Kommt ein Einhorn zur Seelsorge ... Das klingt zunächst wie der Anfang eines Witzes, ist aber auf einem Musikfestival eine durchaus realistische pastorale Situation. Während andernorts über die Länge von Pfarrbriefen, den Kommunionempfang für wiederverheiratet Geschiedene oder synodale Akzente im Pfarrgemeinderat diskutiert wird, steht hier plötzlich ein Mensch im glitzernden Ganzkörperkostüm vor der verdutzten Seelsorgerin und fragt: "Kann ich kurz mit euch reden?" Erfahrungen dieser Art schilderte zuletzt bei einem Podiumsgespräch bei den "Salzburger Hochschulwochen" die österreichische Festivalseelsorgerin Victoria König. Und sie öffnete damit den Blick in eine für die klassische Pfarrseelsorge ungewohnte Welt: Eine Welt stampfender Techno-Bässe, dröhnender Blasmusik und ekstatisch tanzender junger Menschen.
Es ist die Welt der Musikfestivals, die auch die Alpenrepublik im Sommer in eine Partyzone verwandeln. Zehntausende tanzen, campen und feiern in den Sommermonaten zwischen Boden- und Neusiedlersee. Unter ihnen seit einigen Jahren immer häufiger auch eigens ausgebildete Festivalseelsorgerinnen und -seelsorger. Unter dem Motto "Erzähl mir was ... ich hör dir zu" bieten sie Gesprächsmöglichkeiten und - wo nötig - seelsorgliche Betreuung. "Plötzlich brechen Fragen auf, die man im Alltag oft verdrängt oder die keinen Platz finden: ob Liebeskummer, Streit mit Freunden oder familiäre Probleme. Der seelische Rucksack wird nicht selten auch auf Festivals mitgenommen - und lastet dann schwer."
"Gast-sein in der Welt der jungen Erwachsenen"
Dass tatsächlich Bedarf besteht, sollen die Zahlen untermauern: 7.680 Gespräche konnte man im vergangenen Jahr bei acht großen Festivals verzeichnen. Dabei ging es gleichermaßen um Lebenskrisen, Sorgen, Einsamkeit, aber auch um Mobbingerfahrungen, psychische Erkrankungen sowie Sinn- und Glaubensfragen, berichtete die Seelsorge beim größten österreichischen Musikevent, dem Wiener Donauinselfest. Man verstehe diese Präsenz bei den großen Festivals im Übrigen als ein zweckfreies "Gast-sein in der Welt der jungen Erwachsenen", erklärt die Leiterin des Österreichischen Pastoralinstituts (ÖPI), Gabriele Eder-Cakl.
Die 2022 gestartete Initiative "Denk Dich Neu" versteht sich als "Einladung zum Dialog über Sinn, Hoffnung und Spiritualität in einer säkularen Gesellschaft" - und wohl auch als Einladung, der Kirche als künftige Kirchenbeitragszahler und -zahlerin erhalten zu bleiben.
Doch so wohlig-wolkig sich das liest: ganz zweckfrei dürfte dieses Engagement nicht sein, wie die Einbettung des Angebots in das jugendpastorale Großprojekt "Denk Dich Neu" zeigt. Die 2022 gestartete und von den kirchlichen Jugendstellen und katholischen Diözesen in ganz Österreich getragene Initiative versteht sich als "Einladung zum Dialog über Sinn, Hoffnung und Spiritualität in einer säkularen Gesellschaft" - und wohl auch als Einladung, der Kirche nicht gleich mit Erhalt der ersten Kirchenbeitragsvorschreibung den Rücken zu kehren, sondern "dabei" und also ihr als künftige Kirchenbeitragszahler und -zahlerin erhalten zu bleiben.
