Der Roman „Monstergott“ von Caroline SchmittDie Droge Jesus

Viele kleine weiße Tabletten
© Unsplash/Hal Gatewood

Die Sommerfreizeit war die schönste Zeit im Jahr“ – findet Ben. Früher nahmen er und seine Freunde selbst an diesem Feriencamp teil. Mittlerweile passt er als Mitarbeiter auf die Kinder und Jugendlichen auf. Bald wird klar, dass es in den sieben Tagen vor allem um eines geht: Gott zu begegnen und die Beziehung zu ihm zu leben. Die Sommerfreizeit, mit der Caroline Schmitt ihren zweiten Roman „Monstergott“ beginnen lässt, findet irgendwo in Deutschland statt. Sie ist Teil des Gemeindelebens einer nicht näher benannten freikirchlichen Gemeinschaft, in der sowohl Ben als auch seine vier Jahre ältere Schwester Esther durch ihre Eltern sozialisiert sind.

Das Geschwisterpaar und seine Auseinandersetzung mit dem Glauben stehen im Zentrum des Romans. Ben ist Mitglied des Lobpreisteams und Hauskreisleiter. Er könnte sich sogar vorstellen, die Jugendarbeit komplett zu verantworten. Jeden Morgen nimmt er sich Zeit, um in der Bibel zu lesen. „Das konnte man nicht erklären, das musste man erlebt haben. Jesus war eine Droge, die sofort abhängig machte und trotzdem unbedenklich war. Wer einmal von ihr gekostet hatte, der wollte mehr von seinem süßen, köstlichen Nektar.“

Esther singt ebenfalls im Lobpreisteam und schafft es, mit ihrer Stimme die Gemeinde in Entzückung zu versetzen. Der Pastor trägt teure Sneaker, lässige Shirts und Caps mit der Aufschrift „Ostersonntag-Mindset“. Seine Frau füttert ihren Instagram-Account mit Highlights aus seinen Predigten. Die Gemeinde ist für die Geschwister wie eine Familie: „Wenn Nicht-Christen ihn fragten, warum er so viel mit seiner Gemeinde unternahm, wusste er nicht, wie er das erklären sollte.“

Doch was zunächst wie ein Sechser im Lotto klingt, entpuppt sich recht schnell als Glaubenskorsett. Es gibt Dating-Traktate für den Umgang mit dem anderen Geschlecht oder Rechenschaftsberichte im Männerhauskreis darüber, „wann und vor allem warum sie Hand angelegt hatten“.

Aus wechselnder Perspektive von Ben und Esther erzählt, entspinnt sich im Laufe des Romans das ganze Ausmaß der inneren Zerrissenheit der beiden jungen Erwachsenen. Esther, die Krankenschwester, deren Eltern ihr vom Abitur und Studium abgeraten hatten, hadert damit, dass der Pastor ihr nicht die Leitung des Lobpreisteams überträgt, da sie eine Frau ist. Alle Versuche, ihn zu überzeugen, laufen ins Leere. Da helfen auch Bibelzitate etwa aus dem Korintherbrief nicht („Ich lese daraus, dass Jesus kein Problem mit Frauen hat. Auch nicht mit starken“). Der Pastor, dessen Name nie genannt wird, meint dazu nur: „Du biegst dir die Bibel zurecht und bist damit nicht weit von den Pharisäern entfernt.“

Währenddessen versucht Ben, seine inneren Dämonen zu bekämpfen, ohne dass seine Schwester davon etwas mitbekommt. Ein schwieriges Unterfangen, teilen sich die beiden doch eine Wohnung. Ben greift zur Bekämpfung seiner Sünden zu drastischen Maßnahmen: Er besucht einen Therapeuten, der fast ausschließlich christliche Patienten mit Identitätsstörungen oder Eheproblemen behandelt. Außerdem beginnt er ein sechsmonatiges Männerseminar, bei dem man sich als „Aufwärmübung“ gegenseitig ohrfeigen muss. „Bens Geist war so willig, wie sein Fleisch schwach war“ – diese Unzulänglichkeit vor Gott stürzt Ben in eine Krise, aus der er am Ende nur noch einen Ausweg sieht.

Davon nichts ahnend, nehmen Esthers Gewissenskonflikte durch ein Wiedersehen mit ihrer Jugendliebe Paul zu. Sowohl Paul als auch Bens Jugendfreund Noah (der sich mittlerweile zu seiner Homosexualität bekannt hat) haben der freikirchlichen Gemeinschaft vor langer Zeit den Rücken gekehrt. Sie haben sich frei gemacht, sprechen vom „Freikirchen-Virus“, und so „leidenschaftlich er (Paul) früher Menschen vom Glauben überzeugen wollte, so vehement versuchte er jetzt, sie davon abzuhalten“.

Schmitt, die selbst in einer Freikirche groß geworden ist, schildert die innere Auseinandersetzung der beiden Geschwister, ohne zu bewerten. Vieles bleibt unausgesprochen oder wird nur angedeutet. Diese Indirektheit mag man bemängeln, doch sie eröffnet der eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema einen breiten Raum. Dana Kim Hansen-Strosche

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