Scharf kritisierte der Papst am 14. Mai 2026 in Rom aktuelle Entwicklungen der internationalen Politik. Vor Studenten und Dozenten der Universität Sapienza beklagte er die immer lauter werdende Kriegsrhetorik und kritisierte die kostspielige Hochrüstung Europas. Sie schmälere Investitionen in Bildung und Gesundheit, bereichere kleine Eliten und untergrabe das Vertrauen in die traditionelle Diplomatie.
Deren Vorrang vor kriegerischer Gewalt hatte 1839 der britische Autor und Politiker Edward Bulwer-Lytton in seinem Drama "Richelieu" mit einem Satz zusammengefasst: "The pen is mightier than the sword!" Auf der Bühne, später sogar in einem Hollywood-Film, überwand Bulwer-Lyttons romantisierter Kardinal Gewalt und Intrigen durch Umsicht, überlegte Wortwahl und vernünftiges Handeln. Sind diese Eigenschaften in Vergessenheit geraten?
Bereits Wochen vor der päpstlichen Grundsatzrede hatte der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, den historischen Paradigmenwechsel beklagt, der heute Gewalt als selbstverständliches Mittel der Politik nutzt. Das trifft nicht nur im Heiligen Land zu. Seit mehr als vier Jahren tobt im Osten Europas der russisch-ukrainische Krieg. In Westasien erschüttert die Auseinandersetzung zwischen der israelisch-amerikanischen Koalition und dem Iran die Weltwirtschaft. Weltweit werden Regeln des Völkerrechts und die Autorität der Vereinten Nationen missachtet. Zudem beunruhigt Europa die Frage: Wird die Sicherheit der NATO-Staaten noch vom Bündnis mit Washington garantiert?
Jenseits des Völkerrechts
Feder und Schwert gehören jedenfalls der Vergangenheit an. Über soziale Medien versandte Kurzbotschaften ersetzen diplomatische Verbalnoten. Auf den Kriegsschauplätzen werden elektronisch gesteuerte Distanzwaffen, Drohnen und Raketen, gegen Bevölkerungszentren und strategische Infrastruktur eingesetzt. Elektronische Aufklärung erfasst feindliches Führungspersonal und ermöglicht seine präzise Ausschaltung.
War das viel beschworene Ideal einer rules based order jemals mehr als ein frommer Wunsch?
Der rasante technologische Wandel ermöglicht eine in Krisenlagen kaum mehr zu hemmende und häufig medial verstärkte Eskalationsdynamik. Auf ihre Gefahren machte Leo XIV. in seiner Rede vor der Sapienza nachdrücklich aufmerksam. Theoretische Betrachtungen der Ursachen tragen zur praktischen Gegenwartsbewältigung zwar nur wenig bei, aber dennoch bleibt für die Gesamtbewertung der Lage die historische Perspektive wichtig. Sie führt vor Augen, dass das überlieferte Völkerrecht, das bis ins 20. Jahrhundert als jus publicum Europaeum Verbindlichkeit beanspruchte, im Zuge seiner Entwicklung zur globalen Ordnungsidee zwar allgemeine deklaratorische Zustimmung fand, aber gleichzeitig an Bindungskraft verlor.
War das viel beschworene Ideal einer rules based order jemals mehr als ein frommer Wunsch? Selbst der Titel von Kants berühmter Schrift "Zum ewigen Frieden" ist nicht ohne Ironie, handelt es sich doch um den Namen einer Friedhofskneipe. Dennoch bot die europäische Völkerrechtsidee dem politischen Verkehr eine weithin akzeptierte normative Orientierung. Die strikte Unterscheidung von Krieg und Frieden im Westfälischen Frieden von 1648 war die Rechtsgrundlage, auf der sich das jus publicum Europaeum als dynamische Ordnung entwickeln konnte und den Frieden zwischen den europäischen Staaten durch Verträge, Konventionen und verbindliche Präzedenzfälle regelte und, falls notwendig, wieder herstellte.
Diplomatie zwischen Krieg und Frieden
Außerhalb des akzeptierten normativen Rahmens wurde Diplomatie funktional als Instrument zweckgerichteter Kommunikation eingesetzt. Als pragmatisches Mittel einer von Interessen geleiteten Politik verfolgte sie in der Regel zwar das Ziel, zur Wahrnehmung eigener Interessen möglichst gute und konfliktfreie Beziehungen zu pflegen und Gewalt zu vermeiden. Aber sie bot auch die Möglichkeit, zumindest verdeckt Optionen und Positionen vorzubereiten, die für den Beginn oder die Fortsetzung eines Krieges vorteilhaft erschienen.
