Gott – Erde – GeistKlassik-Festivals werden zu Foren der Spiritualität

Das alljährlich im Sommer stattfindende Grazer Klassik-Festival styriarte machte womöglich den Anfang: Im Jahr 2003 wagte Intendant Mathis Huber eine Ausgründung und nannte das Zweitfestival PSALM. Graz war in jenem Jahr Europäische Kulturhauptstadt, und Mathis Huber hatte entdeckt, dass mehrere Feste der abrahamitischen Religionen um Ostern 2003 herum zusammenfielen. «PSALM 2003 lud dazu ein, diese Feste mitzufeiern, sie in ihrem Glaubensgehalt, ihren faszinierenden Geschichten und ihren ganz eigenen Philosophien kennen zu lernen, v. a. aber durch ihre Musik sowie ihre nicht zuletzt auch kulinarische Genüsse bereithaltenden Traditionen.»1

Mittlerweile hat sich PSALM von einem Festival mit starkem religiösen Bezug weiter entwickelt in Richtung einer allgemeinen Spiritualität, vielleicht gar Esoterik: Das Motto des Programms 2017 lautet «fruchtbar» und versammelt einen Abend der Singer-Songwriterin Rebecca Bakken über das «Frausein», ein Konzert mit altenglischer Musik über die «Virgin Queen» Elisabeth I., ein marianisches Konzert mit mittelalterlicher Musik, ein anderes, das den Frühling feiert, ein weiteres, bei der eine weibliche Hindu-Gottheit im Zentrum steht, und das Konzert eines Vokalensembles aus Simbabwe, das «Mutter Erde» besingt.

Das Grazer PSALM-Festival kann sich durchaus als Trendsetterin betrachten. Denn inzwischen ist unübersehbar, dass die Programmplaner von Klassik-Festivals allenthalben eine weit gefasste Spiritualität als programmatischen Ausgangspunkt für sich entdeckt haben. Und bemerkenswerterweise ist dies häufig gerade bei den Traditionsfestivals geistlicher Musik der Fall. Wo vor vielleicht einem halben Jahrhundert noch Klarheit herrschte über das, was «geistliche Musik» ist – die Behandlung christlicher Stoffe und Texte durch Musik – herrscht heute eine verwirrende Vielfalt dessen, was man «musikalisch-spirituelle Sinnangebote» nennen könnte. Neben die traditionelle, auch im Konzert praktizierte Kirchenmusik und die hergebrachten oratorischen Angebote tritt sowohl in den Kirchen wie außerhalb der Kirchen ein breites Angebot von Konzerten, in denen sich christliche, jüdische, islamische und sogar buddhistische Klänge, Motive, Musiken mischen oder eine Musik, die ursprünglich keinerlei geistlichen Hintergrund hatte, durch einen geeigneten Raum und z.B. stimmungsvolle Illuminationen im Nachhinein «spiritualisiert» wird. So wie das religiöse und kirchliche Leben sich unentwegt verändert – die Kirchen verlieren Mitglieder, religiöse Sinnangebote jeglicher Couleur aber werden zahlreicher – so verändert sich auch das Programmprofil von Festivals: Kirchenmusik im eigentlichen Sinne ist auf dem Rückzug, musikalische Artikulationen einer vielfältigen Spiritualität nehmen zu.

Die Programm-Macher haben da einen Markt für sich entdeckt, und das Format «Festival» kommt ihnen bei der Erschließung dieses Marktes sehr entgegen. Denn Festivals sind Veranstaltungen, bei denen die «Rahmung», also die Einbettung des Konzertgeschehens in einen stimmungsvollen Ort (Kirchen oder Fabrikhallen zum Beispiel), eine bedeutende Rolle spielt. Auch dadurch unterscheiden sie sich vom Abonnement-Betrieb der Konzerthäuser (deren Programmplanung sich freilich – etwa durch die Schaffung von Themeninseln - mehr und mehr an Festivalstrukturen orientiert). Die «Formatentwicklung», also die Erfindung konzertanter Ereignisse, bei denen Raum, Musik und Publikum in ein anderes als das gewohnte Verhältnis treten, gehört zum Markenkern nicht weniger Festivals. Festivals sind schließlich Orte, an denen die alte Verbindung von Kult und Kultur durch die zeitliche Begrenzung, den besonderen Festcharakter und die Herausbildung einer «Festivalgemeinde» stärker erlebbar wird als im regulären Konzertbetrieb, der – unter anderem durch Abonnements - eine gleichmäßige kulturelle Versorgung über das Jahr sicherstellt. In der Summe bedeutet dies: Festivals sind eine Erscheinungsform des Konzertlebens, bei der das Rituelle fast von selbst in den Fokus der Programmplanung rückt. Der Schritt zum – je nachdem – Religiösen, Interreligiösen, Parareligiösen, Spirituellen oder auch Esoterischen ist also nicht groß, wenn man ihn gehen will.

