Das schwarze Vierecktammysdiaries

„Tamara, warum ist ein schwarzes Viereck an der Gruppenwand?“ Ich höre es sofort an der Stimme meines Kollegen Rudolf: Er ist nicht begeistert. Aber natürlich hat diese Malaktion einen wichtigen pädagogischen Hintergrund. „Das habe ich mit Moni gemalt“, antworte ich. „Es ist Magnetfarbe. Ich dachte, wir könnten dort die Werke der Kinder au¬ ängen.“ Diese Antwort überzeugt Rudolf nicht wirklich. Also lege ich nach: „Moni konnte so Selbstwirksamkeit erleben. Sie hat ihre Umgebung aktiv mitgestaltet, hat gelernt, wie man streicht und …“ „Schon gut“, unterbricht mich Rudolf und stöhnt leise.
Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich noch im Hort und eigentlich war es so: Ich hatte die Farbe im Materialschrank entdeckt und beschloss spontan mit Moni (12 J.), damit die Wand zu streichen. Kleines Problem: So richtig magnetisch war die Farbe nicht. Die Magnete fi elen herunter, wenn zu dickes Papier dazwischen war. Rudolf war nicht wirklich erfreut, dass nun dieses ein Quadratmeter große schwarze Viereck die Wand des Gruppenraums schmückte. Ich hingegen hatte mir gedacht: Was soll schon schiefgehen? Unsere Wände brauchen ohnehin einen Anstrich, da passt die Magnetfarbe doch super. So bin ich eben: spontan!
Wenn ich etwas entdecke, möchte ich es sofort ausprobieren. Und damit komme ich darauf zurück, was mir dieses Erlebnis gezeigt hat: Wir waren damals im Team alle unterschiedlich. Da war etwa Britta, die für jede Situation nicht nur einen Plan A, sondern auch B und C parat hatte. Rudolf hingegen ließ den Tag entspannt auf sich zukommen und gehörte eher zum Team „Last Minute“. Und Sabrina fragte bei allem nach, weil sie es allen recht machen wollte. Was mir im Nachhinein klar wurde: So unterschiedlich wir uns organisieren, so unterschiedlich arbeiten wir auch mit den Kindern.
Ich dachte lange, es gäbe diese eine „richtige“ Erzieher:innenpersönlichkeit und ich müsste genauso werden. Plötzlich wurde mir klar: Das ist völliger Quatsch! Und diese Erkenntnis war für mich sehr befreiend. Denn genauso unterschiedlich wie Kinder sind, so unterschiedlich sind auch wir Fachkräfte – und das ergänzt sich am Ende wunderbar. Während ich etwa mit den Kindern im Toberaum herumalberte, las Sabrina den Kindern ruhig ein Buch vor. Rudolf konnte geschickt mit den Hortkindern diskutieren, mir hingegen ging dabei schnell die Puste aus. Gemeinsam sind wir bunt und das ist gut so. Denn unterschiedliche Stärken, Ressourcen und Persönlichkeiten bereichern das Team und die pädagogische Arbeit.
Ach, und übrigens … Ich habe diese spontanen Einfälle immer noch, doch jetzt weiß ich: Die nächste spontane Streichaktion kündige ich vorher an.

Hast du so etwas auch schon einmal erlebt? Falls ja, schreibe mir!

Deine Tammy

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