Papst Gregor der Große schickte im 6. Jahrhundert Augustinus von Canterbury zur Mission nach England. Was er ihm damals mit auf dem Weg gab, gilt auch heute.

Wenn heute von Evangelisierung die Rede ist, dann geht es vor allem um die Frage, wie Menschen erreicht werden können. Gerade darin zeigt sich jedoch eine grundlegende Ambivalenz: Die berechtigte Sorge um Verständlichkeit und pastorale Anschlussfähigkeit kann dazu führen, Evangelisierung primär als methodische Herausforderung zu verstehen. Im Vordergrund stehen dann Fragen nach geeigneten Formaten, nach verständlicher Sprache, erfolgversprechenden pastoralen Wegen, innovativen Ideen oder bislang unerreichten Milieus. Solche Fragen sind notwendig. Zuerst muss jedoch eine grundlegendere, entscheidende Frage beantwortet werden: Was geschieht, wenn ein Mensch, der sein Leben längst aus anderen Quellen deutet, Christus begegnet?

San Gregorio al Celio in Rom ist nicht nur ein historischer Ort, sondern ein Ort geistlicher Beheimatung für mich. Dort leben seit einigen Jahrzehnten die Missionarinnen der Nächstenliebe, zu deren Priesterbewegung ich gehöre. An diesem Ort wird für mich sichtbar, dass Mission nicht zuerst aus einem Konzept entsteht, sondern aus einem Leben, das Christus gehört und sich von ihm senden lässt.

Aufbruch in eine fremde Welt

Dieser besondere Ort ist mit der Gestalt des heiligen Augustinus von Canterbury verbunden, der mit seinen Gefährten von dem früheren Kloster auf dem Celio von Papst Gregor dem Großen zur Mission nach England gesandt wurde. Diese Glaubensboten sind damals in eine Welt aufgebrochen, deren Sprache ihnen fremd war und deren religiöse Wirklichkeit sie noch nicht kannten.

Auch heute begegnet das Evangelium Menschen, die nicht auf christliche Antworten warten, sondern in eigenen religiösen Deutungen und spirituellen Vorstellungswelten leben. Sie leben mit einer Sehnsucht, auch wenn ihre Hoffnungen oft keinen religiösen Namen mehr haben und ihnen vielfach die Sprache für Gott fehlt.

Evangelisierung nimmt wahr, was im Menschen auf Gott hin offen ist, und sie erkennt zugleich, was ihn von Gott fernhält.

Gerade daher muss Evangelisierung tiefer ansetzen als bei der Frage nach Vermittlung. Sie beginnt mit einer geistlichen Unterscheidung: Sie nimmt wahr, was im Menschen auf Gott hin offen ist, und sie erkennt zugleich, was ihn von Gott fernhält. Auf keinen Fall sollte sie aber so tun, als beginne mit dem christlichen Glauben überhaupt erst das menschliche Fragen. Die Sehnsucht des Menschen reicht weiter, als er selbst zunächst erkennt.

Beda Venerabilis überliefert in seiner Kirchengeschichte der englischen Nation den Brief Papst Gregors des Großen an Mellitus. Verständlicherweise schreibt Beda Venerabilis nicht im modernen Sinn als neutraler Chronist, sondern als Theologe im historischen Kontext. Die Mission des Augustinus deutet er als geistlichen Aufbruch eines Volkes.

Vertrauter Raum, falscher Kult

Mellitus wird nach England geschickt, um die Arbeit des Augustinus zu unterstützen. Er erhält von Gregor eine Weisung, die bis heute zu den bemerkenswertesten Texten christlicher Missionsgeschichte zählt:

Gregor ordnet an, die heidnischen Tempel nicht abzureißen, sondern sie zu reinigen. Die Götzenbilder sollen entfernt werden, damit Altäre errichtet und Reliquien der Heiligen dort einen neuen Platz finden. Der Ort bleibt, aber seine Bedeutung wird verwandelt.

Wer dem Menschen alles nimmt, was ihm bisher Halt gegeben hat, nimmt ihm oft auch jenen inneren Zugang, an dem sein Herz ansprechbar wird.

In diesem Gedanken liegt eine große theologische Kraft. Gregor unterscheidet zwischen dem vertrauten Raum und dem falschen Kult. Was Menschen über lange Zeit geprägt hat, muss nicht zerstört werden – obwohl hier falsche Götzen angebetet werden. Das Ungeordnete und Verkehrte wird dabei nicht verharmlost: Die Götzenbilder können nicht bleiben, weil die falsche Anbetung nicht einfach christlich übermalt werden kann. Und doch darf der Ort bewahrt werden – wenn er dem wahren Gott geöffnet wird.

