Die Aufforderung entstammt dem Markusevangelium (Mk 10,49) und will Menschen Mut machen, ihrem Glauben zu folgen. Dem blinden Bartimäus gehen in der Begegnung mit Jesus die Augen auf. In dieser Situation sind es die Umstehenden, die ihm sagen: „Hab nur Mut, steht auf! Er ruft dich!“ So ereignet sich das, was er sich ersehnt.
Nicht nur Bartimäus, Menschen zu allen Zeiten waren und sind angewiesen auf Gemeinschaft, sind angewiesen darauf, mit Veränderungen umzugehen. Es kostet ihnen Kraft, nicht in Angst zu erstarren, sondern der Zukunft zu vertrauen und Wege ins Offene zu gestalten. Hab Mut, steh auf! Was für eine Botschaft in unsicheren Zeiten, wo vieles sicher Geglaubte wankt!
Dem Veranstalter ist es ein zentrales Anliegen, Mut zu machen, die Menschenwürde zu verteidigen. Wir stellen uns gegen Hass und Hetze, die das Klima in unserem Land zu vergiften drohen. Es ist christliches Profil, wenn wir sagen: Nicht mit uns! Es ist christliches Profil, wenn wir um tragfähige Lösungen gemeinsam ringen im friedlichen Diskurs.
Wanted
Das ganze Leben ist in Bewegung. Das lässt sich im politischen Raum gerade in den letzten Monaten beobachten. Vieles was sicher schien, ist fragil geworden. Wie damit umgehen, als Zivilgesellschaft, als Staat, als Bürger/-innen, als Kirche, als Christen?
Außenpolitisch hat der Angriffskrieg Putins in der Ukraine eine Zäsur gesetzt in Europa. Er ist zur Bedrohung für die Werte geworden, für die Europa steht. Gleichzeitig wird in der zweiten Amtszeit von Präsident Trump in den USA die Demokratie „mit der Brechstange“ bearbeitet. Vieles steht in Frage: das transatlantische Bündnis, der offene, weltweite Handel, das Selbstbestimmungsrecht souveräner Staaten sowie die internationalen Organisationen. Diese sind nicht zufällig nach dem Zweiten Weltkrieg neu entstanden bzw. gestärkt worden. Jetzt dagegen scheint anderes zu gelten. Die Stärke des Rechts wird durch das Recht des Stärkeren ersetzt. Deutschland ist, wie Europa insgesamt, dadurch in vielfältiger Weise herausgefordert. Neben dem Aufbau der eigenen Verteidigungsfähigkeit ist ein starkes Europa politisch überlebensnotwendig.
Innenpolitisch ist einzugestehen, dass manche notwendigen Transformationsprozesse vor sich hergeschoben wurden. Jetzt stehen Fragen der Generationengerechtigkeit, die Weiterentwicklung des Sozialstaats, Rückbau von überbordender Bürokratie und anderes mehr gleichzeitig und drängend auf der Agenda.
In einer solchen Situation haben es Populisten leichter als sonst. Menschen, die Orientierung suchen, werden verführt mit scheinbaren Sicherheiten, mit rechten Ideen. Man könnte darüber verzweifeln. Als ob jemals rückwärtsgewandtes Denken die Zukunft eröffnet hätte! Die Demokratie ist gefährdet. Allerorten ist spürbar, dass das Gemeinwesen gefährdet ist und dass um den Zusammenhalt neu gerungen werden muss. In einem solchen gesellschaftspolitischen Kontext sind Christen gefragt: Wie antworten sie auf diese Herausforderungen auf der Basis ihres Glaubens? Aus der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung wissen wir, dass sie sich überproportional ehrenamtlich engagieren, nicht nur innerhalb ihrer Kirche, sondern auch darüber hinaus, im gesellschaftlichen Raum. 49 Prozent der Katholiken sind auf diese Weise unterwegs. Deshalb sind sie gefragt als eine wichtige Ressource für eine starke Zivilgesellschaft oder anders gesagt: wanted – als Kitt in der Gesellschaft.
Ein Ort der Ermutigung
Es gibt einen Begriff, der in aller Munde ist für eine Diagnose unserer Zeit. Das ist „die Blase“. Längst wissen wir um die Gefahr des „Cocooning“, des Rückzugs in die eigene kleine Welt. Eine Diagnose aber ist noch längst keine Heilung. Wir wissen darum, haben aber nicht die geeigneten Wege gefunden, die Milieus zu öffnen und der Macht von Social Media zu widerstehen. Vielfalt und Diskurs müssen im öffentlichen Raum gestärkt werden. Doch, wo sind überhaupt noch Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Milieus, Herkünfte, Überzeugungen, Parteizugehörigkeit, jung und alt, reich und arm sich kommerzfrei begegnen können? Genau dieses Experiment wagen die Katholikentage.
