CHRIST IN DER GEGENWART: Lange Zeit galt die These: Religion – in welcher Form auch immer – gehört zum Menschsein dazu. Die dramatischen kirchlichen Abbrüche der letzten Zeit haben die Debatte um diese Grundannahme neu entfacht. Ist Religion vielleicht doch keine anthropologische Konstante? Wie beobachten Sie diese Diskussion, Herr Professor Tück?
Jan-Heiner Tück: Wir leben in einer Welt, in der unklar ist, welche Rolle Religion einnimmt. Die einen sagen, man könne gut ohne Gott sein Leben führen. Es fehlt nichts, wo Gott fehlt. Andere sagen: Doch, das Religiöse ist eigentlich das Entscheidende. Und wieder andere sagen, Säkularisierung gibt es überhaupt nicht. Was es gibt, sind vielfältige Idole, die an die Stelle Gottes treten.
Wie ist Ihre Position in dieser Frage?
Wir leben in einer Gesellschaft – jedenfalls in Deutschland und Österreich –, in der Säkularisierung und religiöse Indifferenz tatsächlich zunehmen. Ich würde allerdings nicht sagen, dass dies dazu führen sollte, das theologische Menschenbild zu revidieren. Ich glaube, der Mensch ist gottfähig, auch wenn er nicht Gottes bedürftig zu sein scheint. Kurz gesagt: Wir haben eine Antenne fürs Absolute – aber sie kann natürlich eingefahren bleiben.
Immer mehr Menschen erklären, dass ihnen mit genau dieser Haltung nichts fehlt. Was „bringt“ es denn, die Gottes-Antenne auszufahren und auf Empfang zu stellen?
Zunächst erweitert sich unser Radius. Die sichtbare, greifbare, also mit den Sinnen erfahrbare Wirklichkeit ist die primäre Wirklichkeit. In der sinnlichen Erfahrung kann sich aber auch eine Intensität ergeben, die darauf schließen lässt, dass ein echter Realist sich mit einer Wirklichkeit über diese Wirklichkeit hinaus konfrontiert sieht. Der polnische Dichter Czesław Miłosz, der stets mit seinem Glauben gerungen hat, formuliert es in einem wunderbaren Gedicht so: „Herr, deine Gegenwart, die so augenscheinlich ist, wiegt mehr als jedes Argument. In meinem Nacken, auf meinem Rücken spüre ich deinen warmen Atem … Ich spreche die Worte deines Buches, die menschlich sind, so menschlich wie deine Liebe und dein Zorn. Schließlich hast du selbst uns erschaffen nach deinem Ebenbild. Ich will die geheimnisvollen Paläste vergessen, die von den Theologen errichtet wurden. Du betreibst keine Metaphysik.“
Dass Sie einen Dichter zitieren, ist kein Zufall, sondern zieht sich durch Ihr Forschen und Lehren. So haben Sie unter anderem in Wien die Poetikdozentur „Literatur und Religion“ initiiert. Welchen besonderen Beitrag sehen Sie in Kunst und Kultur für die Frage nach Gott?
Kunst und Kultur können Brücken über diese Welt hinaus schlagen. Ich nenne sie Spuren des Heiligen heute. „Das Heilige“ ist bewusst ein weiter und offener Begriff, der Intensitätsmomente – theologisch gesprochen: Epiphanien – in den Blick zu nehmen sucht, welche die Gegenwart verwandeln können. Oft geschieht dies nur ganz flüchtig, es ist aber dennoch registrierenswert. Solche Intensitätsmomente zeigen, dass wir nicht im geschlossenen Käfig der Säkularität leben. Dass es diese Spuren der Transzendenz gibt, kann nachdenklich stimmen und staunen lassen. Es kann auch der Appell sein, die Antennen, die ins Transzendente weisen, auszufahren. Das ist natürlich keine direkte Antwort auf die aktuelle Debatte über die Rolle von Religion. Aber vielleicht ist es ein ergänzender Hinweis: Schaut mal näher hin! Es gibt Brückenschläge und Sehnsuchtspotenziale – Spuren –, die von religionssoziologischen Rastern nicht erfasst werden. Ganz generell sind Kunst und Kultur gewissermaßen Medien, die den Glauben selbst für agnostische Zeitgenossen präsent halten. Auch der, der nicht glaubt oder meint, nicht glauben zu können, kommt in Museen oder Konzertsälen ja permanent mit christlichen Motiven in Berührung und wird dadurch mitgeprägt. In jedem Fall scheint mir die These einer fortschreitenden und unaufhaltsamen religiösen Indifferenz zu eng und daher ergänzungsbedürftig.
