Ein Bekannter geht alle paar Tage in die Michaelskirche in der Münchner Innenstadt, um eine Kerze aufzustellen. Seine Freundin liegt im Krankenhaus, eine schwere Operation steht ihr bevor. Die Ärzte haben bei ihr ein Karzinom an der Bauchspeicheldrüse festgestellt. Noch sind keine Metastasen zu erkennen. Eine Situation zwischen Hoffen und Bangen. Der Mann ist vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten, er bezeichnet sich als religiös interessierten Agnostiker. Zu mehr reiche es bei ihm nicht, sagt er. Die Artikel des christlichen Glaubensbekenntnisses sind ihm fremd. Schöpfergott und Heiliger Geist gingen ja gerade noch, sagt er, aber Jesus Christus als Sohn Gottes und Erlöser der Menschheit? Da komme er nicht mit. Trotzdem die Kerze. Trotzdem St. Michael. Warum? Weil es eine der schönsten Kirchen Münchens sei, sagt er, "mit viel anonymer Laufkundschaft". Und warum die Kerzen? Achselzucken, tiefes Atemholen, Schweigen.
Dem Unverfügbaren ausgesetzt
Dieses Schweigen ist vielleicht bezeichnend, denke ich, denn womöglich sind die Kerzen in St. Michael mit diesem Schweigen meines Bekannten verwandt: als stumme Gebete an eine Instanz, die für ihn wie für die meisten, die hierherkommen, keinen Namen hat und mit Worten nicht ansprechbar ist. So werden die vielen kleinen Flämmchen selbst zu einer "Sprache" und zu einer Chiffre für die Wünsche, Bitten, Anliegen all derer, die sie entzündet haben. Das Kerzenaufstellen wäre dann eine Art Urgeste des Betens, eine elementare Zeremonie, in der sich Bitte und Unterwerfung, Hoffnung und Demut vereinen. Die Menschen, die hier beten, ohne zu beten, mögen gläubig sein oder nicht, sie begreifen in diesem Moment ihre Existenz als "vom Tod umfangen" und dem Unverfügbaren ausgesetzt. Kann man mit religiöser Sprache tiefer dringen?
Wenn ich an die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit religiöser Sprache denke, kommen mir zwei Szenen in den Sinn: Die erste ist die Emmausperikope im Lukas-Evangelium. Zwei Jünger wandern am ersten Ostertag aus Jerusalem hinaus, ihre Köpfe und Herzen sind voll von dem gerade Erlebten. Ein Wort gibt das andere, und während sie noch reden und ihre Gedanken austauschen, tritt der zu ihnen, von dem ihr Reden handelt. Und ausgerechnet sie, die die Nachricht der Frauen vom leeren Grab als Geschwätz abgetan haben (Lk 24,11), erkennen nun, geblendet vom eigenen Gerede, den nicht, der sich ihnen zugesellt hat.
Jesus verhält sich wie ein argloser Reisender und fragt die beiden, was das für Dinge seien, über die sie sprechen. Ein weltfremder Vogel, denken sie wohl und erzählen Jesus von "Jesus", von dessen prophetischem Auftreten, seiner Verurteilung und Hinrichtung und von den eigenen scheinbar vergeblichen Hoffnungen, die sie auf diesen Jesus aus Nazareth gesetzt haben. Schließlich berichten sie von der noch frischen Aufregung über das Grab, das einige Frauen am Morgen leer gefunden haben wollen ...
Kleopas und sein namenloser Freund kennen die ganze Geschichte. Aber sie scheinen weniger Zeugen zu sein als Hörer von Gerüchten, Zeugen von Zeugen, deren Glaubwürdigkeit für sie offenbar nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Jesus, der eben noch ahnungslose, holt nun zu einer detaillierten Schriftauslegung aus. Auf Nachrichten und religiösen Tratsch folgt also die Exegese. Doch noch immer fällt bei den Wanderern der Groschen nicht. Erst als sie in Emmaus ankommen, geschieht das Entscheidende. Jesus sagt nicht: Seht her, ich bin derjenige, von dem ihr seit Stunden sprecht, sondern er vertauscht die Rollen. Er, der Eingeladene, wird unversehens zum Gastgeber: "Er nahm das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr." (V.30f)
Erst sahen sie ihn, ohne ihn zu erkennen. Jetzt erkennen sie ihn, ohne ihn zu sehen. Denn sobald er sich gezeigt hat, verschwindet er und entzieht sich. Das ist die Situation, in der auch wir uns befinden. Wir erkennen Gott nicht am Reden, schon gar nicht an unserem eigenen – sondern allenfalls an dem, was an uns geschieht, am Beten und am (beispielhaften, zeichenhaften) Handeln.
