Dieser Papstname lässt aufhorchen: Leo XIV. Der am 8. Mai 2025 in nur vier Wahlgängen mit großer Mehrheit gewählte 267. Papst, Robert Francis Prevost, suchte ihn sich bewusst aus (vgl. HK, Juni 2025, 13–15). Mit dem Namen keimte Hoffnung auf: Bei den einen auf eine Fortsetzung des Kurses seines Vorgängers Franziskus, darauf, dass auch der neue Papst die Sorge um die Menschen am Rand der Gesellschaft am Herzen liegt und er deswegen an den Begründer der kirchlichen Soziallehre, Leo XIII., anknüpft. Die anderen setzen auf die Rückkehr zur theologischen Strenge des letzten Leo-Papstes, für die exemplarisch die Enzyklika „Aeterni Patris“ steht.
Die erste Sozialenzyklika im Kontext der Arbeiterfrage
In der ersten Ansprache an das Kardinalskollegium wenige Tage nach der Wahl ging der Papst selbst auf seine Namenswahl ein: „Es gibt verschiedene Gründe, aber in erster Linie, weil Papst Leo XIII. mit der berühmten Enzyklika ‚Rerum Novarum‘ die soziale Frage im Zusammenhang mit der ersten großen industriellen Revolution angesprochen hat. Und heute bietet die Kirche allen den Schatz ihrer Soziallehre an, um auf eine weitere industrielle Revolution und auf die Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz zu antworten, die neue Herausforderungen im Hinblick auf die Verteidigung der Menschenwürde, der Gerechtigkeit und der Arbeit mit sich bringen.“
Die neuen Dinge, die neuen Entwicklungen bilden das Materialobjekt der katholischen Soziallehre, die von ihren Anfängen an die Frage nach sozialer Gerechtigkeit in den Blick nimmt. „Rerum Novarum“, so lauten die Anfangsworte des lateinischen Textes und damit auch der Titel der ersten Sozialenzyklika, die Papst Leo XIII. 1891 veröffentlichte. Damals ging es um die soziale Frage des 19. Jahrhunderts, um die Arbeiterfrage, die der Papst als das entscheidende Problem seiner Zeit erkannt hatte. Die Sozialkritik fokussiert auf den Pauperismus, der nicht die Armut meint, die es schon immer gegeben hat, sondern die spezifische, mit der industriellen Revolution entstehende Massenarmut, die in ihren Konsequenzen eine eigene Qualität hat. Gerechtigkeit zu realisieren wird in diesem Kontext zu einer Aufgabe der Gesellschaft und nicht allein des Einzelnen oder des Staates.
Die Bedeutung der Enzyklika zeigt sich auch darin, dass sie zum Fundament der inzwischen knapp 135-jährigen Tradition der päpstlichen Sozialverkündigung wurde. Im Laufe dieser Zeit würdigten die Päpste zu unterschiedlichen Jubiläen der ersten Sozialenzyklika die bisherige Tradition und widmeten sich zugleich den jeweils aktuellen sozialen Fragen. Inhaltlich knüpft Papst Leo XIV. hier auch bewusst an; er stellt sich klar in diese Tradition der Soziallehre, unterscheidet sich aber zugleich von den Bezugnahmen in der bisherigen Tradition: So addiert er nicht einfach eine weitere Dimension zu den Erweiterungen der sozialen Frage. Stattdessen bezeichnet er die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz als eine zweite industrielle Revolution, die, der ersten vergleichbar, in allen Bereichen unserer Wirklichkeit Konsequenzen nach sich zieht.
Die digitale Revolution und ihre Bedeutung für die Soziallehre
Lehramtliche Vorarbeiten für diese Perspektive gibt es bereits: Der Bochumer Theologe Thomas Söding etwa verweist auf „Antiqua et Nova“, ein noch unter Papst Franziskus veröffentlichtes Papier, das sich differenziert und kenntnisreich mit der Künstlichen Intelligenz beschäftigt (vgl. HK, März 2025, 28–29).