Tatsächlich ist nämlich diese Zeit der Reife und der Volljährigkeit auch im Blick auf die Kirchenbindung ein heikler Moment, denn mit ihm beginnt die gesetzliche Pflicht für den "Kirchenbeitrag". Dieser wird in Österreich nicht wie in Deutschland gleichsam automatisch über die Einkommens- bzw. Lohnsteuer erhoben, sondern von den berechtigten Kirchen- und Religionsgemeinschaften eigenständig eingehoben. Auch wenn die Diözesen die entsprechenden Briefe in der Regel erst später aussenden, so stellen diese doch für eine wachsende Zahl an jungen Erwachsenen nicht den Grund, wohl aber den konkreten Anlass dar, die Kirche zu verlassen. Angesichts der anhaltend hohen Zahl von rund 70.000 Kirchenaustritten pro Jahr in Österreich also allein schon aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus Grund genug, gerade den jungen Erwachsenen klarzumachen, dass es sich lohnt, Mitglied zu sein und zu bleiben.
Ehrenamtliche Festivalseelsorge beim Wiener Donauinselfest
© Erzdiözese Wien / Schönlaub
"Keine Wohlfühlpastoral"
So verständlich dieses Ziel aus Sicht der sich um nachhaltig stabile Strukturen mühenden Diözesen - sie sind immerhin einer der größten Arbeitgeber und ein großer Wirtschaftsfaktor in Österreich - auch ist, so weit ist der Weg, jungen, kirchlich weitgehend entwöhnten Menschen aufzuzeigen, dass sich Kirchenbindung "lohnt". Im Fall von "Denk Dich Neu" haben sich die Verantwortlichen aus den Pastoralämtern und Medienstellen ein über bloße "Kirchen-Awareness" hinausgehendes ambitioniertes Ziel gesteckt: Es sollen nicht nur "niederschwellige, überraschende, unkonventionelle Orte der Begegnung" zwischen jungen Erwachsenen und Kirche geschaffen bzw. aufgesucht werden, es soll auch ein kirchliches Lernen von den jungen Erwachsenen selber initiiert werden. Zumindest war dies das erklärte Ziel zum Start der Initiative, wie der zuständige Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky zum Start 2022 sagte: Kirche wolle "nicht etwas von den jungen Leuten, sondern etwas für sie" tun - und dabei von ihnen lernen, so der österreichische Jugendbischof damals. So betrachtet stelle der Titel "Denk Dich Neu" auch einen Auftrag der Kirche an sich selber dar.
Entsprechend wurden Begegnungsorte, Events, ungewöhnliche Locations erdacht, um - noch vor jeder pastoralen, gar missionarischen Initiative - überhaupt wieder mit jungen Menschen in Kontakt zu kommen. "Krass, ich wusste gar nicht, dass Kirche so was macht!" - eine nicht seltene Reaktion auf die "Denk Dich Neu"-Initiativen, wie Victoria König berichtet. Neben der Festivalseelsorge haben sich im Zuge der Projektentwicklung weitere "Standards" als vielversprechende Begegnungsorte herauskristallisiert: sogenannte "Cafe-Bikes", eine Art zweirädrige Barista-Mobile, die an Berufsschulen, Universitäten und Bildungseinrichtungen für junge Erwachsene Halt machen und kostenlosen Kaffee verteilen. Dann die vor allem in Westösterreich beheimateten "Walk on water-Challenges", bei denen es - inspiriert von der biblischen Erzählung von Jesu Gang übers Wasser - darum geht, möglichst weit über einen rund 15 Meter lange, schwimmende und entsprechend wackelige Mattenbahn im Wasser zu rennen. Und schließlich die österreichweite Aktion "Be Blessed!", zu der sich Schülerinnen und Schüler im Vorfeld der Matura oder beruflicher Abschlussprüfungen anmelden können, um dann am Tag der Prüfungen eine persönliche Segensbotschaft in Form u.a. eines Videos auf ihr Handy zu bekommen.
Eine Studie zeigte: Die Marke war in der Zielgruppe bekannt und die Angebote positiv bewertet. Einziger Wermutstropfen: So bekannt der Markenname in der Zielgruppe war, so wenige verbanden damit die Katholische Kirche.
