Wie ändert sich die Kirche? Das ist die Metafrage, die in der sechsten Synodalversammlung Ende Januar in Stuttgart aufgeworfen worden ist. Die Antwort: langsam, aber stetig; nicht ohne Widerstände, nicht ohne Querschüsse und Rückschläge, aber mit einer großen Mehrheit, die Verantwortung trägt; und nicht mit dem Tempo, das viele wollen und wenige fürchten, aber Schritt für Schritt. Synodalität ist der Treiber: nicht für eine Revolution, sondern für eine Reform. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat es keine Phase der Kirchengeschichte gegeben, in der weltweit die Verfassungsfrage der katholischen Kirche so breit diskutiert worden ist, auf der Suche nach einer Antwort, die nicht theoretisch bleibt, sondern praktisch wird. Deutschland ist ein Hotspot dieser Bewegung. Entsprechend groß ist die Verantwortung der katholischen Kirche hierzulande.
Jede Soziologie weiß: Je größer eine Organisation ist und je erfolgreicher sie war, desto schwerer fallen Veränderungen und desto langsamer gehen sie voran: wenn es nicht zum Bruch kommt. Die katholische Kirche ist eine große Organisation: immer noch, auch wenn sie weltweit in jeder Diaspora klein ist. Sie war mit einem Kirchenmodell, das sich an der Monarchie orientierte, lange Zeit sehr erfolgreich – und ist es vielerorts immer noch. Weil sie eine Gottes-Organisation ist, können ihr Veränderungen besonders schwerfallen. Hat sie nicht eine Tradition, die normativ ist? Ist sie nicht eine Institution, die heilig ist? Einerseits. Aber andererseits: Der lebendige Gott, ohne den es die Kirche gar nicht gäbe, ist ihr immer voraus. Keine historische Gestalt der Kirche ist das Ende der Heilsgeschichte. Von ihren biblischen Anfängen an ist die Kirche im Aufbruch – um Gott dort zu finden, wo er immer schon ist: bei den Menschen, wie sie leben, in der Natur, wie sie geschaffen ist, in der Kultur, in der Wissenschaft und Weisheit, in den Katastrophen der Zivilisation und in den Mühen der Ebene, die Welt zu einem Ort zu machen, an dem man leben kann.
In dieser Spannung von Identität und Innnovation steht die Kirche – immer. Einen Unterschied macht nur, ob die Energie, die in der Spannung liegt, genutzt oder vergeudet wird. In Stuttgart gab es viel Unmut: ausgesprochen und unausgesprochen. Ausgesprochen wurde er von denen, die mehr Frauenrechte wollen, einschließlich der sakramentalen Ordination, mehr Demokratie in der Kirche, mehr Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt; unausgesprochen blieb er von denen, die gar nicht gekommen waren oder es vorzogen, zu schweigen. In Stuttgart gab es aber auch viel Bewegung, von der Klage und Anklage dessen, was alles nicht gelungen sei, zur Besinnung auf das zu kommen, was nötig und möglich ist. Es gibt gewachsenes Vertrauen, es gibt das Versprechen, den synodalen Weg nicht zu verlassen, sondern weiterzugehen.
Stuttgart war der Ort einer Staffelübergabe. Die Zeit der großen Synodalversammlungen ist erst einmal vorbei. Jetzt beginnt eine neue Phase, mit der Synodalkonferenz – wenn sie denn tatsächlich, wie in Aussicht gestellt, von der Deutschen Bischofskonferenz gewollt wird und von Rom grünes Licht erhält. Die fünf bewegten Synodalversammlungen 2020 bis 2023 in Frankfurt waren das richtige Forum, um der Empörung über den Machtmissbrauch Ausdruck zu verleihen, dem Frust über den Reformstau, dem Aufweis, wie viel mehr die katholische Kirche aus sich machen kann – und der Sorge, dass die katholische Kirche katholisch bleibe. All das kam auch in Stuttgart zum Ausdruck – aber anders als früher. Diejenigen, die der Auffassung sind, es habe sich viel zu wenig getan, können nicht verkennen, dass sich einiges zum Guten verändert hat: in der Missbrauchsaufarbeitung, in der Organisation von gemeinsamer Verantwortung, in der Verwirklichung von Frauenrechten, in der Änderung der Grundordnung und der Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt. Diejenigen, die von einem „Missbrauch des Missbrauchs“ sprachen und einen deutschen Sonderweg sahen, tun sich immer schwerer, den Synodalen Weg in Rom schlechtzureden und die Verantwortung zu verkennen, die in den Frankfurter Grundlagentexten und Handlungsimpulsen zum Ausdruck gekommen ist.
Stuttgart hat gezeigt, dass die Zeit reif ist für einen synodalen Neustart. Die Synodalkonferenz verdient Vertrauen – sie muss sich aber Vertrauen auch noch erarbeiten. Sie bringt die Diözesanbischöfe zusammen (wenn sie sich nicht dem Dienst an der Einheit verweigern), die Vertretung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken – weltweit ist keine 'Laien'organisation stärker – und weitere Qualifizierte, darunter Mitglieder des Betroffenenbeirates und der Deutschen Ordensoberenkonferenz. Die neue Synodalkonferenz hat ein dreifaches Mandat: Sie soll gemeinsame Stellungnahmen der katholischen Kirche zu politischen, gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen Fragen erarbeiten – nicht exklusiv, aber markant. Sie soll die pastoralen Grundfragen gemeinsam erörtern und neu beantworten, etwa die Organisation des Gemeindelebens oder die Neujustierung von Katechese und Religionsunterricht. Sie soll auch mehr Transparenz und Kontrolle in die finanziellen Dinge auf Bundesebene bringen, so wie es in den Diözesen bereits geteilte Verantwortung von Bischöfen und „Laien“ gibt, wenn es um Kirchensteuern und Vermögen geht. Alles drei gehört zusammen, alles ist wichtig, alles braucht eine strategische Planung – mit dem Spirit des Glaubens und der Vernunft.
