Der Tod und die Zukunft der MenschheitZu einem Buch des Philosophen Samuel Scheffler

Ein Buch, das «Der Tod und das Leben danach»1 heißt und aus der Feder eines analytischen Philosophen stammt, ist an sich schon reizvoll. Sein Autor, Samuel Scheffler, traut sich an die großen Fragen heran, ganz in der Tradition seines Lehrers Thomas Nagel. Doch er rudert gleich auf den ersten Seiten seines Essay zurück: Nicht wie der Einzelne nach dem Tod weiterlebt interessiert ihn, er glaubt auch gar nicht an eine solche Möglichkeit. Jeder Mensch stirbt und verschwindet für immer, nicht aber die Menschheit als solche. Es ist ihr Fortbestand, der Scheffler interessiert, und zwar in seiner Bedeutung für den Einzelnen. Seine These lautet: Dass es nach meinem Leben für andere weitergeht, macht mein Leben erst bedeutungsvoll. Das Leben unbekannter Menschen in ferner Zukunft ist für mich deshalb in gewisser Hinsicht wichtiger als mein eigenes Fortbestehen.

Nehmen wir an, wir erführen, dass 30 Tage nach unserem natürlichen Tod die gesamte Menschheit ausgelöscht würde. Wie würden wir reagieren? Scheffler ist davon überzeugt, dass dieser Ausblick einen Schatten auf alles würfe, was uns als wertvoll erscheint. Vieles verlöre seinen Sinn, obwohl unser Leben selbst ganz normal verlaufen könnte und von der Katastrophe gar nicht direkt berührt würde. Natürlich würden langfristige Projekte wie etwa medizinische Grundlagenforschung aufgegeben. Aber auch unmittelbarer Genuss – guten Essens, schöner Musik, interessanter Filme – oder die selbstvergessene Hingabe an Großes und Kleines, die sich in jedem Menschenleben findet, würden schal. Scheffler illustriert dies mit dem Roman «The Children of Men» (1992), in dem P. D. James das Bild einer unfruchtbar gewordenen Menschheit zeichnet, in der vieles ganz normal weiter gehen könnte, doch eine allgemeine Apathie um sich greift.2 Natürlich sind das hypothetische Szenarien, doch nach Scheffler weisen sie auf ein Phänomen hin, das uns kaum bewusst ist: Wir sind als Einzelne abhängig von der Zukunft der Menschheit.

Warum ist das so? Scheffler führt zwei Gründe an. Wenn das Leben nach uns weitergeht, kann das, was wir schätzen, die Zeit überdauern. Wir können dafür sorgen, dass unsere Werte weitergegeben werden. Damit wird unser Verhältnis zur Zukunft personalisiert. Sie findet zwar ohne uns statt, aber sie ist kein schwarzes Loch, sondern eine Dinnerparty, die wir früher als die anderen verlassen haben. Doch Scheffler geht es um mehr als um diese zwei Gründe, die leicht als selbstbezogen entlarvt werden können. Er will zeigen, dass es an sich gut ist, dass die Menschheit weiter lebt. Schließlich können sich die Menschen im Unfruchtbarkeitsszenario immer noch eine Zukunft für andere vorstellen, die sie als in sich wertvoll betrachten, obwohl sie ja um die Unmöglichkeit dieser Zukunft wissen. Sie würden noch nicht einmal eine Droge wählen, die ihnen eine Zukunft der Menschheit vorgaukelt, weil diese einen Eigenwert hat, ohne den jedes individuelle Leben seinen Sinn verliert.

Scheffler resümiert: «Worauf ich hinauswill, ist, dass uns unser eigenes Überleben […] in einem sehr spezifischen Sinn weniger wichtig ist als das Überleben der Menschheit. Die Aussicht auf ein bevorstehendes Ende der Gattung stellt für unsere Fähigkeit, andere Dinge als wichtig zu betrachten, eine weit größere Bedrohung dar. Und aus diesem Grund stellt es auch eine weit größere Bedrohung für unsere Fähigkeit dar, weiterhin ein Leben voller Werte zu führen» (97f ). Im Schlusskapitel ordnet Scheffler den Tod des Einzelnen in diese Perspektive ein. Er betrachtet ihn nicht als Übel, sondern als Begrenzung, die uns erst ermöglicht, unserem Leben eine Gestalt zu geben. So kommt er zu dem Befund, dass ein bedeutungsvolles Leben davon lebt, dass es auf den eigenen Tod zugeht, die Menschheit jedoch fortbesteht.

