"Der Fussball ist der bedeutendste Sport auf Erden, da er auf allen Kontinenten, in jedem Land und auf vielen verschiedenen Stufen gespielt wird. Ob bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ oder bei einem Spiel zwischen Kindern in einem abgelegenen Dorf – überall wird nach denselben Regeln gespielt. Diese grosse Errungenschaft gilt es im Interesse des Fussballs zu wahren" (IFAB 2026, 11).
Mit diesem Satz beginnt das offizielle Fußballregelwerk. Doch etwa die Entwicklungen der letzten Jahre rund um Video Assistant Referee sowie die damit einhergehende Technologisierung des Fußballs lassen bereits erste Zweifel an diesem universellen Anspruch aufkommen. Zwar mögen die Regeln formal überall dieselben sein; tatsächlich können Teile davon nur dort angewendet werden, wo die notwendige technische Infrastruktur und das nötige Kleingeld vorhanden sind.
Beunruhigendes Muster
Zwischen dem Spiel von Kindern in einem abgelegenen Dorf und dem Hochglanzprodukt einer Weltmeisterschaft liegt daher längst ein struktureller Unterschied. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 macht diesen Widerspruch noch deutlich sichtbarer. Es ist letztlich ein ganzes Bündel an Ereignissen, die nicht nur den universellen Charakter des Spiels tangieren, sondern auch die Integrität der FIFA und des Fußballs insgesamt.
Vorweggenommen sei, dass die folgenden Vorgänge in ihrer moralischen Bedeutung keineswegs identisch sind. Zusammengenommen lassen sie jedoch ein beunruhigendes Muster erkennen: Regeln, Statuten, Werte und Entscheidungen scheinen zunehmend davon abhängig zu sein, wer über Geld und (politische) Macht verfügt. Was für die einen unverrückbar gilt, wird für andere offenbar verhandelbar.
Globales Fest oder Event der Reichen?
Da ist zunächst die soziale Selektivität des Turniers: Die WM 2026 wird als globales Fest inszeniert, der unmittelbare Zugang zu ihr bleibt jedoch vor allem wohlhabenden Menschen vorbehalten oder stellt sich für Menschen mit geringerem Einkommen als große Herausforderung dar. Hohe Ticketpreise, dynamische Preisgestaltung und massiv gestiegene Kosten für Unterkünfte und Mobilität machen aus dem vermeintlichen Fest für alle zunehmend ein Event der Reichen. Die Folgen treffen zudem nicht nur reisende Fans, sondern auch Menschen in den Austragungsorten, die höhere Preise tragen müssen, obwohl sie an der Weltmeisterschaft vielleicht gar nicht teilhaben wollen.
Daneben stehen zahlreiche politische und sportpolitische Vorgänge: die Verleihung eines eigens geschaffenen "FIFA-Friedenspreises" an Donald J. Trump, die Teilnahme von FIFA-Präsident Gianni Infantino an dessen "Board of Peace", Einreiseverweigerungen gegenüber einem somalischen FIFA-Schiedsrichter und massive Einreisebeschränkungen für das iranische Nationalteam in die USA sowie das Verbot, mit einem Trauerflor zum Gedanken an die verstorbene Mutter des französischen Nationaltrainers Didier Deschamps aufzulaufen.
Letztlich wird sichtbar, dass es in diesem Spiel neben dem eigentlichen Spiel zunehmend um Geld, Einfluss und Macht geht. Zweck und Mittel haben sich dabei geradezu verkehrt.
Besonders schwer wiegt die Entscheidung, die statutengemäß vorgesehene Sperre des US-amerikanischen Spielers Folarin Balogun nach verhängter Roter Karte zur Bewährung auszusetzen. Zuvor hatte Trump öffentlich bestätigt, Infantino telefonisch um eine Überprüfung der Roten Karte gebeten zu haben. Auch Infantino bestätigte diesen Anruf. Die FIFA betonte zwar die Unabhängigkeit ihres Disziplinargremiums. Doch bereits der Eindruck, ein politischer Verantwortungsträger könne beim FIFA-Präsidenten intervenieren und damit eine für das eigene Nationalteam vorteilhafte Ausnahmeentscheidung begünstigen, beschädigt das Vertrauen in die Gleichbehandlung aller Beteiligten und die Unabhängigkeit des Verfahrens. Dabei blieb die verhängte Rote Karte selbst grundsätzlich bestehen; ausgesetzt wurde aber die daraus folgende automatische Sperre des Spielers.
Auch die vom US-Teamchef und anderen vielfach bemühte Frage nach Baloguns "Absicht" führt regeltechnisch in die Irre. Die IFAB-Spielregeln knüpfen grobes Foulspiel daran, ob die Sicherheit eines Gegners gefährdet oder mit übermäßiger Härte gespielt wird. Eine Verletzungsabsicht ist dafür nicht erforderlich – grobes Foul bleibt also grobes Foul, unabhängig von der Intention.
