Soteriologie und EthikArmut als Herausforderung für die Kirche

Die Weltverantwortung der Kirche

«Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi». Mit diesem programmatischen Satz eröffnet die Pastoralkonstitution Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute ihre Reflexionen über die fundamentalen Fragen des Menschseins in der Welt. Die immer aufs Neue einzufordernde Würde des Menschen, die stets zu reflektierende Frage nach der Gemeinschaft der Menschheit, die komplexen Fragestellungen bezüglich der Arbeitswelt des Menschen, seiner individuellen Lebensgestaltung in der Familie sowie seines kulturellen Beitrages in der sich rasch verändernden Welt, ja das gesamte Spektrum der in Gaudium et spes behandelten Themen bezieht sich auf die grundsätzliche Frage nach der Bestimmung des Menschen in der Welt, in der er lebt. Damit verbunden ist die Frage, welche Konsequenzen sich aus dem Glauben mit Blick auf den richtigen Umgang mit der konkreten Lebenssituation des Menschen ergeben. Es stellt sich aber auch die Frage, welche Rolle und Funktion die Kirche in diesem Gefüge des sich immer neu orientieren müssenden Menschen in seiner ihm vorgegebenen Zeit einnimmt.

Armut als Problem der Menschheit findet seine grausamste Ausgestaltung im millionenfachen Tod von Menschen, denen das tägliche Brot fehlt, um den Hunger zu stillen, und deren Lebenserwartung durch die eingeschränkten bis nicht vorhandenen Lebensmittel erschreckend gering ist. Die Bekämpfung dieser Hoffnungslosigkeit durch die Unterstützung von Hilfsprojekten, die den Notleidenden das Gefühl der Würde und der Selbstbestimmung geben, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche.1 Viele Länder der Erde sind von dieser todbringenden Not betroffen.

Papst Franziskus, der sich entschieden zugunsten einer «armen Kirche für die Armen» einsetzt, hat den inneren Zusammenhang von Soteriologie und Ethik wiederholt herausgestellt: Die Erfahrung, dass wir alles von Gott empfangen haben, drängt uns zur Bereitschaft, unsere Gaben großherzig zu teilen und weiterzugeben. Solidarität einfordern, aber nicht anbieten – das geschieht dann, «wenn der Mensch, der die Hoffnung auf einen transzendenten Horizont verloren hat, auch den Geschmack an der Unentgeltlichkeit verloren hat, den Geschmack, das Gute zu tun, weil einfach Schönheit darin liegt, es zu tun (vgl. Lk 6, 33 ff.). Wenn der Mensch hingegen gelernt hat, die fundamentale Solidarität zu üben, die ihn mit allen anderen Menschen verbindet – daran erinnert uns die Soziallehre der Kirche –, dann weiß er, dass er die Güter, über die er verfügt, nicht für sich behalten kann. […] Wenn hingegen die Güter, über die man verfügt, nicht nur für die eigenen Bedürfnisse verwendet werden, verbreiten sie sich, vervielfachen sie sich und tragen oft unerwartete Frucht.» 2

Armut als Frage der Theologie

Auf dem südamerikanischen Kontinent wurden die theologischen Fragen rund um die Armut und den Armen in den letzten Jahrzehnten besonders intensiv reflektiert. Auf den Erfahrungen von Unterdrückung und Ausbeutung aufbauend, wurden Lösungen gesucht, die die individuelle Not zu einem Problem der theologischen Reflexion machten. Dabei ging es nicht um die Theoretisierung des Problems der Armut, sondern um ein Ringen darum, aus der Reflexion heraus notwendige Hilfen zu erarbeiten und anzubieten. Dabei kam es zu einer internen Pluralität der Theologie und zu einer neuen notwendigen Beschäftigung mit der Not von Millionen von Menschen auf dem Hintergrund der Soteriologie und der Ethik. Wie können reiche Länder und Kontinente Hilfe anbieten? Was kann die Kirche mit ihren Mitteln dazu beitragen, die Lebenssituation zu verbessern?

