Ungestümes Serafinensingen in seelisch kurzatmiger Zeit: Über die finnische religiöse Dichterin Dorothea Grünzweig

Die vielfach ausgezeichnete Lyrikerin Dorothea Grünzweig, die jüngst mit dem Rainer-Malkowski-Preis geehrt wurde, verbindet in ihren Gedichten finnische Naturerfahrung, familiäre Erinnerung und gelebte Spiritualität. Ihre Verse machen religiöse Bilder und Lieder zu eindringlichen Zeugnissen von Trost, Verlust und Verwandlung.

Die Schriftstellerin Dorothea Grünzweig bei einer Lesung
© EKD Media / kulturkirchen.org

Dorothea Grünzweig (*1952) wohnt nach Forschungsaufenthalten und Lehrtätigkeiten in Oxford und Dundee seit vielen Jahren im Südosten Finnlands. In ihren Gedichten werden die Nomina wieder Numina: Beschwörung und Bann. Grünzweig stammt aus dem schwäbischen Korntal und ist Tochter des charismatischen Pfarrers und Schriftstellers Fritz Grünzweig (1914-1989), der in ihrem Werk an vielen Stellen gegenwärtig ist. Die geistige und geistliche Heimat bezeugen Wörter aus der Kindheit ("hättel", "bolig"), die sie mit finnischen Wörtern ("pimeys", "huuhkaja") in den Teppich ihrer Gedichte webt. Mit dem Bild des Vaters, der Mutter und des schutzbedürftigen Bruders sind die alten Kirchenlieder untrennbar verbunden.

In Grenzsituationen des Lebens

Grünzweigs Gedichte erzählen auch eine Familiengeschichte. Sie haben keine Berührungsängste mit den Grenzsituationen des Lebens. Daher führen sie auch zu den letzten Orten, wo Siechtum, Krankheit und Tod zuhause sind. Was bleibt am Ende des Lebens? Die religiösen Lieder sind im Feuerofen des Lebens erprobt worden, bevor sie Eingang in die Gesangbücher erhielten. Sie schenken Sprache, wo manchmal der Atem stockt. Ein Besuch bei der Mutter im Seniorenheim. Da singen Mutter und Tochter das altvertraute Engel- und Abendlied "Nun ruhen alle Wälder" von Paul Gerhardt, und dann geschieht das Wunder: eine Gestaltwerdung ("inscape") des Wesenskernes.

zur guten nacht
am abend ging ich noch mal zu mutter ins heim
ich hatte etwas vergessen es war noch nicht spät
aber mutter lag schon im bett das gebiss
herausgenommen das gesicht klein schutzbedürftig
lass uns sagte ich zusammen breit aus die flügel beide
singen mutter hob den kopf leicht vom kissen
und sang sofort als hätte sie gewartet darauf dass ich
käme und mit ihr sänge sie rundete dabei den mund
er wurde zu einem ausschlupfloch für gehuderte
flügge gewordene töne die sich im zimmer verteilten
es war ostern und lau das fenster offen doch wollten
sie scheints bei mutter verweilen die geschlagene nacht
ich war schon bei der tür als ich sah etwas hatte sie
anwachsen lassen versehen mit weißen schwingen
auch meine töne so kam es mir vor warn darunter
umgaben wie hüllblätter mutters einsames kindliches bett.

Die erhabene Natur der finnischen Wälder und Seen offenbart den Schöpfer. Doch wer den Spuren der Dichterin auf ihren Wanderungen durch die Einöde folgt, der sieht auch den Riss in der Schöpfung. Da erklingt das Passionslied "O Haupt voll Blut und Wunden" auf einer sehr blutigen finnischen Bärenjagd. Das Antlitz Christi leuchtet im geschundenen Haupt des Bären auf. Hopkins sprach von der verborgenen Ingestalt ("inscape") der Natur. Das Wort des Dichters macht sie sichtbar.

