Glauben ist kein Zustand, sondern ein Weg. Der Glaube entwickelt sich im Lauf des Lebens. Bleibt ein Mensch auf einer bestimmten, meist frühen religiösen Stufe stehen, spricht man vom Kinderglauben. Wenn ein Kind nicht wächst, wird aus ihm kein kleiner Erwachsener, sondern ein Zwerg. Man sollte den Kinderglauben deshalb nicht romantisieren, so als habe eine solche Entwicklungsstufe mit unverdorbenem Vertrauen zu tun, gar mit unverbrauchter und unangezweifelter Gottunmittelbarkeit. Es ist ein Zwergenglaube, der bei der erstbesten Lebenskrise wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Wer aus seinen religiösen Kinderschuhen nicht herausgewachsen ist, wird bald aus allen Latschen kippen. Nach meiner Erfahrung gehen menschliche und geistliche Reife Hand in Hand, Beziehungsfähigkeit und Spiritualität sind ein und dasselbe.
Die religiöse Entwicklung vom Kinder- zum Erwachsenenglauben ist der Weg von der Magie zur Mystik. Denn wie jeder Mensch im Mutterleib Stufen der biologischen Evolution durchläuft, so durchlebt und durchleidet er biografisch den Fortgang der geistig-geistlichen Evolution der Menschheit von einer naiv-magischen Religiosität bis hin zum aufgeklärt-mystischen Glauben. Magie ist dabei die archaische Vorstellung, dass alles mit allem zusammenhängt und man nur die richtigen Mittel anwenden muss, um das Göttliche nach eigenem Gutdünken zu beeinflussen. Da diese Mittel jedoch auch anderen zur Verfügung stehen, geht mit der Magie immer auch die Angst einher, das Göttliche könne einem Schaden zufügen. Magische Vorstellungen sind demnach immer angstbesetzt und von großer existentieller Unsicherheit geprägt, das Göttliche erscheint einerseits unheimlich groß, dann aber wieder nützlich und brauchbar und damit klitzeklein, es bleibt unberechenbar und ambivalent. Mystik ist demgegenüber kein Feld für religiöse Hochleistungssportler oder besonders begabte Gläubige, sondern schlichtweg die konsequente Pflege einer persönlichen Gottesbeziehung. Der Mystiker erfährt Gott als ein liebendes, aber auch herausforderndes Du, dem er sich in Freiheit anvertrauen kann. Gott ist der immer Größere, er spricht und hört, er zwingt zu nichts, lässt sich aber auch nicht für eigene Zwecke gebrauchen und damit kleinmachen. Gott ist geheimnisvoll, aber nicht unheimlich; er ist eindeutig, nicht ambivalent. Jeder Mensch, der betet, ist in diesem Sinn ein Mystiker.
Was aber unterscheidet den Kinder- vom Erwachsenenglauben? Warum bleiben so viele Menschen im Kinderglauben stecken? Wie wird man im Glauben erwachsen? Diesen Fragen möchte ich schrittweise nachgehen.
Geistliche Entwicklung in der Bibel
Die Bibel ist voll von Erzählungen und Bildern einer stufenweisen Glaubensentwicklung. Gott offenbart sich so, wie die Menschen ihn erfahren und vielleicht begreifen können, er geht ihren Lebensweg mit, fordert sie heraus, überfordert sie dabei aber nicht. Er ist ein Gott der Geschichte, nicht der zeitlosen Mythen. Da wundert es nicht, dass es in der Bibel magische und mystische Elemente, die Furcht vor Gott und die Liebe zu ihm, einen machtvollen Kriegsgott und einen ohnmächtigen Gottessohn am Kreuz gibt. Auch die Bibel zeigt eine geistig-geistliche Evolution von der Magie zur Mystik, anthropomorphe Gottesbilder lösen sich zugunsten transzendenter Vorstellungen und Gotteserfahrungen, die zur Liebe herausfordern, auf. Das Verständnis der Bibel wächst ebenfalls mit der menschlichen Erkenntnis, wir verstehen die Bibel heute besser als vor hundert oder tausend Jahren.
