Cremer, Georg: Alles schrecklich ungerecht? Mythen, Halbwahrheiten, Fakten zum deutschen Sozialstaat.
Freiburg: Herder 2025. 256 S. Kt. 22,–.
Die Sprache der Dramatisierung arbeitet gerne mit Kategorienfehlern, zum Beispiel mit der Gleichsetzung von Hilfebezug und Armut; oder auch mit performativen Widersprüchen, etwa mit der Gleichzeitigkeit von Reform und Diskreditierung der Reform, „gemessen an den Erwartungen, für die es letztlich keine Obergrenze gibt“ (123). Gerne werfen auch Politiker oder Vertreter von Sozialverbänden Behauptungen in die Debatte, die stimmen und doch nicht stimmen. Beispiel: Weil Flüchtlinge aus der Ukraine von Anfang an vollen Zugang zu den Grundsicherungsleistungen erhielten, stieg die Zahl der Grundsicherungsempfänger Anfang 2023 signifikant; doch legitimiert das Schlagzeilen nach dem Motto: „Altersarmut. Immer mehr Rentner auf Grundsicherung angewiesen“ (129)? Und es ist auch kein Wunder, dass die Zahl von Personen, die im Armutsrisiko leben, steigt, wenn das „Armutsrisiko“ heute alle Personen erfasst, die nur 60 % des „mittleren Einkommens“ einnehmen – in früheren Zeiten lag die Bemessungsgröße bei 50 % oder 40 %. (vgl. 65) Schließlich schadet die Alarmrhetorik auch denen, in deren vermeintlichen Dienst sie sich wähnt: „Wenn aber die breite Mitte in einem der reichsten Länder der Erde meint, ihr ginge es besonders schlecht, dann rückt der untere Rand der Gesellschaft aus dem Blick“ (48).
Der Autor, Volkswirt, Universitätsdozent und von 2000 bis 2017 Präsident des Deutschen Caritasverbandes, analysiert in flüssiger Sprache, kenntnisreich und gelegentlich mit sarkastischem Humor zunächst 22 Mythen und Halbwahrheiten (von M1 „Die Mitte schrumpft und schrumpft“ bis M22 „Die Migration sprengt das Sozialbudget“) und konfrontiert sie mit Fakten (45-116). Er nimmt das öffentliche Auftreten der Sozialverbände (117-128) unter die Lupe und gleichfalls den begleitend verstärkenden medialen Diskurs (129-140). Die Politik gerät dabei mehr und mehr in ein Kommunikationsdilemma (141-152). Je mehr sie versucht, auf die real-sozialpolitischen Schritte hinzuweisen, die gemacht werden, umso mehr befeuert sie den Empörungsdiskurs: „Wer felsenfest überzeugt ist, dass die Politik nicht im Sinne der Menschen zu handeln bereit ist, empört sich zusätzlich, wenn sie dann auch noch die Dreistigkeit hat, dies zu leugnen“ (143). In den letzten fünf Kapiteln skizziert Cremer Reformbaustellen des Sozialstaates, auf denen vorrangig gearbeitet werden muss: Kampf gegen verdeckte Armut, Fairness für den unteren Rand der Mitte, Chancen, den Sozialstaat bürgerfreundlicher zu gestalten, ohne dass er Bürger bevormundet, sowie eine stärkere Orientierung der Sozialpolitik am Leitbild der Befähigung.
Dauerempörung ist kein konstruktiver Beitrag zur Stärkung des Sozialstaates. Das Gegenteil ist nach Auffassung des Autors der Fall. Auf Dauer verstärkt der Alarmton die Entsolidarisierungstendenzen der Mittelschicht und spielt den Feinden der Demokratie in die Hände. Es ist deswegen „wohlfeil und unfair, schlicht von der Politik einzufordern, sie müsse eben besser performen, ohne zugleich zu thematisieren, ob nicht auch andere Kräfte anders agieren müssten“ (143), inklusive der Leserinnen und Leser dieses lesenswerten Buches.
Klaus Mertes SJ
Schuldt, Christian: Das nächste Ich. Identität in der Netzwerkgesellschaft.
Weilerswist-Metternich: Velbrück Wissenschaft 2026. 128 S. Gb. 20,–.