Interessanterweise sind es oft gerade die Traditionsfestivals geistlicher Musik, die sich in den letzten Jahren in diese Richtung bewegt haben. Die bedeutenden unter ihnen werden, anders als ihr Name vermuten ließe, nicht von der evangelischen oder katholischen Kirche getragen, sondern von Vereinen oder den Städten, in denen sie stattfinden. Das Programm des traditionsreichen, dreiwöchigen Festivals Europäische Kirchenmusik Schwäbisch-Gmünd gibt einen ersten Hinweis darauf, in welche Richtung sich Festivals mit dieser Programmatik gegenwärtig entwickeln. Die Ausgabe 2016 stand unter dem Motto «Als Mann und Frau» und bot neben Konzerten mit Werken wie Mozarts c-Moll-Messe und Monteverdis Marienvesper auch ein interreligiöses Programm über das Hohelied Salomonis mit der tunesischen Sängerin Ghalia Benali, sephardische Hochzeitslieder in einer illuminierten Kirche, ein Konzert, das in die «Klangwelt der Hildegard von Bingen» einführen sollte, eine «Friedensoper» und einen Workshop zu Jazz- und Gospelgesang. Der Begriff Kirchenmusik wird hier also weit gedehnt und umfasst nicht nur Ausflüge in die politisch engagierte und eher populäre Musik; bemerkenswert ist auch die Ausweitung der Programmatik in Richtung der anderen monotheistischen Religionen und einer von christlichen Inhalten teils losgelösten Spiritualität, für die Hildegard von Bingen mittlerweile zum Synonym geworden ist. Hier ist also eine ähnliche Entwicklung wie in Graz zu beobachten.

Die Internationale Orgelwoche Nürnberg – Musica Sacra trägt traditionell gleich zwei Bestimmungen in Ihrem Namen. Zwar ist der «Markenkern» des 1951 gegründeten Festivals mit seinem großen Orgelwettbewerb bis heute erhalten geblieben; doch seitdem Folkert Uhde im Jahre 2013 die Leitung des Festivals übernommen hat, verschieben sich die Akzente. Zum einen nimmt die Entwicklung neuer Konzertformate nun einen zentralen Raum ein («Konzertdesign» nennt Uhde die Arbeit an allen Parametern, die ein Konzerterlebnis ausmachen). Zum anderen steht auch hier weniger eine im engeren Sinne christliche oder kirchliche Thematik im Mittelpunkt als vielmehr eine Spiritualität, die Grundmotive menschlichen Daseins in den Blick nimmt. Das Vorwort zum Festival 2016, das unter dem Motto «Zukunft» stand, erhellt dies eindrücklich: «Man kann nach der Zukunft suchen, im Vertrauten wie im Neuen. Trotzdem bleibt sie ungewiss. Aber ohne Zukunft ist alles schon vorbei. Auch die ION ist auf dem Weg in die Zukunft. Mit den Künstlern von morgen, mit experimentellen Formaten. Auf der Suche nach Momenten des Innehaltens und des tiefen Erlebens von Musik. Nach Resonanzräumen für das, was uns bewegt. Meistens in Nürnberger Kirchen, in denen sich seit Jahrhunderten die Menschen versammeln, um Gemeinsames zu teilen.»2

Dementsprechend gestalten sich die einzelnen Programme, die in Kirchen, aber auch außerkirchlichen Räumen zur Aufführung kommen. Beispiele aus dem Jahr 2016: «Musik für die Ewigkeit», «Nacht Lieder», «Liebesanfänge – Ein musikalisches Storytelling-Projekt», «Un-Sterblichkeit».

