Die Vielfalt in Kitas nimmt zu. Dies zeigt sich nicht nur in der Zunahme sprachlicher, kultureller und religiöser Vielfalt, sondern spitzt sich vor allem innerhalb sozialer Strukturen zu. Beschleunigt durch die Coronapandemie und unter dem Einfluss globaler Krisen ist die Anzahl der in Armut lebenden Kinder in Deutschland gestiegen. Aber auch die Zahl der in wohlhabenden Familien lebenden Kinder ist gewachsen. Dieses bisher nicht gekannte Ausmaß an Superdiversität ist mit Chancen und Herausforderungen, häufig auch mit Problemen verbunden. Die soziale Spaltung hat offensichtlich zugenommen, während die Chancengleichheit für Kinder weiter zurückgegangen ist. Deutschland gehört zu den Ländern in Europa, bei denen der Bildungserfolg besonders stark vom Elternhaus abhängt.
Hier muss die Politik gegensteuern. Armutsbekämpfung und eine sozial gerechte Bildungspolitik hängen eng miteinander zusammen. Gerecht wäre es, diejenigen Kitas mit zusätzlichen Ressourcen und Fördermöglichkeiten auszustatten, die eine hohe Zahl von sozial belasteten und in Armut aufwachsenden Kindern betreuen. Doch was können Fachkräfte tun?
Klares Miteinander
Wo Vielfalt zunimmt, braucht es für ein friedliches Zusammenleben klare Regeln. Regeln, die für alle gelten und an die sich alle halten müssen. Werte und Normen, die weltweite Gültigkeit beanspruchen können. Traditionelle Überzeugungen – seien sie kulturell überliefert oder religiös begründet – bieten hier wichtige Anknüpfungspunkte. Aber sie haben einen entscheidenden Nachteil: Ihre Legitimation ist begrenzt. In einer zunehmend multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft werden sie dem Anspruch auf allgemeine Akzeptanz nicht gerecht.
Während die Verbindlichkeit überlieferter Werte immer weiter abnimmt, steigt zugleich der Bedarf nach einem für alle gültigen Wertekanon. Einen Ausweg aus diesem Dilemma bietet die Orientierung an den globalen Kinderrechten, wie sie in der praktisch universell ratifizierten und in Deutschland uneingeschränkt geltenden UN-Kinderrechtskonvention niedergelegt sind. Die „Vermittlung orientierender Werte und Regeln“1 gehört daher auch zu Recht zum Förderauftrag jeder Kindertageseinrichtung.
Kinderrechte sind der Fixstern einer wertebasierten Pädagogik. Dies gilt besonders vor dem Hintergrund globaler Migration. Die weltweit geltenden Schutz-, Förder- und Beteiligungsrechte bilden den zentralen Bezugspunkt, wenn es darum geht, die Kita vom Kind her zu denken und die Rechte aller Kinder zu verwirklichen. Die Kinderrechte sind die zentrale Orientierung, um Vielfalt zusammenzuhalten und die Gleichwürdigkeit aller Kinder zu respektieren. Nicht zuletzt sind die weltweiten Menschen- und Kinderrechte auch der entscheidende Maßstab bei der Lösung unvermeidlich auftretender Konflikte.
Verantwortung übernehmen
Pädagogische Fachkräfte sollten daher Kämpfer:innen für Kinderrechte sein. Sie sollten für die Belange der Kinder eintreten und sich als Lobby für Kinder verstehen. Dabei gilt es auch, Missverständnisse gegenüber Kinderrechten zu vermeiden. Die Rechte der Kinder zu verwirklichen, heißt nicht, Kindern sämtliche Entscheidungen zu überlassen. Vielmehr geht es darum, Verantwortung für Kinder zu übernehmen und sie bei der Ausübung ihrer Schutz-, Förder- und Beteiligungsrechte zu begleiten. 2
Um die Rechte von Kindern sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kita umzusetzen, braucht es Verbündete. Zum einen die Eltern, die ein besonders großes Interesse daran haben, dass es ihren Kindern gut geht und das Kindeswohl bei allen Entscheidungen im Mittelpunkt steht. Zum anderen braucht es kleinere und größere Verbände und Organisationen, die sich vor Ort und überregional für Kinder stark machen. Nicht zuletzt sollten die großen Kinderrechtsorganisationen wie der Deutsche Kinderschutzbund, das Deutsche Kinderhilfswerk und die Deutsche Liga für das Kind als Verbündete zählen, die sich für die Interessen und Rechte aller Kinder im politischen Raum einsetzen. Vernetzung im Sozialraum birgt ein großes Potenzial, um sich lokal für Kinder stark zu machen und gerechtere Startchancen zu ermöglichen.