"Auf einmal liegt alles offen vor mir": Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Christoph Peters über seinen neuen Roman "Entzug"

Das Aufhörenwollen, aber Nichtmehraufhörenkönnen gehört zur Dialektik der Sucht, die in die totale Kapitulation führen kann. Christoph Peters hat die Spirale nach unten in seinem neuen Roman genau beschrieben, aber auch, wie nach dem Ende und der schonungslosen Aufarbeitung ein neuer Anfang möglich wurde. Jan-Heiner Tück hat mit seinem ehemaligen Mitschüler auf dem Collegium Augustinianum Gaesdonck über seinen Roman "Entzug" gesprochen.

Portrait des Schriftstellers Christoph Peters
© Amrei-Marie, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Jan-Heiner Tück: Das Bild auf dem Cover Deines neuen Romans "Entzug" ist ein Selbstporträt, das Du kurz vor dem Abitur gemalt hast. Es ist ein schonungsloses Bild, das den Triumph des Triebes über den Willen zeigt, es sieht so aus, als habe das Es das Ich schachmatt gesetzt – ein Vorzeichen für den Roman?

Christoph Peters: Ehrlich gesagt tue ich mich inzwischen schwer mit diesen schlichten, aus der antiken Theologie stammenden Begrifflichkeiten wie "Trieb" und "Wille". Wobei mir die Übertragung in Freuds seelische Märchenlandschaft, die ja begrifflich einem erschreckend ähnlichen Muster folgt, auch nicht viel geeigneter scheint, um die komplexen Verhältnisse zwischen dem Seelischen und dem Physischen zu beschreiben.

Wenn ich dieses Selbstportrait heute anschaue, sehe ich aber auch gar nicht den "Trieb" oder das "Es" – die doch immer mit überschäumenden Vitalimpulsen, der Sucht nach Leben einhergehen –, sondern eher Selbstzweifel, Angst, Düsternis – also Symptome einer Depression. Zustände dieser Art waren damals, als ich das Bild gemalt habe, sicher Ausgangspunkt für die ersten Schritte in die Sucht. Ich habe Alkohol früh als eine Art Psychopharmakon eingesetzt, um mich irgendwie auszuhalten. Gleichzeitig war das Trinken eng mit den Künstlermythen und -klischees verbunden, die meine Vorstellung von diesem Weg geprägt haben. In Leuten wie van Gogh, Modigliani, Joyce, Beckett, Malcom Lowry, Uwe Johnson, um nur einige zu nennen, habe ich so etwas wie meine geistigen Paten gesehen.

Ein Bild vom Schriftsteller Christoph Peters mit seinem Buch "Entzug", auf dessen Cover ein Selbstportrait abgebildet ist
Das Cover des Romans "Entzug" von Christoph Peters zeigt ein Selbstportrait des Schriftstellers. © Amrei-Marie, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die dramatische Unzuverlässigkeit unseres Gedächtnisses

Jan-Heiner Tück: Ein solches Buch über Sucht und Entzug kann man nicht schreiben ohne Erfahrung. Aber die Erfahrung allein reicht nicht, sie muss in Sprache und Form überführt werden. Wie siehst Du das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit, von Fakt und Fiktion? Könnte man über Bücher wie "Stadt Land Fluss" (1999) oder "Wir in Kahlenbeck" (2012) und nun auch "Entzug" sagen, sie seien in Wahrheit erfunden?

Christoph Peters: In gewisser Hinsicht beginnt die Fiktion in dem Moment, wo ich das reale, vorverbale Bewusstsein, das sich selbst ja nur provisorisch und temporär als einheitliches "ich" im begrifflichen Sinne wahrnimmt, in das geschrieben Wort "ich" überführe. "Rekonstruktion" oder auch "Nach-Erfindung" sind dementsprechend immer ein wesentlicher Teil des Erzählprozesses mit einem Ich-Erzähler. Mir gefällt der Begriff der "Konstituierung" in diesem Zusammenhang allerdings besser als der der "Erfindung". Indem das "Ich" zum erzählenden Subjekt eines Textes wird, unterliegt es nicht mehr primär den sehr unübersichtlichen Gesetzmäßigkeiten des mit einer materiellen Basis verschränkten Bewusstseins, als das wir durch dieses Dasein mäandern, sondern es konstituiert sich mittels der Reduktion auf die sprachlich beschränkten, grammatisch eingehegten, dramaturgisch tradierten und individuell erweiterten Mittel als eine Kunst-Figur, die sich – trotz aller scheinbaren Ähnlichkeit – auf nahezu allen Ebenen von einem realen Menschen unterscheidet, ganz gleich wie weit sie auf dessen Erfahrung bezogen sein mag. Das ist sozusagen die existenzielle Differenz zwischen Urbild und Abbild. Aus der ergibt sich über jede einzelne sprachliche Entscheidung, die ich beim Schreiben vom ersten Wort an fälle, eine komplexe Art der Determination, die, wenn ich ihr nicht gehorche, dazu führt, dass die Figur ihre Konsistenz und der Text seine Schlüssigkeit verliert.

