Gesellschaftliche Kämpfe um Diversität in Forschung und LehreAnmerkungen aus der Perspektive einer Hochschulleitung

Gesellschaftliche Kämpfe um Diversität prägen gegenwärtig Forschung, Lehre und institutionelle Kulturen an Hochschulen. Der Beitrag analysiert diese Auseinandersetzungen aus der Perspektive einer Hochschulleitung und versteht Diversität nicht primär als identitätspolitische Kategorie, sondern als Struktur-, Freiheits- und Governancefrage von Wissenschaft. Im Zentrum stehen die Spannungen zwischen legitimen Ansprüchen, Diskriminierungsschutz, pluraler Zumutung und der Freiheit von Forschung und Lehre. Mit Blick auf aktuelle hochschulpolitische und gesellschaftliche Debatten wird deutlich, dass Diversität nicht nur eine zentrale Vo-raussetzung wissenschaftlicher Qualität, sondern auch eine wesentliche Dimension der institutionellen Ver-antwortung von Hochschulen ist.

Summary / Resumé

Gabriele Gien/Thomas Metten: Social Struggles Over Diversity in Research and Teaching. Observations from the Perspective of University Administration

Social struggles over diversity are currently shaping research, teaching, and institutional cultures at universities. This article analyzes these debates from the perspective of university leadership and views diversity not primarily as a category of identity politics, but as a matter of structure, freedom, and governance in academia. The focus is on the tensions between legitimate claims, protection against discrimination, pluralistic demands, and the freedom of research and teaching. In light of current debates in higher education policy and society, it becomes clear that diversity is not only a central prerequisite for academic quality but also an essential dimension of universities’ institutional responsibility.

Gabriele Gien, Thomas Metten : Les luttes sociales autour de la diversité dans la recherche et l’enseignement. Remarques du point de vue d’une direction d’établissement d’enseignement supérieur

Des luttes sociales autour de la diversité marquent actuellement la recherche, l’enseignement et les cultures institutionnelles dans les établissements d’enseignement supérieur. L’article analyse ces polémiques du point de vue de la direction d’une école supérieure et considère la diversité non pas en première ligne comme une catégorie de la politique identitaire, mais comme une question de structure, de liberté et de gouvernance de la science. L’accent est mis sur les tensions entre, d’une part, les revendications légitimes, la protection contre les discriminations, les exigences du pluralisme et, d’autre part, sur la liberté de la recherche et de l’enseignement. Dans la perspective des débats actuels dans la société et en particulier sur la politique universitaire, il apparaît clairement que la diversité n’est pas seulement une condition majeure de la qualité scientifique, mais aussi une dimension essentielle de la responsabilité institutionnelle des établissements d’enseignement supérieur.

Warum Diversität heute umkämpft ist

Diversität gilt in pluralen demokratischen Gesellschaften als zugleich Ausdruck und Voraussetzung des menschenrechtlichen Versprechens der „Gleichfreiheit“ (Étienne Balibar) aller. In ihr bündeln sich Ansprüche auf soziale Anerkennung, demokratische Teilhabe und gleiche Rechte ebenso wie Erwartungen an gesellschaftliche Kohäsion, Solidarität oder demokratische Konfliktfähigkeit. Über lange Zeit wurde Vielfalt – jenseits normativer Begründungen – primär als Ressource betrachtet: als Innovationsmotor in der Wirtschaft, als produktiver Faktor in Organisationen, als Voraussetzung gesellschaftlicher Lern- oder wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit. In den vergangenen Jahren hat sich die Semantik wie auch die politische Bewertung von Diversität jedoch spürbar verschoben. „Diversität“ ist nicht nur zu einem politischen Schlagwort geworden, das zur Positionierung auffordert, vielmehr markiert der Begriff Konfliktlinien, anhand derer sich Orientierungen und Selbstverständnisse von Akteursgruppen unterscheiden. Die Auseinandersetzungen an Hochschulen in Deutschland und Europa, aber auch in den USA, waren und sind hierbei geprägt von zum Teil stark umkämpften Konzepten wie Wokeness, Cancel Culture oder Identity Politics. Dabei hat der „Streit um Pluralität“ (Juliane Rebentisch) in der Gegenwart bisweilen den Charakter eines Kulturkampfes angenommen, der bis in die Seminare und Forschungsprogramme der Hochschulen hineinreicht.

Die zum Teil hitzigen Debatten sind eingebettet in tiefergreifende gesellschaftliche Transformationsprozesse: Autoritäre Regressionen, ­wachsende Polarisierungen, ökologische ­Krisen und beschleunigte technologische Entwicklungen stellen die normativen Grundlagen pluraler Demokratien zunehmend infrage. Diversitätspolitiken geraten hierbei von unterschiedlichen Seiten unter Druck: durch offene Abwertungen und Angriffe, aber auch durch subtilere Formen der Delegitimierung, Instru­mentalisierung oder Vereinfachung. Besonders sichtbar wird dies in aktuellen Auseinandersetzungen um geschlechtliche Identitäten und sexuelle Orientierung. Doch auch andere Aspekte von Diversität – religiöse Überzeugungen, Herkunft, körperliche oder seelische Dispositionen – stehen unter dem Anpassungs- und Konformitätsdruck einer vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft, die ihren Anspruch auf Normalität immer weniger reflektiert.