In der amerikanischen Debatte ist Schefflers Essay bewundert und kritisiert worden. Scheffler wendet sich nicht nur alten Fragen zu, er formuliert sie neu. Der Preis für seine Unbekümmertheit besteht darin, dass er die philosophische und religiöse Tradition – außer analytischen Philosophen der Gegenwart wird lediglich Epikur zitiert – ignoriert. In erster Linie ist jedoch die prinzipielle Verbindung angefochten worden, die nach Scheffler zwischen dem Fortbestehen der Menschheit und der Bedeutung des eigenen Leben besteht. Auch die Leser, die an ein persönliches Leben nach dem Tod glauben und damit von vornherein außen vor bleiben, können den Eindruck gewinnen, dass Schefflers Gedankengang einleuchtend ist, aber das irgendetwas nicht stimmt.

Dieser Eindruck ist damit zu erklären, dass Scheffler den Eigenwert menschlichen Lebens verteidigen will – ein nobles Unternehmen – und dabei eine kluge und zutreffende Beobachtung macht. Es fällt vielen Menschen tatsächlich relativ leicht, mit dem Wissen um den eigenen Tod zu leben – doch wahrscheinlich relativ schwer, mit einem kurz bevorstehenden Untergang der Menschheit normal weiterzuleben. Formuliert man Schefflers These in ihrer bescheidensten Form, ist ihr uneingeschränkt zuzustimmen: Der bevorstehende Untergang der Menschheit stellt eine größere Bedrohungfür unser Selbstverständnis dar, als wir denken. Diese These hat eine polemische Pointe. Sie richtet sich gegen die vulgärdarwinistische Meinung, dass sich alles nur um Selbsterhaltung dreht. Wenn dies der Fall wäre, könnte uns die Zukunft, die wir selbst nicht erleben werden, egal sein. Doch wir leben in und von einem Bedeutungshorizont, der unser eigenes Leben übersteigt.

Aber Scheffler sieht noch mehr. Er will darauf hinaus, dass die Zukunft der Menschheit für uns in gewisser Weise wichtiger als unsere eigene Zukunft ist. Weil das Wissen um ihren nahen Untergang unseren Lebensvollzug viel weitgehender lähmt als der Ausblick auf unseren eigenen Tod, ist sie eine wichtigere Bedingung für ein bedeutungsvolles Leben als unsere eigene Zukunft. Eingebettet in ein voraussetzungsreiches Gedankenexperiment und sehr spezifisch formuliert, scheint diese These wasserdicht. Sie ist es auch – aber nur in ihrer eigenen Grenze. Diese besteht darin, dass Scheffler lediglich Aussagen über subjektive Einstellungen treffen kann. Die Untergangsszenarien verstören Menschen auf eine grundlegende Weise; sie resignieren und nehmen ihr Leben als bedeutungslos wahr. Ob es das tatsächlich ist, kann Scheffler mit seinem Gedankenexperiment nicht beantworten. Er überschreitet jedoch tendenziell seine Grenzen, weil er für wahr und gut hält, was er herausgefunden hat. Scheffler deutet die Szenarien dahingehend, dass menschliches Leben eine soziale Tiefendimension hat und sich gar nicht selbst genügen kann, sondern auf ein größeres Gut – die Zukunft der Menschheit – bezogen ist. Wird dieser Tiefendimension ihr Gegenstand entzogen, wird menschliches Leben bedeutungslos. Die Moral lautet also: Wir sollten unseren Frieden mit unserem eigenen Tod machen und unsere Energie in die Zukunft der Menschheit investieren.

Weil Schefflers Essay in solch fundamentalen first statements sein Ziel findet, ist er anfechtbar. Vor allem in der Annahme, dass unser Leben bedeutungsvoll und die Zukunft der Menschheit wertvoll ist. Man könnte ja auch andere Schlüsse als Scheffler ziehen. Vielleicht blicken die Menschen in den Untergangsszenarien in das Nichts, in das auch sie fallen werden. Sie werden mit dem konfrontiert, was sie sonst immer verdrängen konnten. Möglicherweise würde dann doch ein anarchischer Kampf entbrennen (dies geschieht in P. D. James’ «The Children of Men» außerhalb des von einem Tyrannen beherrschten Englands; zudem wird eine Frau schwanger, und ihr Kind zum umkämpften Hoffnungszeichen).

