Tines praktische TheorieMensch, interpretiere nicht

Illustration eines Jungen, der wütend ein Brettspiel wegwirft, wodurch alle Spielfiguren durch die Luft wirbeln.
© Marén Gröschel, Braunschweig

Es gibt Momente im Kita-Alltag, da entwickeln wir sekundenschnell eine beachtliche Geschwindigkeit: nicht beim Aufräumen, nicht beim Jacken-Anziehen oder Hausschuhe-Wiederfinden. Da sind wir sowieso unschlagbar.
Das Interpretieren von kindlichem Verhalten, meine Damen und Herren – das geht flott! Sarah spricht nicht gern und wenn, dann leise  – vor allem nicht mit den Zeitarbeitskräften? Könnte frühkindlicher Mutismus sein. Quentin steckt sich ständig Sand in den Mund? Vermutlich fehlt ihm Qualitätszeit mit seiner berufstätigen Mutter. Jayden will immer die Rollenspiele bestimmen? Vielleicht mangelnde Selbstwirksamkeit. Möglicherweise war aber auch nur Vollmond. Oder einfach nur ein Dienstag im Mai.
Wenn ein Kind einen Stuhl umschmeißt, weil es beim „Mensch ärgere Dich nicht“ schon wieder rausgehauen wurde, dann analysieren wir dieses Verhalten in Grund und Boden: die Geschichte dahinter, die Emotion, die Biografie. Man darf mich nicht falsch verstehen: Ich schätze es sehr, dass wir Kinder verstehen wollen. Unser aller Anspruch darf sich nicht darauf beschränken, dass Kinder „lieb“ sein sollen und sich alles andere schon noch verwächst.
Doch wenn wir Verhalten verstehen wollen, folgt fast automatisch der nächste Schritt: Wir beginnen zu interpretieren. Das kann hilfreich sein. Schließlich zeigt es Interesse, Aufmerksamkeit und fachliches Wissen. Gleichzeitig geraten wir in die Falle: Wer einmal der „Nachzügler in der Familie“, „das Beobachterkind“ oder „der kleine Professor“ mit den entsprechend passenden Verhaltensweisen ist, hat es schwer, das wieder abzustreifen.
Denn so schnell, wie wir einem Kind bestimmte Wesenszüge zuschreiben, so schnell entwickeln sich diese einfach weiter und stellen uns wieder vor neue Fragezeichen. Hinzu kommt noch eine andere, leicht ungemütliche Erkenntnis: Nicht jedes Verhalten ist tiefenpsychologisch aufgeladen. Vermutlich ist Sarah schlicht genervt, sich immer wieder auf neue Fachkräfte einzustellen? Eventuell mag Quentin dieses Knirschen von Sand zwischen den Zähnen (ürgs)? Vielleicht sprudelt Jayden vor Kreativität und ist des Vater-Mutter-KindSpielens überdrüssig? Möglicherweise wird einfach aus Frust der Stuhl umgeworfen, weil „Scheiße“ sagen verboten wurde?
Das bedeutet nicht, dass wir das Verhalten ignorieren sollten. Natürlich braucht es Grenzen, Orientierung und Reaktionen. Beeinträchtigt ein Verhalten andere Kinder, muss es gestoppt werden. Wenn ein Kind Unterstützung braucht, sollten wir hinsehen. Aber vielleicht gehört zur professionellen Gelassenheit auch eine andere Kompetenz: nicht alles sofort erklären zu müssen. Manchmal ist es ganz einfach nur ein Dienstag im Mai. Und dann und wann wünsche auch ich mir, bei diesem furchtbaren Brettspiel Stühle umschmeißen zu dürfen.

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