Ich habe zu diesem Zeitpunkt – das hat sich dann bei den klinischen Tests herausgestellt – einen Minimalpegel von rund zwei Promille halten müssen, darunter begannen starke Entzugserscheinungen. Das hat natürlich mit Genuss und Lebensfreude absolut gar nichts mehr zu tun.

Dazu kommen die Ungenauigkeit jeder Erinnerung, die fundamentale Unterkomplexität jeder Beschreibung im Vergleich zum realen Leben und seinen Wahrnehmungen und – nicht zu vergessen – die dramatische Unzuverlässigkeit unseres Gedächtnisses: Selbst wenn ich versuche, mich so genau wie möglich zu erinnern, werde ich realistischerweise keinen einzigen Dialog, der vor zwanzig Jahren stattgefunden hat, wörtlich wiedergeben können. Ich muss nachbauen, ergänzen, Lücken durch Erfindung schließen, und das geschieht, jedenfalls in der Literatur, immer im Hinblick auf die Plausibilität und Qualität des Textes – nicht primär unter der Rücksicht der Erinnerungsgenauigkeit. Zugleich passiert etwas sehr Sonderbares, auch irgendwie Bedrohliches: Im Verlauf der Arbeit an einem erinnerungsbasierten Text, die ja nicht erst mit dem Schreiben selbst einsetzt, sondern vorher oft über viele Jahr sinnend, visualisierend, präfigurierend abläuft, werden die realen Erinnerungsbilder systematisch von den Bildern überschrieben, die der entstehende Text seinerseits wieder in meinem Bewusstsein erzeugt. Das heißt: Am Ende weiß ich gar nicht mehr genau, was noch meine reale Vergangenheit bezeugt und was das genuine Erlebnis der literarisierten Ich-Figur ist.

Jan-Heiner Tück: Das Buch beschreibt die Dialektik der Sucht. Ausreden und Lügen werden normal und machen zunehmend klar, dass nichts mehr normal ist. Was hat Dich gereizt, diese Spirale nach unten im Rückblick so genau zu beschreiben? Und welche Erfahrungen hast Du beim Aufschreiben aus dem Abstand gemacht?

Christoph Peters: Gerade weil die eigenen Erinnerungsprozesse im Laufe der Jahre dazu neigen, Vergangenheiten zu schönen oder auch – im Gegenteil – mit besonders schauerlichen Schrecken zu belegen, wollte ich mir die Zustände meiner Trinkervergangenheit noch einmal so genau wie möglich anschauen und versuchen, sie in eine adäquate Form zu bringen, unter anderem auch mit dem Ziel, sie auf diese Weise sowohl für mich selbst, als auch für ein paar Menschen, die mir wichtig sind, in einer Art Textreservoir aufzubewahren. Darüber hinaus hatte ich die Idee, einen möglichst genauen und ungeschönten Blick in die Black-Box des Suchtverhaltens selbst zu werfen. Nahezu jeder hat ja in der Familie, im Freundeskreis, im beruflichen Umfeld mit Alkoholismus zu tun, aber die meisten sehen eben nur die Handlungs- bzw. Verhaltensoberfläche der Sucht und fragen sich dann zurecht, wie der Wahnsinn – das Lächerliche, der Egoismus, die Verlogenheit bis hin zur Gewalttätigkeit – möglich ist, aus dem heraus so ein Trinker durch sein Leben torkelt.

Jan-Heiner Tück: Die Sucht macht die geregelte Arbeit schwierig, bedroht die Beziehung und kratzt auch die Selbstachtung an: das Ich des Romans, Schriftsteller, tut so, als würde es die Arbeit am nächsten Roman trotz Kritik des Verlegers wie immer fortsetzen können, als könne die Beziehung zu seiner Frau trotz krasser Zumutungen wie bisher weitergehen, aber hinter der Fassade gähnt längst ein Abgrund …