Die Erzählung vom Sündenfall (Gen 3, 1–24) beispielsweise ist ein Bild für die Entwicklung eines jeden Menschen. Den Garten Eden hat es nie gegeben, er ist das Symbol einer großen Sehnsucht. Von Anfang an fühlten sich die Menschen wie aus einem Paradies vertrieben, sie waren ins Leben hineingeworfen und mussten irgendwie damit klarkommen. Adam und Eva sind wie alle Menschen vor der Pubertät (und wie die Tiere) geborgen, dafür aber unbewusst. Menschen nach der Pubertät sind bewusst, dafür aber ungeborgen. Insofern spiegelt die Erzählung vom Sündenfall die ganzheitliche Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen. Der Erwachsene nimmt das Leben selbst in die Hand, er hat das Paradies seiner Kindheit mit all seiner Geborgenheit verloren, er ist jetzt für sich selbst verantwortlich.
Jakob, der Fersenfasser und Erbschleicher, läuft vor sich selbst davon (Gen 25–33). Nach dem geheimnisvollen Kampf mit Gott wagt er den Weg zur Versöhnung, ohne zu wissen, ob sein Bruder Esau ihm vergeben wird. Segen wird eben nicht erschlichen, sondern erkämpft. Der Kindische wird erwachsen, aus Jakob wird Israel.
Die Jona-Geschichte sowie die Hiob-Lehrerzählung zeigen eine Entwicklung zum erwachsenen Glauben: Jona lernt, nicht mehr wegzulaufen, sondern seiner Berufung zu folgen und die Barmherzigkeit Gottes zu akzeptieren. Hiob beginnt, wider alle Hoffnung zu hoffen, ohne jedoch Gott auch nur ansatzweise zu verstehen, anstatt auf die falschen Freunde zu hören, die ihm mit den alten magisch-kausalen Vorstellungen von Tun und Ergehen ein schlechtes Gewissen machen und Schuld einreden wollen.
Auch Jesus macht eine Entwicklung durch. Er muss glauben lernen wie jedes andere Kind, er geht den Weg von der Geborgenheit zum Bewusstsein, vom Mitmachen vorgegebener religiöser Rituale zur selbstbestimmten Spiritualität, vom Hinnehmen überkommener Traditionen zum Entdecken seiner eigenen universalen Sendung, von der Magie zur Mystik. Exemplarisch dafür steht die Begegnung mit der heidnischen Frau, deren Tochter krank ist (Mk 7, 24–30). Jesus will sie zunächst nicht heilen, ja er weist sie schroff ab. Erst durch die Hartnäckigkeit und Klugheit dieser Frau entdeckt Jesus seine Sendung zu allen Menschen, entwickelt er eine Vorstellung universaler Nächstenliebe.
Besonders auffällig trennt die Geschichte von der Heilung der zehn Aussätzigen zwischen Kinder- und Erwachsenenglauben (Lk 17, 11–19). Jesus heilt die Aussätzigen, indem er ihnen, treu zum jüdischen Gesetz, aufträgt, zu den Priestern zu gehen, um die Heilung bestätigt zu bekommen. Neun Geheilte tun, was Jesus sagt, bekommen, was sie wollen – und wurden nicht mehr gesehen. Ein Geheilter kehrt um zu Jesus, zeigt sich also nicht den Priestern, sondern antwortet stattdessen existentiell. Unreflektierte Religiosität bleibt auf Nützlichkeit aus, gereifter Glaube wird beziehungsorientiert. Interessant ist der pastorale Realitätssinn: Neunzig Prozent bleiben letztlich unreif, zehn Prozent werden erwachsen und folgen Jesus nach. Hundert Prozent werden gesund, aber nur zehn Prozent geheilt.
Der verlorene Sohn und sein beleidigter Bruder (Lk 15, 11–32) reifen auf je verschiedene Weise. Der eine wollte nicht mehr Sohn sein und wird es wieder, der andere war es immer, hatte es aber vergessen. Beiden wird die bedingungslose Liebe des Vaters geschenkt, sie brauchen von nun an weder eigensinnig wegzulaufen noch griesgrämig auszuharren. Im Erwachsenwerden begreifen sie die Gnade ihrer Kindschaft.
