst den Rosenkranz beteten, der Liturgie beiwohnten und dann in der Anbetung versanken.
Parallel gab es das Angebot, bei mehreren Priestern zu beichten. In einem Raum war ein Nachtcafé aufgebaut, um ins Gespräch zu kommen. Ich blieb drei Stunden. Dann fuhr ich weiter durch die Nacht über Felder, vorbei an vielen kleinen Dörfern, aus denen augenscheinlich viele Menschen den Weg in die etwas größere Stadt auf sich genommen hatten, um an diesem Gebetsabend teilzunehmen.
Der Abbruch von Traditionen tut weh
Ich musste an die Gottesdienste meiner Kindheit im Allgäu der Neunzigerjahre denken. Damals waren die Kirchenbänke voll. Wie ehrlich fromm diese "Volkskirche" war, wie viel davon Konvention und wie viel echt empfundener Glaube, ist schwer zu sagen. Wenn ich heute dort bin, entdecke ich kaum bekannte Gesichter meiner Generation. Die schrumpfende und überalterte Gemeinde zu erleben, ist nicht schön. Der Abbruch von Traditionen tut weh.
Die Hoffnung konzentriert sich auf einzelne, besondere Orte. Von ihnen kann etwas Neues ausgehen – man sollte sie stärken, statt sie zu diskreditieren. Vielleicht führt der Weg ja irgendwann von diesen "Zentren" in die "Fläche" zurück.