Christoph Peters: Der totale Absturz kam, nachdem ich für die Hauptfigur des Romans "Ein Zimmer im Haus des Krieges" (2006) auf eigene Faust einen Entzug gemacht und acht Monate lang nichts getrunken hatte. In diesem Roman geht es um einen jungen Deutschen, der sich einer islamistischen Terrorgruppe in Ägypten angeschlossen hat. Ich wollte mich in die totale Nüchternheit des Islamisten einfühlen. Als ich mit diesem Textteil fertig war, dachte ich, ich könnte ein letztes Mal versuchen, geordnet zu trinken, und das ist dann im Desaster geendet. Am Ende hatte ich nur noch ein bis zwei Stunden am Tag, wo ich genug getrunken hatte, um schreiben zu können, aber noch nicht so viel, dass es nicht mehr ging. Als ich dann meinem Verleger die ersten achtzig Seiten des 2. Teils geschickt habe, ahnte ich bereits, dass das nichts taugt, dachte aber in meinem beduselten Kopf: Vielleicht merken sie es ja nicht. Und dann kam eine E-Mail, dass das, was ich ihm geschickt hätte, nicht gut sei – zum ersten Mal, seit er mit mir zusammenarbeite. Irgendwie hat mich dieser Schock, anders als die Bitten meiner Frau, nicht weiter zu trinken, anders auch als die ganzen körperlichen Symptome des Niedergangs auf eine Weise getroffen, dass ich beschlossen habe, ich muss jetzt – quasi sofort – endgültig aufhören.

"Wenn ich trinke, geht es nicht, wenn ich nicht trinke, geht es auch nicht"

Jan-Heiner Tück: Trotzdem spielen die körperlichen Symptome im Roman eine Rolle. Die Taubheit in den Zehen merkt keiner, aber das Zittern der Hände – klares Symptom für Alkoholismus – sieht jeder. Daher muss der Tremor um jeden Preis verhindert werden, nicht zu trinken ist also keine Option. "Wenn ich trinke, geht es nicht, wenn ich nicht trinke, geht es auch nicht." Diese Aporie führt am Ende in die Kapitulation.

Christoph Peters: Ich habe zu diesem Zeitpunkt – das hat sich dann bei den klinischen Tests herausgestellt – einen Minimalpegel von rund zwei Promille halten müssen, darunter begannen starke Entzugserscheinungen. Das hat natürlich mit Genuss und Lebensfreude absolut gar nichts mehr zu tun. Ich brauchte einfach morgens zwischen fünf und sechs ein halbes Wasserglas Wodka, damit das Zittern aufhört, und das will der Magen einfach nicht. Andererseits konnte ich ohne den Schnaps nicht mal mehr eine Kaffeetasse geordnet zum Mund führen. Und dann kam dieser sogenannte "Tiefpunkt": Ich konnte weder trinken noch nicht trinken, beides ging nicht, und dieser Tiefpunkt führte zu dem, was in der Suchttherapie "Kapitulation" heißt: Die Anerkenntnis: "Ich bin Alkoholiker. Ich bin am Ende. Ich brauche Hilfe."

Und dann kam es zu einem merkwürdigen Moment vor dem Spiegel im Krankenhauszimmer, der mich mir in meiner ganzen Verelendung gnadenlos vor Augen führte, und es stieg von ganz unten eine Art Lachen auf, über mich selbst, über all das, was passiert war und passierte, nicht höhnisch, sondern irgendwie versöhnlich und wohlwollend.

Jan-Heiner Tück: Die Entthronung des autonomen Subjekts wird im Roman präzise beschrieben: "Ich – ich ist das falsche Wort –, etwas in mir, das nicht ich ist, aber auch niemand sonst" Siehst Du hier eine Nähe zur Gebrochenheit des Willens, die Paulus im Römerbrief beschreibt: "Ich tue nicht das, was ich will, sondern das, was ich hasse" (Röm 7,15)?

Christoph Peters: Ich weiß, ehrlich gesagt, je länger, genauer und nüchterner ich mir mich in meiner inneren Mechanik anschaue, immer weniger, was ich mir unter dem "autonomen Subjekt", das frei über einen "Willen" verfügt, überhaupt vorstellen soll. Das, was das, was man früher "Geistseele" genannt hat, will, also was es an Handlungen ins Werk setzen möchte und dann faktisch versucht auf den Weg zu bringen, ist ja an unfassbar komplexe physiologische Grundlagen gekoppelt – Hirn- und Nervenverbindungen, Hormone, Enzyme, alle Arten biochemischer Botenstoffe, die komplexe Regelkreise bilden und im Übrigen ganz leicht aus der Balance gebracht werden können. Von diesen physiologischen Prozessen nehmen wir mehr oder weniger nichts bewusst wahr. Wenn man seinen Hirnstoffwechsel mittels jahrelangem Drogen- oder Alkoholkonsum erst mal so umgeschrieben hat, dass da ohne die entsprechende Substanzzufuhr gar nichts mehr funktioniert, und sich eine massive körperliche Abhängigkeit eingestellt hat, die Zellen also Alkohol benötigen, um überhaupt arbeiten zu können, ist mit dem Begriff des "Willens" einfach nicht mehr viel zu holen. Paulus zerlegt sich dann bei seiner Handlungseinschätzung in verschiedene, grammatisch voneinander geschiedene Teile, wo ich als Quasi-Nominalist immer große Zweifel habe, ob denen tatsächlich irgendeine Wirklichkeit entspricht. Und natürlich lässt er auch all das, was wir heute naturwissenschaftlich über das "Ich und sein Gehirn" wissen, außen vor.