Politische Nähe und Einflussnahme
All dies geschieht, obwohl sich die FIFA selbst als politisch neutral bezeichnet und sich ausdrücklich zur Achtung der Menschenrechte bekennt. Eine solche Selbstzuschreibung darf und muss angesichts der Volatilität, mit der diese Neutralität ausgelegt wird, angezweifelt werden. Politische Nähe und Einflussnahme erscheinen offenbar dort unproblematisch, wo sie den Interessen der FIFA oder ihres Präsidenten dienen. Geht es hingegen um einen Trauerflor, eine Regenbogenarmbinde oder andere symbolische Ausdrucksformen, werden diese rasch als unzulässige politische Botschaften zurückgewiesen. Ein eigens geschaffener "FIFA-Friedenspreis" und die Teilnahme der FIFA am "Board of Peace" gelten demgegenüber offenbar nicht als unzulässige Politisierung des Fußballs. Neutralität wird damit sehr selektiv ausgelegt und in ihrem eigentlichen Anspruch ad absurdum geführt.
Letztlich wird sichtbar, dass es in diesem Spiel neben dem eigentlichen Spiel zunehmend um Geld, Einfluss und Macht geht. Zweck und Mittel haben sich dabei geradezu verkehrt. Nicht mehr die Strukturen rund um den Fußball dienen dem Spiel, vielmehr droht der Fußball selbst zum Mittel ökonomischer Interessen, politischer Selbstinszenierung und persönlicher Machtsicherung zu werden.
Die "wichtigste Nebensache der Welt" ist längst ein milliardenschweres Geschäft mit globalen Absatzmärkten und mächtigen Einzelinteressen. Funktionäre wie Infantino und Politiker wie Trump haben erkannt, wie sehr sie von diesem System profitieren können und schädigen damit nachhaltig den Fußball als Ganzes.
Wer trägt die Verantwortung?
Diese Entwicklung steht dem "Spirit of the Game" als Ethos des Fußballs diametral gegenüber. Dieser richtet sich nicht allein an Spielerinnen und Spieler, die schiedsrichterliche Entscheidungen respektieren sollen. Werte wie Fairness, Achtung der Spielregeln, Respekt vor dem sportlichen Gegner und Mitverantwortung für den Fußball gelten für alle Beteiligten: für Verbände und Funktionäre ebenso wie für Sponsoren, Medien, Fans und politische Verantwortungsträgerinnen und -träger. Und das sowohl im konkreten Spiel selbst als auch als auch in den institutionellen, ökonomischen und politischen Strukturen, die diesen Sport organisieren und prägen.
Die "wichtigste Nebensache der Welt" ist längst ein milliardenschweres Geschäft mit globalen Absatzmärkten und mächtigen Einzelinteressen. Funktionäre wie Infantino und Politiker wie Trump haben erkannt, wie sehr sie von diesem System profitieren können und schädigen damit nachhaltig den Fußball als Ganzes. Umso dringlicher stellt sich die Frage nach aktiver Verantwortungsübernahme. National- und Kontinentalverbände dürfen sich nicht als unbeteiligte Beobachter geben. Sie konstituieren die FIFA mit und stehen daher in der Verantwortung, Missstände öffentlich zu benennen und auf transparente Verfahren, unabhängige Kontrollinstanzen, sozial-verträgliche Ticketmodelle und die tatsächliche Einhaltung menschenrechtlicher Verpflichtungen zu drängen und letztlich auch aktiv Handlungen zu setzen, sollten Standards nicht gewahrt werden.
Die Weiterentwicklung des Fußballs sollte sich an dem ihm zugrunde liegenden Ethos und nicht an den kommerziellen oder machtpolitischen Interessen Einzelner orientieren. Dafür braucht es jedoch die Bereitschaft aller Beteiligten, Verantwortung nicht nur von anderen einzufordern, sondern sie im eigenen Handlungsbereich auch tatsächlich wahrzunehmen.
Zudem darf auch die Verantwortung der Fans nicht ausgeblendet werden. Unsere Leidenschaft und unser Konsum machen den Fußball erst zum "bedeutendsten Sport auf Erden". Einzelne Fans können die strukturellen Probleme des Weltfußballs zwar nicht lösen. Doch Fußballkonsum ist letztlich auch keine völlig private oder moralisch neutrale Angelegenheit. Wer schaut, reist, kauft und schweigt, trägt dieses System zumindest ein Stück weit mit.
Was folgt aus der WM 2026?
Die WM 2026 reiht sich nach Russland 2018 und Katar 2022 in eine Folge äußerst problematischer Turniere ein. Zugleich wirft die bereits an Saudi-Arabien vergebene WM 2034 ihre Schatten voraus. Es bleibt abzuwarten, ob die globale Fußballfamilie aus den vergangenen und gegenwärtigen Geschehnissen zu lernen und schließlich auch zu handeln bereit ist. Oder ob erneut jahrelanges Schweigen folgt, bis unmittelbar vor dem nächsten Turnier die Empörung wieder ebenso groß sein wird wie die Zahl jener, die am Ende dennoch zuschauen, konsumieren und mitfeiern.
Letztlich liegt es an uns allen, ob wir diese Entwicklungen weiterhin hinnehmen oder aktiv Mitverantwortung für die Zukunft des Fußballs übernehmen. Die Weiterentwicklung des Fußballs sollte sich am "Spirit of the Game", also an dem ihm zugrunde liegenden Ethos und nicht an den kommerziellen oder machtpolitischen Interessen Einzelner orientieren. Dafür braucht es jedoch die Bereitschaft aller Beteiligten, Verantwortung nicht nur von anderen einzufordern, sondern sie im eigenen Handlungsbereich auch tatsächlich wahrzunehmen.