Wer künftig durch das südliche Seitenschiff von Notre-Dame de Paris bis zur Kapelle Saint-Paul-Chen geht, betrachtet nicht einfach sechs neue Fenster. Nach und nach fügen sich wenige Verse aus der Apostelgeschichte zu einem zusammenhängenden Pfingstbild, das die Betrachtenden in das Geschehen hineinzieht. Noch sind die Glasmalereien in der Kathedrale selbst nicht zu sehen. Sie werden derzeit in Reims angefertigt und sollen Ende 2026 ihren endgültigen Platz in Notre-Dame erhalten.
Die Künstlerin Claire Tabouret entfaltet das Pfingstgeschehen als Weg in sechs Stationen. Der Zyklus ist an die Bewegung durch den Raum gebunden und erschließt sich erst im Gehen von einer Kapelle zur nächsten. Seine Dramaturgie führt vom geschlossenen Haus über Wind und Brausen bis zu den beiden Marienfenstern, in denen das Wirken des Geistes am Menschen sichtbar wird. In der Kapelle Saint-Paul-Chen erreicht diese Bewegung ihren endgültigen Höhepunkt. Hier mündet die Sammlung in eine Sendung. Das Sprachenwunder erscheint als große Prozession.
Eine universale Kirche
Das sechste Fenster nimmt Apg 2,4 zum Ausgangspunkt: "Sie begannen, in anderen Sprachen zu reden." Claire Tabouret gelingt dabei ein künstlerischer Clou. Sie löst sich von der klassischen Pfingstikonographie und findet für das Sprachenwunder eine überraschende Form. Das Wunder der Vielsprachigkeit erscheint weder als bloße Überwindung sprachlicher Barrieren noch als abstrakte Botschaft über Vielfalt. Tabouret gibt dem biblischen Ereignis vielmehr eine liturgische Gestalt, indem sie es in eine Prozession übersetzt.
Die Kirche erscheint hier nicht als abgeschlossene Versammlung, sondern als Gemeinschaft in Bewegung.
Was im ersten Fenster mit einer im Haus versammelten Gruppe beginnt, weitet sich im letzten zum Bild der universalen Kirche. Frauen, Männer und Kinder ziehen miteinander durch den Bildraum. Tabouret gibt der Kirche damit die Form einer vielgestaltigen Prozession. Ihre Einheit entsteht nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch den Weg, den der Geist eröffnet. Die Kirche erscheint hier nicht als abgeschlossene Versammlung, sondern als Gemeinschaft in Bewegung.
Mehr als ein Diversitätsprogramm
Gerade an dieser Darstellung in der Kapelle des chinesischen Märtyrers Paul Chen setzt die Kritik an. Manche sehen in ihr eine Anpassung des Pfingstgeschehens an ein zeitgeistiges Diversitätsprogramm. Eine theologische Lektüre, wie sie auch der Pariser Erzbischof Laurent Ulrich vertritt, erkennt darin hingegen die Universalität des Pfingstfestes und damit der Kirche. Tabouret zeigt Menschen unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlicher Hautfarbe. Ihre Vielgestaltigkeit lässt sich nicht auf ein politisches Programm reduzieren.
Wer vor diesem Fenster steht, bleibt nicht länger in der Zuschauerrolle, sondern wird eingeladen, der Prozession zu folgen.
In Form der Prozession wird sie vielmehr zur bildlichen Einlösung jener katholischen Weite, um die das Tagesgebet des Pfingstsonntags bittet. Es spricht von einer Kirche "in allen Völkern und Nationen" und bittet Gott, "die ganze Welt mit den Gaben des Heiligen Geistes" zu erfüllen. Aus dieser Prozession entsteht ein "polyphones Wir". Die Figuren stehen nicht lediglich nebeneinander, sondern sind durch das rituelle Gehen miteinander verbunden. Ihre unterschiedliche Herkunft und die verschiedenen Sprachen, für die sie stehen, werden dabei nicht eingeebnet. Die Prozession gibt ihnen eine gemeinsame Richtung, ohne ihre Eigenart aufzuheben.
