Im Briefkasten finde ich eine Hochglanzbroschüre: "This is not a church" - unter diesem Leitspruch stellt die europäische Wanderbiennale "Manifesta 26" ihr Gastspiel vom 21. Juni bis 4. Oktober 2026 im Ruhrgebiet vor. Zwölf ehemalige Kirchen sind die "Locations" der diesjährigen "Manifesta Ruhr". Das sind "absolut spannende Gebäude, die eine neue Verwendung suchen", so heißt es. Hans Scharoun, Gottfried Böhm, Richard Schwarz und andere haben sie gebaut. Das Bistum Essen hat sie profaniert. Sie wurden nicht mehr gebraucht.
Dieser Switch von der Kirche zur Kunst interessiert mich, genauer, die Profanierung interessiert mich. Wie sie abläuft, ist geregelt — dafür gibt es einen Schematismus. Da werden die Reliquien aus den Altären entfernt, die Kreuze abgehängt, und für die Nutzung der oft beachtlichen Architekturen kann man sich dann etwas einfallen lassen.
Die Performance der Profanierung
Bevor ich studiere, womit die "Creative Mediators" der Wanderbiennale die "spannenden Locations" von den Künstlern bespielen lassen, lese ich also den liturgischen Akt der Profanierung einmal als sprechende Handlung, als Performance, so wie es uns der Kunstbetrieb schon lange vormacht. Im Kern handelt es sich immerhin um die Gegenbesetzung der größten Offenbarungsszene des biblischen Monotheismus am brennenden und nicht verbrennenden Dornbusch (Ex 3,5), wo es heißt: "Leg deine Schuhe ab, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden".
Was geht in den Köpfen der Profanierer vor sich? Davon, dass ein Prophet diesmal seine Kleider zerrissen hätte oder der Bischof ein allgemeines Fasten ausrief, ist nichts bekannt. Fasten kann schlank machen. Diesmal sehen wir einen Verschlankungsprozess der besonderen Art. Es war alles mit rechten Dingen zugegangen.
Die Verhältnisse, wie sie nun einmal sind, zu segnen und auch solche Entwicklungen mit Zukunftsrhetorik zu ornamentieren, die im Grunde keineswegs lustig sind, macht aus dem freien Fall der verfassten Kirche einen kühnen Sprung.
Das Seelsorgemanagement im Ordinariat konnte rechnen. Der Grenznutzen zwischen Aufwand und pastoralem Ertrag war schnell ermittelt. Man machte sich nichts vor, publizierte pünktlich Kirchenaustritte und Besucherzahlen. Nun mussten nur noch die passenden Deutungen gefunden werden. Dass der Vorhang des Tempels bei der Kreuzigung Jesu in zwei Teile zerriss, sei der Einstieg in den Ausstieg aus dem sakralen Raum gewesen, verkündete nun ein Pfarrer in einer aparten Exegese, folglich war der Abschied vom Sakralen sogar biblisch begründet.
Der Bischof von Essen wird mit dem Spruch zitiert, die Gläubigen sollten ihr Herz nicht an Steine hängen. Die "Volkskirche" war schon länger verabschiedet, und man trauert ihr auch nicht nach. Sie war gestern — gewohnheitlich gewöhnlich, ein Gestern, zu dem man lieber auf kritische Distanz ging, als zu einer Gegenwart, zu der man sich emphatisch bekannte.
Die Verhältnisse, wie sie nun einmal sind, zu segnen und auch solche Entwicklungen mit Zukunftsrhetorik zu ornamentieren, die im Grunde keineswegs lustig sind, macht aus dem freien Fall der verfassten Kirche einen kühnen Sprung. Für die Phantomschmerzen der Christen, die in den munter profanierten Kirchen einst ihre Kinder hatten taufen lassen, Erstkommunion gefeiert, Hochzeit gehalten und ihren Toten das Requiem gesungen hatten, musste weiße Salbe angerührt werden.