Petrus ist ein Jünger, den Jesus selbst an die Hand nimmt auf dem Weg von der Magie zur Mystik. Denn Petrus hat Erwartungen an Jesus, die durchaus kindisch wirken: Er will mit ihm erfolgreich sein, für ihn kämpfen und wie er übers Wasser gehen. Schrittweise lernt er, den Weg des Kreuzes zu akzeptieren. Selbst sein dreimaliges Verleugnen wird durch Jesus in die dreimalige Liebeserklärung verwandelt. Dadurch verliert Petrus seine Angst und gewinnt an innerer Freiheit ( Joh 21, 15–23). Seine Apostelkollegen Johannes und Jakobus entwickeln sich von Donnersöhnen mit karrieristischen Nebenabsichten zu wirklichen Nachfolgern (Lk 9, 54).
Besonders eindrücklich sind die Reifungs- und Entwicklungsprozesse in den Ostererzählungen der Evangelien. Die aus Enttäuschung weggelaufenen Emmausjünger erfahren, dass Jesus ihnen geradezu nachläuft, um neue Perspektiven zu eröffnen. Dabei lernen sie, dass Gott anders ist als ihre bisherigen Vorstellungen von ihm (Lk 24, 13–35). Maria Magdalena begreift, dass sie Jesus nicht festhalten, sondern nur verkündigen kann, und dass die Liebe bleibt, während die äußere Gestalt vergeht; sie muss ihre Wünsche aufgeben und zur Hoffnung hin reifen ( Joh 20, 11–18). Der ungläubige Thomas schließlich ist eigentlich ein fragender Thomas, denn er ist nicht zufrieden mit dem, was die anderen Jünger sagen. Er fragt nach, er will es genau wissen. Als Jesus vor ihm steht, berührt er ihn nicht, sondern bekennt: Mein Herr und mein Gott! Der Apostel mit den größten Zweifeln ist derjenige mit dem klarsten Bekenntnis. Ein wirklich erwachsener Mann, der seinen Zweifeln und seinem Glauben klar und bewusst nachgeht, ehrlich und konsequent ( Joh 20, 24–29).
Paulus beschreibt im Hohenlied der Liebe, wie er sich entwickelt hat: «Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war» (1 Kor 13, 11). Für ihn ist diese biografische Binsenweisheit ein Bild für die große Liebe, die in Jesus Christus auf alle Menschen wartet. Wir reifen in Gott hinein. Was wir jetzt erkennen, ist nur ein Spiegel dieser Wirklichkeit, bei Gott aber kommen wir buchstäblich «dahinter». Dass sich die Verkündigung durchaus auf den Reifegrad der Adressaten einstellen muss, fasst Paulus, ebenfalls im ersten Korintherbrief, in diese Worte: «Vor euch, Brüder und Schwestern, konnte ich aber nicht wie vor Geisterfüllten reden; ihr wart noch irdisch eingestellt, unmündige Kinder in Christus. Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen» (1 Kor 3, 1–2). Paulus kritisiert Spaltungen in der Gemeinde, sie kommen ihm vor wie Kinderkram, man streitet über Nebensächlichkeiten und dringt zum Geheimnis Jesu Christi gar nicht durch. Der Hebräerbrief schließlich richtet sich im Bild von Milch und fester Speise an eine Gemeinde, die völlig im Kinderglauben steckengeblieben ist und deshalb neu an Vertrauen gewinnen muss (Hebr 5, 11–6, 12).