Das Credo als Kompass des Glaubens
Wird die Synodalkonferenz die großen Krisen der Gegenwart bewältigen? Sie haben multiple Ursachen und Dimensionen, deshalb soll niemand glauben, es müsse nur ein Schalter umgelegt werden, und alles würde gut. Man kann mit guten Gründen von einer Bischofs- und Leitungskrise, von einer Kirchen- und Identitätskrise, von einer Glaubens- und Gotteskrise sprechen. Man kann sie an den Austrittszahlen festmachen, an den Traditionsabbrüchen, an den Priesterberufungen, an der herrschenden Unzufriedenheit, an der Unsicherheit, den eigenen Glauben zu bekennen. Ohne markante Synodalität wird nichts besser, sondern alles schlechter. Aber wie kann der Synodale Weg in die Zukunft führen?
Strittig ist, welche Veränderung die katholische Kirche braucht. Der Ansatz des Synodalen Weges: die systemischen Dimensionen des Machtmissbrauchs systemisch bearbeiten – durch mehr Partizipation, mehr Transparenz, mehr Kontrolle. Das sieht die Weltsynode ähnlich – auch wenn sich die Kurie und viele Ortskirchen schwertun, nicht nur bedauerlich viele Einzelfälle zu beklagen, sondern das Übel des Klerikalismus, das Papst Franziskus leidenschaftlich angeprangert hat, bei der Wurzel zu packen. Aber auch diejenigen, die einen systemischen Ansatzes vertreten, wissen: Die Bekämpfung des Machtmissbrauchs ist eine notwendige, noch keine hinreichende Begründung für synodale Reformen. Es gibt neue Berufungen zu neuen Diensten und Ämtern, die mehr Verantwortung übernehmen wollen und müssen, ohne Reibungsverluste durch Rollenkonflikte mit Priestern. Die vielen Menschen, die nach wie vor bereit sind, sich für den Glauben zu engagieren, haben ein Recht, sich so zu versammeln, dass ihre Stimme zählt. Der Glaubenssinn des Gottesvolkes, der nicht nur reaktiv, sondern auch proaktiv ist, findet bislang kaum Orte, zu Wort zu kommen und gehört zu werden. Die Ansprüche, als mündige Christenmenschen ernst genommen zu werden, sind gestiegen. Die Kirche synodal zu denken, verbessert entscheidend die Voraussetzungen, sowohl den inneren Zusammenhalt zu fördern als auch die Wirkung in die Gesellschaft hinein zu verbessern.
Worin soll diese Wirkung bestehen? Wer „Evangelisierung“ sagt, muss den Eindruck zerstreuen, die Kirche brauche nichts dazuzulernen und solle nur das tradierte Glaubenswissen besser verbreiten. Tatsächlich bleibt die Bibel die Heilige Schrift – die immer neu ausgelegt werden muss. Das Credo darf nicht permanent umformuliert, muss aber immer wieder als Kompass des Glaubens geeicht werden. Die Sakramente mit ihren kleinen und großen Liturgien dürfen nicht willkürlich verändert, sondern müssen rite et recte gefeiert werden. Aber die Fixierung auf traditionelle Rollenbilder, auf den Kampf gegen den sogenannten Gender-Wahn und auf Verbote für Paare, die sich lieben, ist ein Irrweg. Ein synodales Lehramt ist noch weit entfernt – aber es täte der Kirche gut. Seine Hauptaufgabe wäre, das zu benennen, was wirklich eint, und von dem zu unterscheiden, was nur bestimmten Gruppen oder Kulturen wesentlich scheint.
Wer die Wirkung der Kirche vor allem an der Diakonie und Sozialethik festmacht, hat Recht, wie allein das Gleichnis vom barmherzigen Samariter lehrt – darf aber nicht übersehen, dass es beim Evangelium um die Sprache des Glaubens geht, um eine Spiritualität, die ihre Gründe kennt, um Zeichen der Hoffnung, die über den Tag und die Nacht hinausstrahlen, um die Fähigkeit zur Empathie und Solidarität, um das offene Ohr für den Schrei der bedrängten Kreatur – und in all dem um Gott, wie er den Menschen nahe ist, als Geheimnis ihres Lebens.
Synodalität braucht Zeit. Der Sankt Nimmerleinstag steht aber nicht im christlichen Kalender. Synodalität braucht große Ziele, aber auch kleine und große Zwischenschritte, die zeigen, dass sich die Kirche bewegt – in eine Richtung, die der großen Mehrheit richtig scheint und die kleinen Minderheiten, die skeptisch sind, respektiert. Die katholische Kirche ist nicht starr, auch wenn es manchmal so scheint. Sie ist nicht die große Verliererin der Säkularisierung. Aber über die Lösung von Problemen wird noch zu wenig gesprochen. Synodale Foren bieten für diese Gespräche auf dem Weg einen Ort – das ist der wichtigste Beitrag entwickelter Synodalität für die Veränderung der Kirche: Sie muss eine Erneuerung sein.