Hochschulen nehmen in diesen Konfliktlagen eine besondere Stellung ein: Sie sind Orte, an denen gesellschaftliche Pluralität nicht nur abgebildet, sondern systematisch reflektiert und verhandelt werden kann – in Forschung und Lehre, in ihren institutionellen Strukturen, akademischen Kulturen, aber auch im Dialog mit der Gesellschaft. Zugleich sind Hochschulen selbst Teil eines zunehmend umkämpften öffentlichen Raums. Wilhelm Krull (2017) hat eindrücklich beschrieben, wie Hochschulen unter wachsenden externen Erwartungshaltungen stehen, gesellschaftliche Relevanz, normative Orientierung und politische Wirksamkeit zu demonstrieren, ohne ihre institutionelle Autonomie und die Freiheit von Forschung und Lehre preiszugeben. Dass gesellschaftliche Wandlungsprozesse nicht linear verlaufen, sondern von Widerständen, Zielkonflikten und notwendigen Aushandlungen gesellschaftlicher Werte und Orientierungen geprägt sind, verdeutlichen Uwe Schneidewinds Überlegungen zur „Großen Transformation“ (2018). Die Debatten um Diversität lassen sich als Teil dieser Transformationsprozesse verstehen: Sie fordern bestehende Welt- und Selbstverständnisse heraus, irritieren etablierte Werte und Orientierungen und verlangen reflexive, lernfähige Institutionen.

Die Spannungslagen und Veränderungen unserer Gesellschaften bilden insofern auch den Hintergrund aktueller Konflikte um Diversität an Hochschulen. Gesellschaftliche Kämpfe um Diversität lassen sich hierbei nicht nur als Konflikte um die soziale Anerkennung einzelner Gruppen begreifen, sie berühren ebenso grundlegende Fragen nach der institutionellen Gestalt von Wissenschaft, nach den Bedingungen von Erkenntnisproduktion und der demokratischen Qualität akademischer Öffentlichkeiten. Der vorliegende Beitrag nimmt diese Spannungslagen aus der Perspektive einer Hochschulleitung in den Blick. Er versteht gesellschaftliche Kämpfe um Diversität nicht primär als Störung, sondern als Ausdruck notwendiger gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse, die institutionell gerahmt, verantwortungsvoll moderiert und ethisch reflektiert werden müssen. Ziel des Beitrags ist es daher, Diversität als Struktur-, Freiheits- und Governancefrage zu analysieren, die Vielschichtigkeit aktueller Entwicklungen kenntlich zu machen und damit einen Beitrag zu einer fundierten Debatte über die Rolle von Hochschulen in pluralen demokratischen Gesellschaften zu leisten.

Diversität jenseits von Identitätspolitik

Diversität wird in öffentlichen Debatten zunehmend als Identitätsfrage verhandelt, die u. a. auf Geschlecht, sexuelle Orientierung, ethnische oder kulturelle Zugehörigkeit bezogen ist. Die Beschreibung sozialer Vielfalt hält jedoch nicht nur unterschiedliche Identitäten fest. Im Kern sind Differenzen oftmals mit Hierarchien, Marginalisierung oder fehlender sozialer Anerkennung verbunden. Diversität umfasst folglich mehr als die Inwertsetzung von Vielfalt, vielmehr geht es um die Frage, wie eine sozial gerechte, inklusive Gesellschaft möglich werden kann. Verbindet man die Beschreibung von Vielfalt mit dem Anspruch auf Gleichheit, zeigt sich, dass die genuine Qualität des Diversitätsbegriffs erst im Zusammenspiel deskriptiver und normativer Aspekte verständlich wird. Diversität bedeute zwar Verschiedenheit, so Georg Toepfer (2020), ziele aber auf die Gleichheit derjenigen, die von Ausgrenzung, Benachteiligung oder Unterdrückung betroffen sind.

In den vergangenen Jahrzehnten hat diese Leitidee immer wieder wichtige emanzipatorische Impulse freigesetzt, wenn hierdurch Verletzungen von Gleichheitsansprüchen in den Blick gerückt wurden. Axel Honneth (1994, 194) hat herausgestellt, dass es gerade die moralisch motivierten Kämpfe gesellschaftlicher Gruppen sind, die erweiterten Formen der wechselseitigen Anerkennung institutionell und kulturell zur Durchsetzung verhelfen – und durch die sich normativ gerichtete Veränderungen von Gesellschaften vollziehen. Es gehört allerdings auch zum Diversitätsbegriff, dass die Betonung des Differenten Unterschiede festschreiben kann. Die mit dem Diversitätsbegriff verbundenen Veränderungen lassen sich zum einen daher als Emanzipationsgeschichte und moralischer Fortschritt (Jaeggi 2023) darstellen, während Gegner:innen einwenden, dass Diversität eher eine Identitätspolitik befördere, die den Gemeinsinn erodiere.