Und nun zur zweiten Szene: Es ist schon über 20 Jahre her, da besuchte ich einen Freund in Erfurt. Sein Sohn war damals etwa zweieinhalb Jahre alt. Wenn die beiden die Brücke über die Gera überquerten, sagte der Kleine jedesmal: "Der Wasserspiegel sinkt!" Er hatte den Satz während des letzten Hochwassers gelernt, seither wiederholte er ihn bei jedem Gang über die Brücke. Der Clou daran war, dass er den Satz gar nicht verstand, jedenfalls nicht so, wie die Erwachsenen ihn verstanden. Das Wort "sinken" war ihm nämlich noch nicht geläufig, und so sagte er genau genommen nicht: "Der Wasserspiegel sinkt", sondern "der Wasserspiegel singt!" Ein Spiegel aus Wasser, der Töne von sich gibt, ein märchenhaftes Geschehen! Und ein Banause, wer dem Jungen mit Erklärungen über den Wasserstand gekommen wäre und ihm das "Missverständnis" hätte austreiben wollen.
Bezeichnend auch, dass der Kleine von der liebgewordenen Wortfolge nicht lassen wollte. "Der Wasserspiegel singt", das konnte nicht oft genug ausgerufen werden. Der Satz zeigte etwas und verbarg es zugleich. Und was? Schwer zu sagen. Wäre es leicht zu sagen, würde es sich nicht verbergen. Ein poetischer Satz jedenfalls, der für denjenigen, der Ohren hat zu hören, ungeahnte Möglichkeiten von Bedeutungen eröffnet, statt eine einzige zu definieren. Ein Satz, der – ähnlich moderner Lyrik – etwas Verheißungsvolles "evoziert", das man erahnt, aber nicht wirklich kennt.
Meine These lautet, dass wir beim religiösen Sprechen nichts anderes tun, und beim Beten im Grunde auch nicht. Der Schriftsteller Arnold Stadler erzählt im Vorwort zu seinem Psalmenbuch "Die Menschen lügen. Alle" von seiner Zeit als Ministrant in den Sechzigerjahren, als er den vom Priester gesprochenen Eingangsvers der lateinischen Messe Introibo ad altare dei stets mit Ad deum qui laetificat iuventutem meam beantwortete, ohne eine Ahnung davon zu besitzen, was das heißt. "Oder doch? Denn ich kann mich noch erinnern, dass ich die Worte, die ich auswendig hersagte, eher hermurmelte, als außerordentlich schön empfand, auch wenn ich sie nicht verstanden haben sollte. Es war das erste Mal, dass ich auf die Schönheit von Sprache stieß, auf dieses Geheimnis."
Beim religiösen Sprechen kommt nichts Zählbares heraus, denn religiöse Sprache ist schwach im Benennen von Sachverhalten – aber stark im Öffnen eines Raumes für das letztlich Unbenennbare.
Dieses Geheimnis könnte tatsächlich das Wesensmerkmal großer Dichtung sein, das Eigentümliche der Schönheit und – wer weiß – vielleicht sogar der Kern religiösen Sprechens. Sela! Hosianna! Halleluja! Worte, die für uns (scheinbar) ohne Sinn und ohne Mitteilungswert sind und an das Lallen eines Kindes erinnern – und die zugleich unserem Sprechen eine neue Dimension verleihen.
Beim religiösen Sprechen kommt nichts Zählbares heraus, denn religiöse Sprache ist schwach im Benennen von Sachverhalten – aber stark im Öffnen eines Raumes für das letztlich Unbenennbare. Daher steht sie der Dichtung und den nonverbalen Zeichenhandlungen näher als der Sprache der Informationen und Meinungen. Daran sollten sich Formen etablierten religiösen Sprechens (Gebete, Liturgien oder Bekenntnisse) messen lassen: Nehmen sie das Schweigen in sich auf? Und lassen sie es zu, dass durch ihre Worte etwas vom Geheimnis des Lebens hindurchtönt?
… Engel?
Kommt dir entgegen in anderer Richtung auf Geisterfahrt.
Wie ein Tier, eine Wurzel: Aufprall ohne Widerstand.
Ruhig durch dich hindurch geht die Gnade und findet Grund.
Christian Lehnert, nach Psalm 8