Was den Kinder- vom Erwachsenenglauben unterscheidet
Wenn Jesus seine Jünger dazu einlädt, ihr Gottvertrauen am Kind zu orientieren, so meint er damit ganz sicher keinen kindisch-naiven, sondern einen kindlich-vertrauenden Glauben (Mt 18, 1–5). Beides lässt sich sehr leicht voneinander unterscheiden, am ehesten an der Art, wie wir beten und bitten. Hier zeigt sich, ob wir magisch oder mystisch sind, ob wir mit unserem Beten Gott verändern oder uns von ihm verändern lassen wollen, ob wir ihn zum Lückenbüßer und Wünscheerfüller machen oder wirklich Gott sein lassen. Ein Kind bittet: «Lieber Gott, mach, dass morgen schönes Wetter wird.» Ein Erwachsener würde wohl nicht darum bitten, dass Gott die Naturgesetze außer Kraft setzt, um angenehmes Ausflugswetter herbeizuzaubern. Viel eher würde er um eine innere Haltung, um Aufmerksamkeit bitten. Ein Kind bittet: «Mach, dass Oma wieder gesund wird.» Und dabei liegt die Großmutter schon im Sterben. Ein Erwachsener würde wohl sagen: «Gott, gib uns Geduld und Kraft, dass wir diese schwere Zeit gemeinsam bestehen.» Im Kinderglauben ist das Gebet eine magische Beschwörung, durch die man Gott herbeirufen will. Im Erwachsenenglauben ist Gott der Ewige und Heilige, der unverfügbar bleibt, jedoch mit all seiner Liebe am Menschen interessiert ist; für den Erwachsenen ist das Gebet wie jede andere Art der Kommunikation einfach nur Beziehungspflege. In der Magie soll Gott das tun, was der Mensch will, im Glauben darf der Mensch danach fragen, was Gott will, und es mit seiner Hilfe dann auch tun. Beten verändert weder Gott noch die Welt, sondern es verändert den Betenden. Entsprechend kann man auch die Sakramente der Kirche als Heil- und Wundermittel magisch missverstehen oder sie als beziehungsstiftende Realsymbole begreifen, die erinnernd vergegenwärtigen, was Gott uns längst geschenkt hat, was also bereits geschehen ist.
Auch die strenge Unterscheidung von Religion und Glaube kann für unser Thema hilfreich sein: «Religion ist Unglaube» (Karl Barth). Denn in der Religion versucht der Mensch, Gott dingfest zu machen, ihn zu gebrauchen, ihn mit Opfern zu füttern und zu bestechen, sich ihm durch Unterwerfung und Gesetzestreue anzudienen, ein plumper Handel um Wohlergehen und Glück. Religion ist demnach auf Nützlichkeit aus, und sie endet immer in der furchtbaren Angst, Gott nicht zu genügen und deshalb auf ewig zu scheitern. Wer im Kinderglauben stecken bleibt, wird aus einer solchen religiösen Angst niemals herausfinden, er wird vielmehr das, was er für Gott hält, alsbald loswerden wollen. Im Glauben hingegen antwortet der Mensch in Freiheit auf die in Jesus Christus geoffenbarte Liebe Gottes. Nicht der Mensch macht sich auf zu Gott, sondern Gott macht sich auf zum Menschen, um ihn aus lauter Liebe vom Zwang der Selbsterlösung zu befreien. Insofern kann man sagen, dass Jesus das Ende der Religion ist. Kindlich gebliebene Erwachsene empfinden in diesem Sinne religiös, im Glauben gereifte Erwachsene ahnen etwas von der Freiheit der Kinder Gottes, von Erlösung und Gnade.
Kinder nehmen die Bibel wörtlich, Erwachsene nehmen sie ernst. Entsprechend verliert bei Erwachsenen, die sich religiös nicht entwickeln konnten, die Bibel oftmals ihre zauberhafte Plausibilität, sobald sie mit den Erkenntnissen der modernen Exegese konfrontiert werden. Wer im Glauben gereift ist, wird sich nicht mehr am Buchstaben festhalten, sondern akzeptieren, dass die Bibel subjektive Erfahrungen enthält, die durch die Gemeinschaft der Glaubenden intersubjektiv geworden sind und durch deren Tradition Gewicht bekommen haben. Insofern kann man sagen, dass Kreationisten, Fundamentalisten und alle, die jede Hermeneutik ablehnen, im Glauben Kinder – Zwerge – geblieben sind. Esoterik und Wellnessreligion sowie der grassierende Engelglaube sind wohl Regressionen in den frühkindlichen Narzissmus.
