Fünf Ave Maria, fünf Vaterunser. Dieses Bußwerk legen sich die Priester Jefferson Wicks (Josh Brolin) und Jud Duplenticy (Josh O’Connor) regelmäßig gegenseitig auf, wenn sie sich einmal mehr die Beichte abnehmen. Dieses Sakrament ist eines der zentralen Motive in dem Krimi „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery“, den die Streamingplattform Netflix im Programm hat. Und es fungiert als zentrales Machtinstrument, das insbesondere von Wicks benutzt wird: Wenn er sich die Beichte von dem ihm neu zur Seite gestellten Hilfspriester abnehmen lässt, erzählt er ihm etwa detailliert von seinen Masturbationen in der vergangenen Woche. Der Absicht dahinter kommt Duplenticy rasch auf die Spur: Wicks will ihm gegenüber Unantastbarkeit und Macht ausstrahlen, die vor nichts zurückschrecken.
Der Plot des fast zweieinhalbstündigen Films ist rasch erzählt. Der junge Priester Duplenticy, der im ersten Leben Boxer gewesen ist, legt sich mit einem streitsüchtigen Diakon an und schlägt ihn bei einer Auseinandersetzung zu Boden. Der Bischof versetzt ihn deswegen in ein Dorf im Bundesstaat New York, in dem er in der Kirche „Unsere Liebe Frau der ewigen Tapferkeit“ auf Monsignore Wicks trifft. Der ist alles andere als begeistert und lässt den jungen Geistlichen seine Abneigung deutlich spüren.
Die kleine Gemeinde, von ihrem langjährigen Priester scheinbar vollkommen eingenommen, gibt dem Neuen im Altarraum ebenfalls keine Chance. Ablehnend reagieren sie auf alle Versuche, den engen Kreis um den spirituellen Anführer aufzubrechen. Und als Wicks nach einer gewohnt brennenden Predigt ausgerechnet während der Karfreitagsliturgie in einem Nebenraum ermordet wird, steht für die Gläubigen schnell außer Frage, dass niemand anderes als der neue Priester die Tat verübt haben kann.
Nun ist der dritte Fall um Detektiv Benoit Blanc (gewohnt einnehmend: Daniel Craig) in erster Linie ein Mystery-Film, in dessen Zentrum die Aufklärung eines Verbrechens steht und keine theologischen Spitzfindigkeiten. Auf seine Kosten kommt, wer Freude daran hat, sich mit Blanc auf Spurensuche und Verbrecherjagd zu begeben – und dabei für scheinbar nur als übernatürlich zu erklärende Phänomene doch noch ganz rationale Gründe findet.
Dennoch ist die Netflix-Produktion auch unter religiösen Gesichtspunkten sehenswert. Das gilt etwa mit Blick auf die beiden Priester, die nicht nur menschlich gegensätzlich sind, sondern auch zwei verschiedene Kirchenverständnisse vertreten. Wicks tritt als Vertreter einer Ecclesia militans auf. Seine Predigten sind hart, moralisch unnachgiebig, verurteilend, kämpferisch. Kirche und Welt betrachtet er als nicht zu vereinbarende Gegensätze, für die Sache Gottes muss gekämpft werden. Wicks ist autoritär, geradezu ein Paradebeispiel ungebremster klerikaler Machtausübung und geistlichen Missbrauchs. Der Bischof ist sich der Problematik bewusst, lässt den Pfarrer – der auf die Anrede Monsignore besteht – aber gewähren.
Ganz anders kommt Duplenticy daher. Er predigt Versöhnung, wo Wicks Spaltung sät, er ringt wie seine Schafe mit den Abgründen des Glaubens, spricht von der Barmherzigkeit Gottes. Eine der berührendsten Szenen ist der Moment, in dem er zunächst ungeduldig und harsch plötzlich einen Schalter umzulegen scheint und ganz Seelsorger wird, als er die Not seiner Gesprächspartnerin bemerkt. Auch seine Wortgefechte mit dem atheistischen Detektiv, der keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen jede Form von Religiosität macht, lassen aufhorchen – insbesondere, wenn der Geistliche ausführt, inwiefern Religion im Modus der Erzählkunst lebt.
Religion und ihre Inszenierung bilden einen Grundton des Films. Dabei wirken manche Szenen zwar etwas überzeichnet und teils langatmig. Das Spiel mit religiöser Symbolik – Licht und Dunkelheit, Gott und Teufel, Versuchung und Barmherzigkeit, und eine Kirche, in der das Kreuz fehlt – fällt dennoch differenzierter aus, als man es bei einem solchen Film erwartet. Auch die Untiefen der einzelnen Gemeindemitglieder und ihre mitmenschlichen Verstrickungen zeigen, wie diffizil persönliches und kirchliches Leben sich gestalten.
Nach dem Tod des Priesters muss die Gemeinde sich neu finden. Die Ostermesse fällt nach dem unaufgeklärten Karfreitagsmord in dem Örtchen erst einmal aus, wie eine Tafel vor der Kirche anzeigt, bevor ein starker Sturm deren Klappe zuschlägt: ein scheinbar nicht enden wollender Karsamstag. Welch eine Symbolik für die Kirche in diesen Tagen. Annika Schmitz