Wer dem Menschen alles nimmt, was ihm bisher Halt gegeben hat, nimmt ihm oft auch jenen inneren Zugang, an dem sein Herz ansprechbar wird. Das eigentliche Problem ist die falsche Bindung, die den Menschen besetzt hält. Freiheit entsteht erst dort, wo die Wahrheit sichtbar wird und das Herz eine neue Richtung erhält.

Anpassung wäre etwas anderes, denn sie ließe die Dinge im Kern unverändert und gäbe ihnen nur eine andere Sprache. Verwandlung aber greift tiefer und fragt, was in einer Wirklichkeit erlöst werden muss, damit sie auf Gott hin durchlässig werden kann.

Das Evangelium begegnet dem Leben

Evangelisierung heißt weder, den Menschen alles Vertraute zu nehmen, noch sie bloß in ihren vorhandenen Deutungen zu bestätigen. Das Evangelium begegnet dem Leben, um es von innen her auf Christus zu öffnen. Eine Kirche, die nichts mehr verwandeln will, weiß irgendwann nicht mehr, warum sie überhaupt evangelisiert.

Dieselbe Logik zeigt sich dort, wo Gregor von den Festen der Menschen spricht. Gewohnte Formen des Feierns sollen nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden. Was früher den Dämonen galt, soll nun als Dank vor Gott geschehen. Darin liegt keinesfalls eine pastorale Schwäche oder fehlende Entschiedenheit, sondern geistliche Realitätsnähe. Christ wird der Mensch nicht dadurch, dass man ihm seine vertraute Welt nimmt, sondern dadurch, dass sein Leben eine neue Ausrichtung erhält.

Evangelisierung muss lernen, verschüttete Sehnsucht freizulegen.

Hier wird die Weisung Gregors für unsere Zeit überraschend aktuell. Viele Menschen leben nicht bewusst gegen Gott, sondern in Realitäten, in denen Gott nicht mehr vorkommt. Religiöse Sprache ist verschwunden, doch die Suche bleibt. Darum muss Evangelisierung lernen, verschüttete Sehnsucht freizulegen, statt nur gegen eine Welt zu sprechen, die Gott vielfach eher vergessen als ausdrücklich verworfen hat.

Evangelisierung braucht Geduld

Gregor weiß, dass sich nicht alles auf einmal aus "unerweichten Gemütern" entfernen lässt. Und er schreibt: "So muss ja auch, wer den höchsten Punkt zu erreichen sucht, stufen- und schrittweise, nicht aber mit Sprüngen sich zu demselben erheben." Dieses Bild gehört zu den stärksten Aussagen über Evangelisierung bei Gregor. Es widerspricht kirchlicher Ungeduld ebenso wie einer Bequemlichkeit, die kein Ziel mehr kennt. Der Weg auf den Berg verlangt Geduld. Geistliche Klugheit will den Menschen nicht überfordern, aber sie gibt die Wahrheit nicht preis.

Gregor weiß sehr gut, dass echte Evangelisierung nicht bei dem stehen bleiben darf, was Menschen ohnehin schon leben, aber er weiß auch, dass Glaube nicht durch Druck wächst. Die Kirche muss den Weg des Menschen ernst nehmen, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren.

Es gehört zur Wahrheit der Mission, dass sie nicht mit vollkommener Sicherheit beginnt, sondern mit einer Überforderung. 

Auch Augustinus selbst erscheint damit in neuem Licht. Beda Venerabilis verschweigt nicht, dass am Anfang dieser Mission das Zögern steht, denn Augustinus und seine Gefährten bekommen Angst vor dem Weg und wollen umkehren; erst das Wort Gregors führt dazu, dass sie weitermachen.

Es gehört zur Wahrheit der Mission, dass sie nicht mit vollkommener Sicherheit beginnt, sondern mit einer Überforderung. Gerade das macht Augustinus glaubwürdig. Er beginnt nicht als starker Mann, sondern als einer, der sich senden lässt, obwohl ihm die Aufgabe zu groß erscheint. Entscheidend ist nicht die eigene Selbstgewissheit, sondern der Gehorsam gegenüber Christus und seinem Auftrag.