Ursachen für den Kinderglauben
Kinder lernen durch Nachahmung, Erwachsene durch Reflexion. Wer als Kind keine erwachsenen Glaubensvorbilder hatte, wird es schwerer haben, selbst im Glauben erwachsen zu werden. Wer über Omas Schutzengelgebete nicht hinausgekommen ist, wird Gott für eine Schutzmacht halten, die dafür zuständig ist, sicher über die Straße zu kommen. Wer Gott als einen Kontrolleur oder Schnüffler erfahren hat, der als Erziehungsmittel missbraucht worden ist; als einen Gott, der durch Gebote und Verbote regiert und mit Lohn und Strafe agiert, wird es schwerer haben, an die Liebe Gottes zu glauben. Wer als Kind nur moralisierende Predigten gehört hat, ja wer nur das vormoderne, theologieferne und stets ausweichende Geschwafel der meisten Kirchenmänner kennt, wird keine Spiritualität entwickeln, die über das Gemüt hinausgeht und auch intellektuell anspricht. Wenn der Glaube zu klein ist, wächst man heraus; er muss zu groß sein, dann kann man hineinwachsen.
Die Ursünde des Menschen ist: sein wollen wie Gott. Die Ursünde der Kirche ist der Klerikalismus, denn hier maßen sich Menschen im Grunde genommen dasselbe an, indem sie zwar nicht Gott, aber doch zumindest seine Stellvertreter sein wollen und dabei so tun, als würden sie – und nur sie – seinen Willen genau kennen. Klerikal ist dabei nicht eine bestimmte Theologie oder Kleidung, sondern ein archaisch-magisches Machtgefälle sowie ein monarchisches Erwählungs- und paternalistisches Sendungsbewusstsein. Wo eine Gemeinde oder eine Diözese ihren Leiter als skurrilen Schamanen erlebt und sogar akzeptiert (Klerikalismus von unten) und wo ein Geweihter sich selbst von den so genannten Laien abgrenzen muss, um seine wankende Identität zu stärken oder gar die eigene Unsicherheit zu verstecken (Klerikalismus von oben), entstehen Misstrauen und Angst. Die Christen an der Basis schauen noch viel zu sehr nach oben, die Kleriker bilden einen eigenen Klüngel. Das Handeln der Kleriker an den Laien wird häufig als Seelsorge, das Handeln der Christen in der Welt als Pastoral bezeichnet. In den meisten Gemeinden jedoch wird nach Seelsorge gefragt, nicht an der Pastoral mitgewirkt. Man möchte möglichst mit dem «Chef» sprechen, also mit dem jeweils verfügbaren ranghöchsten Kleriker. Solange noch dieses Denken an der Basis herrscht, wird die Kirche klerikal bleiben. Der Grund ist wieder die Infantilität des Gottesvolkes: Nur unmündige Kinder brauchen Väter, erwachsene Christen haben Geschwister!
Als am schädlichsten für die Entwicklung eines erwachsenen Glaubens erweist sich die typisch klerikale Koalition aus Angst und Macht. Wer sich nur religiösen Autoritäten unterzuordnen gelernt hat, wird keine eigene christliche Identität ausbilden, sondern infantil bleiben. Wer sich zeitlebens selbsternannten geistlichen Vätern oder einer übermächtigen Mutter Kirche unterzuordnen hatte, wird niemals ein erwachsener Christ oder eine erwachsene Christin werden. So hat man vielen Christen nur ein Autoritätsgewissen zugestanden, das dem Lehramt zu gehorchen hat, und dementsprechend ein Verantwortungsgewissen, das selbstständig und mündig Urteile fällt und handelt, unterdrückt. Das Gewissen als oberste Instanz wurde nur verbal propagiert, nicht jedoch beherzigt, besonders im Bereich der typisch katholischen kollektiven Sexualneurose, deren detailverliebte Normen häufig nur ein Spiegel der Phantasie ihrer Urheber, nicht aber hilfreich sind.