Das Dokument setzt eine umfassende integrale Anthropologie in Kontrast zu dem, was unter dem Begriff der Künstlichen Intelligenz zu fassen ist: Die „Intelligenz“ eines Systems wird funktional und mit Bezug auf spezifische intellektuelle Aufgaben beschrieben (Nr. 11). Im Unterschied dazu sei bei der Rede von menschlicher Intelligenz die volle Bandbreite menschlicher Erfahrung zu berücksichtigen. Das impliziere Leiblichkeit und Vernünftigkeit, Relationalität, aber auch Emotionen, Kreativität, den Sinn für Ästhetik, Moral und Religion (Nr. 13–29). Beide Formen der Intelligenz seien deswegen nicht miteinander vergleichbar: „So vieles, was wir als Menschen erleben, eröffnet uns neue Horizonte und bietet uns die Möglichkeit, eine neue Weisheit zu erlangen. Kein Gerät, das nur mit Daten arbeitet, kann mit diesen und so vielen anderen Erfahrungen in unserem Leben mithalten“ (Nr. 33).
In diesem Papier wird jede Einseitigkeit vermieden – sowohl im Blick auf den Menschen als auch auf die Technologie; letztere wird weder verherrlicht noch verteufelt. Vielmehr wird Technologie als Möglichkeit begriffen, „dem Wahren und Guten auf die Spur zu kommen“ (Alexander Filipović, Der Vatikan äußert sich über Künstliche Intelligenz, Online-Beitrag für „Communio“). Damit sind bereits zentrale Fragen der moralischen Verantwortung und der Ethik angesprochen, die für alle menschlichen und gesellschaftlichen Bereiche, in denen Künstliche Intelligenz zum Einsatz kommt, zu stellen sind. Als höchstes Kriterium zur Differenzierung wird in „Antiqua et Nova“ die Würde des Menschen und, untrennbar damit verbunden, das Gemeinwohl genannt (Nr 43; 47).
Wenn Papst Leo XIV. die Bedeutung der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz mit der Bedeutung der Industrialisierung im 19. Jahrhundert gleichstellt – man könnte zu Recht von „Rerum Novarum 2.0“ sprechen –, betritt er lehramtlich kein Neuland. Er würde, so Thomas Söding, jedes Wort dieses römischen Papiers unterschreiben (Wohin will die katholische Kirche? Die Weltsynode und Papst Leo XIV., Mainz 2025, 552).
Man darf deshalb gespannt sein, welcher Thematik sich der Papst in seiner ersten Sozialenzyklika widmen wird. Zugleich nennt Leo XIV. bei der Begründung seiner Namenswahl auch den für die Soziallehre fundamentalen Wert der Gerechtigkeit sowie den Bereich der Arbeit, mit dem der materiale Grundstein der Soziallehre gelegt wurde. Damit ist er bereits mitten in der sozialethischen Tradition der Kirche und zugleich in den zentralen Fragen der Gegenwart angekommen, für die „die Kirche allen den Schatz ihrer Soziallehre an(bietet)“. Wie er diese Soziallehre versteht, hat er in seiner Ansprache an die Mitglieder der Stiftung „Centesimus annus pro pontifice“ klar beantwortet. Diese Ansprache lohnt eine nähere Analyse.
„Denn die Soziallehre erzieht uns dazu zu erkennen, dass wichtiger als die Probleme oder die Antworten darauf die Weise ist, wie wir ihnen begegnen, mit Bewertungskriterien und ethischen Grundsätzen und mit der Offenheit gegenüber der Gnade Gottes“ (Ansprache von Papst Leo XIV. vom17. Mai 2025). Die Soziallehre der Kirche ist Leo XIV. zufolge nicht als ein fest gefügtes Gebäude von Lehrsätzen zu verstehen, die für alle aufkommenden Fragen bereits eine klare Antwort vorgeben, sodass ihre Vertreter sich im „Besitz der Wahrheit“ wähnen könnten. Vielmehr gehe es um einen Modus, sich neuen Herausforderungen zu stellen. Nicht „übereilte Antworten“, sondern ein Sich-Annähern-Können, „sich den Problemen (…) stellen, die immer verschieden sind, denn jede Generation ist neu, mit neuen Herausforderungen, neuen Träumen, neuen Fragen“.