Beda Venerabilis zeigt später, wie gefährdet die ersten Schritte bleiben. Die Annahme des Glaubens hängt von konkreten Personen und geschichtlichen Umständen ab. Mellitus selbst wird erfahren, dass christliche Anfänge wieder ins Wanken geraten können und steht daher für eine zweite Stunde der Mission. Nach dem Aufbruch kommt die Bewährung, in der sich zeigt, ob ein Anfang Wurzeln schlagen kann.

Darin liegt eine heilsame Ernüchterung: Der Ort wird gereinigt, aber die Herzen sind noch nicht verwandelt. Die Mission beginnt, obwohl der Ausgang offen ist. Die Kirche kann das Evangelium bezeugen, aber die innere Zustimmung der Menschen nicht erzwingen. Sie kann Räume öffnen, aber sie kann den Glauben nicht machen.

Die Versuchung des Erfolgs

Doch nicht nur die Fragilität der Anfänge gehört zur geistlichen Wahrheit der Mission, sondern auch die Versuchung des Erfolgs. Gregor selbst vertieft diese Einsicht in einem weiteren Brief, den Beda Venerabilis ebenfalls überliefert und der direkt an den heiligen Augustinus gerichtet ist. Anlass ist die Nachricht, dass durch Augustinus in England Zeichen und Wunder geschehen. Gregor bestreitet diese Wunder nicht, sondern ordnet sie geistlich ein: Augustinus soll sich über Gottes Wirken freuen, zugleich aber fürchten, dass der sichtbare Erfolg sein Herz stolz machen könnte. Freude über das Wirken Gottes ist erlaubt, aber sie muss von Ehrfurcht begleitet sein, damit der Missionar nicht vergisst, dass die Frucht nicht ihm gehört. Auch dort, wo Menschen bewegt werden, bleibt Gott stets der Handelnde. Die sichtbare Bewegung ist nicht das letzte Maß. Es kommt darauf an, ob Christus selbst durch das Leben der Kirche hindurch erkennbar wird.

Bei der Evangelisierung geht es nicht einfach um Machbarkeit. Evangelisierung darf planen und nach Wegen der Verkündigung suchen, aber sie lebt nicht von der Methode. Ihr innerster Grund ist Christus selbst, der den Menschen schon gerufen hat, lange bevor die Kirche ihn erreicht.

Glaubwürdig wird die Mission dort, wo Menschen spüren, dass das Evangelium nicht nur gesagt, sondern gelebt wird.

Die Begegnung mit Gott ist möglich

Von San Gregorio al Celio ging einst die Missionierung Englands aus; heute zeigen dort die Missionarinnen der Nächstenliebe dort, dass Evangelisierung eine konkrete Gestalt braucht. Glaubwürdig wird die Mission dort, wo Menschen spüren, dass das Evangelium nicht nur gesagt, sondern gelebt wird. Hier wird sichtbar, dass Mission mit einem liebenden Blick auf das beginnt, was im Menschen erlöst werden will. Die Welt, in der die Kirche heute lebt, ist nicht einfach gottlos, aber sie ist vielfach religiös sprachlos geworden. Viele Menschen haben keinen Zugang mehr zu den Zeichen des Glaubens, wieder andere verbinden mit der Kirche Verletzung oder Enttäuschung.

Evangelisierung darf die Orte der Sehnsucht nicht zerstören, sondern sie muss sie reinigen und auf Christus hin öffnen.

Gerade deshalb gilt die alte Weisung Gregors auch heute: Evangelisierung darf die Orte der Sehnsucht nicht zerstören, sondern sie muss sie reinigen und auf Christus hin öffnen. Die Kirche muss unterscheiden, ohne zu verachten, und sie muss reinigen, ohne zu zerstören. Die Kirche gibt ihre Tradition nicht preis, wenn sie Menschen in der Welt aufsucht, in der sie leben. Sie gibt sie aber preis, wenn sie diese Welt nicht mehr auf Christus hin öffnen will.

Missionarisch wird die Kirche nicht zuerst durch größere Sichtbarkeit oder wirkungsvollere Kommunikation. Glaubwürdig wird sie aber auch nicht dadurch, dass sie ihre Botschaft entschärft und sich dem Geist der Welt anpasst. Entscheidend ist, ob sie dem Heiligen Geist zutraut, den Menschen wirklich für Christus zu öffnen, auch dort, wo die Sehnsucht nach Gott verschüttet scheint und Gott keinen Namen mehr hat. 

Wo die Kirche nicht mehr damit rechnet, dass aus einem Ort der falschen Anbetung ein Ort der Begegnung mit Gott werden kann, da verliert sie ihre missionarische Seele. Wo sie damit rechnet, beginnt Evangelisierung.

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