Wir leben in einer vernetzten Welt. Über diese Tatsache gibt es wenig Diskussion, wohl aber um ihre Deutung. Der Soziologe Christian Schuldt untersucht, was diese „Netzwerkgesellschaft“ – ein Begriff, den Manuel Castells bereits Mitte der 1990er-Jahre prägte – für die Identitätsbildung bedeutet. Die hypervernetzte Welt stelle, so Schuldt einen „Umbruch in eine neue Gesellschaftsepoche“ (8) dar, die sich bereits erahnen lasse. Diese skizziert er als „nächste Gesellschaft“, die das Ende der „Ära der ‚Singularität‘“ (77, vgl. Andreas Reckwitz) hin zu einer „Ära der Postindividualität“ (79) markiert. Neben der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Medienepochen ist diese neue postindividuelle Epoche – Schuldt spricht auch von „Metamoderne“ – von Komplexität und Spannungen bis hin zu Widersprüchen geprägt.
Der Autor entfaltet die Geschichte der Identität von der Vormoderne, in der das Ich aus den gefestigten Rollen ausbricht, über die Moderne, in der es zwischen Autonomie und Überforderung steht, bis zur Postmoderne, in der das Ich sich selbst als Performanz kuratiert. In der „nächsten Gesellschaft“ geht es weniger um ein „isoliertes Ego“, als um eine „fundamentale Verbundenheit“, in der sich das Ich als „Knotenpunkt in einem lebendigen Geflecht“ (99) begreift. Statt der steten Selbstoptimierung in der „Spirale der Singularisierung“ (104) wird die Einfachheit neu wertgeschätzt. Statt scheinbar einfacher Antworten in einer komplexen Situation geht es um ein Leben in Spannungsverhältnissen, die Gegensätze nicht versöhnt, aber zwischen ihnen zu oszillieren lernt (117).
Schuldt steht in der Tradition der luhmann’schen Systemtheorie und grenzt sich von soziologischen Entwürfen ab, die gesellschaftlichen Transformationen weiterhin „in den Kategorien der Moderne selbst“ (26) zu denken und zu begreifen versuchen: „Der Übergang zur Netzwerkgesellschaft markiert insofern keinen linearen Fortschritt, sondern einen qualitativen Sprung in der Komplexität von Identitätsbildung“ (21). Als theoretischer Rahmen dient die „Metamoderne“ (27), die aus dem produktiven Spannungsverhältnis eine Dynamik des Dazwischen eröffnet, in dem die „‚großen Erzählungen‘ der Moderne“, aber auch über die postmoderne Fixierung auf Relativität, Vielfalt und Ironie“ (27) überschritten werden.
Ein Beispiel sind Jene, „die postmoderne Offenheit und traditionelle Bindung miteinander verbinden – nicht als fauler Kompromiss, sondern als bewusste Praxis der Beziehungsgestaltung“ (88).
Schuldt reflektiert mit Blick auf die Herausforderungen der KI die Wiederentdeckung menschlicher Eigenschaften, wie Empathie und Körperlichkeit – „Nicht als nostalgische Rückwendung, sondern als notwendige Markierung einer Differenz“ (96).
Die nächste Gesellschaft erscheint geprägt von wachsender Offenheit für Sinnfragen, dem Verständnis von Bildung als Persönlichkeitsbildung sowie einem neuen Umgang mit Fremdheit, die nicht als Bedrohung, sondern als Partner gesehen wird. „Identität entsteht hier nicht aus Rückzug oder Beliebigkeit, sondern aus der Fähigkeit, Widersprüche produktiv zu integrieren und in komplexen Beziehungsgeflechten handlungsfähig zu bleiben“ (88). Eine anregende, hoffnungsvolle Lektüre.
Dag Heinrichowski SJ
Thomä, Dieter: Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe.
Berlin: Suhrkamp 2025. 396 S. Gb. 28,–.