Diversitätspolitiken an Hochschulen müssen daher selbst Gegenstand kritischer Reflexion sein. Sie müssen berücksichtigen, dass etablierte Kategorien wie Geschlecht oder Herkunft ein weitgehend abstraktes Kategoriensystem darstellen, das die innere Differenziertheit ebenso wie Überlagerungen („Intersektionalität“) kaum in den Blick rückt. Stefan Hirschauer (2021) hat deutlich gemacht, dass wir im Alltag permanent Unterscheidungen zwischen Menschen treffen. Jede birgt das Potenzial für Verschiebungen der Machtbalance. Asymmetrisch werden Unterscheidungen, wenn sie mit Bewertungen einhergehen, die zu Geringschätzung, Diskriminierung oder Stigmatisierung führen. Dabei sind die Übergänge von latenter Stereotypisierung zu expliziter Diskriminierung fließend. Es ist also nicht damit getan, soziale Ungleichheiten entlang von Diversitätskategorien zu berücksichtigen, vielmehr setzt Diversitätspolitik an Hochschulen einen differenzierten Blick für die vielfältigen Praktiken voraus, die nicht nur einen Unterschied machen, sondern Ungleichheit schaffen.

Hinzu kommt, dass Formen der Ungleichbehandlung tief in institutionellen Strukturen verankert sind. Benachteiligend sind auch Infrastrukturen, Architekturen oder administrative Prozesse. Es gilt daher zu prüfen, welche Strukturen Barrieren oder Hürden schaffen, die zu einer Verungleichung führen. Die zunehmende Bedeutung digitaler und KI-gestützter Systeme verschärft diese Anforderungen. Kritische Analysen der sozialen Wirkungen algorithmischer Systeme haben diese Problematik früh herausgearbeitet. Cathy O’Neil spricht in Weapons of Math Destruction etwa von mathematischen Modellen, die durch ihre Reichweite und Intransparenz soziale Ungleichheiten nicht nur abbilden, sondern systematisch verstärken. Gesellschaftliche Kämpfe um Diversität finden folglich nicht mehr nur in politischen oder kulturellen Arenen statt, sondern verlagern sich auch in technologische Infrastrukturen und Algorithmen. Gerade dort, wo Entscheidungen automatisiert, standardisiert und skaliert werden, besteht die Gefahr, die Erfordernisse sozialer Gerechtigkeit unbemerkt zu unterlaufen.

Diversität verweist insofern auf tiefere strukturelle, institutionelle und kulturelle Ordnungen moderner Gesellschaften. Gerade Hochschulen machen diese Spannung deutlich: Sie gelten einerseits als Orte besonderer Offenheit, Reflexivität und Chancengleichheit. Andererseits sind sie – wie Sabine Hark und Johanna Hofbauer in ihrer Analyse der ungleichen Universität eindrücklich zeigen – selbst von historisch gewachsenen Macht- und Ungleichheitsstrukturen durchzogen. Diese Ungleichheiten entstehen gerade auch durch organi­sationale Routinen, Karrierepfade, Bewertungsmaßstäbe und implizite Normalitätsannahmen, die bestimmten ­Lebensentwürfen, Habitusformen oder biografischen Verläufen strukturelle Vorteile verschaffen, andere hingegen benachteiligen.

Eine solche Perspektive verschiebt den Fokus hin zu den teils komplexen Bedingungen, durch die Unterschiede hervorgebracht und als Benachteiligungen wirksam werden. Umgekehrt ist die Zielsetzung, dass Hochschulen die Gleichstellung ihrer Mitglieder anstreben, nicht damit gleichzusetzen, dass Differenzen nivelliert werden sollen. Sozialethisch betrachtet verweist Diversität auch auf ein Spannungsverhältnis von Anerkennung und Zumutung. Diversität bedeutet nicht nur Schutz vor Diskriminierung, sondern auch die wechselseitige Zumutung, mit Differenz zu leben, sie auszuhalten und produktiv zu verarbeiten. Gerade hier entstehen aktuell immer wieder erbitterte Konflikte: Kritiker:innen wenden ein, dass eine auf Identitätspolitik verengte Diversitätsdebatte Gefahr laufe, diese Zumutungsdimension zu verdecken. Identitätspolitik führe zu einer Moralisierung, bei der Zugehörigkeiten festgeschrieben und Konflikte individualisiert werden, während strukturelle Ursachen von Ungleichheit aus dem Blick geraten.