Programmatisch etwas anders aufgestellt ist der Romanische Sommer Köln, mit dem die großen romanischen Kirchen Kölns bespielt werden. Gregorianischer Choral, Alte Musik, Jazz, christliche Kirchenmusik, Neue Musik und Musik nicht-christlicher Kulturen bilden das Spektrum, das durch die Platzierung der Konzerte in Kirchen eine sakrale Grundierung erhält. Den Höhepunkt des Romanischen Sommers bildet die «Romanische Nacht», über die es im Programm 2016 heißt: «Musik und Ort verschmelzen zu einem einzigartigen Ambiente am Mittsommerabend: Eintauchen in verschiedene Kulturkreise, Genrevielfalt, Raumerfahrung, uralte Werke neben Uraufführungen, Tradition mit modernen Elementen und Moderne mit Tradition […] ‹Wege› öffnen sich, Klänge aus unterschiedlichen Kulturen schaffen musikalische Bezüge quer durch Raum und Zeit.»3 Dieses Festival nutzt die Aura der alten christlichen Kulträume zu interreligiösen und interkulturellen Erlebnissen. Die vage Botschaft zielt auf ein Publikum, das nicht mehr kirchlich gebunden ist, aber die Erfahrung meditativer Versenkung in «Raum und Zeit» nicht missen möchte. 2017 wurde dieser Ansatz mit dem Thema «Licht» fortgeschrieben: «Die romanischen Kirchen Kölns kennen neben all ihren Schönheiten in Architektur, Form und Proportion zahllose Schattierungen von Licht, spirituellem Halbdunkel und einer Dramaturgie der zu bestimmten Tages- und Jahreszeiten auf besondere Orte einfallenden Sonne – erinnernd an die zentrale Bedeutung des Lichts in den Kathedralen der Lichtgotik mit ihren riesigen Fenstern […] Jüdische Spiritualität, japanisches Gagaku sowie christliche Bekenntniswerke haben im diesjährigen Festival einen in allen Farben schillernden Bogen zur Gegenwart geschlagen und neue Werke in Verbindung mit Licht-Installationen zum Besuchermagneten werden lassen.»4

Das Podium Festival Esslingen, vielgerühmt für seine experimentelle Programmarbeit und getragen von einem besonders jungen Team aus Mitt- und Endzwanzigern, ist eigentlich kein Festival für Geistliche Musik. Aber im August 2015 veranstaltete es erstmals ein Konzertwochenende im Kloster Bebenhausen, dessen Programmkonzeption sorgfältig auf die Besonderheiten des Kirchenraumes abgestimmt war. Angekündigt wurden die Veranstaltungen wie folgt: «Unser Konzertwochenende im Kloster Bebenhausen schafft unter dem Motto RAUM UND RAUSCH Orte und Situationen intensiver Emotionalität. Junge, internationale Musiker von PODIUM Esslingen entwickeln vier besondere Kammerkonzert-Formate, die sich in den verschiedensten Räumlichkeiten der Klosteranlage mit musikalischen Zuständen des Rausches beschäftigen: die meditative Entrückung, der ewig-treibende Klangfluss, das sinnliche Naturrauschen, die berauschend-virtuose Begeisterung.»5 2016 organisierten die Podium-Macher erneut ein Konzertwochenende im Kloster Bebenhausen unter dem Motto «Vier Schönheiten». Auf Facebook wurde das Wochenende folgendermaßen angekündigt: «An einem sommerlichen Konzertwochenende im Kloster Bebenhausen erforscht PODIUM Esslingen unterschiedliche musikalische Vorstellungen von Schönheit. In vier Formaten wird die Schönheit der Natur, des Unterwegsseins, der Fantasie und des Fremden musikalisch zum Schwingen gebracht. Wir stoßen auf Überraschendes und Bekanntes, Betörendes und Unerhörtes aus dem Füllhorn klassischer und zeitgenössischer Musik aus der ganzen Welt – und stellen dabei musikalisch die Frage, wodurch Schönheit entsteht: entspringt sie einem Naturphänomen? Oder ist sie eine soziale Emergenz? Ist sie Erfüllung von Sehnsucht? Liegt sie im Spannungsfeld zwischen Bekanntheit und Fremdheit?»6 Hier fehlt jeder konkrete religiöse Bezug. Dennoch: Rausch, Entrückung, Natur, Ewigkeit – dies alles sind Begriffe aus dem Bereich einer Spiritualität, die man religiös nennen kann oder auch nicht. 2017 schließlich lautete das Motto «Klingende Zeit» und wurde wie folgt beschrieben: «[…] im Kloster Bebenhausen suchen wir mit allen musikalischen Mitteln nach klanglichen Zeitbrücken. Die historischen Räumlichkeiten bieten den idealen Raum für ein musikalisches Kontinuum, das sich von der Renaissance bis in die Zukunft erstreckt. […] Die sorgfältig kuratierten Programme präsentieren Musik aller Zeiten, die sich als Zeitkunst auf die Zeit selbst bezieht: im Zurückschauen, in der Gleichzeitigkeit, im Momentanen und im Weisen der Zukunft.»7 Auch hier schwingt eine Spiritualität mit, die vom besonderen Ort des christlichen Klosters inspiriert ist, ohne sich doch konkret auf das Christentum zu beziehen.