Diplomatie, die auf Gewalt hinwirkt, verdrängt den friedlichen politischen Verkehr, verbindet Feder und Schwert. Der historische Kardinal Richelieu nutzte meisterhaft beide Instrumente in feiner Orchestrierung. Als er sechs Jahre vor dem Westfälischen Frieden starb, hatte er diplomatisch und militärisch sein strategisches Langzeitprogramm, den Aufstieg Frankreichs zur kontinentalen Hegemonialmacht, bereits weitgehend verwirklicht. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein konnte Frankreich als arbiter Germaniae die Geschicke Europas und des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation maßgeblich mitbestimmen.
Die Diplomatie verändert ihre Gestalt, wenn sie zwischen Krieg und Frieden wie ein Chamäleon neue und hybride Mischformen entwickelt.
Zwar lehnte Richelieu als katholischer Kirchenfürst und erster Diener des französischen Königs den Agnostizismus und den Republikanismus seines Vorläufers Macchiavelli ab. Aber wie der Florentiner folgte er den Grundsätzen der Staatsräson, für die Kriegs- und Friedensziele dasselbe sind, nämlich politische Ziele. Der Unterschied liegt nicht in der Substanz, sondern im praktischen Verfahren, in der Beimischung von Gewalt. Clausewitz bezeichnete den Krieg deshalb als Fortsetzung der Politik mit gewaltsamen Mitteln und nannte ihn ein "Chamäleon", das sich situationsgerecht der jeweiligen Lage anpasse.
Auch die Diplomatie verändert ihre Gestalt, wenn sie zwischen Krieg und Frieden wie ein Chamäleon neue und hybride Mischformen entwickelt. Sie begleiten heute den russisch-ukrainischen Krieg. Nach überliefertem Völkerrecht wird Krieg als normativer Zustand durch die dazu berufenen Vertreter einer Kriegspartei erklärt. Manche Zuhörer zuckten deshalb zusammen, als am 24. Januar 2023 die deutsche Außenministerin vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarats verkündete "We are fighting a war against Russia!" Moskau schoss auf die erkennbar unüberlegte Rhetorik lediglich propagandistisch zurück. Dennoch ist Deutschland mit seinen außergewöhnlich hohen finanziellen Subsidien und materiellen Hilfen für die Ukraine nicht mehr neutral. Den hybriden Zustand deutscher Politik hat Bundeskanzler Friedrich Merz so beschrieben: "Wir sind nicht im Krieg. Aber wir leben auch nicht mehr im Frieden."
Möglichkeiten gewaltbegleitender Diplomatie
Zwischen Krieg und Frieden stehen der Politik unterschiedliche Formen gewaltbegleitender Kommunikation zur Verfügung. Selbst die Kriegsparteien können über back channels Kontakt aufnehmen und Friedensfühler ausstrecken. Neutrale Staaten, internationale Organisationen und Einzelpersönlichkeiten haben die Möglichkeit, gute Dienste zur Vorbereitung von Friedensgesprächen anzubieten oder als "ehrliche Makler" eigene Überlegungen zur Konfliktlösung einzubringen.
Über zusätzliche Optionen verfügen große Mächte und starke Koalitionen. Sie können, falls sie Interesse an einem raschen Kriegsende haben, aktiv werden und Zwangsmaßnahmen, etwa Sanktionen, verhängen. Zu den hybriden Mischformen der Diplomatie gehört auch das appeasement, bei dem eine am Konflikt nicht unmittelbar beteiligte starke Macht aus Eigeninteresse eine schwächere Partei ohne Rücksicht auf Völkerrechtslage und moralische Erwägungen beschwichtigt und zum Nachgeben drängt: "Accomodate the strong, lean on the weak!" Druckmittel gibt es genug: Entzug von materieller und finanzieller Hilfe, Duldung von völkerrechtswidrigem Verhalten der stärkeren Partei, ja sogar deren verdeckte militärische oder nachrichtendienstliche Unterstützung. Nicht ohne Grund hat Appeasement einen schlechten Ruf. Aber es kann dennoch Kriege verhindern, zu einem raschen Kriegsende beitragen, Blutvergießen und humanitäre Katastrophen verhindern. Ob es sachgerecht war oder nicht, zeigt sich allenfalls im Rückblick.
Großmächte oder starke Koalitionen können den Kriegsparteien zudem eigene Vorschläge übermitteln und mit der Drohung verbinden, gegen die Partei, die sie ablehnt, militärisch vorzugehen. Über diese Option verfügen allerdings nur Akteure, die das Kriegsrisiko nicht scheuen und zum Krieg bereit sind.