Eine solche Kritik zeichne sich, so Martinez Mateo (2022, 487), zunehmend jedoch durch ein Desinteresse daran aus, „was die beteiligten Personen und Bewegungen tatsächlich sagen, wie sie es begründen, wogegen sie sich wenden und wofür sie damit einstehen“. Tatsächlich bedeutet Identitätspolitik nicht, dass sich eine Gruppe allein mit ihren Problemen beschäftigt, sondern dass Missstände aufzeigt werden, die die Gesellschaft insgesamt betreffen. Wenn sich daher ein „genervter Ton“ angesichts vermeintlicher Befindlichkeiten breit macht, so wird übergangen, dass es reale Diskriminierungen sind, die zu Kämpfen um Anerkennung führen. Identitätspolitik ist gerade dort konstruktiv, wo sie Wirklichkeit analysiert, um mit Bezug auf empirisch erfasste Probleme politische Maßnahmen zu fordern, die ein Mehr an Gerechtigkeit ermöglichen. Dabei dient die Nutzung von Kollektivkategorien dazu, Formen der Ungleichbehandlung sichtbar zu machen. Ein solcher „strategi­sche[r] Essenzialismus“ (Gayatri C. Spivak) setzt jedoch stets ein Bewusstsein dafür voraus, dass homogene Kollektive nicht existieren. Differenzen hervorzuheben kann strategisch wichtig sein, Identitätspolitik darf aber nicht zum Selbstzweck werden. Ihr emanzipatives Potenzial entscheidet sich nicht an der Berufung auf Identität, sondern daran, ob aus spezifischen Erfahrungen allgemeine Maßstäbe der Gerechtigkeit gewonnen werden können.

Für Hochschulen stellt sich damit die Herausforderung, Diversität nicht nur als normatives Bekenntnis, sondern als systematische Gestaltungsaufgabe zu begreifen. Dies betrifft Zugangswege ebenso wie Personalentwicklung, Governance-Strukturen, Entscheidungsverfahren über die Studiengangzulassung und die Organisation von Forschung und Lehre. Diversitätspolitiken, die sich auf Repräsentationsfragen beschränken, bleiben daher notwendig unvollständig, wenn sie nicht mit einer kritischen Reflexion institutioneller Praktiken und Rahmenbedingungen verbunden sind. Zugleich dürfen strukturelle Analysen nicht dazu führen, individuelle Erfahrungen von Diskriminierung zu relativieren oder unsichtbar zu machen. Vielmehr gilt es, beide Ebenen – die individuelle und die institutionelle – systematisch miteinander zu verschränken. In dieser Perspektive erscheint Diversität weniger als Zielzustand denn als dauerhafte Aufgabe. Sie ist ein dynamischer Prozess der kritischen Prüfung, dessen Gestaltung immer wieder nachjustiert und neu ausgehandelt werden muss. Vor diesem Hintergrund rücken Forschung und Lehre in den Blick.

Forschung und Lehre als umkämpfte Praxisfelder

Forschung und Lehre sind keine gesellschaftsfreien Räume. Sie sind soziale Praxisfelder, in denen wissenschaftliche Erkenntnis, normative Erwartungen und politische Deutungen aufein­andertreffen. In den gegenwärtigen Auseinandersetzungen um Diversität wird diese Verflechtung besonders sichtbar. Hochschulen werden zugleich als „Safe Spaces“ für vulnerable Gruppen, als Orte kritischer Gesellschaftsanalyse und der Sicherung von Wissenschaftsfreiheit in den Blick genommen. Diese Mehrfacherwartungen erzeugen Spannungen, die sich unmittelbar in Forschung und Lehre niederschlagen.

In der Forschung zeigen sich gesellschaftliche Kämpfe um Diversität in der Auswahl von Fragestellungen, in der Bewertung von Methoden und in der Legitimation bestimmter Erkenntnisinteressen. Debatten über sensible Forschungsgegenstände, über Sprache und Kategorienbildung oder über die Grenzen des Sagbaren verdeutlichen, dass wissenschaftliche Praxis zunehmend unter normativen Rechtfertigungsdruck gerät. In der Zeitschrift Forschung & Lehre wird seit mehreren Jahren darauf hingewiesen, dass Wissenschaftsfreiheit gerade dort gefährdet ist, wo Forschung nicht mehr allein nach wissenschaft­lichen Kriterien beurteilt wird, sondern vorab politischen oder moralischen Erwartungen genügen soll. Beiträge zu „Cancel Culture“, zu Kontroversen um Gastvorträge oder zur Selbstzensur in der Wissenschaft machen deutlich, dass diese Entwicklungen nicht randständig sind, sondern den akademischen Alltag vieler Disziplinen berühren. Der Wissenschaftsrat hat diese Spannungsfelder in seinem Positionspapier „Wissenschaftsfreiheit – Verantwortung – Vertrauen“ (2022) ausdrücklich aufgegriffen. Darin betont er, dass die Freiheit von Forschung und Lehre konstitutiv für das Wissenschaftssystem ist und auch dort geschützt werden muss, wo wissenschaftliche Erkenntnisse irritieren, provozieren oder gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten infrage stellen.