Der Papst ist zwar kein Wissenschaftler von Profession, aber ein wissenschaftlich gebildeter, pastoral ausgerichteter Bischof, und er bestärkt das entscheidende Prinzip von Wissenschaft: Er plädiert für einen wissenschaftlichen Diskurs verschiedener Disziplinen, auch auf der Basis von Empirie. So verstandene Lehre ist eine „Frucht der Forschung und (…) von Hypothesen, Stimmen, Fortschritten und Misserfolgen, durch die sie versucht, eine verlässliche, geordnete und systematische Erkenntnis über eine bestimmte Frage weiterzugeben“. In der aktuellen Debatte um die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie der theologischen Ethik scheint das eine wegweisende Positionierung zu sein: Leo XIV. spricht mithin gegen eine Fokussierung auf die naturrechtliche Festlegung einer divinisierten und verabsolutierten Ordnung, andererseits für den Dialog mit den Human-, Sozial- und Naturwissenschaften. Deren Erkenntnisse sind unverzichtbar, um die Soziallehre essenziell weiterzuentwickeln.
Mit diesem Verständnis verortet er sich expressis verbis in der Linie der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“, der zufolge die Kirche die Aufgabe hat, „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“ (Nr. 4). Bei dieser vom Zweiten Vatikanischen Konzil formulierten Aufgabe handelt es sich um einen stets neu zu erfüllenden Auftrag, zu dem Leo auch die Soziallehre der Kirche und die christliche Sozialethik hinzuzieht. In diesem Zusammenhang – und hier tritt Leo ganz in die Fußstapfen seines Vorgängers – weist er dem Volk eine konstitutive Bedeutung zu. Der Papst fordert dazu auf, besonders im Kontext der Soziallehre dem sensus fidei zur Geltung zu verhelfen und eben diese Lehre „zusammen mit dem Gottesvolk weiterzuentwickeln, in dieser geschichtlichen Periode großer gesellschaftlicher Umwälzungen, indem ihr allen Gehör schenkt und mit ihnen sprecht“. Dabei verweist er unter anderem auch auf die „ausgegrenzten Menschen“, die nicht immer die Möglichkeit haben, sich Gehör zu verschaffen.
Brückenbauen und Friedenstiften
„Friede sei mit euch“, so lauteten die ersten Worte, mit denen Papst Leo XIV. von der Loggia des Petersdoms die Menschen auf dem Petersplatz begrüßte. Und das am 8. Mai 2025, genau 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese Worte haben für ihn zweifelsfrei eine programmatische Bedeutung. Das Wort „Friede“ fiel mehrfach in der Ansprache. Zum einen meint der Papst damit den Weltfrieden, den er mit Blick auf die unterschiedlichen Kriegsschauplätze in der Welt eindringlich betont. Aber neben dem „äußere(n) Frieden (…) scheint (Leo) auch den inneren Frieden zu meinen“ (Andreas Batlogg, Leo XIV. Der neue Papst, Freiburg 2025, 128), den internen Frieden innerhalb des privaten Lebens, in den vielfältig zerrissenen Gesellschaften sowie auch in der Kirche, „die neu ihre Einheit suchen muss und ihre Aufgabe in der Welt“ (Söding, 552). Leo XIV. selbst übernimmt bereits in seiner Biografie diese Position des Brückenbauers: zwischen den USA und Südamerika, zwischen dem Generaloberen der Augustiner und dem Kardinal als Präfekt des Bischofsdikasteriums, zwischen dem Synodalen Weg in Deutschland und dem von Papst Franziskus initiierten und von Papst Leo XIV. jetzt fortgeführten Weltsynoden-Prozess (vgl. HK, August 2025, 9–10).
