«Armut zu leben ist eine echte kirchliche Aufgabe»Anregungen aus der Begegnung mit Madeleine Delbrêl (1904–1964)

«Um das Evangelium zu verkünden, muss man selbst arm werden. Nicht eine arme Welt ist das Hindernis für die Ausbreitung des Evangeliums, sondern die reichen Bezirke der Kirche.»1 Als Madeleine Delbrêl diesen Satz im Jahr 1951 schrieb, lebte sie schon fast zwanzig Jahre in Ivry, einer kommunistisch regierten Arbeiterstadt in der Pariser Banlieue. Zusammen mit ein paar Gefährtinnen versuchte sie dort, «Christus lebendig werden zu lassen mitten in einer Welt, in der er unbekannt ist.»2

Von ihrer Herkunft her war das alles andere als naheliegend. Aus bürgerlichem Hause stammend, war sie in ihrer Jugend eine überzeugte Atheistin. Eine künstlerische oder auch philosophische Karriere schien vorgezeichnet zu sein. Doch eine tiefe Lebenskrise leitete die Wende ein: «Ich habe geglaubt, dass Gott mich gefunden hat»3 – so beschreibt sie, was ihr widerfahren ist. Immer wieder spricht sie von einem «Übergang vom Tod zum Leben», von einem «unerhörten Glück», das sie fortan mit anderen teilen wollte.

Nachdem sie sich zur Sozialarbeiterin hatte ausbilden lassen, kam sie 1933 mit zwei Gefährtinnen nach Ivry, der Hochburg des französischen Kommunismus. Dort wurde sie mit einem Ausmaß von Armut konfrontiert, das alles überstieg, was sie sich vorstellen konnte: «Die Ungleichheit der Lebensbedingungen, das Arbeiterleben jener Zeit – vor 1936 – bestürzten mich.»4Es gab nur geringen Lohn für eine oft gesundheitsschädigende Arbeit, keine Sozialversicherungen, keine Ferien und miserable Wohnverhältnisse. Und andererseits schienen die Christen vor Ort «an die Fakten, die mich bestürzten, völlig gewöhnt zu sein.Die drei Fabriken, die die geringsten Löhne zahlten, hatten als Arbeitgeber und Besitzer ortsansässige Katholiken. In Ivry und Umgebung bauten die ‹christlichen› Fabriken die Kirchen…»5

Die Wahrnehmung dieses Elends, die Gleichgültigkeit der traditionellen christlichen Gemeinden und auf der anderen Seite die Großherzigkeit der Kommunisten in ihrem Kampf für die Armen lösten in ihr einen lebenslangen Prozess der Suche aus.

Nach ihrer Bekehrung hatte sie mehr und mehr ihre Berufung darin erkannt, mitten in der Welt «das Evangelium in seiner Fülle»6zu leben. In einer kleinen Laiengemeinschaft von Frauen wollte sie deshalb «Armut, Gehorsam, Ehelosigkeit und Demut mit so viel Entschiedenheit wie möglich verwirklichen.»7 Die Seligpreisungen der Bergpredigt bildeten dabei «den ersten Umriss» ihres Lebensweges.8

Diese Grundentscheidung für das Evangelium musste sich nun in einem Milieu bewähren, das Madeleine Delbrêl und ihren Gefährtinnen größtenteils unbekannt war.

Das Milieu, aus dem ich kam, war viel zu skeptisch, als dass Politik und Glaube darin eine große Rolle hätten spielen können. Ich begegnete weder dem «Proletariat» – ich kannte es nicht – noch dem Marxismus – ich kannte ihn noch viel weniger. Man hatte mir gesagt, die Leute in Ivry seien ungläubig und arm. Das Elend des Atheismus kannte ich aus eigener Erfahrung, die Armut hatte ich durch das Evangelium entdeckt. Wenn meine Begegnung mit dem Marxismus auch eine dauernde sein sollte – ausgesucht hatte ich sie mir nicht.9

Was bedeutete es dann unter diesen Bedingungen, den Armen die Frohe Botschaft zu verkünden? Welche Konsequenzen ergaben sich daraus, dass Christus die Armen selig gepriesen hat? Und was bedeutete es vom Evangelium her, arm zu sein, weil Christus selbst arm war?10