Wobei – versteh mich nicht miss – ich will keinesfalls einem simplen biologistischen Determinismus das Wort reden, glaube aber, dass wir diese Komponenten unbedingt immer im "Hinterkopf" – auch so eine fragwürdige figurative Formulierung – haben sollten, wenn wir über derartige Prozesse nachdenken. Eine von materiellen Grundlagen frei operierende geistige Instanz, die analog zum Körper mit seinen Sinnesorganen, Armen, Beinen, Verdauungsapparat etc. in verschiedene autonome Operationseinheiten wie Verstand, Wille, Trieb zerlegbar wäre, kommt mir angesichts dessen, was wir heute über Genetik, Hirnanatomie, Hirnstoffwechsel etc. wissen, doch eher wie eine sehr fragwürdiges Erfindungskonglomerat vor. Es widerspricht meines Erachtens auch der wirklichen Allmacht und Totalität des Göttlichen, das uns – mit einer Formulierung aus dem Koran gesprochen – näher ist als unsere Halsschlagader, d.h. in und durch jede Zelle, jedes Molekül, jedes Neutrino wirkt – nicht nur als freischwebender Geist.

Jan-Heiner Tück: Schauen wir auf die sozialen Auswirkungen der Sucht, die sich oft in Blicken zeigt. Die Krankenschwester, die abschätzig schaut, die Frau, die zu Besuch kommt und ihr Erschrecken nicht zurückhalten kann, der jugendliche Mitpatient, der wegen Drogenproblemen eingeliefert wurde und bei einem nächtlichen Telefonat mit seiner Freundin ungeschminkt von "Pennern" spricht, mit denen er da zusammen untergebracht ist. Das kann Abwehrreflexe erzeugen, aber auch ein heilsames Aufwachen beim Blick in den Spiegel freisetzen: "Was dort steht, ist ein Penner." Diese bittere Selbsterkenntnis wird im Roman wie ein Augenblick von Offenbarung beschrieben, der dann alles wendet …

Christoph Peters: Die ersten knapp zwei Wochen in der Klinik waren tatsächlich die schlimmste Zeit meines Lebens, wobei es weniger die Blicke der anderen waren als die zunehmend schonungslose Selbsterkenntnis, nachdem die Beschönigungseffekte des Alkohols fehlten. Da tauchten dann alle Peinlichkeiten, Lächerlichkeiten und Verkommenheiten – wenn man so will, Sünde und Schuld in sämtlichen Spielarten –, die ich mir trinkend immer irgendwie kaschiert hatte, in ihrer ganzen Abscheulichkeit wieder aus den inneren Dunkelkammern auf. Zwischenzeitlich habe ich wirklich gedacht: Das wird nichts mehr mit mir, ich werde aus dem irren Zwangssystem der Sucht schnurgerade in eine Psychose ohne Ausgang gleiten. Und dann kam es zu einem merkwürdigen Moment vor dem Spiegel im Krankenhauszimmer, der mich mir in meiner ganzen Verelendung gnadenlos vor Augen führte, und es stieg von ganz unten eine Art Lachen auf, über mich selbst, über all das, was passiert war und passierte, nicht höhnisch, sondern irgendwie versöhnlich und wohlwollend. Innerhalb weniger Momente hatte ich das Gefühl, dass sich meine innere Struktur, die verschiedenen Elemente meines Innenlebens neu anordneten, auf eine Weise, mit der ich mich künftig in dieser sonderbaren Welt irgendwie aushalten könnte. Was genau das für ein Vorgang war, weiß ich nicht. Jedenfalls war ich danach sicher, dass ich nie wieder trinken würde, dass auch bestimmte Formen der Angst und der hoffnungslosen Verdüsterung vorbei wären.

Für mich stand danach und steht bis heute das Gefühl, ein neues – zweites – Leben geschenkt bekommen zu haben. Ich habe das nie als eigene Leistung oder als Resultat von Disziplin und Willenskraft gesehen, sondern wirklich als ein völlig unverdientes Geschenk.