Der Blick der Kinder
Ausgerechnet Kinder führen die Prozession an. Tabouret kehrt damit die gewohnte Ordnung um: Nicht die Erwachsenen führen die Kinder, sondern die Kinder die Kirche. Während sich die Gemeinschaft vorwärtsbewegt, wird der Betrachtende von einigen Kindern im hinteren Teil der Menschenmenge erstmals direkt angeblickt. Der unmittelbare Blickkontakt bildet die eigentliche mystagogische Pointe des Fensters. Er verändert die Rolle der Betrachtenden. Wer vor diesem Fenster steht, bleibt nicht länger in der Zuschauerrolle, sondern wird eingeladen, der Prozession zu folgen. Darin klingt der liturgische Entlassungsruf Ite, missa est an. Pfingsten endet hier nicht im Bild, sondern setzt sich im Aufbruch über die Kirchenschwelle hinaus fort.
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Die Prozession weist jedoch nicht nur hinaus in die Welt, sondern steigt im Bild zugleich nach oben. In dieser doppelten Bewegung berühren sich Pneumatologie und Eschatologie. Der Heilige Geist erweist sich als Spiritus vivificans, als lebensschaffende Kraft, die die Kirche in die Welt sendet und den Menschen zur Vollendung führt. Die Prozession wird so auch zum Bild der letzten Passage. Der Tod erscheint nicht als Abbruch, sondern als Schwelle zu Gottes Zukunft.
Die Rückkehr der Sakralkunst?
Die Fenster von Claire Tabouret in Notre-Dame führen über den aktuellen Streit um ihren Einbau hinaus zu einer tieferliegenden Frage. Gibt es heute noch Sakralkunst? Oder erleben wir ihre Rückkehr unter neuen Vorzeichen? Lange galt es in einflussreichen Strömungen der modernen Kunst als Tabu, religiöse Themen aufzugreifen oder gar im Auftrag der Kirche zu arbeiten. Man fürchtete um die mühsam errungene Autonomie der Kunst und sah die Gefahr, sie zur bloßen Dienerin der Verkündigung herabzustufen.
In der Allée de la Pentecôte zeigt sich jedoch exemplarisch, dass dieser alte Gegensatz von künstlerischer Freiheit und religiöser Bindung nicht mehr trägt. Mit Georg W. Bertram lässt sich Kunst heute als eine "spezifisch reflexive Praxisform" verstehen. Autonomie meint dabei nicht Abschottung, sondern die eigenständige Auseinandersetzung mit anderen Formen menschlicher Praxis. Bei Tabouret bilden Glaube und Liturgie die konkreten Bezugspunkte. Sie übernimmt das Pfingstthema, ohne die überlieferte Ikonographie lediglich zu wiederholen, und entwickelt aus der biblischen Erzählung eine eigenständige Bildsprache, in der Raum, Körper und Bewegung ineinandergreifen.
Die Entwürfe zeigen, wie Sakralkunst heute zurückkehren kann. Sie erscheint nicht als verbindlicher Kirchenstil, sondern als freie Kunst, die sich auf den gelebten Glauben einlässt und ihn mit eigenen Mitteln neu zur Geltung bringt.
Sakralkunst erschöpft sich hier nicht in der Illustration von Glaubensinhalten, sondern setzt überlieferte Motive in Bewegung. In der Kapelle Saint-Paul-Chen geht die Erzählung in einen rituellen Vollzug über. Der Wechsel vom Betrachten zum Mitgehen ist dabei mehr als ein formaler Effekt. Das Sprachenwunder nimmt die Form jener doppelt gerichteten Prozession an, die zugleich hinaus in die Welt und hinauf in den Himmel führt.
Ob für dieses Werk intakte historische Fenster weichen dürfen, ist damit nicht entschieden. Der denkmalpflegerische Einwand bleibt bestehen und wird durch die theologische Qualität der Entwürfe nicht ausgeräumt. Umgekehrt wird eine ausschließlich politische Lektüre ihrem künstlerischen und liturgischen Anspruch nicht gerecht. Der Bilderzyklus steht nicht für einen Bruch mit der Tradition, sondern für ihre zeitgenössische Auslegung. Die Entwürfe zeigen, wie Sakralkunst heute zurückkehren kann. Sie erscheint nicht als verbindlicher Kirchenstil, sondern als freie Kunst, die sich auf den gelebten Glauben einlässt und ihn mit eigenen Mitteln neu zur Geltung bringt. Wer Notre-Dame verlässt, soll den Geist nicht nur in den Fenstern erkennen, sondern auch den eigenen Platz in dieser Prozession finden.