Madeleine Delbrêl war zu ihrer Zeit in Frankreich nicht die einzige, die sich solche Fragen stellte. In den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts waren es z.B. die Arbeiterpriester, die in die Fabriken gingen, um das Leben der Menschen zu teilen, denen Glaube und Kirche fremd geworden war. Doch auf diese und andere Pioniere der Arbeitermission übte sie «einen entscheidenden Einfluss» aus, indem sie ihnen «den Sinn für die Armen, für ein Leben in Gemeinschaft und für das Evangelium vermittelte».11

Als die ersten Arbeiterpriester aufbrachen, lebte sie schon zehn Jahre in Ivry. Längst hatte sie sich mit dem Marxismus auseinandergesetzt. Aus eigener Erfahrung wusste sie, welche Faszination er auf diejenigen ausüben konnte, die aus christlicher Überzeugung «an die Ränder gehen» wollten. Denn «fast immer war es die Sorge um eine konkrete Treue zu den im Evangelium seliggepriesenen Armen und zur Armut, die Christen in das proletarische Milieu geführt hat. Die Armut hat sie angezogen».12

Sie wusste, wie leicht es dann aber dazu kommen konnte, in den Marxisten aufgrund ihrer Großmut und ihrer Selbstlosigkeit die «Prototypen und Lehrmeister» einer zukünftigen gerechten Gesellschaft zu sehen. «Um dem zu widerstehen, braucht es vor allem einen unablässig genährten Glauben, einen über die marxistische Lehre offen und ehrlich aufgeklärten Verstand und schließlich eine Aszese des Herzens, auf die man nicht genügend Gewicht legt. Ohne eine solche Aszese wird es unmöglich sein, sich den kritischen Sinn zu wahren, um nicht nur bei unserer eigenen Linie des Handelns zu bleiben, sondern auch hellsichtig zu sein für die Verknöcherungen und die Schwachstellen, die es im Marxismus selbst gibt». So kann dann «auf den geistigen Straßenkreuzungen, auf denen wir leben, […] eine Anzahl von Punkten beachtet werden».13

1. «Man schreit in der Nacht, wie könnten wir schlafen?»

Ein erster dieser Punkte war für Madeleine Delbrêl fraglos klar: «Christen haben mitten in der Welt zu leben». Denn «wer Gott umarmt, findet in seinen Armen die Welt; wer das Gewicht Gottes in seinem Herzen empfängt, empfängt auch das Gewicht der Welt».14 Und zugleich gilt: Das Evangelium mitten in dieser Welt zu verkünden, ist keine zusätzliche Beauftragung für einige hauptamtlich Tätige. Es ist vielmehr die «normale Auswirkung eines normalen Lebens» und gilt somit für alle getauften Christen.15

Evangelisierung ist aber nur möglich – davon war Madeleine Delbrêl überzeugt – wenn man den Menschen wirklich nahe ist; wenn man die Milieus kennt, in denen die Menschen leben; wenn man vor allem bereit ist, aus sich herauszugehen und sich vom Schicksal anderer anrühren zu lassen:

Ein Wir-Selbst, dem wir eines Tages die Anweisung geben, in die Gesellschaft einzutauchen, als sähe sie sie zum ersten Mal, als sähe es zum ersten Mal eine Straße und ihre Passanten, die Pariser Quartiere, die Metro um sieben Uhr abends, die Aufzüge und Rolltreppen, Kinder, die alles haben und Kinder, die nichts haben.
Wenn wir aus einer solchen neugewagten Begegnung mit der sozialen Maschinerie beruhigt und befriedigt herauskommen, so mögen wir unser Leben fortsetzen, wie wir es begonnen haben.
Wenn sie uns unruhig und beschämt zurücklässt, dann sollten wir den Mut haben zu ermessen, was unser Leben, das unzähligen anderen gleicht, an passiver Mitwirkung zur chronischen Gewaltsamkeit beiträgt, an der die Menschheit leidet, und in dieser Menschheit Millionen von Wesen, die uns gleich sind. Vielleicht wird dann die soziale Zelle, für die wir verantwortlich sind, heilbar werden.16

