So liefen wir an diesem Tag über den Friedhof: Ich, gerade mal Anfang 20, vorneweg als ehrgeizige Berufsanfängerin im Hort, in dem ich zu diesem Zeitpunkt noch arbeitete. Hinter mir die Kinder im Alter von zehn bis zwölf – laut und aufgedreht wie ein Schwarm wilder Möwen. An diesem Tag habe ich mehr gelernt als in meinem gesamten Anerkennungsjahr. Eigentlich hatte alles harmlos begonnen: Meine Kollegin und ich wollten mit unserer Gruppe an den Stadtstrand gehen. Doch dann wurde sie krank und niemand konnte mich auf den Ausflug begleiten. Trotzdem entschied ich mich in Absprache mit der Leitung dazu, allein mit den Kindern loszugehen. Gleich vorweg: Das war eine schlechte Idee und heute würde ich anders entscheiden. Doch damals wollte ich mir selbst und den anderen beweisen, dass ich das kann.
Also zog ich mit den Kindern los. Am Stadtstrand sammelten wir Muscheln und die Stimmung war gut. Doch dann kam das böse Erwachen. „Wo ist Lars?“, fragten die Kinder plötzlich. Es gab keine Spur von dem Zwölfjährigen. Schließlich sagte Eva: „Er ist in den Fluss gesprungen!“ Mir rutschte das Herz in die Hose. Auf einmal sprang Lars grinsend zwischen den Büschen hervor. Die Kinder lachten – nur ich hätte fast geweint. Spätestens da hätte ich mit den Kindern zurück in den Hort gehen sollen. Tat ich aber nicht. Wir gingen weiter zu einer Wiese, um dort zu picknicken. Kurz darauf schrie Lea: „Ich blute!“ Sie hatte sich an einer Glasscherbe den Zeh leicht aufgeschnitten. Während ich die Wunde versorgte, kam mir kurz die Aufsichtspflicht in den Sinn – doch schon kippte die Stimmung endgültig. Die Kinder waren erschöpft und stritten sich pausenlos. Erst jetzt sprach ich aus, was ich schon viel früher hätte sagen sollen: „Wir gehen zurück zum Hort.“ Um der Hitze zu entgehen, nahmen wir die Abkürzung über den schattigen Friedhof. Doch mit einer Gruppe kreischender Kinder über den Friedhof zu laufen – ebenfalls keine gute Idee. Heute weiß ich: Ich hätte an diesem Tag viele Entscheidungen anders treffen müssen und auf mein Bauchgefühl und meinen Verstand hören sollen. Stattdessen wollte ich zeigen, dass ich es auch allein kann. Das war mein Fehler. Denn Professionalität bedeutet nicht, sich um jeden Preis beweisen zu müssen.
Als wir schließlich im Hort ankamen und gemeinsam Eis aßen, sagte Joel aber etwas Überraschendes: „Das war heute der schönste Tag im Hort!“ Das freute mich für Joel, ich aber wollte einfach nur noch in den Feierabend.
Hast du so etwas auch schon einmal erlebt? Falls ja, schreibe mir!
Deine Tammy