Jan-Heiner Tück: Bemerkenswert ist, dass im Roman wiederholt religiöses Vokabular auftaucht. So wird die Entziehungskur als "Vorhölle" bezeichnet, die schonungslose Aufdeckung der Lage mit dem Gerichtsmotiv in Verbindung gebracht: "Alles, was geschehen ist, wird offenbar werden, nicht am Tag des Gerichts, wenn das Buch geöffnet, die Taten verlesen werden, wenn meine eigene Haut Zeugnis gegen mich ablegt, sondern jetzt." Sind diese Anspielungen bewusst gesetzt?

Christoph Peters: Ja, natürlich. Ich bin ja in religiösen Begrifflichkeiten und Bildwelten aufgewachsen, habe mich immer – trotz aller Beschäftigung mit Schamanismus und Zen – im Raum des semitischen Monotheismus, also den jüdisch-christlich-islamischen Traditionen und Denkweisen bewegt, und die spielen natürlich auch für mein Schreiben eine zentrale Rolle.

Kapitulation – zwischen Selbstaufgabe und Neuanfang

Jan-Heiner Tück: Eingeständnis – Selbstbesinnung – Vorsatz zur Besserung – das sind Momente, die an die Beichte erinnern, auch wenn es keine Absolution gibt – oder?

Christoph Peters: In gewisser Hinsicht, könnte man das meinen, aber diese schönen Schritte hin zu einer erleichternden sakramentalen Vergebung beschreiben Sucht, Kapitulation und Entzug viel zu selbstbestimmt …  – Da sind wir wieder bei diesen alten Vorstellungen des Verstands als Erkenntnisinstruments, der dann auf dieser Basis Entscheidungen aus freiem Willen folgen: Aber dem Zustand der Substanzabhängigkeit ist mit "Eingeständnis" und "Selbstbesinnung" nicht wirklich beizukommen. Ich hatte ja in den Jahrzehnten des Trinkens immer wieder versucht, das irgendwie mit guten Vorsätzen und Willenskraft in den Griff zu bekommen und bin jedes Mal, wenn ich wieder angefangen habe zu trinken, ohnmächtiger als zuvor in diesen Strudel hineingeraten. Tiefpunkt und Kapitulation sind keine Willensakte, sie bedeuten den Totalzusammenbruch der gesamten Persönlichkeit. Da ist einfach erstmal nichts mehr übrig, was irgendwie denk-, geschweige denn handlungsfähig wäre.

Jan-Heiner Tück: Am Ende ist es "die Frau", die ihren Mann nicht auf seine Vergangenheit festlegt und ihm verspricht, bei ihm zu bleiben, oder die Tochter, dies ruft: "Papa, mein Papa". – "Wir fangen noch einmal an – wir geben nicht auf" – mit diesem Wort von Lars Gustaffson endet der Jellinek-Aufsatz, der die Geschichte der Sucht rückblickend aufs Papier bringt und namentlich von "Christoph Peters" gezeichnet ist. Ein Motto für die Zeit seither – und "das Gefühl, ein neues Leben geschenkt bekommen zu haben"?

Christoph Peters: In gewisser Weise ist das natürlich ein Paradox: Die Kapitulation entspricht einem vollständigen "Aufgeben", aber gleichzeitig ist erst diese totale Selbstaufgabe, die Anerkenntnis "Rien ne va plus – Nichts geht mehr" die Bedingung der Möglichkeit des Neuanfangs. Wenn man es christlich beschreiben will, ist es vielleicht eher eine Erfahrung, die in Richtung des "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" geht. Dieser Satz ist ja der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Kreuzigungsgeschehens. Ich weiß nicht, wie der aktuelle Stand der theologischen Diskussion ist, aber zu Zeiten wurde er so gedeutet – mit all den Problemen für das innertrinitarische Geschehen, die daraus folgen –, dass Jesus in diesem Augenblick tatsächlich real seinen Glauben verliert und erst durch diesen Verlust in die wirkliche Erfahrung der totalen Isolation eintritt, die den Schrecken des Todes ausmacht ...

Und ja, für mich stand danach und steht bis heute das Gefühl, ein neues – zweites – Leben geschenkt bekommen zu haben. Ich habe das nie als eigene Leistung oder als Resultat von Disziplin und Willenskraft gesehen, sondern wirklich als ein völlig unverdientes Geschenk. Und natürlich bin ich unendlich dankbar, dass meine Frau, mit meiner kleinen Tochter damals geblieben ist und ich auch als Ehemann und Vater noch einmal neu anfangen durfte.

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