Philosophische Grundfragen der TheologieDer Mensch ist des Menschen Sinn

Die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet der Philosoph Michael Zichy bereits mit dem Buchtitel. Bevor er aber seine Hypothese näher erläutert, dekonstruiert er zunächst „allerlei Antworten“; mit etlichen Perspektiven auf den armen Sisyphos nimmt er metaphysische, das heißt „Gott und Co.“, und nihilistische Antworten, den „Sinn im Selbst“ sowie „Sinn durch objektive Werte“ auseinander und zeigt, „dass einige dieser Antworten ziemlich falsch sind, andere zwar nicht unbedingt falsch, aber doch einseitig und zu kurz greifend“.

Jenseits jedes Bedauerns über ein Fehlen oder Nichtfehlen Gottes analysiert Zichy Punkt für Punkt, „dass das Göttliche keine konstitutive Funktion für den Sinn des individuellen menschlichen Lebens hat“. Auch an den Stärken und insbesondere Schwächen der anderen Antworten arbeitet er sich pragmatisch ab und schafft es, eine beeindruckende Anzahl an Ansätzen von Friedrich Nietzsche bis „Per Anhalter durch die Galaxis“ auf wenige Zeilen herunterzubrechen. Seine Füreinander-wichtig-sein-These hält als Vergleichsmaßstab gut bei der Stange. So wird jeder, der eine hoffnungslose Mutter am Sterbebett ihres Kindes ausharren sah, Zichys Koma-Beispiel intuitiv zustimmen – und sieht sich vor allem durch den Verweis auf den Psychotherapeuten Viktor Frankl glaubwürdig rückversichert. Es überzeugt die gewollte Alltagstauglichkeit der Antwort. Es fehlt nur die klare Formulierung der befreienden Konsequenz: Erst, wenn es keinerlei Notwendigkeit gibt, an Gott zu glauben, ist der Glaube an ihn frei.

Reichlich spät erst, im vorletzten Unterkapitel, legt Zichy dann aber auch im Detail dar, dass ein personaler Gott deswegen so gerne geglaubt wird, weil ihm der Mensch ewig um seiner selbst willen wichtig ist. Von dieser Überlegung ausgehend fehlt der Verweis auf andere nützliche oder eben sinnstiftende Eigenschaften eines liebenden Gottes, etwa: Gerechtigkeitsgarant zu sein. Wer unverschuldet für niemanden wichtig sein kann, wem andere Menschen eher die Hölle sind, wird sich mit Zichys Antwort nicht so leicht zufrieden geben. Ungeachtet dessen regt diese praktische Theorie des Lebenssinns, diese Spielart der Nächsten- und Selbstliebe, zur Umsetzung an. Hilde Naurath

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Michael Zichy

Suhrkamp, Berlin 2025, 346 S., 21,99 € (D)