Vor 800 Jahren verstarb der heilige Franziskus von Assisi. Die Verehrung dieses "alter Christus" spiegelt stets auch die jeweilige Zeit wider. Über die Jahrhunderte hindurch wird sein Sonnengesang immer wieder vertont. Kaum eine Gestalt der Kirchengeschichte hat so viele Komponisten inspiriert, etwa Franz Liszt, Carl Orff oder Sofia Gubaidulina.
Und kaum ein musikalisches Werk vermag ein Leben so eigenständig nachzuzeichnen wie die Oper. Das vergangene Jahrhundert kennt zwei imposante Opern zu Leben des Heiligen aus Assisi, von zwei französischen Komponisten: von Charles Tournemire (1870–1939) – und von dessen Schüler, Olivier Messiaen (1908–1992).
Beide Opern entfalten eine jeweils zeittypische Hagiografie des Heiligen und setzten dabei unterschiedliche theologische Akzente.
Charles Tournemire: Mystik und Meditation
Charles Tournemire, geboren in Bordeaux, ist vor allem für seine liturgischen und geistlichen Kompositionen bekannt. Sein Werk L'orgue mystique umfasst musikalisch das gesamte Kirchenjahr, neben Sinfonien schrieb Tournemire mehrere Opern. In den Jahren 1936 bis 1938 entstand seine Oper Le Petit pauvre d’Assise, op. 73.
Der Text der Oper basiert auf einem Werk des Schriftstellers Joséphin Péladan (1815-1918), der esoterische Interessen mit katholischer Frömmigkeit verband. Das Werk schildert das Leben des Heiligen Franziskus in fünf "Episoden" bzw. sieben Bildern: von der noch weltlich geprägten Jugend und ihren Spielen über Franziskus' ritterliche Ideale und seine Abkehr von Ruhm, Besitz und gesellschaftlichem Rang bis hin zur Berufung Klaras; die letzten Bilder führen in den Bereich mystischer Christusnachfolge, indem sie die Stigmatisation Franziskus' und schließlich seinen Tod darstellen.
In seinem Oratorium Trilogie: Faust – Don Quichotte – Saint François d’Assise, op. 59, entstanden zwischen 1916 und 1929, stellt Tournemire Franziskus in eine Reihe mit Faust und Don Quichotte. Alle drei Figuren streben auf je eigene Weise nach Vollendung. Während Faust und Don Quichotte auf ihrem Weg scheitern, findet Franziskus als Poverello den Weg zur wahren Vollendung.
Das Motiv der Vollendung, theologisch als Aufstieg verstanden, korrespondiert mit dem Abstieg Gottes in die Welt. Tournemire erweitert die christologische Sicht um einen anthropologischen Sinn: Es ist der Weg der Gnade zur Vollendung, das Lebenszeugnis des Heiligen und die Liebe, die Franziskus und Clara teilen.
Die sinnlich-irdische Liebe wird in einen mystischen Vorgang transformiert. In seinen Memoiren schreibt Tournemire:
"Der leuchtende Pfad der Gnade wird Franziskus eröffnet. In einem Strahl der Herrlichkeit erscheint er vor Gott, entblößt und reich! Clara sollte ihm auf diesem schmerzhaften und großartigen Aufstieg der Seele und des Herzens folgen."
Die Oper zeichnet sich durch eine meditative Erzählweise aus, die Tournemires Interesse an geistlichen und mystischen Themen widerspiegelt. Die Harmonik ist chromatisch und impressionistisch geprägt; modale Skalen erzeugen eine geheimnisvolle Atmosphäre. Häufig verwendet er Klangfarben, die an gregorianische Motive erinnern. Die fein abgestimmte Orchestrierung unterstützt den erzählenden und lyrisch-meditativen Charakter. Choralartige Stimmungen und rezitativische Passagen erinnern an ein Oratorium. Anders als in klassischen Opern verzichtet Tournemire auf dramatische Spannungsbögen und lädt zu einer kontemplativen Betrachtung des Lebens von Franziskus und Clara ein.
Kurz nach der Fertigstellung der Oper starb Tournemire. Le Petit pauvre d’Assise wurde erstmals 2025 im Theater Ulm, inszeniert von Kay Metzger, aufgeführt.
Olivier Messiaen: Die Oper als spirituelle Reise
Olivier Messiaen gestaltet seine Oper Saint François d’Assise als großes Theater, vergleichbar mit einer Wagneroper, jedoch mit kleinerer Besetzung. Die Oper wurde ursprünglich als Auftragswerk für die Verabschiedung des Intendanten Rolf Liebermann 1983 in Paris uraufgeführt und gehört heute zum festen Repertoire großer Opernhäuser.