Digitale Orte der Begegnung
Der Tatsache, dass Begegnung in der Zielgruppe der 18- bis 25-Jährigen vor allem im digitalen Raum stattfindet, trägt "Denk Dich Neu" außerdem durch eine eigene Social Media-Redaktion und den Instagram-Channel www.instagram.com/denkdichneu Rechnung. Rund 5,6 Millionen Impressionen konnte der Account laut Initiative während der Sommermonate 2024 verzeichnen - rund 1,2 Millionen davon aus der gewünschten Zielgruppe. Im Jahr 2026 wurde das Angebot nochmal ausgeweitet und u.a. eine "technoMETTE" in der Osternacht, ein eigener "Marathon-Gottesdienst" vor dem Linz-Marathon, Chortage und Begegnungsmöglichkeiten bei der Aktion "Österreich der runden & eckigen Tische" ins Programm aufgenommen. "Denk Dich Neu" sei damit zu einer "festen Größe der zeitgemäßen Seelsorge und Pastoral der Katholischen Kirche in Österreich" geworden, so Eder-Cakl.
2023 hat "Denk Dich Neu" eine repräsentative Marktstudie beim Institut IMAS in Auftrag gegeben, um diesen gefühlten Erfolg auch außerhalb der eigenen kirchlichen Blase gegenchecken zu lassen. Der Studie zufolge sei die Marke "Denk Dich Neu" sowie die Sujets und Inhalte von der Zielgruppe der jungen Erwachsenen in Österreich positiv bewertet worden. 55 Prozent der Befragten hielten "Denk Dich Neu" demnach für geeignet, um kirchlicherseits junge Erwachsene zu erreichen. 52 Prozent der Befragten hielten das Design für gelungen und zeitgemäß. Einziger Wermutstropfen: So bekannt der Markenname in der Zielgruppe war, so wenige verbanden damit die Katholische Kirche. Darauf wollte man laut Eder-Cakl in den Folgejahren reagieren, indem man neben den niederschwelligen Begegnungsmöglichkeiten auch Sinn- und Orientierungsangebote entwickelt. "Die jungen Menschen erwarten Hilfestellungen und die können wir als Kirche in Österreich auch geben", so Eder-Cakl.
Die eigentliche Frage, um die sich auch "Denk Dich Neu" bislang herummogelt, lautet: Wie viele junge Erwachsene lassen sich von den Angeboten nicht nur ansprechen, sondern motivieren, dem Glauben und - in Folge - der Kirche in ihrem Leben eine Chance zu geben?
Was macht "Denk Dich Neu" erfolgreich?
Offen bleibt indes die Frage, wie sich genau der Erfolg einer solchen pastoralen Initiative messen lässt. Auch wenn "Awareness" - also wohlmeinende Aufmerksamkeit für Kirche - für manch einen pastoralen Ansatz bereits ausreichend erscheinen mag, um individuelle Einflugschneisen für "Freundschaft mit Jesus" zu schlagen, so dürfte diese Währung in Zeiten knapper werdender Budgets und penibel rechnender Kirchen-Kämmerer wohl kaum hart genug sein. Die eigentliche Frage, um die sich auch "Denk Dich Neu" bislang herummogelt, lautet daher: Wie viele junge Erwachsene lassen sich von den Angeboten der Initiative und deren Personal seelsorglich nicht nur ansprechen, sondern motivieren, dem Glauben und - in Folge - der Kirche in ihrem Leben eine Chance zu geben?
Auch ist "Denk Dich Neu" noch längst nicht in allen Diözesen gleichermaßen stark verankert. Mancherorts wird es als reine Medien-Kampagne oder als Marketing-Maßnahme gesehen. Vielleicht liegt dies nicht zuletzt daran, dass man sich - bei allen Bemühungen um möglichst innovative Angebote - bislang um den reflexiven Charakter des Mottos herumgedrückt hat: Den Impuls, sich von jungen Erwachsenen über Kirche etwas sagen zu lassen, etwas lernen zu wollen, sich als Kirche "neu zu denken". "Denk Dich Neu" hat von seiner Grundausrichtung und den pastoralen Reflexionen her das Zeug, diese Defizite auszugleichen. Ob die Verantwortlichen diese Chance im fünften Jahr der Initiative 2027 ergreifen, bleibt abzuwarten. Und dann zu hoffen, dass Einhörner nicht nur ein "Krass!" wiehern, sondern sich bereit zeigen, Kirche und Gott auch jenseits von Musikfestivals eine Chance zu geben.