Die Zeiten, in denen die Mission nicht nur religiösen, sondern auch wissenschaftlichen Gewinn abwarf, liegen noch nicht lange zurück. Ein Lehrstuhl für Missionswissenschaft gehörte noch vor kurzem zur Grundausstattung vor allem der evangelisch-theologischen Fakultäten im deutschsprachigen Raum. Der am 24. April im Alter von 89 Jahren verstorbene Theologe Horst Bürkle darf als eine der letzten markanten Figuren dieser Tradition gelten, zu der so bedeutende Namen wie Karl Graul, Gustav Warneck, Julius Richter und Joseph Schmidlin gehören und die letztlich auf Anstöße von Friedrich Schleiermacher und Johann Baptist von Hirscher zurückgeht.
Horst Bürkle, der bei Helmut Thielicke über die frühe dialektische Theologie und Martin Heidegger promoviert wurde, war Studentenpfarrer, Leiter der Missionsakademie und Dozent für Missions- und Religionswissenschaft an der Hamburger Theologischen Fakultät, ehe er 1968 an die neugegründete Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität München berufen wurde. Den dortigen Lehrstuhl für Missions- und Religionswissenschaft hatte er bis 1987 inne. Vorher und später nahm er Gastdozenturen u.a. in Kampala (Ostafrika), Seoul und Kyoto sowie Aufenthalte und Forschungszeiten in Brasilien, Indien und Neuguinea wahr. Von 1973–1975 war er Prorektor der Universität München.
Bürkles Forschungsgebiet war die interkulturelle Theologie. Er hat sie früh durch zwei Standardwerke bereichert, die Einführung in die Theologie der Religionen (1969) und die Missionstheologie (1977). Vor allem hat er durch seine Habilitationsschrift über den indischen Religionsphilosophen und Politiker Radhakrishnan (1965) für europäische Leser einen Zugang zum modernen Reformhinduismus geschaffen, der unter Aufnahme christlicher Gedanken und westlicher Grundwerte das Gemeinsame aller Religionen in einer hinduistisch begründeten mystisch-religiösen Erfahrung sucht. Auch zum Buddhismus, zu afrikanischen Religionen und zum Islam hat er zahlreiche Einzelstudien vorgelegt.
1987 trat Horst Bürkle zur katholischen Kirche über. Seine Fakultät reagierte verstört auf diesen Schritt. Vorübergehend geriet sogar die ökumenische Zusammenarbeit der Evangelischen und der Katholischen Theologischen Fakultäten in München in Turbulenzen. Nach zweieinhalb Jahren der Ungewissheit konnte Bürkle seine letzte Amtszeit bis zum Emeritierungsjahr 1999 am Seminar für Christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie, am «Guardini-Lehrstuhl», verbringen. In dieser Zeit las er über den «neuen Menschen» als Phänomen in den Weltreligionen, über Schuld und Schuldbewältigung, über Eschatologie im Christentum und im Buddhismus.
Auch aktuelle Ereignisse wie den Anschlag auf die «Twin Towers» in New York hat er kommentiert, indem er dessen religiöse Motive analysierte. Bürkle hatte ein waches Gefühl dafür, dass Religion auch ein tremendum sein konnte, eine Bedrohung und ein Schrecken. Zum Thema «Islam in Deutschland» hat er sich gleichwohl klar und zukunftweisend geäußert: «Wir erhoffen uns Mitbürger islamischen Glaubens, die in ihrer dritten Generation hier ‹zu Hause› sind.» Er mahnte dazu, bis in die letzten Tage hinein, «den Dialog mit den vernünftigen Kräften des Islam zu suchen». Zu seinem 75. Geburtstag wurde er durch eine umfangreiche Festschrift – Die Weite des Mysteriums –, herausgegeben von Klaus Krämer und Ansgar Paus, geehrt.
Ein «Missionar» ist er immer geblieben. Schon seine Großmutter hatte mit ihm «über der stets offenen Familienbibel» gebetet. Zeitlebens suchte er nach Wegen, unmittelbare religiöse Erfahrungen begrifflich zu erfassen und sie auf diese Weise vielen Menschen «begreiflich» zu machen, Missionarisches ins Philosophische und Theologische verwandelnd. Es kam ihm zugute, dass er in seinem Leben führenden Theologen begegnet war, die angesichts der Moderne vor ähnlichen Problemen der Umsetzung und Verdeutlichung standen: in seiner Studienzeit den Antipoden Karl Barth und Paul Tillich, im späteren Mannesalter Joseph Ratzinger und Walter Kasper.
Seit 1981 schrieb er regelmäßig für die Communio (bis 2012 insgesamt 23 Beiträge), wurde 1998 deren Mitherausgeber und beteiligte sich nicht nur durch stets kluge Anregungen und kritische Impulse an allen redaktionellen Diskussionen, sondern begleitete auch die Entwicklung der Zeitschrift mit freundschaftlichem Interesse.
In seinen letzten Lebensjahren waren Horst Bürkle, obwohl ihn immer wieder Krankheiten bedrängten, im Kreis seiner Kinder und Enkel und seiner kunstbegabten Frau Dorothee Zeiten der Erleichterung und Ruhe vergönnt. Er sah die Zeiterfahrung des Alters als einen Zugewinn. «Das dem Ende Zustrebende und der Wert im Jetzt – Fern- und Nahorientierung – halten sich in schöner, spannungsvoller Harmonie die Waage... Dass das Alter milde stimmt, ist keine christliche Tugend. Eher ist es schon das dankbare Gestimmtsein, das die Wegbegleiter mit einbezieht. Gewiss aber ist es das im Blick auf das Ende sich weitende Herz, das dem Unerledigten keinen Raum mehr gewährt».