„Pflichtlektüre“, „grandios“, „ein Meilenstein“ – „Magnifica Humanitas“, die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. kommt gut an, auch in den deutschsprachigen Ländern. Weil sie das Mega-Thema Künstliche Intelligenz aufgreift, das allen unter den Nägeln brennt, auf beinahe jedem Tätigkeitsfeld. Aber gerade weil die Agenda des Papstes mit einer vorhandenen gesellschaftlichen Aufmerksamkeit zusammentrifft, wird auch etwas anderes sichtbar. Die deutschsprachigen Katholiken und der Papst, sie fremdeln miteinander. Die beinahe übertriebene Begeisterung zeugt davon, dass sich insbesondere die Deutschen – auf eine komplexe Weise – schwer tun mit diesem Papst.
Es ist offenkundig, dass Leo XIV. lieber über andere Dinge spricht als über jene, die große Teile der deutschen Kirchenöffentlichkeit seit Jahren beschäftigen. Während in Deutschland Fragen der Kirchenreform im Vordergrund stehen – Macht, Partizipation, Ämterzugang, Sexualmoral –, stellt Leo XIV. deren Relevanz nicht in Abrede, richtet den Blick aber zuerst auf globale Zivilisationsfragen: Künstliche Intelligenz, technokratische Herrschaft, Krieg, soziale Fragmentierung, Verlust des Begriffes von Menschlichkeit.
Nach den Enthüllungen um sexualisierte Gewalt, Vertrauensverlust und angesichts der dramatischen Erosion kirchlicher Bindung erscheint die Reform kirchlicher Strukturen für die deutschsprachigen Katholizismen fast zwangsläufig die Zukunftsfrage zu sein. Doch darin liegt womöglich auch eine gewisse Engführung. Leo XIV. verweigert sich bislang jedenfalls den vertrauten Lagerbildungen. Er ist weder ein restaurativer Kulturkämpfer noch ein exklusiver Kirchenreformer. Vielleicht erklärt gerade dieses „Weder-noch“ die deutsche Irritation. Man weiß nicht so recht, wohin man ihn sortieren soll. Konservative Blockade versus progressive Öffnung – Leo XIV. passt in keine der beiden Rollen. Er argumentiert sozialethisch universalistisch, aber nicht allein westlich-progressiv; institutionell loyal, aber nicht restaurativ; zusammenführend, nicht scharf distinktiv.
Das vielleicht Entscheidende ist ein tief liegender Mentalitätsunterschied. Der deutschsprachige Katholizismus ist außergewöhnlich stark von akademischer Theologie geprägt. Das zeigt sich nicht nur im Niveau der innerkirchlichen Debatten, sondern auch in den Erwartungen an kirchliche Entwicklung. Wenn einmal etwas theologisch überzeugend dargelegt ist, werden in der Regel auch institutionelle Konsequenzen erwartet. Erkenntnis erzeugt Reformdruck.
Rom dagegen denkt traditionell anders. Dort werden Fragen nicht allein unter dem Gesichtspunkt systematischer Konsistenz behandelt, sondern auch unter dem Gesichtspunkt weltkirchlicher Integrationsfähigkeit. Es steht nicht allein die Frage im Raum, ob etwas argumentativ entschieden ist, sondern auch die Sorge, ob etwas von der Weltkirche getragen oder vielleicht auch ertragen werden kann. Welche Folgen hätte es in Afrika, Asien oder Osteuropa? Gefährdet es Einheit? Wie gelingt ein Vorangehen im Verbund, auch wenn andere die Dinge anders sehen?
Dies scheint die Sollbruchstelle zu sein, an der sich eine kulturelle Fremdheit auftut. Deutschsprachige Debatten orientieren sich an normativer Kohärenz, Rom hingegen stärker an historischem Gewordensein und einer Prozesssteuerung, die darauf Rücksicht nimmt. Das synodale Paradigma der deutschen Kirche lautet: Diskutieren, begründen und dann entscheiden – und das alles vor allem sehr gründlich. Rom wiederum betont: Spannungen müssen ausgehalten, Geschwindigkeiten austariert, Widersprüche integriert werden.
Der deutschen Denkwelt bleibt dieser „romanische Faktor“ in der Kirche oft fremd. Damit gemeint ist ein Denken in Praxisformen, in tastenden Entwicklungen, in Lösungen, die sich erst im Vollzug bewähren; die deutsche Mentalität bevorzugt häufig das vorgängige Prinzip. Es scheint ein Paradox: Rom hält zwar an den bestehenden dogmatischen Vorgaben fest, setzt dann aber darauf, dass sich Dinge in Prozess und Vollzug ausformen und erlaubt durchaus – freilich nur innerhalb des gesetzten Rahmens – ein pragmatisches Performen. Ein fremder Gestus für ein an systematischer Kohärenz orientiertes deutsches Empfinden. Dies alles scheint Papst Leo XIV. in seiner Person zu verkörpern. Bei allem Lob zur neuen Enzyklika: Nördlich der Alpen wird man sich weiter an ihm reiben.