In der ekklesiologischen Rede von der Communio, die über allen ethnischen und nationalen Kategorien in jedem Menschen den Bruder oder die Schwester sieht, betrachtet sich die weltumspannende Kirche als eine Gemeinschaft, die sich der ganzen Menschheitsfamilie verpflichtet weiß. So müssen auch Lösungen angedacht werden, die zur Verbesserung der konkreten Lebensumstände aller Menschen führen. Dies darf nicht zu Lasten der kirchlichen Lehre erfolgen, sondern im Einklang mit den Prinzipen der katholischen Soziallehre. So sollen auch die problematischen Formen der sogenannten Befreiungstheologie nicht verschwiegen werden, die zu Recht von der Kongregation für die Glaubenslehre in zwei umfangreichen Dokumenten angesprochen und kritisiert wurden und zu einer Klärung des Verständnisses von Freiheit und Befreiung geführt haben.3

Armut als Problem Europas

Richtet man den Blick auf Europa, so wird man das Thema der Armut zunächst in den Ländern am Rande der Europäischen Union vermuten oder in den erst vor kurzer Zeit hinzu gekommenen Ländern am östlichen Rand der Union, nicht aber in den zentral positionierten Stammländern wie etwa Deutschland oder Frankreich. Aber auch die finanzwirtschaftliche Situation in einigen sogenannten reichen Ländern der Europäischen Union wird in Zukunft immer wieder neue Herausforderungen produzieren. Es werden daraus soziale Ungerechtigkeiten entstehen, die ein Leben durch die eigene Arbeitsleistung nicht mehr ermöglichen oder das soziale Netz der Krankenversorgung erschüttern. Armut wird so das schreckliche Ergebnis von Misswirtschaft seitens der politisch Verantwortlichen und der im wirtschaftlichen Bereich Agierenden. Armut wird in Europa von den Menschen und den mangelhaften Strukturen für die Bewältigung der wirtschaftlichen und politischen Ordnung geschaffen und ist insofern nicht unabwendbar schicksalhaft anzunehmendes Resultat wie z. B. eine durch Klima oder Naturkatastrophen bedingte Notsituation. Mit der zunehmenden Willkür vieler Menschen, die vor allem auf ihren persönlichen Vorteil aus sind und die Belange ihrer Mitmenschen nicht ernst oder gar nicht zur Kenntnis nehmen, wird Armut zum flächendeckenden Problem auch der europäischen Länder. Anthropologie und Ethik sind hier herausgefordert, wieder in Erinnerung zu rufen, dass Menschsein mehr bedeutet als innerweltliche Leistung, Kaufkraft und wirtschaftliche Effizienz. Der Mensch als Person im Gefüge der großen Prinzipien der katholischen Soziallehre – Subsidiarität, Solidarität und Personalität – muss in den Mittelpunkt gerückt werden. Besonders Gaudium et spes erinnert mit Nachdruck an die Achtung vor der menschlichen Person, wenn es in der Nummer 27 heißt: «Alle müssen ihren Nächsten ohne Ausnahme als ein ,anderes Ich‘ ansehen, vor allem auf sein Leben und die notwendigen Voraussetzungen eines menschenwürdigen Lebens bedacht.» Und in der Nummer 25 lesen wir: «Wurzelgrund nämlich, Träger und Ziel aller gesellschaftlichen Institutionen ist und muss auch sein die menschliche Person, die ja von ihrem Wesen selbst her des gesellschaftlichen Lebens durchaus bedarf.»

Flucht und Armut

Wenn die Theologie im Europa des 21. Jahrhunderts sich des Themas der Armut annimmt, dann ist es eine notwendige Reaktion auf die sich abzeichnenden und bisweilen schon jetzt greifbaren Veränderungen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, in der sich verschiebenden Wahrnehmung von Kultur und ethnischer Pluralität, die für ein bisher (fast) geschlossenes Welt- und Kultursystem «Europa» nicht kalkulierbare Folgen haben werden. Mit dem Flüchtlingsstrom aus den von Krieg und Terror schmerzlich geplagten Ländern wird sich die Frage nach der Armut ebenfalls mit neuer Dringlichkeit stellen. Mit Gewalt, Rassismus und Unterdrückung ist Europa vermutlich in Zukunft mehr konfrontiert – ungeachtet der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, der doch Mahner für eine andere, bessere Welt wäre.