Nun hat sich keiner der philosophischen Gesprächspartner Schefflers für eine konsequent nihilistische Position ausgesprochen. Eher wurde ­argumentiert, dass etwas in sich bedeutsam sein kann, ohne eine Zukunft zu haben.3 Damit trägt man der Erfahrung Rechnung, dass jedes menschliche Leben bedeutungsvolle Momente erlebt, obwohl wir alle wissen, dass diese Menschheit und ihr Planet mit Sicherheit untergehen wird, wenn auch möglicherweise erst in ferner Zukunft. Auch für Schefflers Position ist das der große Stolperstein. Er umgeht ihn mit dem Satz, dass eine solche Katastrophe zu wenig greifbar ist, um uns beeindrucken zu können (84). Doch damit macht er nur deutlich, dass er Aussagen über menschliche Einstellungen, nicht über objektive Sachverhalte treffen kann. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, müsste er auch der Wirklichkeit des Bösen und der Möglichkeit des Nihilismus begegnen können. Doch diese klammert er systematisch aus.

Viele Elemente aus Schefflers Argumentation sind dem christlichen Glauben wohl vertraut. Seine Weltdeutung erinnert an die Situation, die der biblische Noahbund in Genesis 9 beschreibt. Nach der Sintflut verspricht Gott, dass er seine Schöpfung nicht noch einmal dem Chaos preisgeben wird. Die Welt wird so zu einer fragilen «Einheit von Leben und Tod zugunsten des Lebens» (Günter Thomas), in der das Leben stets bedroht und für den Einzelnen begrenzt ist, sie als Ganze jedoch bewahrt wird. Die Menschen leben davon, dass ihre Welt Bestand hat, auch wenn sie ihre Zukunft nicht miterleben werden. Nur der Garant des Noahbundes fehlt bei Scheffler: der lebendige Gott, der sich selbst an seine Treue erinnern muss, weil nichts die Existenz dieser Menschen rechtfertigt, deren Bösartigkeit etwa im Turmbau zu Babel (Genesis 11) zeigt, dass eine abstrakte «Zukunft der Menschheit» gar nicht erstrebenswert wäre. Es ist allein Gott, der der Menschheit eine Zukunft geben kann und will. Unter den Bedingungen des Noahbundes muss das Leben des Einzelnen begrenzt und das Leben der Menschheit bewahrt werden: das sieht Scheffler, und er würdigt den Vorrang des Lebens vor dem Tod, der daraus spricht. Doch er sieht nicht, dass dadurch das Problem der Menschen nicht prinzipiell geklärt ist. Oder gibt er sich mit ihrer ambivalenten Situation zufrieden und versucht, das Beste daraus zu machen?

Der christliche Glaube geht davon aus, dass sich Gott nicht mit dieser Situation zufrieden gegeben hat. Die Bibel erzählt von seinen unzähligen Initiativen – maßgeblich am Volk Israel –, um die Menschen in Heil und Frieden zu bringen. In Jesus Christus erlöst er schließlich Israel und die Völker aus ihrer ambivalenten Situation, indem er von göttlicher und menschlicher Seite aus das Rechte tut und Neues schafft. Mit Christus stirbt die erste Schöpfung des Noahbundes, und mit ihm steht sie zu neuem Leben auf. Hier liegt der Grund für die christliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Denn das neue Leben in Jesus Christus, an dem der Gläubige hier und heute durch den Heiligen Geist Anteil hat, ist nicht mehr durch einen notwendigen Tod strukturiert. Der Tod gilt nur der alten Schöpfung. Aus diesem Grund stellt es für Christen kein Problem dar, dass es nicht einfach immer weiter gehen wird wie bisher. Denn sie hoffen auf das «Leben der zukünftigen Welt» (Nicaenum).

Es mag ein bisschen unfair sein, diese christliche Version einer «very short history of God and humanity» als Vergleichspunkt für Schefflers Essay heranzuziehen. Doch Scheffler provoziert dies geradezu mit seinen Grenzüberschreitungen. Zudem macht er in methodischer Hinsicht nicht viel anderes als christliche Theologie: Er geht von konkreten (in seinem Fall allerdings imaginierten) Sachverhalten zu prinzipiellen Sätzen über. Diese Form der Argumentation ist durchaus sympathisch, und sie lädt dazu ein, das vielschichtige biblische Narrativ in die Waagschale zu werfen.

Scheffler hat mit «Der Tod und das Leben danach» ein irritierendes und anregendes Manifest geschrieben. Offensichtlich sucht der Philosoph nach geeigneten Formen, um seine Überzeugungen vernünftig und klar zu artikulieren. Es bereitet Freude, ihm auf seinem Gedankengang zu folgen – weil er das Verteidigenswerte verteidigen will, weil er interessante Wege geht, und weil er sich einem echten Problem widmet.

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