Menschen aller christlichen Konfessionen und Religionen sind eingeladen; Ökumene hat einen immer selbstverständlicheren Platz. Allein ein Blick in das Programm und auch auf die Katholikentagsmeile zeigt, wie unterschiedliche kirchliche Initiativen mitwirken. Heuer sind es mehr als 300 Organisationen und Initiativen, die vor Ort sind. Sie laden ein, stellen sich vor, stellen sich dem Gespräch und suchen die Auseinandersetzung zu Gott und Welt. Sie alle eint, dass sie sich einladen lassen von diesem Ausruf der Ermutigung: Hab Mut, steh auf!
Eines hat auf dem Katholikentag auch 2026 keinen Platz: das sind Vorverurteilungen, rassistisches Gedankengut, Gewalt und Hetze. Der Katholikentag will ein Marktplatz sein, ein Ort des Dialogs und der Begegnung. Ein Ort, an dem Menschen miteinander nach Antworten suchen, Lösungen diskutieren, sich einmischen und sich einander zumuten mit ihren Gedanken, ihrer Religiosität, ihren Suchwegen. Der Katholikentag ist ein Ort, an dem Christen in großer Gemeinschaft ihren Glauben feiern. Und in all diesem will er ein prägnanter Ort der Ermutigung sein für alle Menschen.
Ein Blick zurück
Es ist gar nicht neu, dass Katholikentage in Umbruchzeiten prägnante Orte der Ermutigung sind. Das zeigen exemplarisch diese Katholikentage: 1848 Mainz, 1949 Bochum und 1968 Essen.
Die Generalversammlung der Piusvereinigungen vom 1. bis 6. Oktober 1848 gilt als erster Deutscher Katholikentag. Eine besondere Bedeutung erhielt diese Versammlung durch die aktive Mitwirkung einer Delegation katholischer Parlamentarier der Paulskirche. Vorausgegangen war die Gründung von Piusvereinen im gesamten deutschsprachigen Raum in einem starken Tempo. Der Impuls entsprach ganz dem bürgerlichen Kontext in dieser Zeit. Das ursprüngliche Ziel, kirchliche Freiheit zu sichern, erledigte sich politisch zwar bald, weil diese in den Verfassungen im Deutschen Bund, in Österreich und Preußen gesichert wurde. Der Verein als Strukturprinzip behielt jedoch seine Kraft und ermöglichte den Katholiken, selbstbewusst und öffentlich Präsenz zu zeigen, und sollte für den Ausbau des Vereins- und Verbandswesens in der katholischen Kirche prägend bleiben.
Der 73. Deutsche Katholikentag fand im September 1949 im noch zerstörten Bochum statt und erreichte unter dem Motto „Gerechtigkeit schafft Frieden“ mehr als 500.000 Teilnehmende. Er gilt als erste Großveranstaltung nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland und musste von den alliierten Besatzungskräften noch genehmigt werden. Wie wenige Katholikentage davor und danach gingen von diesem Katholikentag wirksame Impulse zur Neugestaltung der Sozialpolitik aus.
Als drittes herausragendes Beispiel sei der 82. Deutsche Katholikentag 1968 in Essen genannt. Sein Leitwort war: „Mitten in dieser Welt“. Es mag auf den ersten Blick nicht weiter überraschen, dass dieser Katholikentag im Jahr 1968 zu einem gesellschaftspolitisch prägnanten, kritischen Katholikentag wurde. Zu einem, bei dem es erstmals Flugblätter, Transparente und Demonstrationen im großen Stil gab. Bei allen drei Katholikentagen ist es spannend nachzulesen, welche Anstrengungen innerkirchlich und in der Kommunikation mit den deutschen Bischöfen jeweils notwendig waren, um sich als Laien selbstbewusst und mutig den Fragen der Zeit zu stellen.
Was zeichnet eine Kirche der Ermutigung aus?
