Das Lied vom verlorenen Jesuskind (nach dem gleichnamigen Gedicht von Jean Anouilh)

Es war an einem gar nicht so fernen Weihnachtsabend, denkt euch nur, da ging das Jesuskind verloren.

Zuerst bemerkte es ein Knirps. Er konnte nicht schlafen. Schlich durch die Wohnung. Sah den kleinen Holzstall auf der Anrichte. Unterhielt sich kurz mit Ochs und Esel. Blickte in die leere Krippe und rannte in die Wohnstube. Hier saß die Familie versammelt am hellen Baum. Lautes Lachen, Gläser, die sich begegnen, die übliche Besserwisserei bildeten nun den Klangteppich, wo Stunden zuvor noch der Gesang der Regensburger Domspatzen und echte Kerzen den Zauber der Heiligen Nacht verströmt hatten. Es dauerte etwas, bis der kleine Mann sich Gehör verschaffte. So laut er konnte, rief er: Das Jesuskind ist weg!
Die Familie blickte ihn überrascht an. Man überließ es der Mutter, den Jungen wieder ins Bett zu schicken, mit dem knappen Hinweis, das Jesuskindlein sei bestimmt nur unter die Anrichte gefallen und käme beim nächsten Staubwischen ganz sicher wieder zum Vorschein. Heiterkeit füllte den Raum. Der Junge kehrte verwirrt in sein Bett zurück.

Die Nächste, die das Fehlen des Jesuskindes bemerkte, war die Pfarrerin der städtischen Herz-Jesu-Gemeinde. Infolge eines Zwangsverhaltens unternahm sie trotz später Stunde noch einen weiteren Kontrollgang durch die festlich gestaltete Kirche. Im Frühgottesdienst am kommenden Weihnachtsmorgen sollte doch bitte alles stimmen. Sie trat in den Altarraum. Aus einer Regung heraus beugte sie sich über die Krippe. Sie wühlte im Stroh, doch die vor Jahrzehnten gestiftete und keineswegs wertlose Jesus-Holzfigur kam nicht zum Vorschein. Ungeachtet der fortgeschrittenen Abendzeit rief sie den Küster an: Wir haben das Jesuskind verloren! – Unmöglich, antwortet der Küster, er habe es noch persönlich gesehen nach der Christvesper. Hier lag es. Nun liegt es nicht mehr da, seufzt die Pfarrerin. Sie lässt einen unruhigen Blick durch den Kirchenraum schweifen, wendet sich zum Altar und stöhnt: Der Christus am Kreuz ist auch verschwunden! Da hängt nur noch das Holz. Der Küster ruft die Polizei. Mit Hinweis auf Sicherung der Spuren wurden die weiteren Gottesdienste bis zum Jahreswechsel vorsorglich abgesagt.

Immer mehr Verlustmeldungen trafen im Laufe jener nicht allzu fernen Weihnacht bei den Polizeidienststellen und Nachrichtenagenturen des Landes ein. Sie berichteten von der ständig wachsenden und bald unübersichtlichen Zahl verschwundener, offensichtlich gestohlener oder doch unter recht seltsamen Umständen verloren gegangener Jesusdarstellungen. Ob in Kirchen, Museen oder zu Hause, ob in Villen oder Zwei-Raum-Wohnungen, allüberall: Jesus blieb verschwunden. Die Unruhe der Pfarrerin, die Verwirrung des Kindes breiteten sich schnell im ganzen Land aus. Fernsehsender und Rundfunkanstalten brachten Sondersendungen. Die Polizei rief über alle Kanäle dazu auf, es unverzüglich zu melden, sollte irgendwo ein Jesus zum Verkauf stehen. Es kam zu skurrilen Situationen: Ein Mensch wusste sich nicht anders zu helfen, als den psychiatrischen Notdienst zu rufen, weil er auf einem alten Gemälde in seinem Schlafzimmer die Schafherde ohne den guten Hirten und mit einem frei in der Luft schwebenden Schaf entdeckt hatte. Der Vatikan meldete bestürzt, das Turiner Grabtuch sei wohl versehentlich einer Reinigung unterzogen worden; nun zeige es blütenreine Qualität, aber leider keinen Hinweis mehr auf den Körper des Gekreuzigten.
Nicht nur in diesem Land also, nein, in ganz Europa bis weit nach Russland hinein und über Kanada wiederum quer durch die Vereinigten Staaten hindurch erschallte der Ruf vom verlorenen Jesuskind. Eine Welle der Empörung bemächtigte sich des christlichen Kulturraums. Mit großen Lettern rief die Boulevardpresse nach der Verurteilung der Schuldigen: Ihr habt uns Weihnachten gestohlen! Und war anfangs noch von einem groß angelegten Kunstraub die Rede, konnte in kürzester Zeit tatsächlich nur mit allergrößter Mühe noch ein Krieg verhindert werden. Und das auch nur, weil der Rest der Welt dringlich und glaubhaft einen religiös motivierten, terroristischen Hintergrund ausschloss und nachdrücklich die Unterstützung bei der Suche des verloren gegangenen Jesuskindes anbot. – Nur, wohin man auch blickte, wie man es auch drehte und wendete: Jesus blieb verschwunden.