Verwehte Engel auf vielen Wegen

In Kaamos Kosmos (2014) entwirft die Dichterin Bilder einer paradoxen Erfahrung, die den Kern vieler mystischer Dichtungen berührt. "Kaamos" bezeichnet den finnischen Winter, wo die Landschaft des hohen Nordens in Dunkelheit versinkt. "Kosmos" bedeutet "Ordnung". Nichts ist Gott so fern, dass sein Lichtstrahl die Nacht nicht erhellen könnte. "die nacht ist kommen drin wir ruhen sollen" - Dieses Zitat eines Mystikers flicht Grünzweig in das Eröffnungsgedicht von Kaamos Kosmos.

Berichtet wird von einer Nachtwanderung im Wald, der aufsteigenden Angst und ihrer Überwindung durch die Beschwörung mit diesen Vers. Draußen am Fluss fliegen Schwäne. Sie werden zu Hinweisen auf das Licht. "verwehte Engel" auf vielen Wegen. Umfangen und Rauschen. "seraphinengelb der lüfte". Die Gegenwart der Vergangenheit: Das Bild des längst verstorbenen Vaters mit seiner im Krieg versehrten Hand. Der Vater glaubte an Wunder. Erfahrungen des Schwebens über den Dingen, "ein heilesegen fädchen". "das engelshaar des feuerkrauts", Lobgesang.

Das Gedicht Wüsste ich wie das Fliegen geht (2004) erinnert an den legendären finnischen Läufer Paavo Nurmi. In den Zwanziger Jahren hatte der Wunderläufer neun olympische Goldmedaillen geholt und während seiner Karriere 24 Weltrekorde aufgestellt. Doch was ist der schnellste Läufer gegen die Boten des Himmels? Keinen Meter würde er rennen, sagte Nurmi nach einem seiner Siege, wenn er fliegen könne.

Wenn das Fliegen schon Wunsch
Paavo Nurmis war
was sollen wir dann
wir Schneckengeschwinden sagen
haben uns oft mit dem Gedanken ans Fliegen
getragen wie wir neulich
im Sommerdorf
unterm Storchennest saßen und
unseren blanken Rücken belachten
kein Flügelanflug an ihm

Momente der Geborgenheit in Erinnerung und Gegenwart: Eine Kanufahrt. Plötzlich wird das Boot zur "schwingenden wiege". Kardinal Newman sprach von den Engelkräften in der Natur. Die finnische Künstlerin Outi Heiskanen (1937-2022) hat sie gezeichnet. Dorothea Grünzweig beschreibt eine dieser Entrückungen: Zwei Engel gehen durch ein ausgetrocknetes Bachbett. "jeder von ihnen trägt ein tier auf dem arm/ der eine eine katze der andere einen hund". Ihnen folgen weitere Engel, "engel mit schafen hasen kälbern ein bär wird gleich von zwei engeln geschleppt".

Der religiöse Dichter kennt kein Warum

Rilke hat den Tieren die achte Duineser Elegie gewidmet. Auf sie nimmt Dorothea Grünzweig Bezug in ihrem Gedichtband Erfasst von dieser Nachtverwandlung (2026). "uns verlorener segen" liegt auf den Tieren. Denn sie sind "erfüllt von gegenwart". "ein jedes ruht in sich und seinem wesen". Wieder kehrt die Dichterin in die Tiefen der Erinnerung zurück, besucht den erkrankten Bruder und erfährt das Wunder der Wandlung: "ein angstgebirge ist durch alter und verlust an/ kräften abgetragen worden". Es erklingen die wohlvertrauten Abendlieder der Kindheit. Sie bergen ein Mysterium. Doch: "geheimnisse kann man nicht auflösen". Wie wahr!

Warum Lyrik? Der religiöse Dichter kennt kein Warum. Das Wort lebt in ihm und will Gestalt werden. Es verdichtet sich im Akt des Dichtens. Dichtung ist Gabe. Deshalb ist Mitteilung Pflicht. Ein religiöser Dichter wird sich um die Wirkung seiner Dichtung keine Sorgen machen. Denn im Innersten ist's getan. Unsere Zeit, sagt Dorothea Grünzweig, sei "seelisch kurzatmig" geworden. Deshalb brauchen wir religiöse Dichter, die im Gesang der Nachtigall "nimmermüdes serafinensingen", ja "ungestümes serafinensingen" vernehmen.

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