Während der Schutz der Wissenschaftsfreiheit für Hochschulen konstitutiv ist, wird hier aber auch deutlich, dass die Perspektiven jener, die von Ungleichbehandlung betroffen sind, weniger im Fokus stehen. Die Gefahr besteht darin, Diversität eher als intellektuelle Herausforderung zu begreifen, ohne die existenziellen Belastungen betroffener Personen wahrzunehmen. Gleichzeitig erweist sich das Verhältnis von Erkenntnisgewinnung und Diversität als deutlich komplexer: Zwar gehört objektives Wissen zum Ideal wissenschaftlicher Erkenntnis, feministische Epistemologie und Wissenschaftssoziologie haben hingegen gezeigt, dass Wissen stets in sozialen, politischen und ökonomischen Kontexten situiert und in Machtverhältnisse verstrickt ist (Haraway 1988). Wenn Frauen oder als queer markierte Perspektiven daher systematisch benachteiligt werden, erweist sich die kritische Reflexion und Sichtbarmachung der je eigenen Positionalität von Forschenden folglich als unabdingbar (vgl. Hoppe/Vogelmann 2024, 24 f). Armin Nassehi hat das Festhalten an der Vorstellung einer neutralen Forschung daher pointiert als „Wissenschaftskitsch“ bezeichnet (Nassehi 2017). Dass seitens des Bundesforschungsministeriums heute Themen wie Frauengesundheit eigens gefördert werden, ist auch der Tatsache geschuldet – darauf hat die feministische Kritik früh hingewiesen –, dass die Forschung lange Zeit teils nur mit männlichen Datensätzen gearbeitet hat.

Die kritische Revision des Objektivitätsbegriffs hat insofern deutlich gemacht, dass die Trennung von Wissen, der eigenen Position und Werten kaum aufrechtzuhalten ist. Dies erfordert einen starken Begriff der Reflexion, der auch post- und dekoloniale Perspektiven einbezieht, um Prozesse der Erkenntnisgewinnung stärker ethisch zu reflektieren. Zudem entscheiden heute Algorithmen mit darüber, welche Themen sichtbar werden, welche Perspektiven dominant sind oder marginalisiert bleiben (Noble 2018). Für die Forschung bedeutet dies, dass Diversität nicht nur sozial, sondern auch epistemisch unter Druck gerät: Wissensbestände werden vereinheitlicht, alternative Zugänge unsichtbar gemacht und hegemoniale Narrative verstärkt. Es steht daher außer Frage: Die Freiheit der Wissenschaften ist besonders schützenswert. Zugleich ist eine tiefergehende Reflexion von Erkenntnisprozessen notwendig, um versteckt wirksame Interessen, Machtgefüge sowie ihre situative, infrastrukturelle Gebundenheit in den Blick zu nehmen. Nicht nur die Einschränkung wissenschaftlicher Freiheit beschädigt die Erkenntnisproduktion, sondern auch mangelnde Diversitätssensibilität oder unzureichender Schutz vor Diskriminierung – wenn hierdurch Teilhabe, die Sichtbarkeit wenig gehörter Positionen oder argumentative Offenheit untergraben werden. Wissenschaftliche Exzellenz und Diversität sind insofern notwendig aufeinander verwiesen.

Ähnliche Herausforderungen ­zeigen sich in der Lehre. Studierende bringen unterschiedliche biografische Hintergründe, Verwundbarkeiten und Erwar­tungshaltungen mit. In Forschung & Lehre wird diese Entwicklung unter anderem in Beiträgen zu „Triggerwarnungen“, zu diskriminierungssensibler Lehre oder zur Rolle kontroverser Inhalte im Studium diskutiert. Einerseits besteht ein berechtigtes Anliegen, Lernräume möglichst diskriminierungsarm zu gestalten. Andererseits wächst die Sorge, dass Lehre ihre Funktion als Ort kritischer Auseinandersetzung verliert, wenn Zumutungen vermieden oder kontroverse Themen normativ eingehegt werden. Diese Konflikte sind nicht als Ausdruck individueller Überempfindlichkeit zu deuten, sondern als Folge struktureller Verschiebungen. Wie Sabine Hark und Johanna Hofbauer in Die ungleiche Universität zeigen, sind Hochschulen durchzogen von impliziten Normalitätsannahmen, die lange Zeit unhinterfragt blieben. Die fortgesetzte Demokratisierung der Hochschulen (und ihre Internationalisierung) hat eine Studierendenschaft entstehen lassen, die in ihren Voraussetzungen, Ansprüchen und Selbstverständnissen deutlich heterogener ist als dies lange Zeit an Hochschulen vertraut war (Hark 2025, 29). Hochschulbildung findet heute daher unter den Bedingungen der Differenz statt.