Wo Sie die „klassische Theologie“ ansprechen: Wie sehen Sie deren Funktion? Ist sie in der unmittelbaren Ansprache womöglich weniger wichtig?
Wenn ich Kunst und Kultur starkmache, ist das gleichzeitig kein Votum gegen die Begriffsarbeit der Theologie. Wir Menschen sind Vernunftwesen und haben Fragen, die rational bearbeitet werden müssen. Deshalb bleibt Theologie als Medium der Reflexion zentral. Aber ich verweise auf etwas, das meines Erachtens in der aktuellen Diskussion zu kurz kommt: Es gibt im Feld von Kunst und Kultur ästhetische Evidenzen einer Präsenz, für die Schriftsteller wie Peter Handke, Jon Fosse und Czesław Miłosz ein waches Gespür haben. Diese Anstöße, sich auf das Abenteuer Gottes einzulassen, bewegen sich im Vorhof der Theologie, die dann auf der Basis von Schrift und Tradition die Sinnangebote des Glaubens einspielt und rational weiterbearbeitet.
Es gibt ja auch in der Kunst Trends und, wenn man so will, Moden. Was würden Sie sagen: Hat die Beschäftigung mit dem Heiligen gerade mehr oder weniger Konjunktur?
Das ist unterschiedlich. In der Musik war die Berührungsangst zum Sakralen nie sehr groß, selbst im 20. Jahrhundert nicht. In der bildenden Kunst ist es dagegen eine Zeit lang absolut verpönt gewesen, religiöse Sujets auf die Leinwand zu bringen. Auch in der Literatur war es lange uncool, von Gott oder der Transzendenz zu sprechen. Heute ist das interessanterweise wieder anders. Gerade in der Poetikdozentur in Wien habe ich die Erfahrung gemacht, dass Dichterinnen und Dichter, die mit Grenzfragen des Lebens ringen, oft transzendenzaffin sind, also offen für religiöse Fragen. Direkt greifbar ist das bei Literaten wie Sibylle Lewitscharoff, Thomas Hürlimann und Felicitas Hoppe. Aber auch bei Autoren, die in dieser Hinsicht eher zurückhaltend sind, ist das überraschend oft der Fall. Nehmen Sie beispielsweise den Berliner Schriftsteller Hartmut Lange, der sich als Agnostiker versteht. In seinem Werk geht es um das menschliche Trostbedürfnis, das sich immanent nicht mehr beantworten lässt. So gibt es bei ihm im Imaginationsraum der Literatur etwa die Liebesgeschichte eines NS-Täters mit einer Jüdin. Was historisch unmöglich und moralisch anstößig ist, das gibt es hier – die Versöhnung einer Täter-Opfer-Konstellation. Hartmut Lange spielt das mit einer solchen Intensität durch, dass es auch für die Eschatologie denkwürdig ist.
Nicht jede oder jeden zieht es zu anspruchsvoller Literatur. Welche anderen Werke aus Kunst und Kultur können Sie empfehlen, um „das Heilige“ zu finden? Vielleicht haben Sie ja sogar eine Art Einsteigertipp?