Gespendet hatte man auch, so lange war das noch gar nicht her, und auf den Tüten hatte der Psalmvers gestanden: "Der Eifer für dein Haus verzehrt mich." Da stehen sie nun herum in der Stadtlandschaft, bemerkenswerte Architekturen, ausgegrenzte Räume, die einmal heilig waren. Es trifft sie manch melancholischer Blick. Das Gerücht hält sich, dass die Steine reden, einstweilen flüstern sie noch leise.
Manifesta 16 Ruhr
Monika Grütters, der ehemaligen Kulturstaatsministerin "blutet das Herz". In einem Interview bei katholisch.de warnt sie eindringlich davor, "Kirchen nicht allein als ökonomisch verwertbare Immobilien zu betrachten, wenn man bedenkt, welches immense kulturelle, gesellschaftliche und auch geistig spirituelle Erbe damit verloren geht." Sie bekennt sich zu einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung für die ehemals heiligen Räume und unterstützt das Kirchenmanifest, mit dem 70 Fachleute und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz schon 2024 eine Debatte über neue Trägerschaften anstoßen wollten.
Kirchen besitzen eine alteritäre Anmutung. Das macht sie in der Tat für Kunst und Künstler interessant. Das frei flottierende Narrativ der Spiritualitäten kommt freilich in der Regel ohne die Heilsgeschichte aus, die aus dem einem Gestern kommt und auf die große Endlichkeit antwortet.
Was manifestiert nun die Manifesta an der Ruhr? Das meiste ist nicht unsympathisch, aber durchaus vorhersehbar: "Hauptsache wir können an diesem Ort neue Verbindungen schaffen und Dinge tun." Man will "für eine positive Vorstellung von Europa stehen, das zukünftige Europa der Willigen". Man will sich auf Fragen wie Identitätsbildung, Zugehörigkeit, sowie Mechanismen der Arbeit und des Teilens konzentrieren und setzt einen Schwerpunkt bei der Migrationsgeschichte.
In der Kulturkirche Liebfrauen kreiert Abbas Zahedi aus zerstörten Orgelpfeifen einen "Ort für die Gemeinschaft". Da macht man sich Gedanken… Nasan Tur stellt in der Kirche Sankt Gertrud in Essen die Kirchenbänke senkrecht. Hat er am Ende wie Peter Sloterdijk die Vertikalspannung vermisst? Davon ist jetzt nicht die Rede. Er fragt aber, ob die sechs Meter hohen Bänke nicht an Minarette erinnern, die "in Hessen damals verboten waren".
Mein Vorschlag: Die Kirchen einfach abschließen und darauf warten, bis sie wieder aufgeschlossen werden können.
Doch aufgepasst! Vor 15 Jahren hatte Dorothee Bielfeld, eine andere Künstlerin, schon einmal Kirchenbänke unter dem Titel "aufrichten" senkrecht gestellt. Und nun steht ein Plagiatsvorwurf im Raum, genauer auf der ersten Seite des Feuilletons der FAZ vom 2.7.2026. Voilá, mehr Aufmerksamkeit kann man nicht erwarten.
Jemand hat mir schon vor Jahren die Geschichte von der Kirche am Unterlauf der Loire erzählt, die das ganze Jahr verschlossen ist. Im manchmal streng laizistischen Frankreich hatte sie ihre Funktion verloren. Dort sind die Zivilgemeinden auch für den Unterhalt der Kirchen zuständig. Aber einmal im Jahr hat der Bischof das Recht, die Kirche zu betreten, dann schließt man sie ihm auf und hinter ihm wieder zu.
Da steht sie nun, das Dach ist noch dicht, ein grandioses Denkmal des Transfunktionalismus. Das gefällt mir. Mein Vorschlag: Die Kirchen einfach abschließen und darauf warten, bis sie wieder aufgeschlossen werden können. Das kann doch nicht viel kosten. Gewiss ein bisschen weltfremd, aber darum geht es gerade!