Sich in diesem Sinne auf das Leben anderer einzulassen, hieß damals – vor allem in den Pariser Vorstädten – sich mit dem Elend Unzähliger auseinanderzusetzen. Es hieß, auf «einen neuen Schrei unter den alten Schreien der Menschen»17 zu hören. Für Madeleine Delbrêl stand deshalb fest: Missionare können «in allen Lebensbedingungen des proletarischen Milieus niemals das wirtschaftliche Elend so, wie es ist, für ihre Brüder und Schwestern hinnehmen; sie versuchen, es durch konkrete mitmenschliche Hilfe bis hin zu Strukturreformen zu lindern».18

So sah sich Madeleine Delbrêl ihr Leben lang auf der Seite der Armen und Benachteiligten. Das spiegelte sich z.B. im Lebensstil ihrer kleinen Gemeinschaft wider: sie und ihre Gefährtinnen lebten in einfachen Mietwohnungen, die der Stadt gehörten. Das, was sie durch ihre Berufe an Geld verdienten, glichen sie mit dem durchschnittlichen Gehalt ihrer Nachbarn ab und gaben alles weg, was darüber lag.

Es spiegelte sich aber auch in ihrer Arbeit wider. Als Sozialarbeiterin kämpfte Madeleine Delbrêl Seite an Seite mit den lokalen Verantwortlichen der Kommunistischen Partei für gerechtere Lebensbedingungen der Menschen in ihrer Umgebung – und dies so selbstverständlich, dass sie einigen Christen in ihrer Pfarrei als «zu links» erschien. Darüber hinaus meldete sie sich immer wieder öffentlich zu Wort, wenn sie den Eindruck hatte, dass Menschen politisch verfolgt oder zu Unrecht verurteilt wurden.

2. «Armut bedeutet nicht nur wirtschaftliche Armut»

Im täglichen Kontakt mit den Menschen wurde ihr dabei bewusst, dass Armut ganz viele Gesichter hat; sie lässt sich nicht auf die materielle Ebene beschränken – auch nicht im Arbeitermilieu. Denn auch dort ist die Armut nicht bloß eine wirtschaftliche.

Man empört sich zu Recht, dass sich für Millionen von Menschen ihre Aktivität auf automatische Handgriffe beschränkt. Man sieht darin eine Amputation. Ich denke, es gibt eine vergleichbare Amputation in Millionen von menschlichen Geistern, die darauf «beschränkt» sind, immer die gleichen Stückchen Wahrheit zu erkennen, die auf eine unglaublich verengte Wirklichkeit begrenzt sind.
Man empört sich ebenfalls zu Recht über zu niedrige Löhne, die dazu führen, dass diese Millionen von Menschen weder genügend zu essen noch Zugang zur Bildung haben. Man empört sich über das degenerierte oder pathologische Seelenleben, das die Folge dieser Unterernährung des Leibes und der praktischen Intelligenz ist. Ich denke aber, dass es auch auf der Ebene des Geistes Krankheiten, Störungen und Missbildungen gibt, die genauso skandalös sind und die durch einen Hunger des Geistes ausgelöst werden, dem man die Nahrung vorenthält, die er eigentlich bräuchte…
Ich denke, dass gewisse Christen eine tiefe innere Revolution durchmachen mussten, damit die Liebe ihnen den kollektiven Liebesmangel aufzeigen konnte, an dem die «Hungernden», die «Weinenden», die «Heimatlosen» usw. leiden – all diejenigen, für die unser Herz nicht geschlagen hat, das Christus uns doch gegeben hat, um sie zu lieben. Aber ich denke, es braucht eine analoge Revolution, damit uns der Glaube «die Finsternis» derer zeige, die «darin sitzen» und in die hinein wir den Geist nicht tragen, den Christus uns ebenfalls hinterlassen hat, um ihn zu leben.
Wir müssen uns der Invasion der «verkürzten Wahrheiten» bewusst werden, die die Augen unserer Brüder und Schwestern und auch unsere Augen übersättigen…
Ich will nicht sagen, dieser Kampf gegen das geistige Elend sei das Wesentliche der missionarischen Aufgabe. Aber wenn das wirtschaftliche Elend des Proletariats auf die Daseinsberechtigung, das Ziel und die Formen der Mission einwirkt, dann müsste auch das geistige Elend in ihr seinen Widerhall finden. 19