Will man den Spirit der Katholikentage verstehen, kommt man am Zweiten Vatikanum nicht vorbei. Ein Dokument ragt besonders hervor. Das ist die Pastoralkonstitution Gaudium et spes. Allein der erste Satz ließ die Menschen in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts weltweit aufhorchen: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“ (GS 1) Der Text gehört zu den am meisten zitierten und rezipierten Texten des Zweiten Vatikanums und gehört auch für mich persönlich zu den Texten, die mich ein ganzes Berufsleben lang in Jugendarbeit, Erwachsenenbildung und Caritas begleitet haben.
Dieser Text fasziniert, weil er das Lebensgefühl des modernen Menschen anspricht. Die Gemeinschaft von Christen in allen Kontinenten ließ sich ansprechen für den Aufbau einer gerechteren und friedlicheren Welt. Das gelang, weil sie als Menschen angesprochen wurden, die sich auf ihre Zeit einlassen. Sie wurden angesprochen im Duktus tiefer Verbundenheit mit allen Menschen, in der Erwartung einer solidarischen Lebensweise. Sie wurden angesprochen mit ihren Stärken und Schwächen, Sehnsüchten und Verletzlichkeiten. Das Dekret steht für eine moderne, zugewandte Kirche, die sich selbst als Teil der modernen Gesellschaft begreift. Es wird eingestanden, dass Kirche eben nicht nur Gebende ist, sondern auch Nehmende, dass Christen Welt nicht nur als Gegenüber verstehen können, sondern als selbst Verstrickte in Geschichte und Gegenwart, in Mittat und Schuld. Wer das Ringen um den weltweiten Synodalen Weg heute aufmerksam verfolgt und wach begleitet, wird kaum überrascht sein, dass dieser große Text unter den Konzilsvätern heftig umstritten war.
Es sind zwei weitere Elemente, die für die Katholikentage in diesem Konzilsdekret bedeutsam sind:
- Das ist erstens der konsequente Aufbau der Kapitel entsprechend dem Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“. Anstatt sich mit moralischen Urteilen abzuheben von der konkreten Realität, wird vor einer theologischen und ethischen Bewertung eine sachliche Analyse der Situation vorgenommen. Es überrascht nicht, dass genau diese Arbeitsmethode für die wegweisenden Hirtenbriefe von Puebla, MedellÍn u. a. in Lateinamerika stilbildend wurde.
- Und das ist zweitens die Entscheidung des Dekrets, den Auftrag der Laien, nicht allein über das Gegenüber von Heils- und Weltdienst zu definieren, sondern den Ort der Laien in beiden Bereichen anzuerkennen. Für die Konzeption von Katholikentagen ist es seitdem prägend, was in Gaudium et spes im Artikel 43 grundgelegt ist. Niemand habe das Recht, die Autorität der Kirche ausschließlich für sich und seine eigene Meinung in Anspruch zu nehmen. Die Erwartung einer monolithischen Übereinstimmung der Katholiken wird verneint.
Aufbrechen
Die Welt heute ist eine andere als in den späten 1960er Jahren, als Deutschland nach erfolgreichen Wirtschaftswunderjahren und einer gewissen Verdrängung der Schuld im Nationalsozialismus durch starke Reformkräfte bewegt wurde. Heute ist es nicht mehr der Marsch durch die Institutionen, der inspiriert. Bedrängend ist heute weltweit die Frage, wie Gerechtigkeit und Frieden erreicht werden können und wie Demokratien sich gegenüber dem Modell der Diktatur erfolgreich behaupten können. Alles, was seit der Aufklärung als zivilisatorischer Fortschritt errungen scheint, steht neu in Frage. Allein die Relation zwischen extremem Reichtum Einzelner und der Armut allzu Vieler schreit dabei als Unrecht zum Himmel – das Gemetzel in Kriegen nicht weniger.
In diesem gesellschaftlichen Kontext sich nicht verängstigt oder entmutigt zurückzuziehen, versteht das Zentralkomitee der deutschen Katholiken als seine Aufgabe in dieser Zeit. Seine Delegierten treten ein für eine Kirche, die sich im Sinn von Gaudium et spes in Demut übt, die Schuld des massenhaften sexuellen Missbrauchs eingesteht und sich als eine dienende Kirche beweist. Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen soll ihr selbst Freude und Hoffnung, Trauer und Angst sein. In diesem Spirit brechen Menschen im Mai 2026 auf nach Würzburg zum 104. Deutschen Katholikentag. Mögen sie dort finden, was Papst Leo so umschrieb: „Dialog ist weder eine Taktik noch ein Werkzeug, sondern eine Lebensweise – eine Reise des Herzens, die alle Beteiligten verändert.“