Die Infragestellung implizit fortbestehender Normen führt daher zwangsläufig zu Herausforderungen – auch in der Lehre. Problematisch wird es dort, wo diese entweder moralisierend personalisiert oder administrativ befriedet werden. Beides verfehlt den Kern wissenschaftlicher Praxis. Zugleich zeigt sich das Erfordernis, Ansätze einer Hochschulbildung weiterzuent­wickeln, die Formen des Peer-to-Peer-Lernens oder des kollaborativen Lernens fördern, um der Vielfalt der Voraussetzungen, Lerndispositionen und Wissensstände gerecht zu werden und die bestehende Seminarpraxis konsequent weiter zu dezentrieren. Ohne die Verabschiedung impliziter Normalitätserwartungen und eine gesteigerte Differenzsensibilität führen tief verankerte, homogenisierende Standards gerade hier zu Exklusion oder Studienabbrüchen, zumindest aber schränken sie die Vielfalt der Möglichkeiten ebenso wie die Gleichbehandlung einer heterogenen Studierendenschaft ein. Nur wenn diese Schritte vollzogen werden, lässt sich die Universität von einer Institution, die gesellschaftliche Ungleichheit reproduziert, zu einer Institution weiterentwickeln, an der mit bestehenden Differenz- und Ungleichheitsverhältnissen gebrochen wird, diese reflektiert und bestenfalls verändert werden. So verstanden sind gesellschaftliche Kämpfe um Diversität kein Störfaktor akademischer Praxis, sondern ein Prüfstein für ihre wissenschaftliche Integrität, für demokratische Qualität und ihre Fähigkeit, die Diversität ihrer Studierendenschaft ernst zu nehmen.

Wissenstransfer als öffentlicher Gestaltungsraum

Die gesellschaftlichen Kämpfe um Diversität verweisen auf tiefgreifende gesellschaftliche Transformationsprozesse, in denen zentrale Selbstverständlichkeiten pluraler Demokratien neu ausgehandelt werden. Hochschulen stehen hierbei nicht am Rand, sondern im Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Als Orte wissenschaftlicher Erkenntnis und akademischer Bildung sind sie in besonderer Weise gefordert, Diversität nicht nur zu spiegeln, sondern damit verbundene Konflikte aktiv mitzugestalten. Dabei bezieht sich ihr Gestaltungsauftrag nicht allein auf hochschulinterne Prozesse und Strukturen, vielmehr sind Hochschulen aufgrund ihres gesellschaftlichen Auftrags („Wissenstransfer“) besonders dazu geeignet, auch öffentlich zu einer kritischen Reflexion und Aushandlung von Konflikten beizutragen.

In seinen Empfehlungen zur Wissenschaftskommunikation (2021) hat der Wissenschaftsrat darauf verwiesen, dass Hochschulen Räume eines offenen, auch kontroversen Diskurses bleiben müssen. Wird diese Möglichkeit eingeschränkt – sei es durch politischen Druck, moralische Überformung oder vorsorgliche Selbstzensur –, verliert Wissenschaft nicht nur ihre akademische, sondern auch ihre gesellschaftliche Funktion. Wissenschaft lebt vom Widerspruch und der Möglichkeit, bestehende Deutungen infrage zu stellen. Auch Diversität ist oftmals nicht ohne Konflikt und Auseinandersetzung zu haben. Vielfalt beschreibt gerade nicht eine harmonische Ausgangslage, sondern kann zur Herausforderung werden – für Individuen und Institutionen. Diese Zumutungsdimension darf nicht durch vorsorgliche Harmonisierung oder normative Überformung neutralisiert werden. Ebenso wenig darf sie dazu führen, reale Diskriminierungserfahrungen zu relativieren oder Schutzbedarfe zu ignorieren. Die sozialethische Herausforderung besteht folglich darin, wissenschaftliche Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung, soziale Anerkennung und individuelle Zumutung institutionell miteinander zu verschränken. Gerade in konflikthaften Fragen gilt es, Spannungen nicht vorschnell zu befrieden, sondern sie reflexiv zugänglich und öffentlich gestaltbar zu machen – und hierbei die unterschiedlichen Ansprüche, Herausforderungen und Betroffenheiten aktiv zu berücksichtigen.

Somit kann es als Teil des öffentlichen Auftrags von Hochschulen gelten, immer wieder auch neue Diskursräume abseits medialer Aufmerksamkeitslogiken zu eröffnen, die eine tiefergehende gesellschaftliche Selbstverständigung ermöglichen. Institutionelle Autonomie und Wissenschaftsfreiheit bieten dazu einen Rahmen, der bestenfalls vor Einflüssen politischer oder wirtschaftlicher Akteur:innen schützt. Die kritische Reflexion von Ansprüchen oder Normen wird dabei gerade nicht als problematisch erfahren: Sie trägt dazu bei, bestehende soziale Ordnungen nicht bloß zu akzeptieren, sondern sie zu prüfen und strukturell bedingte Ungleichheiten kenntlich zu machen. Insbesondere Philosophie und Geisteswissenschaften können soziale Konflikte im Licht normativer Prinzipien erörtern, die in Ethik, Theologie oder Rechtwissenschaften entwickelt werden (Gabriel et al. 2022, 14). Erfahrungen der Marginalisierung können auf diese Weise in legitime Ansprüche und Gerechtigkeitsforderungen übersetzt werden. Treffen solche Ansprüche auf Widerstände, Eigeninteressen oder kulturell tradierte Selbstverständlichkeiten, kann Wissenschaft Argumente liefern und alternative Perspektiven eröffnen.