Die gewohnte Sicherheit eines ausgeklügelten Sozialnetzes wird an ihre Grenzen gelangen, und die wirtschaftliche Prosperität wird eher zur Vergrößerung der Differenz zwischen Arm und Reich führen als zu einem «Wohlstand für alle», dem erklärten Ziel der sozialen Marktwirtschaft, die gerade nach dem letzten Weltkrieg auch eine neue Wirtschaftsordnung erbringen sollte.

Hinzu treten Problemfelder wie z. B. die finanziellen Nöte von Familien. Sind alte und kranke Menschen noch in der Lage, ihr Leben selbst zu gestalten? Gelangen hier nicht die Würde des Menschen und sein Recht auf Selbstbestimmung in die Hände anderer?

Am Menschsein orientierte Hilfe

Damit wird aber auch ein grundsätzliches Problem der Bekämpfung von Armut angesprochen. Länder, die über Wohlstand verfügen, stehen in einer besonderen Verantwortung. Jedoch darf die Hilfe sie nicht dazu verleiten, allein in finanziellen und technischen Mitteln Hilfe für die Menschen in Not anzubieten. Das ist sicherlich ein erster und wichtiger Schritt für die Grundversorgung und für Lebensrettung. Aber es muss klar sein, dass die Empfänger nicht nur als Konsumenten des Marktes und seiner wirtschaftlichen Interessen betrachtet werden. Papst Johannes Paul II. hat 1987 in seiner Sozialenzyklika Sollicitudo rei socialis den von Papst Paul VI. in der Enzyklika Popolorum progressio geprägten Begriff der «Entwicklung» aufgegriffen und aufgezeigt, dass der «Optimismus mechanistischer Art» (Nr. 27) mit seiner auf das technische und finanzielle reduzierten Form der Entwicklungshilfe die Situation der betroffenen Notleidenden nicht zum Positiven verändert hat. Die Reduzierung der Hilfe auf materielle Güter wird dem Menschen nicht gerecht. Bleibende Verpflichtung für die reichen Länder muss daher bleiben, die menschliche Person in ihrer besonderen theologisch-anthropologischen Dimension als Geschöpf und Abbild Gottes zu sehen. Armut und Hilfe muss daher auch unter theologischen Gesichtspunkten betrachtet werden und in der aktiven und konkreten Hilfsbereitschaft im Rahmen von Solidarität und Freiheit ihre Umsetzung erfahren. Innerhalb der europäischen Grenzen wird dies an der ethnischen Vielfalt und den kulturell unterschiedlich geprägten Menschen zur Herausforderung, wenn die wirtschaftliche Lage sich verändert und eine flächendeckende Versorgung nicht mehr gewährleistet werden kann.

Bereits jetzt ist die Lebenssituation von Rentnern, Arbeitslosen und kinderreichen Familien bedenklich und wird nur dann in adäquater Weise gewährleistet, wenn neben der Sicherstellung der Lebensgrundlage auch die Selbstachtung und die Selbstbestimmung, die sich aus dem Personsein des Menschen ableitet, wieder als eigener Wert erkannt wird. Der Erlösungswille Jesu umgreift den ganzen Menschen – in seiner Leiblichkeit und in seiner transzendenten Verwiesenheit als personales Wesen. Theologie und Kirche sind gemeinsam verpflichtet, Strategien zu entwickeln, die sich Beidem verschrieben haben. Erst die theologische Grundlegung führt zu einem am Menschen ausgerichteten Handeln, das seine Notlage in materieller und geistiger Hinsicht zum Positiven verändert. Über die religiösen, sozialen, politischen und ethnischen Unterschiede hinweg, kann die Kirche zu einem fundamentalen Konsens über die Würde und die Rechte des Menschen beitragen. Um der Armut sinnvoll und menschengerecht zu begegnen, um dem Notleidenden in seiner ganzen Disposition als Geschöpf Gottes gerecht zu werden und um ihn von Armut, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und anderen Formen schmerzlicher Erfahrungen zu befreien, ist es notwendig, diese Grundannahme in den Mittelpunkt zu rücken. Erst dann wird die Hilfe für den Armen zu einer Hilfe des Menschen für den Menschen. Mancher in Not Geratene erfährt vielleicht erst dann zum ersten Mal seine Würde als Person.

