Titelseite Amosinternational 3/2026

Heft 3/2026Gesellschaftliche Kämpfe um Diversität

Inhalt
1. Auflage 2026
Bestellnummer: Z940007
Erscheinungstermin PDF: 2026
Bestellnummer PDF: D105848

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Plus S. 5-12

    Kritik der Identitätspolitik

    Im Allgemeinen hält man nicht viel von Identitätspolitik; nicht wenige halten diese besondere Weise von Politik sogar für demokratiegefährdend. Dagegen wird eingewandt: Für diskriminierte Minderheiten ist Identitätspolitik eine, womöglich die einzige Möglichkeit, sich gegen homogenisierende Zuschreibung in der Gesellschaft zu wehren und ihre Diskriminierung zu politisieren. So gesehen ist Identitätspolitik ein Beitrag zur weiteren Demokratisierung der Demokratie. Dieses „Lob der Identitätspolitik“ – so wird in diesem Beitrag argumentiert – mag in einer vitalen Demokratie gelten, nicht aber dann, wenn – wie in Deutschland – die Demokratie auch wegen der inneren Dynamik fortlaufender Demokratisierung in der Krise steckt.

  • Gratis S. 13-20

    Gesellschaftliche Kämpfe um Diversität in Forschung und LehreAnmerkungen aus der Perspektive einer Hochschulleitung

    Gesellschaftliche Kämpfe um Diversität prägen gegenwärtig Forschung, Lehre und institutionelle Kulturen an Hochschulen. Der Beitrag analysiert diese Auseinandersetzungen aus der Perspektive einer Hochschulleitung und versteht Diversität nicht primär als identitätspolitische Kategorie, sondern als Struktur-, Freiheits- und Governancefrage von Wissenschaft. Im Zentrum stehen die Spannungen zwischen legitimen Ansprüchen, Diskriminierungsschutz, pluraler Zumutung und der Freiheit von Forschung und Lehre. Mit Blick auf aktuelle hochschulpolitische und gesellschaftliche Debatten wird deutlich, dass Diversität nicht nur eine zentrale Voraussetzung wissenschaftlicher Qualität, sondern auch eine wesentliche Dimension der institutionellen Verantwortung von Hochschulen ist.

  • Plus S. 21-29

    Geschlechterdiversität als neues Brennglas des Kulturkampfes um GenderVersuch einer Orientierungshilfe

    Unter den aktuellen gesellschaftlichen Konflikten um Diversität ist der Kulturkampf um „Gender“ und insbesondere um die Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Identitäten sicherlich einer der prominentesten. Ausgehend von der Einordnung des Kulturkampfes als übergreifendes Phänomen führt der Artikel in verschiedene Blickwinkel auf und Definitionen von „Gender“ ein, die den Diskurs dominieren. Unterteilt in drei Handlungsfelder – katholische Kirche, Politik, Öffentlichkeit – werden insgesamt vier Austragungsorte – Familie, Körper, Bildung und Sprache – für den globalen Norden mit Fokus auf Deutschland beispielhaft beleuchtet. Besondere Aufmerksamkeit liegt dabei auf der Debatte um trans* Identität und geschlechtliche Vielfalt als neues Brennglas für eine zunehmend diffuse und eskalativ geführte Debatte.

  • Gratis S. 30-37

    Die US-EntwicklungshilfeEin Opfer des Kulturkampfs um die Religionsfreiheit?

    Die zweite Trump-Administration betreibt einen radikalen Umbau der US-Entwicklungs- und Außenpolitik, dem u. a. die US-Entwicklungsbehörde USAID zum Opfer fiel. Begründet wurden die folgenschweren Streichungen nicht zuletzt mit dem Verweis auf ein bestimmtes Menschenrecht: die Religionsfreiheit. Der folgende Beitrag beschreibt die entsprechenden Narrative der MAGA-Bewegung und zeigt anschließend auf, welche populistischen Muster dieser Argumentation und Politik zugrunde liegen und was demokratische Kräfte in ihrer Reaktion darauf beachten sollten.

  • Plus S. 38-45

    Gesellschaftliche Anerkennung von Menschen mit PsychiatrieerfahrungEin langer Weg

    Die Bewegung der Psychiatrie-Erfahrenen wird von der Entstehung der Anstaltspsychiatrie über die NS-Euthanasie und die Psychiatriereformen beider deutscher Staaten bis zur UN-Behindertenrechtskonvention in den Blick genommen. Die Anliegen, Ziele und Erfolge der Bewegung werden mit dem sozialphilosophischen Begriff der Anerkennung reflektiert: Die Artikulierbarkeit von Marginalisierungserfahrungen wird mit Charles Taylor, der Kampf um Anerkennung mit Axel Honneth, die Berücksichtigung sozioökonomischer Marginalisierung mit Nancy Fraser und die existenzielle Erfahrung der Lebensbedrohung mit Judith Butler thematisiert. Es zeigt sich, dass der emanzipatorische Fortschritt zwar von den radikalen Teilen der Bewegung erreicht wurde, sich die Hoffnung heute aber auf die Kooperation mit reformorienten Teilen der Bewegung stützt.

Arts & ethics

Interview

  • Plus S. 46-52

    „Neurodiversität ist genauso wichtig für eine Gesellschaft wie Biodiversität“Inklusion von neurodivergenten Menschen in Gesellschaft, Arbeitswelt, Schule und digitaler Welt

    Menschliche Gehirne verarbeiten Informationen auf vielfältige Weise. Der Blick auf Neurodiversität als faktische Gegebenheit des Menschseins braucht einen Perspektivwechsel: weg von der Pathologisierung, hin zu Akzeptanz und Inklusion. Im Gespräch mit Amosinternational erläutert Wirtschaftsinformatikerin Claudia Lemke, warum gesellschaftliche Normen neurodivergente Menschen oft benachteiligen und wie Bildung, Digitalisierung und Arbeitswelt gerechter gestaltet werden können. Sie ordnet den aktuellen „Hype“ um Autismus und ADHS auf Sozialen Medien ein, plädiert für ein neuroinklusives Design am Arbeitsplatz und warnt vor doppelter Diskriminierung durch Künstliche Intelligenz. Entscheidend ist für sie die Veränderung von Strukturen, um Vielfalt als Bereicherung zu erleben und nicht als etwas, das sich in eine Norm pressen lassen muss.

Buchbesprechungen