In den Jahren 1969 und 1973, also inmitten der damals kaum hinterfragten, globalen, auf fossilen Energieträgern basierenden Industrialisierungseuphorie erschienen in Frankreich und den USA zwei soziologische Bestseller mit demselben Schlüsselwort im Titel: „Postindustrielle Gesellschaft“. Im Rückblick kann man wohl sagen, dass sie den Beginn einer immer noch wachsenden Reihe von weit verbreiteten, wenngleich meist wenig klaren Epochenbezeichnungen darstellen, von denen „Postmoderne“ vermutlich die bekannteste ist. Dieter Thomä, emeritierter Philosophieprofessor der Universität St. Gallen, hat mehrere Jahre lang Materialien zusammengetragen, um Bedeutung und Implikationen der mit der Vorsilbe „Post-“ versehenen Worte kritisch zu beleuchten. Dabei geht es nicht nur um Substantive wie Postkapitalismus, Postliberalismus oder Postokzidentalismus, sondern auch um Adjektive wie postsäkular, postmarxistisch, posttraditional oder postmetaphysisch. Einblicke erhofft sich der Autor auch vom Vergleich dieser Worte mit denen, die mit den Silben Avant-, Anti-, Re-,Trans-, Ko-, De-, Neo-, Spät- und Meta- beginnen.
Thomä nimmt sich insbesondere der drei Begriffe Posthistorie, Postmoderne und Postkolonialismus an, wobei jeweils mehrere, in unterschiedlichen disziplinären und historisch-kulturellen Umständen entstandene und nicht selten erst durch ihn in Verbindung gebrachte Autoren, Ideen und Positionen Erwähnung finden. Kojève, Gehlen und Fukuyama sind zentrale Autoren für seine Behandlung des ersten sogenannten Großworts. Das zweite ist besonders auf Lyotard und Derrida fokussiert und stellt Bezüge zu den Bedeutungsfeldern Moderne, Modernisierung, Modernismus und Modernität her. Das dritte Kapitel beginnt mit Frantz Fanon, stellt kritisch drei Varianten des Postkolonialismus vor und endet mit einer Verteidigung der Universalität der Menschenrechte, mit Überlegungen zum Verhältnis Individuum-Gemeinschaft/Gesellschaft und einer etwas unvermittelten Diskussion über den vor zweieinhalb Jahren erneut ausgebrochenen offenen Krieg zwischen Israel und Palästina.
Schon die über 50 Seiten Fußnoten mit Quellenangaben deuten ebenso wie die oft ausufernden Zitatreihen an, dass das Buch eher für ein Philologie- oder Philosophieseminar als für weitere Leserkreise geeignet ist. Das kann auch die häufig saloppe Ausdrucksweise nicht ändern, die besonders im dritten Kapital gelegentlich zu abfällig klingenden Beurteilungen kritisierter Positionen führt.
In dem Buch geht es um Diskurse zur gegenwärtigen Weltsituation, also um Darstellung von Auffassungen oder Meinungen und deren Bewertung. Es enthält zahlreiche bedenkenswerte Gesichts- und Kritikpunkte zu häufig anzutreffenden Ideen und Vorschlägen, in denen sich vor allem die nordatlantische Perspektive spiegelt. Auch in dem Kapitel über den Postkolonialismus sind interessante Anregungen und beherzigungswerte Kritiken argumentativer Kurzschlüsse zu finden. Schade, dass der im lateinamerikanisch-karibischen Raum diskutierte Unterschied zwischen dem Postkolonialismus als einer Charakteristik des gegenwärtigen Zustands der globalen Beziehungen zwischen Völkern, Nationen und Kulturen und den noch inzipienten Bemühungen um eine tatsächliche Dekolonialisierung nicht besprochen wird. Diese ist gerade auch im Bereich der dortigen Sozial- und Geisteswissenschaften, etwa in der Philosophie und der Theologie der Befreiung oder in neueren Versuchen einer Sichtbarmachung und Systematisierung indigener Philosophien zu finden.
Stefan Krotz
Haberl, Tobias: Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe.
München: btb 2024. 288 S. Gb. 22,–. 2025: Kt. 14,–.
