Anfang 2024 entdeckte ein Anwalt, der seitdem seine Anonymität bewahrt, die versteckte offizielle Information, wonach die Präsidentin der Republik Ungarn eine Person begnadigt hatte, die wegen eines Straftatbestandes im Zusammenhang mit Pädophilie verurteilt worden war. Ein Journalist stieß zufällig auf die kurze Mitteilung des Anwalts, und wenige Tage später traten sowohl die ungarische Staatspräsidentin als auch die Justizministerin zurück.
Dieser Skandal bedeutete den ersten ernsthaften Riss im ideologischen Gebäude der ungarischen Regierung, die sich stets den Schutz von Kindern, Familien und des Christentums auf die Fahnen geschrieben hatte.
Kurz darauf gründete der ehemalige Ehemann der Justizministerin, Péter Magyar, eine Partei und erlangte von einem Tag auf den anderen enorme Unterstützung. Am 12. April 2026 gewann diese Partei die ungarischen Parlamentswahlen mit einer überwältigenden Mehrheit.
Orbáns Vorgehen gegen die Universitäten, seine Kritik an der unabhängigen Presse, seine einwanderungsfeindliche Politik und sein Bekenntnis zu angeblich christlichen Werten dienten als Vorbild für die Maßnahmen der republikanischen US-Regierung.
Die Wahlen waren nicht nur eine ungarische Angelegenheit. Ihre Bedeutung beschränkte sich auch nicht nur auf Europa: In den Vereinigten Staaten betrachtete die MAGA-Bewegung den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán als ideologisches Vorbild. Sein Vorgehen gegen die Universitäten, seine Kritik an der unabhängigen Presse, seine einwanderungsfeindliche Politik und sein Bekenntnis zu angeblich christlichen Werten dienten als Vorbild für die Maßnahmen der republikanischen US-Regierung. Diese ungarische Politik ist an diesem Wochenende gescheitert, und ihr Scheitern ist sowohl aus politischer als auch aus christlicher Sicht sehr lehrreich.
Selbstwidersprüche
In den letzten zwei Jahren wurden die öffentliche Debatte in Ungarn von drei Themenbereichen dominiert: der Bewertung weltgeschichtlicher Ereignisse, insbesondere des von Russland gegen die Ukraine geführten Krieges; wirtschaftlichen Fragen, vor allem den Problemen des täglichen Lebens der Menschen und der großen Versorgungssysteme; sowie den grundlegenden moralischen Phänomenen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens.
Es scheint, dass die nun gestürzte ungarische Regierung in allen drei Bereichen in Selbstwidersprüche geraten ist.
Nähe zu Russland und China
Erstens, weil sie sich zwar als Verfechterin des Friedens präsentierte, aber enge und freundschaftliche Beziehungen zu Russland pflegte, dessen militärisches Vorgehen sie als rational und legitim ansah. Die Ukraine wurde als feindliche Macht dargestellt, und absurderweise stufte die Regierung jeden als ukrainischen Spion ein, der ihre Position nicht teilte. Diese geradezu infantile Rhetorik war nach einer gewissen Zeit kaum noch ernst zu nehmen. Parallel dazu strebte Ungarn eine enge Zusammenarbeit mit China an, und es waren sogar Äußerungen zu hören, dass die offizielle ungarische Regierung in allen Punkten mit der chinesischen Politik übereinstimme. Der umweltschädliche Betrieb der in Ungarn ansässigen chinesischen Fabriken löste jedoch große Empörung aus.
Wirtschaftliche und soziale Probleme
Was das Alltagsleben betrifft, gab es ein Jahr, in dem die Inflationsrate in Ungarn bei 18 Prozent lag. Im Jahr 2025 stiegen die Immobilienpreise um fast 25 Prozent. Im gleichen Jahr wurde die niedrigste Geburtenrate verzeichnet, die jemals in der ungarischen Geschichte gemessen wurde. Der Zustand der Krankenhäuser ist äußerst schlecht, und sowohl Lehrer als auch Eltern sind mit dem Bildungssystem unzufrieden, zum Beispiel, weil alle aus staatlich vorgeschriebenen Lehrbüchern unterrichten müssen und keine freie Wahl erlaubt ist. Meine Frau ist Ärztin: In ihrem Bezirk gibt es einen sechsjährigen, schwerkranken Jungen, der zwei Jahre auf die erste Untersuchung im Krankenhaus warten muss – ganz zu schweigen vom Beginn der Behandlung!
Moralisches Versagen
Im Bereich der moralischen Fragen folgte in Ungarn in den letzten Jahren ein Skandal auf den anderen. In den letzten vier Jahren war Ungarn stets der korrupteste Staat in der EU. Die Freunde und Verwandten des Ministerpräsidenten sind in einem für die Mehrheit unannehmbaren Ausmaß reich geworden. Der Politiker, der mit der Überarbeitung der Verfassung betraut war und dem Schutz der traditionellen Familie besondere Aufmerksamkeit widmete, floh über eine Regenrinne von einer homosexuellen Orgie, mit Drogen im Rucksack. Der Leiter eines staatlichen Erziehungsheims zwang die Bewohnerinnen des Heims über zehn Jahre lang zur Prostitution, erhielt dabei jedoch staatliche Auszeichnungen und hielt regelmäßig Vorträge bei Veranstaltungen zum Kinderschutz. Als der Skandal ans Licht kam, sagte ein Verfechter der offiziellen Ideologie, dies sei kein ernstes Problem, da die Mädchen zumindest durch eigene Arbeit etwas Geld verdient hätten.