Nun, das stimmt nur auf den ersten Blick. Denn da, wo man nicht hinsieht, da ließ er sich durchaus blicken. Im Schatten der festlich erleuchteten Konzertspielhäuser, in den ganz stillen Winkeln hinter den hinreißend geschmückten Kirchen, im kalten Kiesbett unter den Fenstern der weihnachtlichen Wohnstuben, da gab Jesus sich zu erkennen in jener gar nicht so fernen Weihnacht. Doch es ist das alte Lied: Wo ein Mensch nicht hinsieht, sucht er für gewöhnlich auch nichts, noch weniger hofft er dort etwas zu finden. Und selbst unter denen, die in diesen weiten Schatten leben müssen, fand sein Auftauchen nur wenig Beachtung, denn die Augen und Seelen der Vielen streckten sich ja nach dem Glanz der Festspielhäuser, nach den milden Gaben der Weihnachtsgemeinde, nach den Brosamen, die von den Tischen der Wohnstuben fielen.

Wieder war es ein Kind, das Jesus zuerst entdeckte. Ein kleines Mädchen, irgendwo am Stadtrand, in einer winzigen Sozialwohnung. Beim Gang über den Flohmarkt ein paar Tage zuvor durfte sie eine alte Kinderbibel von einem Tisch nehmen; das Buch war aufgrund seiner Gebrauchsspuren nicht mehr verkäuflich. Sie hütete das Bilderbuch wie einen Schatz. Aus dem Fenster sah sie nun, wie in der Einfamilienhaussiedlung gegenüber Kinder mit ihren großen Geschenken spielten. Sie nahm das kleine Buch und öffnete es. Sie sah den Stall, das Kind im Stroh. Sie drückte das Bild ans Herz und sagte: Brüderchen, du sollst es heute warm haben. Da wurde ihr eigenes Herz von Wärme erfüllt. Ganz unspektakulär. Von dieser Geschichte stand nichts in den Zeitungen.
An einem anderen Ort lag in dieser Nacht ein Schwerkranker in seinem Zimmer und war in ein stundenlanges Zwiegespräch mit dem Gekreuzigten an der Wand vertieft. Der Gekreuzigte war hier nicht nur nicht verschwunden, er war geblieben; und er hielt es aus, bis das Herz des Kranken sich erwärmte. Auch davon nahm niemand Notiz.
Wieder an einem anderen Ort fand ein längst erwachsener Sohn, den die Melancholie über die Weihnachtstage ins Haus der gerade verstorbenen Mutter geweht hatte, dort also fand der trauernde Sohn beim Durchsehen des Nachlasses die alte Trauurkunde seiner Eltern. Mit Tinte und steilen Buchstaben hatte ein Pfarrer seinerzeit den Trauspruch aufgeschrieben: „Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Der Sohn nun, der sich selbst, zu Zeiten scherzhaft und zu Zeiten recht bitter, einen hoffnungslosen Heiden nannte, saß stundenlang über diesem Schriftzug, hinter den seine Mutter, ebenfalls handschriftlich, einst in dunkler Zeit den Kommentar geschrieben hatte: „Gott sei Dank!“ Die verzweifelte Suche nach der verlorenen Mutter und nach dem verlorenen Gott, fast mehr noch die tröstende Kraft Christi in seinem Versprechen weiteten die Gedanken und Sehnsucht des trauernden Sohnes nun in einer Weise, dass Christus in jener Nacht in sein Herz einzog. Er wiederum zog die Bibel der Eltern aus dem Regal und schlug den Trauspruch nach. Bis zum Anbruch des Morgens hatte er das ganze dazugehörige Evangelium gelesen.

