Es ist mittlerweile ein Topos, von der Krise Europas zu sprechen. Wenn man sich genauer mit dieser Krise befasst, zeigt sich schnell, dass es eine "Polykrise", eine höchst mannigfaltige Krise ist. Oder vielmehr noch: dass Europa in zahlreichen, eng aufeinander bezogenen Krisen steckt. Krisen an den Rändern und im Inneren. Krisen in Politik und Gesellschaft, in Wirtschaft und Kultur, im weltanschaulichen und religiösen Bereich. Krisen der geschichtlichen Fundamente, der gegenwärtigen Praxis und der Erwartungen, Hoffnungen und Visionen für die Zukunft. Krisen angesichts der Verständlichkeit, Umsetzbarkeit und Lebendigkeit der "europäischen Idee". Viele dieser Krisen reichen weit in die Vergangenheit und haben tiefe Wurzeln. Ähnlich wie Europa selbst. Ist nicht die Krise, das Krisenhafte ein zentrales Merkmal europäischer Identität? Wann war Europa einmal nicht in einer Krise?
In den letzten Jahrzehnten wurde immer wieder intensiv um Europa gerungen – politisch, gesellschaftlich, kulturell und kirchlich. Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, die Geschichte(n) der Kriege, des Unheils und der Verletzungen der Würde so vieler Menschen zwangen dazu. Auch die Päpste haben angesichts der historischen Ereignisse des letzten Jahrhunderts und vor diesem Hintergrund ihrer unterschiedlichen persönlichen Perspektiven und geschichtlichen Erfahrungen in zahlreichen Stellungnahmen, Reden und Predigten zu den Herausforderungen Europas Stellung bezogen – aus Sorge um die Zukunft dieses Kontinents, um die Rolle Europas in der Welt, um Christentum und Kirche in den europäischen Ländern.
Plädoyer für Menschlichkeit und Zuversicht
Papst Leo XIV., der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri, weiß ebenfalls um die Bedeutung von Europa und um die Krisen, in denen Europa steht. Seine Ansprache An den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit – gehalten am 28. September 2026 im Kongresszentrum "Robert-Schuman" in Metz – zeigt dies mit aller Deutlichkeit. Diese kurze Ansprache ist ein Aufruf zu Europa in Europa-müden, krisenhaften Zeiten, eine Ermahnung, die Wurzeln und Vergangenheit Europas um der Zukunft willen nicht außer Acht zu lassen, ein Plädoyer für Menschlichkeit und Zuversicht.
Bloße Definitionen, so weiß auch Papst Leo, bringen wenig. Europa ist nämlich ein lebendiges Miteinander von Menschen, ist eine Vielfalt von Geschichten und Kulturen, eine Schicksalsgemeinschaft, die eben auch die Erfahrungen unfassbarer Abgründe kennt.
Papst Leo geht vorsichtig vor. Er weiß um die Schwierigkeiten einer Bestimmung Europas: "Es ist immer schwierig", so bekennt er, "eine Definition von Europa zu geben, sowohl für die Gegenwart als auch für die Vergangenheit. Europa hat nämlich schrittweise zu seinem Selbstverständnis gefunden – in den historischen Epochen der hellenistischen Zivilisation, des Römischen Reiches und schließlich der Ausbreitung des Christentums, wobei es im Laufe der Zeit neue Kulturen wie unter anderem die germanischen und slawischen integrierte, bis es immer größere Gebiete umfasste."
Angesichts dieser komplexen Entwicklungen betont der Papst: "Europa versteht sich also in erster Linie als kulturelle und geschichtliche Größe und erst in zweiter Linie als geografische." Schon geografische Bestimmungen können sehr kontrovers sein. Das gilt erst recht für Bestimmungen, die auf kulturelle und geschichtliche Faktoren zurückgehen. Welche Ideen oder Werte waren entscheidend für die "Identität" Europas? Wie interpretiert man ihre Entwicklung im Verlaufe der Jahrhunderte? Wie deutet man ihre Rolle in der Gegenwart? Was kann man für die Zukunft aus ihnen lernen? Wer über Europa nachdenkt, muss sich diesen Fragen stellen.
