Soeben hat der ostdeutsche Schriftsteller Uwe Kolbe eine Sammlung von Gedichten über die Elbe veröffentlicht. Darin geht es um den Fluss, die Schwalben, den Wind, die Schleusen und Fähren, aber auch um Orte und Namen, die mit der Elbe verwoben sind. Jan-Heiner Tück hat mit dem Lyriker über seine Gedichte gesprochen.

Jan-Heiner Tück: Die Rede von Quelle, Fluss und Strom eignet sich als Metapher für Überlieferungsprozesse: "Damit der Fluss der Tradition bis auf uns gelange, muss man in einemfort sein Bett ausbaggern." Was sagt Ihnen dieser Satz des französischen Theologen Henri de Lubac?

Uwe Kolbe: Der Satz entspricht – ohne dass ich noch einmal bei Hans Blumenberg nachschlage (Quellen, Ströme, Eisberge) – einer Metaphorik, die mir im Zusammenhang mit "meiner" Elbe fremd ist. Sie passt nicht, obwohl ich sie verstehe, selbstverständlich. Mein Fluss im Gedicht und als Gedicht ist so konkret, wie es irgend in Sprache geht, bezogen auf Vergangenheit und Gegenwart. Was man gemeinhin Thema nennt, umfasst dabei ohne weiteres auch Überlieferung und damit Begründung dessen, was heute mein bzw. unser ist. Sonst würde das Gedicht blind und taub durch die Elbauen stolpern. Wie man lesend feststellen kann, werden auch ferner fließende Wasser der Welt zum Einzugsgebiet der Elbe geschlagen. Und die Erkundungen dürften weitergehen. Ich hege große Sympathie für das bewusste Tradieren. Wo aber für meinen Fall Tradition selbstverständlich und nachvollziehbar ist, das sei im Handwerk.

Tück: Ihrem Gedichtband Das Alter der Elbe ist ein Wort des Dichters Paul Celan vorangestellt: "Lies nicht mehr – schau! / Schau nicht mehr – geh!" Es stammt aus der Engführung – einem langen Gedicht, das auf die Vereinnahmung der berühmten Todesfuge reagiert und die Gefahr der Ästhetisierung des Grauens abwehrt. Warum dieses Motto?

Kolbe: Auch ich lese Celan vorsichtig und weiß um einige Umstände. Dass nach vielen Vorläufern dieses Motto blieb, liegt aber daran, dass und wie diese zwei Verse mich überraschten. Nach zwei nahezu "metaphorisierten" Zeilen, die sich in dem Gedicht unmittelbar davor finden, in denen weder Gras noch Stein sie selber sind, wird es mit dem, was ich zum Motto genommen habe, bei Celan 100 % konkret. Die Wendung, die ich ausgewählt habe, wäre wörtlich genommen (und wie sonst?) gegen das Gedicht selbst gerichtet, paradox nicht im Duktus, aber in der Konsequenz. Gleich darauf folgen ja weitere Paradoxien und Widersprüche, notwendig als Forttasten des Gedichts in dem Gelände seines Themas.

Meine Überraschung rührte daher, dass ich in den zwei Versen Celans etwas ganz Nahes wiederfand. 1980 erschien das Debut des Dichters und Schauspielers Clemens Eich unter dem Titel Aufstehn und gehn. Die drei Wörter sind mir nahe wie ein eigenes Lebensmotto, ein steter Weckruf. In dasselbe Jahr fiel meine eigene erste Buchveröffentlichung. Und sind nicht Celans zwei Verse aus der Engführung für sich genommen genauso eine Aufforderung zu leben, jetzt oder nie? Tu es auch hier, direkt an der Elbe: "schau! / geh!"

So verstehe ich das Österliche gern einfach, den Glauben an die Auferstehung als den an den Triumph der Erinnerung über das Vergessen; wissen zu wollen und davon zu sprechen, als Prozess der Versöhnung.

Vom Aufstand gegen das Vergessen

Tück: Flüsse prägen Landschaften und Orte, sie haben auch ihre Geschichte. In Ihrem Gedichtband ist von Theresienstadt die Rede, aber auch von den Namen der Toten, der Asche. Sie beschweren die Lyrik mit der Last der jüdischen Leidensgeschichte, als wollten Sie leise, aber doch deutlich gegen das Vergessen und Verdrängen anschreiben …

Kolbe: Ich bin ein Kind des 20. Jahrhunderts. Ursache dieses spezifischen Vergessens und absichtlichen Verdrängens wäre doch Dummheit, nicht wahr? Und das Ergebnis dieses Vergessens und Verdrängens wäre wiederum Dummheit.