In den gesellschaftlichen Kämpfen um Diversität kommt den Wissenschaften damit eine wichtige öffentliche Funktion zu, wenn sie normatives Begründungswissen und gesellschaftliche Orientierungsangebote erarbeiten – und hierdurch zur Neuausrichtung gesellschaftlicher Handlungsräume beitragen. Die Wissenschaften bieten somit nicht nur Verfügungswissen, sondern auch Orientierungswissen, das Antworten auf die Frage bietet, was wir tun sollen (vgl. Mittelstraß 1992, 303 f.). Seine Integration in die Öffentlichkeit lässt sich durch Stellungnahmen von Ethikräten gestalten; direkter sind öffentliche Dialoge oder Beteiligungsprozesse. Durch die Etablierung solcher Formate können „heiße“ Konflikte entschleunigt werden, indem unterschiedliche Perspektiven Schritt für Schritt in einen strukturierten Austausch gebracht werden. Insbesondere Verfahren der Bürgerbeteiligung (partizipative und transdisziplinäre Forschung, Citizen Science) können abstrakte Prinzipien mit der Lebenswelt der Menschen verbinden. Gerade in diversitätsbezogenen Konflikten, etwa um diskriminierungssensible Sprache oder geschlechtergerechte Strukturen, zeigt sich, dass solche Prinzipien erst im Dialog mit konkreten Erfahrungshorizonten gesellschaftliche Tragfähigkeit gewinnen.

Aus diversitätssensibler Perspektive gilt es, Diskursräume dabei so zu gestalten, dass sie strukturelle Ungleichheiten (z. B. Zugänge, Artikulationsfähigkeit) möglichst ausgleichen. Nur dann ermöglichen sie eine faire Aushandlung, die die Akzeptanz von Verfahren und Ergebnissen erhöht. Wissenstransfer wird somit als dialogischer Prozess der gemeinsamen Bearbeitung sozialer Konflikte verstanden. Stellen Hochschulen institutionell gerahmte Öffentlichkeiten bereit, können unterschiedliche Positionen in einen begründeten Austausch überführt werden. Letztlich lassen sich solche Aushandlungsprozesse als kulturelle Praxis von Demokratien verstehen. Hochschulen sind prädestiniert, diese Praxis einzuüben und zu gestalten – nicht, weil sie konfliktfrei wären, sondern weil sie über institutionelle Ressourcen verfügen, Konflikte auch über die Grenzen der eigenen Institution hinaus produktiv zu machen. Auf diese Weise fungieren sie als intermediäre Akteur:innen, die immer wieder auch neue Verfahren demokratischer Selbstverständigung erproben können. Inwiefern sie dieser Aufgabe gerecht werden, entscheidet sich daran, ob sie Diversität nicht als moralisches Etikett, sondern als Voraussetzung wissenschaftlicher Freiheit und fairer, demokratischer Selbstverständigung begreifen.

Hochschulleitung zwischen Freiheit und Verantwortung

Der vorliegende Beitrag zeigt, dass Diversität nicht allein auf Fragen individueller Identität oder symbolischer Anerkennung reduziert werden kann. Diversität ist auch eine Struktur- und Governancefrage von Hochschulen. Sie berührt die Bedingungen wissenschaftlicher Erkenntnis ebenso wie institutionelle Entscheidungsprozesse, Bewertungsmaßstäbe und Formen gesellschaftlicher Öffentlichkeit. Hochschulleitungen nehmen hierbei eine besondere Rolle ein: Sie sind weder neutrale Beobachter:innen noch normative Schiedsinstanzen. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, Konflikte aufzulösen oder normative Eindeutigkeiten herzustellen, sondern darin, Verfahren, Strukturen und Kulturen zu sichern und zu fördern, in denen diese auf angemessene Weise bearbeitet werden können, ohne die Grundprinzipien von Wissenschaft zu untergraben. Diese Rolle ist spannungsreich. Hochschulen müssen daher einerseits Räume sein, in denen Diskriminierung, Herabwürdigung oder strukturelle Benachteiligung nicht hingenommen werden. Dieser Anspruch ist rechtlich wie sozialethisch begründet. Andererseits tragen Hochschulleitungen eine zentrale Verantwortung für die Sicherung der Freiheit von Forschung und Lehre. Wo diese Freiheit eingeschränkt wird – sei es durch politischen Druck, durch moralische Überformung oder durch institutionelle Übervorsicht –, verliert Wissenschaft ihre kritische Funktion.