Auch der Papst stellt diese Fragen und erinnert in seiner Antwort an die besondere Stellung des Christentums in der europäischen Geschichte und an die europäischen Werte, die universal, für alle Menschen gelten. Er bleibt dabei jedoch nicht bei allgemeinen Aussagen stehen. Bloße Definitionen, so weiß auch Papst Leo, bringen wenig. Europa ist nämlich ein lebendiges Miteinander von Menschen, ist eine Vielfalt von Geschichten und Kulturen, eine Schicksalsgemeinschaft, die eben auch die Erfahrungen unfassbarer Abgründe kennt. Daher bedarf, wer Europa verstehen will, einer anderen, nicht rein formalen, nicht bloß abstrakten Perspektive. In seiner Ansprache nimmt er eine solche Optik ein. Denn er erinnert zum einen an große Europäer, die aus ihrem christlichen Glauben heraus auch in schwierigen, von Krisen erschütterten, manchmal hoffnungslosen Zeiten Welt – und das heißt hier: Europa – gestaltet haben und für die europäischen Werte eingetreten sind. Im Vordergrund steht der in der Nähe von Metz verstorbene und begrabene Robert Schuman. Erwähnt werden aber auch kurz Alcide De Gasperi und der Heilige Benedikt – und somit auch die unzähligen Mönche, deren Gebet und Arbeit das Antlitz Europas und seine Werte zutiefst geprägt haben und bis heute noch, auf oft verschlungenen Wegen, prägen.
Europa bedarf der Vor-Bilder
Europa, so legt der Papst nahe, ist kein abstraktes Programm, das "Wesen" Europas ist keine Sammlung von lebensfernen Prinzipien. Europa zeigt sich im Lebenszeugnis von Menschen, in ihren guten und auch schlechten Erfahrungen, in ihren Überzeugungen, ihrem Glauben und Gottvertrauen, ihrem Handeln und ihrer Aufgeschlossenheit für die Begegnung mit dem Anderen, für Mitmenschlichkeit und - so betont der Papst mehrfach - für Dialog. Europa bedarf daher der Vor-Bilder, jener Menschen, deren Leben verdichtet zeigt, was Europa sein kann, welche Werte Europa bestimmen, wie es in Europa, mit Europa auch in vermeintlich ausweglosen Zeiten weitergehen kann.
Dies ist ein Aufruf zur Hoffnung trotz der vielen Krisen, zur Zukunft trotz der zahlreichen Erschütterungen, zu den universalen Werten Europas trotz des vielfältigen Verrats an ihnen in der europäischen Geschichte und Gegenwart. Es ist ein Aufruf, der nicht nur für "junge Menschen" weg-weisend ist.
Und das bedeutet: Europa bedarf auch der konkreten Taten, des Einsatzes für andere Menschen – gerade auch für jene Menschen, die heute nach Europa fliehen und der Hilfe, des Hörens auf ihre Not, auf ihre Stimmen besonders bedürfen. Der Papst spricht daher in dieser Ansprache nicht nur von vergangenen Zeiten, sondern erinnert an die konkreten Krisen, Herausforderungen und Aufgaben Europas, an die universalen Werte, ohne deren Beachtung und Hochschätzung Europa seine Wurzeln verraten würde: die "Achtung vor dem andern" und seiner Würde, die Pflicht zum Frieden, zur Versöhnung, zur Einheit.
Der Papst sucht Wurzeln, keine starren Fundamente. Wurzeln können verdorren. Aber sie können auch weiter leben, austreiben und zu neuer Blüte führen – wenn man sie pflegt und für sie sorgt. Seine Rede ist daher alles andere als eine Sonntagsrede, eines jener Bekenntnisse zu Europa und seiner Größe, die spätestens am Montagvormittag verhallt sind. Seine Worte sind als Worte der Sorge um Europa zutiefst relevant – und auf Zukunft hin orientiert. Denn er schließt mit einer Reihe von Aufforderungen an "junge Menschen", in denen er zum Mut ermahnt und Ängste zu nehmen versucht. Damit richtet er sich nicht nur an Christinnen und Christen, auch wenn ihnen aufgrund der christlichen Wurzeln Europas eine besondere Bedeutung zukommen kann, sondern, so zeigt sich, an alle jungen Europäerinnen und Europäer guten Willens, denen die Sorge um die "Pflanze" Europa ein Anliegen ist.
Papst Leo ruft zum Frieden, zur Gemeinschaft, zum Engagement, zur Achtung der Menschenwürde und zur Liebe des Lebens auf. Er spricht sich gegen Gewalt und Unterdrückung aus. Er regt dadurch an, das Zeugnis der Vorbilder Europas ernst zu nehmen – und selbst zu Vorbildern zu werden. Dies ist ein Aufruf zur Hoffnung trotz der vielen Krisen, zur Zukunft trotz der zahlreichen Erschütterungen, zu den universalen Werten Europas trotz des vielfältigen Verrats an ihnen in der europäischen Geschichte und Gegenwart. Es ist ein Aufruf, der nicht nur für "junge Menschen" weg-weisend ist.