Tück: Emphatisch heißt es an einer Stelle: "Jeder der Namen lebt." Die Schrift ist schon Aufstand gegen das Vergessen. Aber das Leben der Verstorbenen setzt eine Instanz voraus, die den Tod widerrufen könnte. "Im Eingedenken machen wir eine Erfahrung, die uns verbietet, die Geschichte atheologisch zu begreifen." Würden Sie diesem Satz von Walter Benjamin im Blick auf das Leben der Namen eine österliche Wendung geben wollen?

Kolbe: Das möchte ich nur zu gern! Wenn es in meinem Fall wohl auch immer ein Ringen bleibt, ein hoffendes Ringen. – Dass die Namen ermordeter jüdischer Bewohner der Stadt Kolín an der Elbe (in dem Gedicht, das Sie zitieren), lebendig sind, dafür hat Rabbiner Richard Feder gesorgt, und dafür sorgen wir selbst mit unserer Reise hierher, fragend, lesend, eingedenkend. Und so verstehe ich das Österliche gern einfach, den Glauben an die Auferstehung als den an den Triumph der Erinnerung über das Vergessen; wissen zu wollen und davon zu sprechen, als Prozess der Versöhnung.

 

Uwe Kolbe
© Wiener Poetikdozentur

 

Tück: Ihre Gedichte haben auch eine politische Dimension. Ich nehme nur die Zeile: "Was gibt’s, was nicht Stalin / und Hitler, Wehrmacht, SS taten vor dem, / der heute da brandschatzt und mordet?" Auch erwähnen Sie Sarajevo, als hätten Sie schon gewusst, dass dort eingeflogene Scharfschützen willkürlich auf Zivilisten geschossen haben, um den Kitzel des Mordens zu erleben …

Kolbe: Dass in einem Gedicht der Überfall Russlands auf die Ukraine in der Parallel- (oder gar Eng?)führung mit dem Zweiten Weltkrieg – mit dem berühmten Handschlag amerikanischer und sowjetischer Soldaten über der Elbe – erscheint, ist ein Risiko. Poetisch gesehen. Besteht das Gedicht über das Aktuelle hinaus? Wie schnell setzt das heute Akute Patina an? Nun ist aber der russische Angriffskrieg, während wir einander hier schreiben, nach 4 ½ Jahren noch immer nicht beendet … Und die Treffen von Strehla oder eben Torgau symbolisieren den damals absehbaren Sieg und Friedensschluss, verbunden mit größter Hoffnung für den Frieden "in der Welt" auf besondere Weise. So mag es hingehen. – Mit Sarajevo verhält es sich anders. Das Gedicht ruft Flüsse in Bosnien-Herzegowina auf. Ich nehme Anteil an dem Schicksal Ex-Jugoslawiens. Ich verbrachte Zeit in den Straßen Sarajevos und habe vor Ort zu verstehen gesucht, was dort geschehen ist. Die Bilder von Srebrenica gehören unabweisbar dazu. Und ich habe überhaupt nicht verstanden, warum der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine weithin als erster Krieg auf europäischem Boden nach dem Zweiten Weltkrieg apostrophiert wurde. Wo lag dann bitte Jugoslawien?

Verstehen ist ein nie endender Prozess. Geh und sieh! Was für eine Freude, immer neu zu lesen das Antlitz auf der anderen Seite.

Die Metapher des Fährmannsdienstes

Tück: Auch der Fährmannsdienst von Ufer zu Ufer wird in Ihren Gedichten aufgegriffen. Er lässt sich metaphorisch auf Übersetzungen beziehen, die Inhalte von gestern ins Heute einbringen wollen, um das Morgen zu gestalten. Wer mit seinen Inhalten zu schnell ankommen will, verliert leicht Gepäck, wer die "begrenzte Ladefläche" zu schwer belädt, kommt nicht vom Fleck oder droht sogar unterzugehen. Welchen hermeneutischen Wink würden Sie Dolmetschern der biblischen Botschaft heute mit auf den Weg geben?

Kolbe: Die Vorlagen in den alten Sprachen, die Überlieferung, die Rollen von Qumran, das Werk des Heiligen Hieronymus …, das alles bedarf der Sorgfalt, jeweils wieder gelesen, erkannt zu werden und konserviert an seinem Ort. Jenes Ufer ist fest. Es soll bitte auch fest bleiben. Es möchte nicht belehrt werden, nicht manipuliert, nicht verstellt von Moden des heutigen Tags.