Der Interpretationsschlüssel Soziallehre
Die Soziallehre der Kirche ist für Leo XIV. laut seiner Ansprache vom 17. Mai ein Instrument, ein „Mittel des Friedens und des Dialogs, um Brücken universaler Geschwisterlichkeit zu bauen“. Damit rufe die Soziallehre auf, „Interpretationsschlüssel zu liefern, die Wissenschaft und Gewissen in Dialog bringen und so einen grundlegenden Beitrag zur Erkenntnis, zur Hoffnung und zum Frieden leisten“. Birgit Weiler weist darauf hin, dass für Papst Leo XIV. „das soziale Engagement untrennbar mit der Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat und mit einer missionarischen Kirche verbunden“ ist (Papst Leo XIV., ein Brückenbauer zwischen globalem Norden und globalem Süden, „feinschwarz.net“, 30. Mai 2025).
In verschiedenen Kontexten wendet Leo XIV. sich in logischer Konsequenz gegen einen Verkündigungsmodus, der eher Indoktrinierung und Propaganda bedeutet, die vereinnahmen will und sich den anderen überlegen fühlt. Vielmehr verweist er etwa in seiner Predigt zum Pontifikatsbeginn darauf, dass es ihm darum geht, in der Weltgesellschaft, „in diesem Teig, ein kleines Stückchen Sauerteig (zu) sein“. Missionarisch Kirche sein impliziert vor allem mit Blick auf den ganzen Bereich des sozialen Engagements, sich auf die fides qua, den gelebten Glauben, zu konzentrieren. Eindeutig ist der christliche Glaube für den Augustiner-Papst nicht eine Theorie, sondern die Praxis, „so zu lieben, wie Jesus es getan hat“.
Noch wenige Wochen vor seiner Wahl zum Papst hat Prevost dies in einem Post auf der Plattform „X“ konkretisiert, in dem er dem US-amerikanischen Vizepräsident J. D. Vance widersprochen hat. Dieser hatte versucht, den US-amerikanischen Umgang mit Geflüchteten theologisch zu rechtfertigen mit dem Verweis auf einen Stufenplan der Nächstenliebe (ordo amoris), bei dem die Geflüchteten ganz unten in der Rangordnung stünden. Kardinal Prevost formulierte „JD Vance liegt falsch: Jesus verlangt von uns nicht, unsere Liebe zu anderen abzustufen“ (vgl. HK, Juli 2025, 26–28).
Die Soziallehre als Teil einer synodalen Kirche
Der Papst hat in seiner Ansprache auf der Loggia des Petersdomes direkt nach seiner Wahl, aber auch bei weiteren Gelegenheiten an zentraler Stelle von der synodalen Kirche gesprochen und das Dekret zur Fortführung der Weltsynode bis 2028 bestätigt. Von einem Kurswechsel und einer markanten Zäsur, wie prominente Bischöfe es vom neuen Pontifex erwartet haben, kann bezüglich dieses wichtigen Punktes nicht die Rede sein. Dieser synodale Prozess betrifft zunächst die Reform der Kirche ad intra.
Bereits als Kardinal hat Robert Prevost erklärt, dass es in der synodalen Kirche sicher um Lehre geht, „aber auch um Zuhören“ (Batlogg, 144). So heißt es in einem Interview, das Andrea Tornelli, Chefredakteur von „Vatican News“, mit Robert Prevost kurz vor dessen Wahl zum Papst geführt hat, dass der synodale Geist „einfach bedeutet, dass wir alle zusammen gehen und gemeinsam suchen, was der Herr in dieser unserer Zeit von uns verlangt“ (145).
Vermutlich klingt hier nicht zufällig an, was Leo XIV. in ähnlicher Weise zu seinem Verständnis der Soziallehre ausgeführt hat. Denn das Synodale, das sich im Zuhören, im gemeinsamen Suchen äußert, ist das ekklesiologische Merkmal, das sich in allem Denken und Tun der Kirche äußern muss, ad intra und ad extra – ein echter Paradigmenwechsel für die Soziallehre der Kirche. Es muss nicht verwundern, dass Papst Leo XIV. diese Dimension so stark macht, entspricht sie doch völlig seiner Erfahrung als Augustinermönch, als der er selbst mit flacher Hierarchie und einer sehr kommunikationsoffenen Weise gelebt und Führung wahrgenommen hat. Letztlich bleibt Synodalität damit in der vollen Weite des Begriffs auch für Papst Leo XIV. eine Frage der Glaubwürdigkeit.