Tobias Haberl, Buchautor, seit 2015 für das Süddeutsche Zeitung Magazin tätig, schrieb im Frühjahr 2023 einen Essay mit dem Titel „Unter Heiden“ (zur Kritik des Begriffs „Heiden“ siehe 38 ff.), der insbesondere unter Katholiken viral ging. Auch ich erinnere mich, dass er mir wochenlang von Personen, die ich schätze, mit Signalen der Zustimmung und Begeisterung zugeschickt wurde, ein „modernes Glaubensbekenntnis“ (12). „Ich muss ein Lebensgefühl beschrieben haben … Das Gefühl, dass uns die restlos aufgeklärte Welt etwas vorenthält, was wir gut brauchen könnten“ (15 f. – dazu dann auch sehr viel mehr in den Kapiteln ab 141 ff.); das Gefühl, dass diejenigen, die über den christlichen Glauben urteilen, ihn überhaupt nicht kennen; dass ein „feindseliger Ton“ gegenüber der Kirche zu einer „gesellschaftlich akzeptierten Normalität geworden ist“, der nicht zuletzt „meinen Glauben auf den Missbrauchsskandal reduziert“ (79). Ein paar Wochen nach der Veröffentlichung seines Essays, so berichtet Haberl, rief sein Chefredakteur an: „Er würde gerne eine Replik auf meinen Text schreiben. Arbeitstitel: Unter Christen“ (87), mit der Gegenthese, die Gesellschaft sei in Deutschland so vollständig christlich geprägt, dass man dieser Realität „als Nichtgläubiger nicht entkommen könne“. Kollege Haberl stilisiere sich zu Unrecht als Mitglied einer leidenden Randgruppe.
Hängt die unterschiedliche Wahrnehmung nur an negativen Kindheitserfahrungen (des Chefredakteurs) oder an positiven Kindheitserfahrungen (Haberls) mit der Kirche? Haberl beschreibt jedenfalls die seinen mit Dankbarkeit für das Glaubenszeugnis seiner Eltern: er beschreibt das Gefühl der „Heimeligkeit“ im kirchlichen Leben und die Abwesenheit „von jeglicher Bedrohung“ (52). Sich selbst porträtiert er an mehreren Stellen als Typen, dem man das Katholische so gar nicht ansieht (z. B. 141 ff.), und der einen Lebensstil pflegt, bei dem die beiden Päpste, sowohl der von ihm als Theologe favorisierte Benedikt XVI. als auch Franziskus, eher die Augenbrauen hochziehen würden. Er ist von der Alten Messe berührt, aber auch vom Gegenstück, Gottesdienste bei Rainer Maria Schießler im Münchner Glockenbachviertel (114-140), und versucht, beiden in ihrer großen Unterschiedlichkeit gerecht zu werden, wobei er seine tiefe Berührtheit durch die Alte Messe immer wieder deutlich zum Ausdruck bringt. Da ist es möglich, „nichts sein (zu) dürfen, um Gott allein sein zu lassen“ (122).
Für die Themen der Reformagenda des Synodalen Weges hat er Verständnis, stimmt ihnen auch in Teilen zu – mit gelegentlich klischeehaft-kritischen Äußerungen über das sie tragende Milieu –, aber es sind nicht wirklich seine Themen. In Mittelpunkt seines Interesses steht die religiöse Erfahrung in der Schönheit der Liturgie und im Gebet. Fragen der Lebensführung, der Kirchenstrukturen und auch des Gemeindelebens stehen dahinter zurück.
Haberl bringt eine Sehnsucht nach religiöser Erfahrung in den Gottesdiensten zum Ausdruck, nach der Liturgie als einem Raum, der geschützt ist vor selbstgebastelten Texten, labernden Predigern und fragwürdigen Aktualisierungen, und der in seiner Qualität vor den Glaubenszeugnissen der Tradition und deren ästhetischen Umsetzung in Architektur, Liturgie und Theologie bestehen kann. Für die seelsorgliche Praxis steckt darin die Anregung, die Sehnsucht nach theozentrierter Form ernst zu nehmen statt zu meinen, man müsse „die Leute heute“ zuerst einmal woanders „abholen“. Eine Frage bleibt mir nach der Lektüre: Ist der Autor mit seiner von ihm selbst beschriebenen Diskrepanz zwischen Aspekten der persönlichen Lebensführung und religiöser Erfahrung in der Liturgie vielleicht doch mehr ein Kind der Aufklärung (Stichwort: „Deismus“) als er es selbst merkt?
Klaus Mertes SJ