3. «Den Armen die Frohe Botschaft verkünden»: Unterscheidung der Geister

Die Herausforderung, die in diesem «Elend des Geistes» liegt, gewann im Lauf der Jahre für Madeleine Delbrêl immer mehr an Bedeutung. Mit dafür auslösend waren die Konflikte, die sich im Zusammenhang mit den Arbeiterpriestern allmählich abzeichneten und die schließlich 1959 zum Verbot dieses missionarischen Experimentes führten. Der Kommunismus erschien vielen Christen immer mehr als eine große Gefahr für den Glauben. Deshalb häuften sich nach dem Kommunismusdekret des Heiligen Offiziums vom Juli 1949 die Denunzierungen im Vatikan gegen diejenigen, die sich in der Arbeitermission engagierten. Madeleine Delbrêl litt selbst an den Folgen einer solchen Verdächtigung: wegen ihrer Nähe zu den Kommunisten wurde ihr von ihrem Ortspfarrer eine zeitlang sogar die Kommunion verweigert.

Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen hat Madeleine Delbrêl leidenschaftlich darum geworben, die Arbeitermission auf keinen Fall aufzugeben. Dafür wandte sie sich in Briefen an verschiedene Bischöfe, dafür veröffentlichte sie ihre zahlreichen Vorträge in einem Buch, das 1957 unter dem Titel «Ville marxiste, terre de mission» erschienen ist.

Eindringlich machte sie aber auch darauf aufmerksam, wie sehr dieses Apostolat der Unterscheidung der Geister bedarf. Noch kurz vor ihrem Tod bekannte sie in einem Vortrag vor Studenten: «Ich erinnere daran, dass ich eine Neubekehrte war: ich war von Gott überwältigt worden und bin es noch. Es war und blieb mir unmöglich, in die eine Schale der Waage Gott, in die andere alle Güter dieser Welt zu legen, mögen es die meinen oder die der ganzen Menschheit sein».20

Von ihrer eigenen Lebensgeschichte her wusste sie, dass das Fehlen Gottes schlimmer und entwürdigender sein kann als alles wirtschaftliche Elend. Sie konnte deshalb nicht zulassen, dass Menschen ihrer tiefsten Hoffnung beraubt werden, indem die Verkündigung des Glaubens auf ein humanistisches Konzept reduziert wird. Darin lag für Madeleine Delbrêl aber eine mögliche Gefährdung der Arbeitermission. Unmerklich kann das Evangelium mit der marxistischen Sendung verschmelzen, kann der Kampf für eine bessere Gesellschaft dem Reich Gottes vorgezogen und das menschliche Glück mit dem Heil verwechselt werden. Doch

die Welt retten heißt nicht, ihr das Glück zu verleihen. Es heißt, ihr den Sinn eines Leidens zu vermitteln und eine Freude, «die niemand ihr nehmen kann». Wenn wir gegen alle Formen von Elend und Unglück zu kämpfen haben, die Christus so ernst genommen hat, dass er uns am Jüngsten Tag nach der geleisteten Hilfe richtet, müssen wir uns dennoch darauf besinnen, dass jenseits dieser Miseren das ewige Leben auf dem Spiel steht und nicht ein zweites, irdisches Paradies.21

Das hat nun unmittelbare Auswirkungen auf die Verkündigung des Evangeliums. Seine Adressaten sind die Armen. Um ihretwillen ist Christus selbst arm geworden, ohne dafür zu sorgen, dass es einmal eine Gesellschaft geben wird, in der die Armut aufgehoben ist: «Denn die Armen habt ihr immer unter euch» (Mt 26, 11).

Den Armen die Frohe Botschaft verkünden heißt nicht, sie bereichern oder meinen, man könne die Botschaft nur verkünden, wenn eine Bereicherung vorausgeht. Das läuft der ganzen Geschichte Christi in der Welt zuwider. Nie ist das Evangelium infolge von Armut oder Elend abgewiesen worden, seit den Sklaven Roms, den Hafenarbeitern Korinths bis zu den Lagern in Deutschland. 22

Im Gegenteil: «Wo immer seit Pfingsten die Kirche eingepflanzt wurde, ist dies bei Armen geschehen.»23