Das hiesige Ufer, meinetwegen das der europäischen Gegenwart oder auch "nur" der Problematik im deutschsprachigen Raum (man muss ja immer einschränken, um die Katastrophen überschaubar zu halten, um abzustecken, wovon die Rede ist auf dem zigfach überschriebenen Totenacker wie auf den alltäglich überschriebenen Äckern der Lebenden) ist ein vergleichsweise bewegliches. Gegenwart ist kein Sediment. So mag mit Vorsicht gesprochen werden, das Ja wie das Nein geprüft, bevor es entschlüpft. Wenn es heraus ist, dazu stehen. Wenn es revidiert werden muss, offen die Skrupel benennen.

Den Grund nicht vergessen, der von dem anderen Ufer hergebracht ist, das alte, lebendige Sprechen, das wir mit jedem unserer "neuen" Worte zitieren. Was wir besitzen, kommt von dem anderen Ufer her. Mit der kleinen Fähre des erworbenen Wissens und des prüfenden Gewissens holen wir, wessen wir bedürfen.

Plaudern, wenn es die Abendsonne gewährt. Ernsthaft sprechen, wenn Fragen sich stellen. Den sakralen Raum nicht ausstaffieren mit Stellwänden der neuesten Pädagogik. Die Schönheit des hohen Tons, der von dem anderen Ufer her klingt, nicht vereinfachen. Den Kindern den Ton nahebringen, schwingen lassen, was das Kinderohr freut. Die Sagen, die Märchen, die Weihnachtsgeschichte des Lukas, das Buch Jona. Oder Petri Fischzug oder auch den so wunderbaren Gang nach Emmaus?

Das mythische Element erkennen und wirken lassen. Die Fremdheit von Worten, die auf der Straße nicht mehr gesprochen werden, die Bruchkanten historischer Syntax stehen lassen, hören lassen. Zugestehen, dass etwas nicht leicht verstanden wird. Verstehen ist ein lebenslanger Prozess. Beginnend mit dem Heranwachsen, gilt das für den Menschen, der mit mir lebt, von dem ich alles zu wissen meine. Oder es gilt für die Heilige Schrift oder für den lebendigen Fluss oder für das Gedicht.

Verstehen ist ein nie endender Prozess. Geh und sieh! Was für eine Freude, immer neu zu lesen das Antlitz auf der anderen Seite.

Tück: Das Ufer des Flusses ist auch ein Ort der Liebe, wo ich und du sich finden können: "Und fandest ganz nah die andere Seite, wo Gehen gelingt, Hand in Hand, staunend".

Kolbe: Wer da keine eigenen Erfahrungen daneben legen könnte, wäre arm dran. Nicht umsonst kennt früheste Dichtung, etwa des alten Ägyptens, vor allem den einen Anlass, das eine Thema. Amor spannt den Bogen auf der sonnenwarmen Wiese am Ufer. Das ist so uralt wie konkret. Wenn mein Gedicht es nicht wüsste, hätte es keinen Grund.

Gott fragt in einer Stadt nach dem "Haus Gottes". Man weist ihm eine Kirche. Die findet er leer und düster, vermisst Menschen, Licht und Freude. 

Von der Glut des Glaubens unter der Asche

Tück: Schließlich spielt auch die Religion hinein, wenn es am Ende in dem Gedicht Das Elbe-Lineament. Ein Trailer heißt: "… die unermüdliche Christenheit, die auch, wo die Elbe verläuft, / die alten Kirchen ausmalt, als wären sie neu, / die Heiligen vor sich hinstellt, halbherzig, / von ganzem Herzen ihren Gott verachtend". Wünscht sich der Lyriker Uwe Kolbe, dass die Glut des Glaubens unter der Asche von erstarrten Routinen wieder neu entfacht wird?

Kolbe: Das wünscht er sich, auf nicht militante, auf bitte die freundlichste Weise, ja. – Dem gegenüber spricht der Trailer im Anhang des Buchs von perfektionistischer Denkmalpflege am toten Objekt. Sie nimmt sich der Form an. Das ist ehrenwert. Die Stiftung Denkmalschutz hat wirklich alle Meriten, verdient Dank für die Restaurierung, die Rettung von Kapellen, Kirchen und Klöstern auch entlang Elbe seit den 1990er Jahren.

Der Wert der Architektur ist wieder da, er wird herausgestrichen. Und was geschieht? Touristen des Elberadwegs steigen vom E-Bike und besuchen in Funktionskleidung die Artefakte. Ich erinnere mich einer kleinen Geschichte von Hermann van Veen. Gott fragt da in einer Stadt nach dem "Haus Gottes". Man weist ihm eine Kirche. Die findet er leer und düster, vermisst Menschen, Licht und Freude. Draußen sitzt ein Mann auf einer Bank in der Sonne. Gott setzt sich neben ihn, der sich an Licht und Wärme des Tages freut. Er nennt ihn "Kollege."

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