Leider gab es in den letzten Jahren in Ungarn viele solche Skandale.
Das Schweigen der Kirche
Unterdessen hüllten sich die Kirchen größtenteils in Schweigen, insbesondere die reformierte Kirche, der ein Großteil der Regierungsmitglieder angehört, aber auch die katholische Kirche. Eine Ausnahme bildet die lutherische Kirche, die eine höfliche und zurückhaltend-kritische Haltung eingenommen hat.
Unter dem Einfluss der Fördermittel und der christlichen Rhetorik der Regierung verschmolzen politische Identität und katholische Identität unter den ungarischen Katholiken oft vollständig miteinander: Als guter Katholik galt, wer die Politik der Regierung unterstützte, alle anderen galten als verdächtig oder als Feinde.
Leider interessierte sich die katholische Kirche nicht dafür, dass schwere soziale Ungerechtigkeiten begangen wurden, Denunziationen an der Tagesordnung waren und im Land eine Atmosphäre des Hasses und der Hetze herrschte. Zahlreiche Diözesen und Orden erhielten enorme staatliche Fördermittel; es gab eine kleinere Diözese, die fast 150 Millionen Euro für die Renovierung von Gebäuden erhielt, und einen kleinen Orden, der 40 Millionen Euro für Gebäude bekam.
Unter dem Einfluss der Fördermittel und der christlichen Rhetorik der Regierung verschmolzen politische Identität und katholische Identität unter den ungarischen Katholiken oft vollständig miteinander: Als guter Katholik galt, wer die Politik der Regierung unterstützte, alle anderen galten als verdächtig oder als Feinde. Noch in den vergangenen Tagen wurde behauptet, Viktor Orbán sei ein Gesandter Gottes, und sogar in Predigten wurde davon gesprochen, dass Viktor Orbáns politische Gegner Feinde Jesu Christi seien.
Für diejenigen, die nicht in Ungarn leben, ist diese Absurdität unvorstellbar, ebenso wie es sicherlich unverständlich ist, dass ein 17-jähriger Junge, der eine katholische Schule besucht, als Strafe wochenlang nicht als Messdiener tätig sein darf, weil er ein gemeinsames Foto mit einem Oppositionspolitiker gemacht hat.
Christlicher Widerstand
In den letzten zwei Jahren verfügte die Regierung nur noch unter den über 65-Jährigen und denjenigen ohne Abitur über eine Mehrheit. Parallel dazu wuchs auch unter christlichen Lehrern, Wissenschaftlern und Künstlern die Unzufriedenheit, und es bildete sich ein christlicher Widerstand gegen die offizielle Ideologie heraus. Noch weiß niemand, wie dieser Widerstand positiv und konstruktiv werden kann, da es praktisch keine öffentlichen katholischen Foren gibt, aber ich bin sehr zuversichtlich.
Die katholische Kirche muss lernen, wie sie zu einem öffentlichen Akteur in der Gesellschaft werden und wie sie moralische Grundsätze ohne ideologische Bindungen verteidigen kann.
In der neuen politischen Lage muss die katholische Kirche lernen, wie sie ihre moralische Autorität wiederherstellen kann, die sie in den vergangenen Jahren nicht uneingeschränkt ausüben konnte. Sie muss lernen, wie sie zu einem öffentlichen Akteur in der Gesellschaft werden und wie sie moralische Grundsätze ohne ideologische Bindungen verteidigen kann.
Leider schreckt die ungarische katholische Kirche seit den Sechzigerjahren nicht davor zurück, schwerwiegende Kompromisse mit dem jeweils herrschenden Regime einzugehen, und es scheint, dass sie auch fünfzig Jahre später noch nicht in der Lage war, ihre Unabhängigkeit und moralische Autorität wieder vollständig zurückzuerlangen. Am 12. April 2026 hat sie eine weitere Chance dazu erhalten.
In der offiziellen Kirchenpolitik Ungarns sind keine wesentlichen Veränderungen zu erwarten. Der künftige Ministerpräsident, Péter Magyar, ist der Patensohn des ehemaligen christlich-konservativen Staatspräsidenten Ferenc Mádl. Traditionelle Symbole spielten im Wahlkampf eine bedeutende Rolle; ja, Magyar berief sich im Laufe der Zeit immer häufiger auf christliche Topoi und bat regelmäßig um Gottes Segen für das Land. Ein erheblicher Teil der Wähler der Opposition ist konservativ eingestellt, und eine gegenüber der Kirche kritische Wende wäre in Ungarn politischer Selbstmord.
Die Wahl hat deutlich gemacht, dass wirtschaftliche Inkompetenz, die zu Armut und Rückständigkeit führt, ein repressives Bildungssystem und eine moralisch widersprüchliche christliche Selbstinterpretation für die Menschen auf Dauer nicht attraktiv sind. Ich bin mir sicher, dass dies vielfältige Konsequenzen haben wird, von den USA bis nach Deutschland und von Italien bis nach Polen.