Er ist der vielleicht wichtigste Tag im Leben eines Christen: die Taufe. Viele Eltern möchten diesen besonderen Tag ihres Babys mit der ganzen Familie feiern. Umso merkwürdiger finde ich, was mir neulich eine Schulfreundin über die Taufe ihres zweiten Kindes erzählte. Die Feier sei "diesmal viel schöner" gewesen als die erste, weil die andere Familie diesmal gut gepasst hätte. Moment, andere Familie? Sogenannte "Doppeltaufen" seien in der Gemeinde üblich, das erfahre man gleich bei der Anmeldung. Mit wem man dieses besondere Fest zusammen feiern möchte, kann man nicht beeinflussen. Und so muss man sich einig werden, was Liedauswahl, Dekoration und die Gestaltung generell angeht.
Als ich einer Pastoralreferentin davon erzähle, überrascht sie das hingegen gar nicht. Das sei heute üblich und eigentlich nichts Neues. Vor über 30 Jahren sei sie auch mit anderen Kindern aus der Gemeinde getauft worden. Ein Taufsonntag im Monat wäre normal gewesen, ein bisschen komisch sei es heute aber schon auf den Fotos im Familienalbum so viele fremde Menschen zu sehen. Denn zum Festtag reist natürlich oft die Verwandtschaft an.
Taufen auf dem Rückzug
Trotzdem: die 1990er-Jahre waren andere Zeiten. Gemeinde war wirklich noch eine sonntägliche Versammlung der ortsansässigen Familien, man kannte sich, traf sich auch sonst im Alltag. Die Taufe war auch die Aufnahme in eine konkrete Gemeinschaft. Die Feier war zudem unaufgeregter und kein so stark individualisiertes Fest wie heute. Und, vor allem: es gab damals einfach mehr Täuflinge als Sonntage und so wurde auch aus pragmatischen Gründen im Anschluss an die Sonntagsmesse getauft.
Je seltener Menschen zur Kirche kommen, desto mehr sollte man ihnen das Gefühl geben, auch mit ihren Wünschen gesehen und willkommen zu sein.
Heute kann von zu vielen Täuflingen kaum die Rede sein. Zum Vergleich: 1990 waren es noch etwa 300.000 katholische Taufen, 2025 gerade mal 109.000. Das ist ein Rückgang von über 60 Prozent. Bei den Eheschließungen wird die Kirchenkrise noch deutlicher: 1990 waren es über 116.000, 2025 nur etwa 19.000.
Wenn eine Familie ihr Kind tatsächlich noch taufen lassen will, wird häufig ein eigener Tauftermin gewünscht - vielleicht auch, weil man mit der Sonntagsgemeinde kaum noch Berührung hat. Eigentlich könnte das ein wertvoller Moment für Akquise sein - wenn junge Menschen in einer noch dazu vulnerablen Phase ihres Lebens mit Baby (wieder) den Kontakt zur Kirche suchen. Statt sie mit Kompromissen vor den Kopf zu stoßen, sollte man sie im Gegenteil besonders willkommen heißen. Sie sollen sich in ihrer Feier verwirklichen und wohlfühlen können. Und bestenfalls sieht man sie dann im Kindergottesdienst oder in der Krabbelgruppe wieder.
Austritte nach Taufe oder Hochzeit
Natürlich bedeutet so eine Taufe für die Seelsorger dann einen höheren Aufwand. Und, wendet die Pastoralreferentin ein, die Erfahrung sei leider schon auch die, dass viele die extra Mühe dann gar nicht wertschätzten. Pfarrer berichten immer wieder, dass Menschen kurz nach einer Taufe oder Hochzeit austreten würden, weil man sich die Kirchensteuer künftig sparen will, aber dieses schöne Fest noch mitnehmen wollte.
Ich kann den Frust der Pastoralen verstehen. Doch je seltener Menschen zur Kirche kommen, desto mehr sollte man ihnen das Gefühl geben, auch mit ihren Wünschen gesehen und willkommen zu sein.