Wie man im Glauben erwachsen wird
Wie wird man im Glauben erwachsen? Bei den meisten Menschen ist dies ein fließender Übergang. Ihre ganz natürliche kindliche Religiosität entwickelt sich zum erwachsenen Glauben, indem sie den ererbten Glauben zunächst rituell mitvollziehen und dann immer mehr durchdringen, verstehen und auch bejahen können. Archaische Vorstellungen schleißen sich aus, Erfahrungen mit dem Gebet und dem Gottesdienst der Gemeinde eröffnen eine persönliche Mystik, einen personalen Glauben, eine eigene Gottesbeziehung. Aus dem kindlichen Staunen wird ein Loben und Danken, aus dem Erschrecken über die Not anderer erwachsen die Solidarität im Fürbittgebet und das konkrete Handeln. Die alte religiöse Angst weicht dem Vertrauen, das Opfer wird durch die Hingabe ersetzt. Gesetze werden auf ein waches Gewissen hin relativiert, aus dem strikten Einhalten von Regeln entsteht die eigene Verantwortung. Der erwachsene Christ lebt aus einer Haltung heraus, hat einen festen Halt, aus dem das rechte Verhalten entspringt – motiviert nicht mehr durch Pflicht und Angst, sondern durch Liebe und Vertrauen. Aus der Unterwerfung unter eine dunkle und ambivalente Gottheit wird die innere Freiheit, sich entwickeln zu dürfen, dabei auch zu scheitern und immer wieder neu anzufangen.
Viele Menschen verlieren ihre Religiosität abrupt. Dies geschieht meistens im Jugendalter, wenn auch viele andere Wertesysteme losgelassen werden. Die religiöse Sehnsucht ruht dann für eine Zeit, man wendet sich ganz innerweltlichen Erlebnisräumen zu und lässt die Kinderschuhe des Glaubens irgendwo stehen, ohne sie zu vermissen. Wessen religiöse Entwicklung im Jugendalter endet, ohne erwachsen zu werden, wird sich zeitlebens an kirchlichen Autoritäten abarbeiten und dabei möglicherweise Jesus Christus gar nicht kennenlernen, er wird möglicherweise sogar Rebellion und Nachfolge verwechseln.
Wenige Menschen haben das Glück, eine wirkliche Bekehrung zu erleben. Diese entspricht dann einer ganz plötzlichen Entwicklung vom Kinder- zum Erwachsenenglauben. Bekehrung heißt im Neuen Testament Metanoia, was eher ein Umdenken, ein Größerdenken bedeutet als eine bloß moralische Kehrtwendung. Sie geht oft mit einer persönlichen Krise einher, deren Ausgang gedeutet und dann gläubig angenommen wird. Diese Bekehrung wird häufig als Befreiung erlebt, da man sämtliche kindlichen Gewissheiten und Geborgenheiten hinter sich lässt und gerade dadurch zu einer persönlichen, jetzt entmagisierten Gottesbeziehung findet. Man verzichtet auf die «Tröstungen der Religion» (Simone Weil) und stellt sich stattdessen den Herausforderungen des Lebens.
Die entscheidende Form der Glaubensentwicklung besteht deshalb in der existentiellen Auseinandersetzung mit der Theodizeefrage. Der Umgang mit dem Leiden ist die Nagelprobe eines erwachsenen Glaubens. «Der hat noch nicht genug gelitten», sagte eine ältere Frau über den Kaplan, der auf jede Frage eine Antwort wusste. Sie empfand sein Reden als glatt und gelernt, er hatte offenbar zu viele schnelle Antworten parat. Das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens und der Zweifel ist der kleine Bruder des Glaubens. «Der hat noch nicht genug gelitten»: Niemand wünscht, dass ein anderer leidet. Aber erst im Leiden zeigt sich, wovon einer lebt. Wir reifen im Glauben, indem wir leiden – an uns selbst, an anderen, an Gott, den wir so oft nicht verstehen. Jede Antwort auf die Frage: «Warum gibt es das Leid?» ist unerträglich, ja geradezu zynisch. Deshalb gilt es, die Frage auszuhalten, dem «Warum» standzuhalten, ohne eine Antwort zu wissen. Dafür muss man sehr erwachsen sein. Nur ein Kind schreit sofort nach den Eltern, wenn es hingefallen ist. Erwachsene stehen selbstständig wieder auf. Als Kinder haben wir zum «lieben Gott» gebetet. Als Erwachsene lesen wir die Bibel und entdecken, dass auf keiner Seite ein «lieber Gott» zu finden ist. Denn Gott ist lebendig, barmherzig, geheimnisvoll, gegenwärtig – aber niemals einfach nur «lieb». Es gibt überhaupt keinen «lieben Gott», denn Gott ist nicht «lieb», sondern heilig!