Hochschulleitungen bewegen sich folglich in einem Spannungsfeld aus Freiheit, Verantwortung, Schutz und Steuerung. Problematisch wird es, wo diese Pole gegeneinander ausgespielt werden. Eine Führung, die sich primär als Stellvertretung unterschiedlicher Interessen versteht, läuft Gefahr, Wissenschaft normativ zu verengen. Eine Führung, die sich auf formale Neutralität zurückzieht, verkennt hingegen die realen Macht- und Ungleichheitsverhältnisse. Erforderlich ist vielmehr eine Haltung institutioneller Vermittlung: klare Regeln statt symbolischer Politik, transparente Verfahren statt ad-hoc-Entscheidungen, Verlässlichkeit statt situativer Moralisierung. Konkret bedeutet dies: Hochschulleitungen sind aufgefordert, Governance-Strukturen zu schaffen, die verlässlich Orientierung bieten – durch nachvollziehbare Entscheidungswege und definierte Verantwortlichkeiten. Wesentlich für eine werteorientierte Governance sind etwa Prüfverfahren, die bei der Einführung neuer Prozesse oder Strukturen erfassen, inwiefern diese mit Diversität und Nicht-Diskriminierung vereinbar sind. Welche Gruppen profitieren, welche könnten benachteiligt werden? Werden bestehende Ungleichheiten reproduziert oder verstärkt? Für wen entstehen Zugangshürden durch Sprache, Mehraufwände oder zeitliche Anforderungen? Entscheidend für die Etablierung und Anerkennung solcher Verfahren ist, dass sie aus der Perspektive möglicher Betroffener mitgestaltet sind.

Vertrauen in Wissenschaft und Institutionen hängt folglich von der Verlässlichkeit solcher Verfahren ab. Dabei gilt: Auch die Perspektive der Hochschulleitung ist nicht neutral. Selbst transparente, gut begründete Entscheidungsprozesse können von Betroffenen als unzureichend erlebt werden, wenn strukturelle Machtasymmetrien fortbestehen. Vielfach erzeugen Verfahren zwar formale Gerechtigkeit, aber nicht notwendigerweise Anerkennung. Die Anforderungen an Hochschulleitungen verschärfen sich zudem dort, wo aktuelle Konflikte unmittelbar in den Hochschulraum hineinwirken. Dies zeigt sich exemplarisch an den Auseinandersetzungen im Kontext des Israel-Palästina-Konflikts. Hochschulen sehen sich hier mit der Gleichzeitigkeit widersprüchlicher Ansprüche konfrontiert: dem berechtigten Schutz jüdischer Studierender und Mitarbeitender vor Antisemitismus, dem Schutz palästinensischer oder solidarischer Stimmen vor pauschaler Delegitimierung sowie der Sicherung von Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit. Diese Konflikte lassen sich weder durch Neutralitätsrhetorik noch durch vorschnelle Positionierungen auflösen. Vielmehr stehen Hochschulleitungen vor der Aufgabe, klare Grenzen gegenüber menschenfeindlichen oder gewaltverherrlichenden Positionen zu ziehen und zugleich offene Diskursräume für fundierte, kontroverse Auseinandersetzungen zu sichern.

Hochschulleitungen operieren dabei aus einer Perspektive, die nicht deckungsgleich mit den Erfahrungen derjenigen ist, die von Diskriminierung oder Benachteiligung betroffen sind. Das muss Gegenstand reflexiver Aufmerksamkeit bleiben. Dabei stellen gesellschaftliche Kämpfe um Diversität keine vorübergehenden Störungen dar, sondern dauerhafte Führungsaufgaben. Hochschulleitungen sind hierbei weniger Architektinnen fertiger Lösungen als Hüterinnen von Verfahren. In dieser Funktion tragen sie entscheidend dazu bei, dass Hochschulen Orte bleiben, an denen Diversität nicht nivelliert, sondern als Voraussetzung wissenschaftlicher und demokratischer Praxis ernst genommen wird. Folglich sind Hochschulen nicht nur Spiegel gesellschaftlicher Ungleichheiten, sondern potenzielle Orte ihrer kritischen Bearbeitung. Ob sie dieser Rolle gerecht werden können, hängt entscheidend davon ab, ob es gelingt, Diversität als Strukturprinzip wissenschaftlicher Praxis zu verstehen – und nicht als bloße Ergänzung bestehender Normalitätsannahmen. Nur so wird es möglich werden, die Vorstellung von Universität als einer weitestgehend homogenen Gemeinschaft sukzessive hinter sich zu lassen, um den Weg zu bahnen für eine künftige Universität, die sich als pluralen, inklusiven und dynamischen Raum begreift, in dem Solidarität nicht aus der kollektiven Identität ihrer Angehörigen erwächst, sondern aus der geteilten Praxis und dem gemeinsamen Auftrag an einer Universität.

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