Madeleine Delbrêl war sich dessen bewusst, wie missverständlich solche Sätze sein konnten, und auf welche Gratwanderung sie sich damit begab. Denn, wie Gustavo Gutiérrez einmal gesagt hat, «man kann den Armen nicht sagen, dass Gott sie liebt, und sie gleichzeitig verhungern lassen».24 Genau das wurde ihr dann tatsächlich auch vorgeworfen, und zwar ausgerechnet von einem ihrer engsten Freunde: Venise Gosnat, dem damaligen stellvertretenden Bürgermeister von Ivry, einem überzeugten Marxisten. «Sie möchten aufschreien gegen ‹das, was Unrecht, Krieg und Hass unter den Menschen anrichtet›», so schreibt er ihr, «aber weiter wollen Sie nicht gehen. Die Umgestaltung der Welt, das heißt die Unterdrückung der tiefsten Ursachen für diesen Zustand interessiert Sie nicht».25 Madeleine Delbrêls leidenschaftliche Antwort folgte unmittelbar:

Es ist die Schriftstellerin in mir, […] die schlecht ausgedrückt hat, was Madeleine dachte! Madeleine ersehnt mit allem, was in ihr ist, die «Umgestaltung der Gesellschaft». Wie könnte sie die Menschen ohne Heuchelei lieben, wenn sie diese Umgestaltung nicht zutiefst wollte? […] Aber was ich nicht akzeptieren und für andere nicht wollen kann, ist, dass mit der Lehre, der Praxis und mit dem System dieser gesellschaftlichen Umgestaltung ein politisches Dogma verbunden ist, das eigentlich kein politisches, sondern auf seine Weise ein religiöses Dogma ist: die Gewissheit, dass Gott nicht existiert.26

Madeleine Delbrêl engagierte sich selbst viel zu sehr im Kampf für gerechtere Strukturen, als dass man ihr tatsächlich vorwerfen konnte, sich nur für das «Jenseits» zu interessieren. Sie wehrte sich aber mit Entschiedenheit gegen eine Ideologie, die die Armen für ihre eigenen Interessen oder politischen Ziele missbraucht. Und zugleich war es ihr ein Herzensanliegen, sich über alle konkrete Hilfe hinaus jedem und jeder Einzelnen so zuzuwenden, dass sie sich als Personen wahrgenommen und wertgeschätzt fühlen konnten. In einer solchen Begegnung von Mensch zu Mensch verleiblicht sich etwas von der Liebe Jesu Christi für jeden und jede – davon war Madeleine Delbrêl zutiefst überzeugt. Damit kann in denen, die Christus nicht kennen, eine «Seelenschicht» angerührt werden, die ihnen ihre Würde und ihre eigentliche Bestimmung als Söhne und Töchter Gottes bewusst macht.

Die Herzensgüte, die von Christus herkommt, von ihm geschenkt wurde, ist für das Herz eines gläubigen Menschen eine Vorahnung Gottes selber.
Für ein ungläubiges Herz hat es den unbekannten Geschmack Gottes und macht es fühlsam auf die Begegnung mit ihm hin. Sie ist für ihn etwas Ungewohntes und steht in Verbindung mit dem absolut Ungewohnten, das Gott für ihn ist. Sie weckt und befragt die dämmernden Kräfte seines Herzens, Kräfte, die ihm unbekannt sind, deren lebendige Wirklichkeit er aber zugeben muss. Sie verbündet sich mit dem, was im Herzen eines Ungläubigen sowohl das Einsamste ist wie auch das am meisten Geeignete, sich ganz im Innern zu Gott als einer Möglichkeit hinzuwenden.27

Den Armen die Frohe Botschaft verkünden: das bedeutet dann, sich aus der Liebe zu Gott heraus an ihre Seite zu stellen, sie kennenzulernen, auf sie zu hören, um daraus zu erkennen, was sowohl ihrem leib-seelischen als auch ihrem geistlichen Wohl dient. Von Gott her kann es keine Spaltung dieser Ebenen geben: immer geht es um den ganzen Menschen.