In archaischen Kulturen meinte man, dass Gott die Menschen prüft. Man deutete Kontingenzen als Prüfung, so als würde Gott irgendein Leid schicken, um zu sehen, wie wir damit fertig werden, und ob wir dann noch zu ihm stehen. Was wäre das für ein Gott, der sich am Leiden freut? Ein solcher Gott wäre ein Sadist! Es gibt jedoch Herausforderungen, in die wir hineingeraten. Wenn wir lernen, damit umzugehen, wird die Frage nach dem Warum schon etwas kleiner. Es scheint die Frage nach dem Wozu auf: Was bedeutet das? Wie kann ich weiterleben? Muss ich umdenken? Der christliche Glaube hilft nicht, das Leid zu verstehen. Aber er kann helfen, das Leiden zu bestehen, in der Bewährung standzuhalten. Wer alles will, und zwar sofort, Liebe ohne Leiden, bleibt kindisch. Christsein heißt: Einander leiden können, weil Jesus lebt. Leidensfähigkeit und Leidenschaft sind Kennzeichen eines erwachsenen Glaubens. Ohne Passion keine Passage, ohne Leidenschaft kommt keiner durch.
Spiritualität
Es kommt darauf an, im Glauben erwachsen zu werden und zugleich das Geheimnis der Gotteskindschaft immer tiefer zu erfassen. Sich auch als Erwachsener am Kind zu orientieren (Mt 18, 1–5) bedeutet, weiterhin mit einer Unmittelbarkeit lachen und weinen zu können, in sich zu ruhen und unruhig nachzufragen, zu staunen und zu spielen, zugleich aber das Leben bewusst in die Hand zu nehmen. Es gilt, die Spannung zwischen Regression und Individuation, zwischen Kindbleiben und Erwachsenwerden auszuhalten. Zur Liturgie gehört die Diakonie, zur Stille der Kampf, zur Mystik die Politik, zur Kontemplation die Aktion, zur Sicherheit das Wagnis, zur Heimat der Aufbruch, zum Zuhausesein die Nachfolge, zum Bleiben das Werden. Die Erfahrungen von Regression sind nötig, um mit kindlichem Urvertrauen mit Gott eins sein zu können; die Individuation ist nötig, damit dieses Vertrauen Gestalt gewinnt und seine weltverändernde Kraft entfalten kann. «Wer in Gott eintaucht, taucht bei den Armen wieder auf» (Paul M. Zulehner). Der erwachsene Christ wird sein Leben einsetzen für andere, er kann sich in Gott versenken, um in der Welt aktiv zu sein. Im Bild gesprochen: Erwachsene Christen deuten das Leben mit der Bibel in der einen und der Tageszeitung in der anderen Hand, doch sie bestehen das Leben, indem sie beides ablegen und kräftig mit anpacken. Sie erfahren sich als aus dem Paradies ihrer Kindheit vertrieben, ihr Gottvertrauen ist dabei nicht haltlos geworden, denn ihre Vision ist das Reich Gottes. Sie sind ganz gegenwärtig, wissen um ihren Ursprung und sehnen sich nach Vollendung.
