Vom Vertrauen auf die Möglichkeiten der Veränderung„Hab Mut, steh auf!“ (Mk 10,49)

Für das Leitwort des 104. Deutschen Katholikentags in Würzburg wurde ein direktes Zitat aus dem Markusevangelium ausgewählt, das eine doppelte Aufforderung darstellt. Dabei versetzt die ausgesuchte Stelle die Leserin und den Leser zunächst mitten hinein in die letzte Heilungserzählung, die im Markusevangelium geschildert wird: die Heilung des blinden Bartimäus.

Fazit

Das Leitwort des 104. Deutschen Katholikentags in Würzburg ist ein bestärkendes und ermutigendes Momentum: „Hab Mut, steh auf!“ Um gemeinsam auf die Möglichkeiten der Veränderung zu vertrauen, können das persönliche Angesprochensein und Ermutigungen helfen.

Der Mittelpunkt der Heilungserzählung ist die Begegnung zwischen Bartimäus und Jesus und diese findet kurz vor dem Wirken Jesu in Jerusalem statt. Nach seiner Zeit des Predigens und Wirkens in Galiläa ist Jesu auf seinem Weg gen Jerusalem auch durch Jericho gekommen. Die Erzählung setzt ein, als er gerade dabei ist, die Stadt wieder zu verlassen. Dabei ist Jesus nicht allein, sondern er befindet sich inmitten vieler Menschen auf diesem Weg hinaus aus Jericho. Und mindestens eine Person sitzt dabei am Wegesrand: Bartimäus. Dadurch, dass Bartimäus als blinder Bettler vorgestellt wird, ist seine gesellschaftliche Situation bzw. sein gesellschaftlicher Stand direkt mitimpliziert. Er befindet sich nicht nur am Wegesrand, sondern er ist – bedingt durch seine Blindheit – auch in der Gesellschaft eine Randfigur und somit aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Versorgungsmöglichkeit, die ihm geblieben ist, ist das Betteln. So sitzt der blinde Bartimäus am Wegesrand und kann nur hören, dass es der Sohn Davids, Jesus, ist, der auf dem Weg vorbeizieht.
Bartimäus ruft nach ihm und das tut er laut und gegen viele Stimmen aus der Menge, die eigentlich möchten, dass er schweigt. Anstatt zu schweigen wird aus seinem Rufen ein Schreien nach dem Sohn Davids. Jesus hört dieses Schreien und lässt Bartimäus durch die Menge zu sich rufen. Es ist immer noch dieselbe Menge, die Bartimäus zunächst in Teilen noch davon abhalten wollte, nach Jesus zu rufen, da sie sich dadurch gestört zu fühlen schien. Nun jedoch trägt die Menge als Ganze ihren Teil dazu bei, dass es zur Begegnung zwischen Bartimäus und Jesus kommen kann.
In dieser Begegnung fragt Jesus zunächst den Bartimäus, was dieser von ihm erwartet. Jesus schließt also nicht einfach sofort von den Gegebenheiten auf einen möglichen Wunsch. Sondern er zeigt vielmehr offenes Interesse an seinem Gegenüber und dessen möglichen Wünschen. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe und so kann Bartimäus sein Anliegen, seinen Wunsch formulieren: Er möchte sehen können. Und Jesus reagiert direkt auf diesen Wunsch, indem er Bartimäus mitteilt, dass sein Glauben ihn gerettet hat. Es bedurfte keiner heilenden Tat, keinem heilenden Wort Jesu.

„Hab Mut, steh auf!“

Der Glaube des Bartimäus war so stark, dass er ihn hat retten können. Im Vertrauen darauf, dass er durch Jesus gerettet werden kann und wird, wird Bartimäus rufend am Wegesrand aktiv gegen alle Widrigkeiten – eine Aktion, auf die Jesus selbst reagiert, denn er hört, ja er erhört den Ruf des Barti mäus. In seiner Reaktion bittet Jesus dann die Menge, den Bartimäus zu sich zu rufen. So werden die Menschen zu seinem Mittler und überbrücken die Distanz zwischen ihm auf dem Weg und Bartimäus am Wegesrand. Die Menge setzt diesen Auftrag nicht einfach nur um, sondern sie geht gewissermaßen einen Schritt weiter und wird selbst aktiv. Nachdem zuvor viele das Rufen des Bartimäus nach Jesus verhindern wollten, werden sie nun zu Mittlerinnen und Mittlern. Wenn die Menge schlicht ihrem Auftrag gefolgt wäre, hätte sie den Bartimäus einfach zu Jesu gerufen. Doch die Menschen übermitteln dem am Wegesrand sitzenden Bartimäus nun mehr, denn sie sprechen ihm Mut für sein Vorhaben zu. Sie bestärken ihn mit den Worten, die für den 104. Deutschen Katholikentag in Würzburg das Leitwort sind: „Hab Mut, steh auf!“

