Die Sache mit der BrezelAtmosphäre ist auch eine geistliche Haltung

In italienischen Gottesdiensten scheint für Kinder immer Platz zu sein - in Deutschland fühlt sich das manchmal anders an.

Hand, die eine Brezel in die Höhe hält
© Image by ivabalk from Pixabay

Vor Jahren ist mir etwas im Gottesdienst passiert, was ich nicht vergessen kann. Ich habe es unter "Brezel-Gate" abgespeichert. Nach einem hektischen Sonntagmorgen kamen wir mit unseren Kleinkindern abgehetzt, dafür pünktlich an. In der Eile hatte ich blöderweise vergessen, ihnen auf dem Weg einen Snack zu geben. Normal ein fester Teil unserer sonntäglichen Routine: satte Kinder sind bekanntlich zufriedene Kinder – und die will man in der Messe dabei haben.

Na gut, dann bekommen sie ein kleines Stück Brezel heute halt leise unten auf den Kniebänken, dachte ich. Eine Ausnahme, natürlich zu Beginn und nicht während der Eucharistie. Wenn es nicht raschelt, wird es schon keinen stören, hoffte ich. Wie naiv! Eine Messbesucherin in der Nähe empörte sich sofort. Ob wir denn wissen würden, wo wir hier seien – da könne jetzt ja jeder seine Brotzeit rausholen oder was?! Als ich sie fragte, ob sie denn selbst Kinder hätte, stürmte sie empört aus der Bank.

Entspannte Atmosphäre in der Sonntagsmesse

Szenen wie diese sind nicht selten. Oft sind es nur Blicke, weil man wohl irgendetwas falsch gemacht hat. Aber auch die sitzen. In einer anderen Kirche wurde ich einmal mit einem Regenschirm bedroht, weil ich mich unwissend auf den Stammplatz einer älteren Dame gesetzt hatte.

Nun muss ich gerade jetzt an diese und ähnliche Vorkommnisse denken, weil ich im Urlaub bin: in Italien. Dem Land eilt sein Ruf, besonders gast- und gerade kinderfreundlich zu sein, voraus. Er stimmt – zumindest in der Gemeinde, die wir erleben. Die Atmosphäre der Sonntagsmesse ist entspannt, wir fühlen uns willkommen. Dass wir etwas zu spät kommen, ist natürlich nicht ideal – scheint hier aber keinen zu stören. Die Türen sind sowieso die ganze Zeit geöffnet, Passanten kommen, staunen, verweilen und gehen weiter. Oder sie bleiben – wie wir.

 In einer Gesellschaft, in der "kinderfreie" Hotels und Schwimmbäder trenden, ist die Angst, in der Öffentlichkeit zu laut, zu wild, ja einfach zu unkontrolliert zu sein, sehr real.

Die Atmosphäre ist herzlich und warm. Überall liegen Zettel auf denen man die Gebete, Lesungen und das Evangelium auf Italienisch mitlesen kann. Alles wirkt so einladend und gar nicht wie eine geschlossene Veranstaltung, bei der nur mitmachen darf, wer die Spielregeln kennt. Kindern, die die Bänke verlassen oder – Gott bewahre – Geräusche machen, wird mit Lächeln begegnet, den Eltern nett zugenickt.

Ist die Atmosphäre daheim anders? Nicht überall, aber bei einigen Gemeinden überlege ich mir schon, ob ich meine Kleinkinder mitnehmen kann. Nebenbei bemerkt trifft das ja nicht nur die Kirche. In einer Gesellschaft, in der "kinderfreie" Hotels und Schwimmbäder trenden, ist die Angst, in der Öffentlichkeit zu laut, zu wild, ja einfach zu unkontrolliert zu sein, sehr real.

Mitschäkern statt Motzen

Dabei gehört zur Kindheit dazu, dass man auch mal über die Stränge schlägt und die Außenwelt signalisiert: Halb so wild, wir waren auch mal klein. So eine Grundsympathie "kleinen Störern" gegenüber, scheint manchen Menschen abhandengekommen zu sein. Wenn wir die Italiener um ihr "dolce vita" beneiden, dann vielleicht auch um diese Gelassenheit, die zum Mitschäkern, statt zum Motzen einlädt.

Traurig, wenn davon in manchen Kirchen nichts zu spüren ist. Denn eigentlich erzählen gerade sie von Jesus, der gesagt hat: "Lasst die Kinder zu mir kommen". Kinder verstehen vielleicht keine Predigt, aber wie auf sie reagiert wird. Atmosphäre ist auch Verkündigung.

Der Brezel-Frau wurde im Nachgang übrigens erklärt, dass sie wohl nicht zu unserer Gemeinde passe, wenn sie sich an Kindern störe. Ich habe sie nie wiedergesehen.

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