Vor anderthalb Jahren habe ich die Eifel bereist und die Bruder-Klaus-Kapelle von Peter Zumthor wahrgenommen. Sie steht wie ein Wehrturm auf einem Feld, und wenn man hineingeht, ist man von dieser postmodernen, sakralen Architektur unmittelbar überwältigt. Dieses Gebäude ist so kühn und originell, dass es die Macht des Heiligen sinnlich erfahrbar macht. Das spüren auch Menschen, die mit der Kirche nichts am Hut haben. Ähnlich ging es mir mit einem Musikstück. Wir haben in Wien einmal ein Symposion über Olivier Messiaen veranstaltet, bei dem ein Organist dessen Werk Les Corps Glorieux („Die verklärten Leiber“) aufführte. Messiaen hat es 1939 komponiert, vor dem Zweiten Weltkrieg, als hätte er da schon geahnt, dass das große Morden bald beginnen würde. Dem stellt er die Hoffnung auf integrale Vollendung, bis in die Körperlichkeit, entgegen – und macht dies in seiner Musik erfahrbar.
Paulus schreibt im Brief an die Römer (1,20), dass Gottes Wirklichkeit auch „an den Werken der Schöpfung“ wahrgenommen werden kann. Ist das gleichwertig zu den Schöpfungen in Kunst und Kultur?
Selbstverständlich kann das Heilige in der Natur begegnen. Wenn ich einen Berggipfel erklimme und in die weite Landschaft schaue oder einen Sonnenaufgang erlebe, dann sind das ebenso Erfahrungen der Erhabenheit. Wir können übrigens auch den Binnenraum unserer Kirchen und Kathedralen in den Blick nehmen. Die Stille, die leuchtenden Kirchenfenster, das ewige Licht vor dem Tabernakel oder der Augenblick, wenn man eine gotische Kathedrale betritt und von der Architektur überwältigt wird – da gibt es einen großen Fächer von Möglichkeiten, das Heilige wahrzunehmen. Ich will das auf keinen Fall auf literarische, musische, architektonische oder künstlerische Zugänge einengen, auch wenn das meine bevorzugten Zugänge sind.
All diesen Zugängen gemeinsam ist der Überwältigungsmoment. Wie kann von da aus der Weg zu einem inhaltlichen Gottesbild sein?
Zunächst einmal finde ich, dass es sich lohnt, diese Schwelle genauer in den Blick zu nehmen. Das ist ja eine echte Provokation für diejenigen, die behaupten, Säkularität sei das alles Vorherrschende. Ich halte dagegen: Wenn Säkularität ehrlich mit sich selbst umgeht, stellt sie fest, dass der genannte Käfig der Säkularität, von dem manche ausgehen, immer wieder durchstoßen wird auf etwas anderes hin. Aber es stimmt: Der zweite Schritt wäre, dieses Andere, das hier spurenhaft aufleuchtet, im Licht des Glaubens zu deuten. Hier kommt dann die Theologie ins Spiel, die beschreibt, dass das, was wir erfahren, Ausdruck des Schöpfergottes ist, der uns diese Welt mit allem, was in ihr zu finden ist, als Gabe anbietet. Mit anderen Worten: In der Welt kommt auch etwas vor, das wir Offenbarung nennen.
In Ihrem neuen Buch „Minima theologica“ haben Sie 40 Text-Miniaturen zusammengestellt, in denen Sie an und über die Schwelle der Transzendenz führen. Lässt sich so an Werken der Kunst eine neue Sicht auf die Welt einüben – also auch sonst „hinter die Dinge“ blicken?
Die Stücke sind im besten Fall tatsächlich eine Schule der Aufmerksamkeit. Die Leserinnen und Leser können einüben, sich aus den beschleunigten Lebenswelten von heute herauszunehmen, ihre Antennen auszufahren, ihre Wahrnehmungsmuster zu entautomatisieren und sich zu öffnen ... Das ist eine Form von Spiritualität, die nicht primär auf die Meditation biblischer Texte aus ist, sondern eher eine verdichtende Wirklichkeitswahrnehmung zum Ziel hat. Und die lässt sich eben auch beim Lesen von Aufzeichnungen von Peter Handke, von Romanen von Jon Fosse oder von Notaten von Botho Strauß finden. Dazu hat ja auch Papst Franziskus in seinem Schreiben über die Literatur aus dem vergangenen Jahr eingeladen (vgl. CIG Nr. 40/2024; Anm. d. Red.). Lesen erweitert den Horizont. Lesen schult die Empathie, andere Lebenswelten wahrzunehmen und sich davon berühren zu lassen – was immer auch heißt, ein anderer zu werden.