Bestärkung und Ermutigung

Zu Beginn begegnen wir dem Bartimäus am Wegesrand sitzend, nicht nur im geschilderten Moment, sondern auch gesellschaftlich. Er selbst wird aktiv, indem er sich an Jesus auf dem Weg wendet –, womit er seine weitere Umgebung zunächst zumindest nicht erfreut, sonst würden ihn nicht viele zum Schweigen bringen wollen. Jedoch merkt die Menge nur wenige Momente später, dass es neben der zu übermittelnden Botschaft Jesu an Bartimäus vielleicht noch etwas braucht: Bestärkung und Ermutigung.
Die Menge spricht dem Bartimäus aktiv Mut zu: „Hab Mut, steh auf!“ Sie bestärken und ermutigen ihn darin, aufzustehen vom Wegesrand. Indem er aufsteht, wird es ihm möglich, den Wegesrand zu verlassen und den Weg zu betreten. Es ist der Weg, auf dem er am Ende – nach seiner Heilung – Jesus nachfolgen wird. Dies ermöglicht ihm sein Glaube, aber ebenso die Bestärkung durch die Menge, mutig zu sein und aufzustehen – und damit seinem Glauben zu folgen und seinen Platz am Wegesrand zu verlassen.

Gerufen werden und angesprochen sein

Die für das Leitwort ausgewählte Stelle findet sich in der Mitte der Erzählung zu Bartimäus und damit findet sich für sie natürlich auch eine Fortführung im Text. Diese Fortführung hebt noch einmal eine besonders wichtige Dimension ins Wort, greift sie doch etwas auf, was bereits zuvor als aktiver Moment des Geschehens geschildert wird. Denn die Menge spricht dem Bartimäus nicht einfach nur Mut zu, sich zu erheben – sondern sie liefert gewissermaßen den Grund für diesen, seinen Mut-Ausbruch mit. Denn sie weist Bartimäus darauf hin, dass er von Jesus gerufen wird: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.
Zunächst hatte Bartimäus Jesus gerufen und dadurch versucht, ihn persönlich ansprechen zu können. Jetzt ist Jesus derjenige, der Bartimäus ruft und der ihn damit persönlich anspricht. Beide rufen sich zunächst gegenseitig, spre - chen den anderen an, bevor sie sich dann persönlich begegnen können. In dieser Begegnung nehmen sie sich als echtes Gegenüber wahr und an, sie sind jeweils gerufen und angesprochen.
Angesprochen werden und dabei beim Namen genannt zu werden, ist zumeist etwas alltägliches und selbstverständliches. Bewusst kann sich wohl niemand daran erinnern, namenlos gewesen zu sein. Der Vorname begleitet eine Person meist ihr Leben lang, er ist „kein bloßes Etikett, […] sondern einen Namen zu tragen, das setzt voraus, daß ich bereits auf Andere bezogen bin.“ (Bernhard Waldenfels, Das leibliche Selbst. Vorlesungen zur Phänomenologie des Leibes, S. 307.) Sowohl die Namensgebung wie auch die Namensnennung inkludieren bereits die Begegnung, denn sie benötigen ein direktes Gegenüber, sie vollziehen sich zwischen den Menschen und in der persönlichen Begegnung.
Im Markusevangelium werden hingegen nur sehr wenige Menschen namentlich eingeführt. Es sind vor allem die Jünger, deren Namen die Leserinnen und Leser erfahren. Dadurch ist die Namensnennung des Bartimäus in dieser Heilungsgeschichte so besonders und auch ungewöhnlich. Aber auch erst dadurch wird das „er ruft dich!“ zu einem persönlichen Angesprochen- und Gerufen-Werden.
Nicht in der Masse der Allgemeinheit unterzugehen, nicht einer oder eine unter vielen zu sein – dieses Bedürfnis ist sicher niemandem von uns fremd. Erst recht in Situationen, in denen man unfreiwillig nicht in der Mitte des Geschehens ist, sondern am Rand steht und nicht eingebunden ist bzw. wird. Bartimäus steht nicht nur in der geschilderten Situation am (Weges-)Rand, sondern er wird sich regelmäßig am Rande der Gesellschaft befunden haben. Und damit wird die Erfahrung einer persönlichen Ansprache, eines persönlichen Rufens für ihn eine eher seltene gewesen sein. Und was liegt dann für ein bestärkender Moment in der Botschaft, die die Menge nun auf einmal mit ihm teilt und mit der sie ihn bewusst ermutigen will.
Zunächst hatten viele aus der Menge ihn noch dazu aufgefordert, dort am Rand zu bleiben, indem sie ihn zum Schweigen aufforderten. Er sollte in seiner Situation verweilen, aus der er sich doch lösen wollte und will. Denn er vertraut in seinem Glauben zutiefst darauf, dass es – auch für ihn, der sich am Rand befindet – eine Möglichkeit zur Veränderung geben kann. Indem Jesus ihn ruft und dieser Ruf durch die Menge nicht nur aufgegriffen wird, sondern die Ermutigung und Bestärkung vorangestellt wird, kann er sich auf den Weg machen: hinein in die Möglichkeit zur Veränderung. Dass er sich auf den Weg zu Jesus und damit auch zu einem neuen Anfang in seinem eigenen Leben macht, ist auch diesem persönlichen Angesprochensein zuzurechnen und zu verdanken.