Ein Beispiel ist die diplomatische Einmischung westlicher Mächte in die Kosovo-Krise 1998/99. Sie griffen schließlich gewaltsam ein, nachdem ihre Vorschläge zur Beilegung des Konflikts am hartnäckigen Widerstand des jugoslawischen Präsidenten Milosevic gescheitert waren. Der Luftkrieg der NATO beendete die akute Krise und die Herrschaft des Friedensstörers in Belgrad. Damals waren die Risiken einer militärischen Einmischung des Westens noch überschaubar, während der Verzicht auf die angedrohte Intervention einen kaum reparablen Reputations- und Machtverlust der NATO und ihrer Führungsmacht USA bedeutet hätte.
In der kritischen Zone
Heute ist die Weltlage eine andere und das Risiko eines nicht mehr einzudämmenden Flächenbrandes unübersehbar. Bereits Papst Franziskus hatte während seines Pontifikats vom "Weltkrieg in Teilen" gesprochen. Leo XIV. wird in seinen Warnungen noch deutlicher. In seiner Rede in der Sapienza verwies er nicht nur auf das Friedensgebot der italienischen Verfassung, sondern kritisierte auch scharf den enormen Anstieg der europäischen Rüstungsausgaben, die über die Notwendigkeit einer wehrhaften Landesverteidigung hinausgingen.
Erfolgsversprechende Friedensverhandlungen setzen bei allen Beteiligten die Bereitschaft voraus, für zentrale Streitpunkte langfristige Lösungen zu finden.
Sind Wege zu erkennen, die aus der gefährlichen Grauzone zwischen Krieg und Frieden herausführen? Erfolgsversprechende Friedensverhandlungen setzen bei allen Beteiligten die Bereitschaft voraus, für zentrale Streitpunkte langfristige Lösungen zu finden. Dazu gehören militärische Einzelthemen wie Demobilisierung, Abrüstung und Rüstungskontrolle. Besonders sensibel aber sind strittige Territorialfragen und ihre demografischen Folgen, etwa ein Bevölkerungsaustausch, dauerhafte Sicherheitsgarantien nach Kriegsende sowie Kompensationen und Reparationen.
Mit allen Punkten bleibt die Grundsatzfrage verbunden, wie die künftige Machtverteilung zwischen den Parteien insgesamt bei der zusammenfassenden Gesamtbetrachtung bewertet wird. Hier können pragmatische und sachgerechte Einzelregelungen auf unüberwindliche Grenzen stoßen. Sie lassen sich am Beispiel des Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) aufzeigen. Dieser "gemeinsame und umfassende Aktionsplan" war zwischen 2013 und 2015 von den USA und dem Iran unter Beteiligung der Russischen Föderation, Chinas, Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands ausgehandelt worden. Sein Ziel war die Beschränkung des iranischen Atomprogramms auf zivile Zwecke. Im Gegenzug sollten internationale Wirtschaftssanktionen gegen den Iran schrittweise gelockert werden.
Das Verhandlungsergebnis war ein Meisterstück der Rüstungskontrolldiplomatie, doch es blieb trotz seines verheißungsvollen Namens eine thematisch eng begrenzte Regierungsvereinbarung, die es nicht vermochte, eine regionale Friedensordnung für Westasien zu begründen. Zu einer solchen sind bis heute weder der Iran noch Israel bereit. Eine Ratifizierung des JCPOA als völkerrechtlich bindender Vertrag unterblieb, weil Israel seine Interessen nicht gewahrt sah, sich von Anfang an in Washington gegen das Abkommen stellte und erfolgreich bemüht blieb, seinen politischen Einfluss im US-Kongress auch nach Abschluss der Vereinbarung in Washington geltend zu machen. Am 8. Mai 2018 kündigte die US-Regierung unter Präsident Donald Trump einseitig das JCPOA. Ein amerikanischer Spitzendiplomat, der es mitverhandelt hatte, charakterisierte danach die Außenpolitik seines Landes schon 2019 als "Zwangsdiplomatie", die nur noch Zwang, aber keine Diplomatie mehr kenne und die Kriegsgefahr erhöhe.
Im 19. Jahrhundert wollte Bulwer-Lytton mit seinem "Richelieu" dem Publikum das Beispiel klugen diplomatischen Handelns vor Augen führen. Aber schon lange steht sein unterhaltsames Lehrstück nicht mehr auf dem Spielplan. Umso wichtiger ist es, die unmissverständlichen Warnungen Leos XIV. vor einer Spirale der Vernichtung ernst zu nehmen. In einer von Gewalt überschatteten Gegenwart kommt es darauf an, das Vertrauen in die Diplomatie als Instrument friedlicher Politik zu stärken und auf die Rhetorik des Krieges zu verzichten.