Kann man allen Ernstes und mit wirklicher Hoffnung auf Erlösung der Welt hoffen, ohne leidenschaftlichen Herzens das Unrecht in der Welt und seine Folgen enden sehen zu wollen, selbst wenn nicht alles Böse darauf zurückzuführen ist? Kann man ehrlich Erlösung erhoffen, ohne zu wünschen, dass auch die Folgen jener Sünden aufhören, die man Egoismus, Rechtsbruch, Repression nennt? Müssen nicht auch wir, wenn die Kommunisten im Namen von alldem Revolutionen machen, unsererseits dem Leiden und den Sünden der anderen gegenüber Stellung beziehen?
Wenn wir weinen mit denen, die um ein Kind weinen, das gestorben ist und nicht hätte zu sterben brauchen; um einen verkrüppelten Menschen, der es nicht hätte sein müssen; um einen Gefangenen, der zwanzig Jahre im Gefängnis saß, obwohl es nicht nötig gewesen wäre: dann werden wir vielleicht die Hoffnung erlernen, in einem Herzen, das in dieser Hoffnung dem Herzen Jesu Christi gleicht.28

4. «Die konkrete und evangeliumsgemäße Armut: eine Forderung unserer Zeit»

Das ist für Madeleine Delbrêl die Weise, wie Jesus Christus sich den Armen zugewandt hat. Sie wird zum Auftrag derer, die seiner Spur folgen wollen, zum Auftrag jedes kirchlichen Handelns. Und deshalb gilt: «Die konkrete und evangeliumsgemäße Armut scheint in Hinblick auf die Kirche eine Forderung unserer Zeit zu sein. Wir müssten das Bewusstsein dafür entwickeln, dass Armut zu leben eine echte kirchliche Aufgabe ist.» Und dies auch deshalb, weil «der Reichtum derer, die das Evangelium verkünden müssen, […] dessen Ausbreitung verhindern kann, die ‹reichen Christen›, auf welche Art immer sie es auch seien.»29

Damit ist aber auch klar: Weder Armut noch Reichtum lassen sich allein durch ökonomische oder soziale Kategorien bestimmen. Um der Armen willen selbst arm zu werden, heißt nicht, «das Leben eines Arbeiters, eines Bauern oder eines Landstreichers annehmen»30, um ihnen möglichst gleich zu werden. Es ist vielmehr eine «Armut ohne Etikett»31. Sie ist «nicht an ein niedriges Gehalt gebunden; sie ist der Zustand eines Menschen, der nicht behält, und zwar wegen der Bedürftigkeit der anderen nicht behält. Die Armut des Evangeliums ist nicht die einer bestimmten Schicht oder eines Berufes, sie ist jenseits davon».32

Und deshalb verurteilt Christus es auch nicht,

dass jemand Geld verdient, sondern dass er oder sie es behält. Genauer: Er sagt nicht: Nehmt kein Geld an, sondern: Gebt es weg.
Bei denen, die zu allen Räten seines Evangeliums berufen sind, ist er nicht gegen das Geld, «das kommt», sondern gegen das Geld, «das bleibt», gegen die bleibenden Güter.
Dieses Geld, diese Güter, die man immerfort weggeben muss, sollen nicht um des Weggebens willen «verschwinden», sondern um des Wohles der Armen willen.
Es geht nicht darum, um der persönlichen Vollkommenheit willen arm zu sein, sondern darum, dem Nächsten das Leben zu erleichtern.33

Madeleine Delbrêl widerstand auch hier der Gefahr einer Ideologisierung. Sie wusste, dass die evangelischen Räte – und darin eben auch die Armut – auf subtile Weise zu einem «Besitz» werden können, indem sie im Dienst der «persönlichen Heiligung» stehen. Deshalb gehört zu einer evangeliumsgemäßen Armut vor allem auch der Verzicht auf Macht.

Bei der Armut geht es natürlich auch um Geld, aber nicht nur darum: seine Bedeutung wird oft so hochgespielt, sowohl beim Geldausgeben als auch beim Geldverdienen. Es geht vielmehr um den Verzicht auf Macht. Macht, von der man sich trennen kann; Macht, die wir besitzen, aber auch die Macht, die uns besitzt, weil wir an ihr «festgehalten» haben: ein Beruf, eine Fähigkeit, ein Gesicht, ein Nervensystem; schließlich unsere Macht, die wir selber waren: unsere Sicherheiten, unser «Wert», ob angeboren oder erworben: All das wird uns nun unerbittlich oder unerwartet entzogen.34

Diese grundsätzliche Voraussetzung dafür, um des Evangeliums willen arm zu werden, erhielt bei Madeleine Delbrêl und ihren Gefährtinnen noch einmal eine eigene Färbung, in der sich das persönliche Charisma ihrer Gemeinschaft widerspiegelt:

Es scheint uns, dass diese Lebensweise damit beauftragt ist, in der Kirche ganz drastisch eine Ungesichertheit zu verwirklichen, wie es sich Familien oder gewisse geistliche Gemeinschaften nicht freiwillig leisten können.
Die Grundlage dieser Ungesichertheit ist ein Mangel an Kenntnis.
Sein irdisches Geschick nicht kennen. Kein Kapital besitzen, das das morgige Brot zu sichern scheint. In Häusern wohnen, in denen einem dauernd gekündigt werden kann. Keinen Vorschuss haben. Einen Lebensstil annehmen, der sich immer wieder verändern kann, weil er verbunden ist mit dem, was zum Anziehen, zum Wohnen und zum Essen erschwinglich ist. Damit auch auf Traditionen und Erkennungsmarken verzichten.
Sein geistliches Geschick nicht kennen. Sich der Ungesichertheit des Wesentlichen überlassen. Das Wesentliche ist wie die Seele: es hat veränderliche und vergängliche Elemente, die man immer wieder mit ihm verwechselt. Seine Armut hat kein Gesicht. Sie ist flüssig. Ihr einen «Stil» zu geben, würde bedeuten, sie zu verleugnen.
Wenn man einzig und allein das Wesentliche will – die Suche nach Christus – dann schmelzen einem die Definitionen und Systeme, die Routenplaner und die Ziele zusammen.
Man kann sich dann an keine gute Beschreibung seiner selbst klammern, muss akzeptieren, dass man morgen als unbekannt gilt.35

In alldem lag für Madeleine Delbrêl aber nichts Düsteres oder Freudloses. Da Armut für sie kein Selbstzweck war, wurden in ihrer Gemeinschaft immer wieder Feste gefeiert, zu denen auch Nachbarn und Freunde eingeladen waren. Sie genoss es, in einem Café oder in einer Kneipe zu sitzen, Gauloises zu rauchen und Rotwein zu trinken. So lässt sie ihren «kleinen Mönch» – diesen liebenswürdigen «Alltagschristen» – einmal sagen: «Der vollkommen Gleichmütige trinkt lieber alles, was man ihm anbietet, als dass er selbst wählt, worauf er verzichten will. Als man dem kleinen Mönch Muskateller einschenkte».36

Armut war für sie letztlich nichts anderes als eine Weise, den Lebensstil und die Gesinnung Jesu zu teilen. Deshalb wünschte sie sich für ihre Gemeinschaft «in erster Linie die Armut, die uns der Herr selbst zeigt: den Mangel an Macht, den Mangel an Ansehen; die Armut der kleinen Leute, die Niedrigkeit der Armen».37 Damit hat sie – unter den Bedingungen ihrer Zeit – einer «armen Kirche für die Armen»38 ihr ganz persönliches Gepräge gegeben.

Zwei kleine Geschichten mögen zeigen, wie sehr dies von den Menschen vor Ort wahrgenommen und verstanden wird. Sie verehren nämlich Madeleine Delbrêl inzwischen längst als «Heilige der Armen»:

Im Lauf der Jahre ist in Ivry eine neue Gemeinde entstanden, die vor allem aus Einwanderern aus südeuropäischen katholischen Ländern besteht. Für sie ist eine Kirche gebaut worden, die der heiligen Therese von Lisieux gewidmet ist. Nach und nach ist sie vom Volk Gottes in eine Kirche «umgewandelt» worden, in denen neben Therese auch Madeleine Delbrêl verehrt wird. Die Kirchenfenster wurden in Anlehnung an Gedanken aus dem «kleinen Mönch» gestaltet; das Taufbecken stammt aus dem Haus der Gemeinschaft von Madeleine Delbrêl, der Kreuzweg aus Steinen, die dort im Garten gefunden wurden, und in der Sakramentskapelle steht neben einem Portrait der heiligen Therese ein ebenso großes Portrait von Madeleine Delbrêl.

Und ein zweites: Der heutige Bürgermeister von Ivry, ein Enkel von Venise Gosnat und wie dieser ein überzeugter Marxist, sagte vor ein paar Jahren einmal in einem Interview: «Wenn die Kirche jemanden wie Madeleine Delbrêl selig sprechen würde, dann würde ich katholisch werden. Zu so einer Kirche möchte ich auch gehören!»

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