Das Szenario kommt mit sieben Personen aus: Engel, Franziskus, ein Leprakranker und vier Mitbrüder. In drei Akten werden acht Szenen aus dem Leben des Heiligen dargestellt. Die Themen entnimmt Messiaen den Fioretti di San Francesco, einem anonymen italienischen Text des späten 14. Jahrhunderts mit Episoden aus dem Leben des Heiligen: Szenen des klösterlichen Lebens, die Begegnung mit dem Leprakranken, Engelmotiv, Vogelpredigt, Tod und die Verheißung des zukünftigen Lebens werden musikalisch umgesetzt.
Besonders die Vogelpredigt im dritten Akt, ein Glanzstück des Ornithologen Messiaen, steht für ein Außerhalb der Zeit: Die Vögel singen und zwitschern von übernatürlicher Freude. Messiaen beschreibt in seiner Einleitung, dass die Entwicklung und das Wachsen der Gnade in der Seele des heiligen Franziskus im Mittelpunkt stehen. Dieses theologische Motiv zieht sich durch das gesamte Werk. Bereits im ersten Bild des ersten Aktes wird es als Leitmotiv eingeführt, wenn Bruder Leo sagt:
"Ich habe Angst, ich habe Angst, ich habe Angst auf dem Weg."
Das letzte Bild des dritten Aktes endet mit dem Motiv der Freude, das durch einen C-Dur-Akkord unterstrichen wird und vom gesamten Orchester und Chor gehalten wird.
Die theologische Grundidee wird von Messiaen konsequent musikalisch umgesetzt: der Weg des Menschen aus Sünde und Schwäche zum Heil, wie ihn die Gnadentheologie des Mittelalters – etwa Thomas von Aquin, Bonaventura oder auch Teresa von Ávila, beschreibt. Der musizierende Engel im fünften Bild zeigt Franziskus – und damit auch dem Publikum – die Musik als ästhetisches Mittel, um einen Weg zu Gott zu bahnen. Am Ende des Zwiegesprächs erhält Franziskus vom Engel den Auftrag:
"Höre diese Musik, die das Leben an die Himmelsleitern hängt, höre die Musik des Unsichtbaren!"
Was bleibt?
Lehrer und Schüler teilen mit der Gestalt des heiligen Franziskus von Assisi einen gemeinsamen Bezugspunkt, nähern sich diesem jedoch aus unterschiedlichen musikalischen und theologischen Perspektiven. Beide Opern sind Ausdruck ihrer jeweiligen Zeit: Tournemire Le Petit pauvre d’Assise entsteht vor dem Hintergrund der existentiellen Erschütterung des Zweiten Weltkriegs, während Saint François d’Assise von Messiaen in einem weitgehend säkularisierten kulturellen Umfeld konzipiert wird. Diese unterschiedlichen Kontexte prägen die je eigene musikalische Hagiografie des Franziskus.
Tournemire konzentriert sich auf die frühen, formenden Jahre des geistlichen Weges. Historisch-konkrete Konflikte – etwa das juristische Verfahren unter Bischof Guido II. von Assisi (+1228) oder die familiären Widerstände gegen Claras Entscheidung – werden in den Mittelpunkt gerückt. Die Beziehung zwischen Franziskus und Clara erhält dabei eine zentrale Bedeutung für den inneren Reifungsprozess des Heiligen. Musikalisch akzentuiert Tournemire vor allem die Transformation der sinnlich-irdischen Liebe in eine übernatürliche, gnadenhafte Beziehung zu Gott. Die kontemplative Erzählweise und die Nähe zum Oratorischen laden weniger zur dramatischen Identifikation als zur meditativen Betrachtung ein.
Messiaen hingegen setzt bei den "großen Jahren" des Ordensgründer ein und versteht Franziskus von Beginn an als von Gnade durchdrungener Gestalt. Seine Oper entfaltet den geistlichen Weg nicht primär als inneren Konflikt, sondern als fortschreitende Offenbarung göttlicher Wirklichkeit. Die Musik fungiert dabei selbst als Medium der Transzendenz: Vogelgesänge, rhythmische Strukturen und leuchtende Klangfarben öffnen einen Raum jenseits der linearen Zeit. Franziskus wird so zu einer exemplarischen Figur des Menschen, der sich dem Wirken der Gnade vollständig öffnet.
In der Zusammenschau beider Opern entsteht eine musikalische Lebensbeschreibung des Heiligen, die Menschliches und Göttliches nicht gegeneinander ausspielt, sondern in ein spannungsvolles Gleichgewicht bringt. Tournemire und Messiaen wählen unterschiedliche ästhetische und theologische Zugänge, verfolgen jedoch ein gemeinsames Ziel: Franziskus nicht aus einer distanzierten "Guckkartenperspektive" darzustellen, sondern das Publikum in den geistlichen Prozess einzubeziehen. In diesem Sinne verstehen sich beide Werke als offene Kunstwerke (Umberto Eco), die Zuhörende nicht nur informieren, sondern existenziell ansprechen – und sie eine klingende Hagiografie entstehen lassen, die bis in die Gegenwart hinein wirksam bleibt.