Papst Benedikt XVI. hat in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est das «Liebestun der Kirche» als zu ihrem Wesen gehörend herausgestellt: «Die karitativen Organisationen der Kirche stellen […] ihr opus proprium dar, ihre ureigenste Aufgabe, in der sie nicht mitwirkend zur Seite steht, sondern als unmittelbar verantwortliches Subjekt selbst handelt und das tut, was ihrem Wesen entspricht. Von der Übung der Liebestätigkeit als gemeinschaftlich geordneter Aktivität der Gläubigen kann die Kirche nie dispensiert werden» (Nr. 29).

In der Instruktion Libertatis conscientia vom 22. März 1986 hat die Kongregation für die Glaubenslehre den zum Wesen der Kirche gehörenden Liebesdienst mit folgenden Worten beschrieben: «Indem die Kirche die Armen liebt, bezeugt sie schließlich die Würde des Menschen; sie erklärt offen, dass er mehr wert ist durch das, was er ist, als durch das, was er hat. […] Weit davon entfernt, […] sich nur um einen Teil oder Bereich der Menschen zu sorgen, erschließt die vorzügliche Option für die Armen vielmehr die Universalität des Wesens und der Sendung der Kirche; von dieser Option wird niemand ausgeschlossen. Dies ist der Grund, warum die Kirche diese Option nicht durch besondere soziologische oder ideologische Kategorien ausdrücken kann, die diese Zuneigung ja zu einer parteiischen und konfliktträchtigen Auswahl machen würde.»

Der Arme ist der Sorge der Kirche anvertraut

In der Beschäftigung mit der Armutsproblematik in Europa werden für die Theologie noch zusätzliche Themenfelder eröffnet, die zu einer den ganzen Menschen umgreifenden Lösung herangezogen werden müssen: die Verwirklichung der Solidarität unter den einzelnen Menschen wie unter der Völkergemeinschaft, das Ringen um einen dauerhaften Frieden im Inneren eines Landes und in der internationalen Politik, das Suchen der Wahrheit und das Streben nach Gerechtigkeit. Diese vielfältigen Herausforderungen können nur von einer Theologie geleistet werden, die sich um eine Synthese müht und alle Facetten der Armut mit ihren Konsequenzen mit einbezieht.

Dabei ist in besonderem Maß die Soteriologie heranzuziehen, deren Schwerpunkt in der systematischen Erschließung des Erlösungswillen Jesu liegt. Als Sohn Gottes ist Jesus Christus der endgültige Heilsbringer und der alles auf sich beziehende Hoffnungsträger der Menschheit. Er ist das universale concretum, die unüberbietbare und nicht mehr rückgängig zu machende Konkretion des universalen Heilswillens Gottes. Der Christ nimmt an Gottes Praxis der Befreiung des Menschen zu seiner Würde und zu seinem Heil teil. Der Umgang mit den Armen und Notleidenden sollte gemessen werden an den Evangelien, die als kritischer Ausgangspunkt der Reflexion über die menschliche Praxis im Umgang mit der Armut und dem Notleidenden dienen, so dass daraus die Weise der Armutsbekämpfung für die jeweilige Situation abgeleitet werden kann. Es geht um den Armen und um seine Würde, für die niemand besser Anwalt sein kann als die Kirche, die das Heilswerk Jesu in der Geschichte weiter trägt. Das Kreuz ist dabei die eschatologische Offenbarung der Option für die Armen, von der kein Mensch ausgeschlossen ist.

Ein Zitat von Johannes Paul II. aus der Enzyklika Evangelium vitae kann als Einladung dienen, sich intensiver mit der Problematik der Armut, der Unterdrückung, der Ungerechtigkeit, der mangelnden Integration, der Migration und der sozialen Spannungen zu beschäftigen, vor der die Augen nicht verschlossen werden dürfen und zu deren Lösung alle gesellschaftlichen Segmente aufgerufen sind, vor allem aber die Kirche als Anwältin aller Notleidenden: «Jeder Mensch ist auf Grund des Geheimnisses vom fleischgewordenen Wort Gottes der mütterlichen Sorge der Kirche anvertraut. Darum muss jede Bedrohung der Würde und des Lebens des Menschen eine Reaktion im Herzen der Kirche auslösen, sie muss sie im Zentrum ihres Glaubens an die erlösende Menschwerdung des Gottessohnes treffen, sie muss sie mit einbeziehen in ihren Auftrag, in der ganzen Welt und allen Geschöpfen das Evangelium vom Leben zu verkünden.»4

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