Pastorale Wegmarken
Kinder brauchen Eltern, die im Glauben erwachsen sind. Denn die Kinder möchten über den Glauben der Eltern staunen und ihn als nachahmenswert erfahren. Tatsächlich gibt es heute jedoch viele kindische Erwachsene, die man an ihren tyrannischen Kindern leicht erkennen kann. Sie können keine Grenzen setzen, halten grundlegende Lebensentscheidungen nicht durch, gleichen sich einer infantilen Gesellschaft an, in der Haben mehr ist als Sein, in der alles möglich scheint und die einen gefälligst füttern soll. Diese Art von Beliebigkeit ist unerwachsen und nicht glaubwürdig. Kindergottesdienste funktionieren häufig nach dem so genannten Kindchenschema. Wünsche und Sehnsüchte der ehrgeizigen Eltern werden in den Nachwuchs hineinprojiziert, indem Kinder regelrecht vorgeführt, ja niedlich gemacht werden. Die damit verbundene Vermütterung der Kirche tut niemandem gut, am wenigsten den Frauen und Müttern. Denn die religiös ohnehin weiter fernstehenden Väter stehen gelangweilt daneben.
Jugendliche brauchen Eltern, deren Glaubenspraxis sie kritisch hinterfragen können und die ihren Glauben gerade deshalb treu durchhalten. Wenn Eltern in ihrer eigenen Glaubenstreue nachlassen, sobald ihre jugendlich gewordenen Kinder keine Lust mehr haben, werden ihre Religiosität und ihr Wertesystem bald als bloßes Erziehungsmittel entlarvt und für unglaubwürdig gehalten. Wer eine Reibungsfläche bieten will, muss selber feststehen. Junge Menschen bedürfen so lange einer guten Autorität, wie sie selbst noch keine sind; erst wenn sie sich ihrer selbst bewusst geworden sind, gilt es, sie im wahrsten Sinne des Wortes auf die Gesellschaft loszulassen.
Kinder und Jugendliche brauchen Erzieherinnen, Lehrer und Katecheten, die nicht nur ihr fachliches und pädagogisches Handwerk verstehen, sondern wahrhaft Zeugen sind. Man kann auch ohne Missionsabsichten Zeuge sein, indem man zu dem steht, wer man ist und was man tut. Zeugnis geben ist besser als zu überzeugen oder gar zu überreden. Vor der konkreten Methode steht ein Beziehungsaufbau, der Vertrauen schafft und Reifungspotentiale weckt. Wer eine gesicherte Identität hat, gewinnt Ausstrahlung, wer einen festen Halt hat, dessen Haltungen werden im Verhalten und auch im Standhalten erkennbar sein.
Christen brauchen Seelsorgerinnen und Seelsorger, die der Kirche gegenüber kritisch-loyal sind, die im Gebet bleiben, in der Bibel und in der Welt zu Hause sind und geistlichen Tiefgang haben, und deren Spiritualität am konkreten Lebenswandel erkennbar ist. Nur im Kontakt mit solchen Seelsorgern können Menschen reifen, die auf der Suche nach Gott sind, andernfalls werden sie nur Scheinautoritäten erleben, die etwas behaupten, von dem sie nichts verstehen. Wer nur den gängigen Kirchenjargon nachplappert und liturgische Formeln lieblos herunterbetet, trägt zur weiteren Infantilisierung des Gottesvolkes bei. Es gibt viele pastorale Mitarbeiter und geweihte Amtsträger, die zwar fromm reden, aber selbst im Glauben nicht gereift sind. Das Theologiestudium ist keine Garantie für einen erwachsenen Glauben, das Gelernte kann auch rein äußerlich bleiben. Mein Eindruck ist, dass die katholische Kirche gerade deshalb so reformunfähig ist, weil viele ihrer leitenden Persönlichkeiten ängstlich statt mutig, müde statt vital, kindlich statt erwachsen sind, mehr Kirchenmuttersöhnchen als Männer des Glaubens. Solange Frauen von Weiheämtern ausgeschlossen sind, werden die leitenden Männer allein aufgrund ihrer wagenburgartigen Selbstbezüglichkeit nicht reif. Die aktuelle Reformdebatte zeigt, dass die Kirche als Ganze erwachsen werden muss.