Aufbruch, Veränderung und ein neuer Anfang

Die Bestärkung und Ermutigung der Menge erreicht den Bartimäus in der Form des Imperativs: Hab Mut, steh auf! Doch im kurzen Fortgang und Abschluss der Erzählung ereilt den Bartimäus noch ein dritter Imperativ, also eine dritte Aufforderung. Diese Aufforderung formuliert Jesus ihm gegenüber als Antwort auf seinen Wunsch, sehen zu können: „Geh!“ (Mk 10,52) Anschließend folgt direkt die Erklärung für seine gleich erfolgende Heilung: „Dein Glaube hat dich gerettet.“ (Mk 10,52) Nachdem Bartimäus sich auf den Ruf Jesu hin bereits vom Wegesrand auf den Weg und damit auch in die Mitte des eigentlichen Geschehens begeben hat, im Vertrauen auf die Möglichkeit zur Veränderung, folgt mit dieser und durch diese Veränderung eine weitere Ermutigung: zum Aufbruch und damit auch zu einem neuen Anfang. Denn jetzt ist es nicht mehr der Rand des Weges oder der Gesellschaft, an dem sich Bartimäus bewegt. Der persönlichen Ansprache durch Jesu folgt der bestärkende und erneut persönliche Zuspruch: sowohl zunächst durch die Menge wie auch dann durch Jesus selbst. Diese Bestärkung führt dazu, dass Bartimäus wirklich geht, sich auf den Weg macht – denn „er folgte Jesus auf seinem Weg nach.“ (Mk 52,10) Damit endet diese Heilungsgeschichte und was ist das für ein Schlusspunkt. Vom Warten am Wegesrand, ohne sehen zu können, was auf dem Weg passiert, wird es Bartimäus möglich, selbst auf diesen Weg aufzubrechen und diese Veränderung auch noch selbst zu sehen und ganz neu zu erfahren. Und dabei hat er diese Veränderung grundlegend mit angestoßen, wird doch alles erst durch sein Rufen nach Jesus in Gang gesetzt. Und gleichzeitig wird der Schlusspunkt für Bartimäus selbst zu einem neuen Anfang.

Ein bestärkendes Leitwort

Der 104. Deutsche Katholikentag in Würzburg hat sich mit „Hab Mut, steh auf!“ für ein Leitwort entschieden, welches aufzeigt, wie ungeheuer wertvoll und bestärkend die persönliche Ansprache sein kann. Es zeigt dabei ebenso auf, wie wichtig das Vertrauen auf die Möglichkeiten der Veränderung ist, grundgelegt im Glauben. Dabei befreit dieses Vertrauen auf die Möglichkeiten der Veränderung jedoch niemanden davon, selbst aktiv zu werden. Die Heilungsgeschichte des Bartimäus zeigt vielmehr auf, dass sie mit einem Aktivwerden beginnt und mit der Bereitschaft, auch gegen (erste) Widerstände von außen – in diesem Fall einem Teil der Menge – aktiv zu bleiben.
Denn aus diesem persönlichen Aktivwerden können die Mut machenden Momente entstehen: Den Mut zu haben, niemanden am Rande stehen oder sitzen zu lassen. Den Blick dafür zu haben, wo Mitmenschen Zuspruch benötigen und wo ihnen mit Bestärkung und Ermutigung durch persönliche Ansprache geholfen werden kann. Wahrzunehmen, wo Menschen nicht gesehen, ja sogar vielleicht übersehen werden.
Das können Mut machende Momente für den Einzelnen und die Einzelne sein – aber gerade in der erlebten Gemeinschaft des Katholikentags können und sollten es Mut machende Momente für die Gemeinschaft sein: Gemeinsam ermutigend zu sein. Gemeinsam aufzustehen für ein Leben in Fülle. Gemeinsam aufzustehen für eine menschenfreundliche Gesellschaft.

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