Bemerkenswert ist, das Spiritualität als Festivalgegenstand sogar von den ganz großen Konzertveranstaltern in Betracht gezogen wird: Das Hamburgische Festival Lux aeterna – ein Musikfest für die Seele wird von der HamburgMusik gGmbH – Elbphilharmonie und Laeiszhalle Betriebsgesellschaft veranstaltet. Auf der Festival-Website heißt es: «Wenn Hamburg im Februar im grautrüben Nieselregen versinkt, stellt sich die Frage nach dem Sinn des Seins noch etwas drängender als sonst. Eine wärmende, sinnliche Antwort bietet das Festival Lux aeterna. Wer seine Schritte zu den hellerleuchteten Konzerthäusern und Kirchen lenkt, kann sich dort von Musik umhüllen lassen, die uns auf einer besonderen, unterbewussten Ebene anspricht.»8

Und im Vorwort zum Festival 2015 kann man lesen: «Musik spricht uns direkter an als jede andere Kunstform. Der Grund liegt wohl in ihrer fast magischen Abstraktheit: Musik besitzt keine greifbare Materialität, sie läuft in der Zeit ab, und wir können den schwingenden Luftwellen nicht einmal ausweichen, die in unser Ohr und unmittelbar in unsere Seele dringen. Diese mystische Qualität der Musik hat Menschen zu allen Zeiten und in allen Erdteilen in ihren Bann gezogen. Ob die alten Griechen nach der Harmonie der Sphären lauschten, ob islamische Sufis sich beim Qawwali-Gesang in rituelle Ekstase steigern oder sich Clubbesucher zu den massiven elektronischen Klängen von Trance in einen ebensolchen verlieren, stets entfaltet Musik eine stark transzendente Wirkung. Sie ist das naheliegendste Ausdrucksmittel spiritueller Empfindungen – und offenbar das intuitiv verständlichste. Das Festival ‹Lux aeterna› versammelt daher Künstler, Komponisten und Werke, für die Spiritualität ein zentrales Element ist – auch, aber nicht nur im kirchlichen Kontext. Denn in Zeiten, in denen die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, Terminstress den Alltag dominiert und weniger als zwei Drittel der Deutschen an Gott glauben, ist die Sehnsucht nach seelischer Balance und der Besinnung auf innere Werte größer denn je.»9

Festivals mit einer im vielfältigen Sinne spirituellen Programmatik gehören also mittlerweile zum festen Bestand des Konzertangebots. Sie sind natürlich Kinder ihrer Zeit, indem sie einen tiefgehenden gesellschaftlichen Wandel widerspiegeln; noch vor wenigen Jahrzehnten wären sie undenkbar gewesen. Entkirchlichung, Globalisierung und Multikulturalisierung einerseits, die Sehnsucht nach Auszeiten und Entschleunigung andererseits – dies alles bleibt nicht ohne Auswirkungen auf das Konzertleben. Während die Kirchenmusiker durchaus weiterhin Kirchenkonzerte und Orgelwochen abhalten und damit eine ehrwürdige Tradition pflegen, hat sich daneben längst eine Festivalszene etabliert, die fasziniert ist von religiösen oder allgemein spirituellen Themen, ohne doch kirchengebunden zu sein. Sie spricht damit erfolgreich die Bedürfnisse eines offenbar wachsenden «spirituellen Marktes» an. Vielleicht muss man sogar soweit gehen zu sagen: Die Zukunft geistlicher Musik im Konzert wird heute überwiegend von den nicht-kirchlichen Festivalmachern vorhergesehen und formuliert. Musik aller Religionen und Kulturen gehört mittlerweile zu der Sphäre geistlicher Musik und nahezu alle Klänge, die in irgendeiner Form «Versenkung» ermöglichen. Mehr und mehr wirken die Impulse der Festivals auch zurück in den Kirchenraum: Als im August 2016 während der Spielemesse «gamescom» der Kölner Dom unter dem Titel «SilentMOD» mit einer kunstnebelverstärkten Lichtinstallation und elektronischen Klängen bespielt wurde, da ergriff die neue Spiritualität, die sich nur noch lose an das Christentum andockt, von der Kirche Besitz. Ob diese Entwicklung anhält oder sich irgendwann umkehrt, ist vorerst nicht abzusehen.

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