Und weil dieser Sohn, wie es manchmal so kommt, auch noch ein kritischer Journalist war und natürlich um die Aufregung des verlorenen Jesuskindes wusste, veröffentlichte er in den nächsten Wochen feinsinnige Texte zu jenen Überschriften, die den Leserinnen und Lesern landauf und landab bald unvergesslich werden sollten. Einer seiner Texte war überschrieben: Jesus ist wieder da – wir haben ihn schlicht übersehen. Ein anderer titelte: Jesus war zu Weihnachten dort, wo ihn niemand vermutete: in einem Stall. Oder: Christus brachte Licht ins Dunkel. Das wirft einen Schatten auf uns. Und in den späteren Texten nahm er sich mit zunehmendem Alter auch zunehmend gesellschaftskritisch und endgültig der Sache der Schwachen und Gebeutelten und Verzweifelten an: Der Stern scheint hell von unten. – Gebt den Armen, Kranken und Heiden gefälligst ihre Christuswürde zurück!

Seine bis heute viel diskutierten Texte aus einer gar nicht so fernen Weihnachtszeit wurden schließlich in mehrere Sprachen übersetzt und erreichten lange vor unseren Tagen einen Dramaturgen in Paris. Der setzte sich hin und schrieb daraus ein Gedicht, das Lied vom verlorenen Jesuskind:

Jesuskind, wo bist du? Du bist nicht mehr zu sehn.
Leer ist deine Krippe, wo Ochs und Esel stehn …
Ich seh Maria, die Mutter, und Josef Hand in Hand,
ich seh die schönen Fürsten vom fernen Morgenland.
Doch dich kann ich nicht finden:
„Wo bist du, Jesuskind?“
„Ich bin im Herzen der Armen, die ganz vergessen sind.“

Maria, voller Sorgen, die sucht dich überall,
draußen bei den Wirten, in jeder Eck im Stall.
Im Hof ruft Vater Josef und schaut ins Regenfass.
Sogar der Mohrenkönig, er wird vor Schrecken blass.
Alles sucht und ruft dich:
„Wo bist du, Jesuskind?“
„Ich bin im Herzen der Kranken, die arm und einsam sind.“

Die Könige sind gegangen, sie sind schon klein und fern;
die Hirten auf dem Felde, sie sehn nicht mehr den Stern.
Die Nacht wird kalt und finster – erloschen ist das Licht.
Die armen Menschen seufzen: Nein, nein, das war Er nicht!
Doch rufen sie noch immer:
„Wo bist du, Jesuskind?“
„Ich bin im Herzen der Heiden, die ohne Hoffnung sind.“

Vorschlag für ein Fürbittengebet mit Bezug auf Mt 25,31ff:
Jesus, Kind, im Stroh, im Schatten geboren,
trägst du dein Licht in die dunkelsten Winkel
des Lebens hinein.
Kehre ein in unsre Herzen,
weite unser Leben mit Trost und Hoffnung,
mit Mut und Kraft.
Öffne Augen uns und Ohren,
mach dich erkennbar auch im Schatten;
zeige dein Antlitz in der Würde der Gescheiterten
und Armen,
der einsamen Kranken, der verzweifelten Heiden,
damit wir dir zu essen geben, wenn dich hungert;
damit wir dir zu trinken geben, wenn du durstig bist;
damit wir dich aufnehmen, wenn du ein Fremder bist;
damit wir dich kleiden, wenn du nackt bist;
damit wir dich besuchen, wenn du krank bist;
damit wir zu dir kommen, wenn du im Gefängnis bist.
Jesus, Kind, im Stroh, im Schatten geboren,
trägst du dein Licht in die dunkelsten Winkel
des Lebens hinein.
Lass es hell werden mit uns.

Psalmvorschlag: Psalm 96,1–3.9
Evangelium: Lukas 2,1–20
Liedvorschläge: 24,1.2. 8–12 (Vom Himmel hoch, da komm ich her) 

37,1.2+4 (Ich steh an deiner Krippen hier)
  46,1–3 (Stille Nacht)
  56,1–4 (Weil Gott in tiefster Nacht erschienen
  44,1–3 (O du fröhliche)

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