#53 CheesesteakDer Pazifismus und der himmlische Frieden

Wie lebt man in einer Welt, in der Möglichkeit äußerster Gewalt immer mitgedacht werden muss, ohne sich ihr zu überlassen und ohne sich aus ihr herauszuträumen?

Cheesesteak
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Ich glaube, es war im Herbst 2017. Ich fahre mit dem Auto auf den Luftwaffenstützpunkt Ramstein. Wir weisen uns mit der ID Card am "Mario Kart Gate" aus, wie die Hauptpforte wegen der geschlängelten Fahrbahn genannt wird. Bevor wir einfahren, steigen wir, wie gewohnt, aus, damit das Fahrzeug mit Spiegeln und Hunden nach möglichen Sprengsätzen geprüft werden kann.

Mein alter Herr, ein Offizier im Ruhestand, liebt das Chicken Buffalo bei Charleys Cheesesteaks im Building 3336 der Air Base. Wir sind sentimental. Einige der schönsten Momente meines Lebens habe ich mit meinem Vater in einem Food Court verbracht.

Schon bei der Zufahrt passieren wir Demonstranten, die gegen den "Drohnenkrieg" und die Stationierung von Atomwaffen in Deutschland protestieren. Ihr damaliges Ziel: die Schließung sämtlicher amerikanischer Militäreinrichtungen im Land. Ich sehe Ordensleute, auch Priester, die für diesen Anlass den Kollar tragen. Es ist eine geordnete, allerdings etwas patzige Empörung. Man steht in Ketten, hält Schilder, wirkt entschlossen – und zugleich seltsam entrückt von dem Ort, an dem man steht. Gerne hätte ich ihnen damals ein paar Cheesestakes durch den Zaun gereicht. Auch ein paar Pommes, die in ihren roten Schachteln wie frittierte Blumensträuße aussehen können.

Als Heranwachsender erlebte ich Soldaten stets als die konsequentesten Pazifisten, weil sie professionell mit Gewalt umgingen.

Es ist nicht das erste Mal, dass meine Familie mit diesem Widerstand in Berührung kommt. Mitte der Neunzigerjahre gehe ich mit meinem Vater durch die gepflasterte Heidelberger Hauptstraße. Ein junger Mann tritt uns entgegen, alkoholisiert, schreit "Imperialistensau" und spuckt uns an. Mein Vater bleibt ruhig. Wir gehen weiter. Keine Eskalation, keine Reaktion – einfach Weitergehen. Als Heranwachsender erlebte ich Soldaten stets als die konsequentesten Pazifisten, weil sie professionell mit Gewalt umgingen.

Vielleicht ist es diese Spannung, die mir heute wieder in den Sinn kommt: zwischen einer sehr konkreten, gelebten Nähe und einer moralischen Sprache, die von außen auf diesen Ort fällt, oft absolut, oft ohne Zwischentöne.

Trump, der Papst und die Bombe

Ich muss daran denken, als ich die jüngste Auseinandersetzung zwischen dem amerikanischen Präsidenten und dem Papst verfolge. Der Präsident behauptet, der Papst bringe Menschen in Gefahr, weil er angeblich zu nachsichtig gegenüber nuklearer Bewaffnung sei. Der Papst antwortet ruhig: Die Mission der Kirche sei es, das Evangelium zu verkünden und den Frieden. Und dazu gehöre seit Jahrzehnten auch die klare Ablehnung von Atomwaffen.

Aus zwei sehr unterschiedlichen Stimmen wird in der Öffentlichkeit ein scheinbares Streitgespräch konstruiert – als ließen sich politische Machtlogik und moralische Verkündigung einfach ineinander übersetzen.

So weit, so erwartbar. Und doch geschieht hier etwas Merkwürdiges: Aus zwei sehr unterschiedlichen Stimmen wird in der Öffentlichkeit ein scheinbares Streitgespräch konstruiert – als ließen sich politische Machtlogik und moralische Verkündigung einfach ineinander übersetzen.

Die Psychologie des Pazifismus

Entscheidend ist ein anderer Punkt, den der Papst eher beiläufig erwähnt: dass die Existenz von Atomwaffen das Nachdenken über Krieg selbst verändert hat. Es ist ein Satz, der leicht überhört wird, weil er wie eine Binsenweisheit klingt. Aber vielleicht liegt gerade darin sein Gewicht.

Denn die Forderungen, wie ich sie damals in Ramstein gehört habe – vollständiger Abzug, Auflösung militärischer Strukturen –, tragen oft eine Vorstellung in sich, die die Wirklichkeit vereinfacht: als ließe sich Gewalt durch ihre bloße Verweigerung auflösen. Als genüge es, sich selbst aus der Logik der Macht herauszunehmen, damit diese Logik verschwindet.

Der Philosoph Karl Jaspers hat diese Versuchung bereits in den Fünfzigerjahren beschrieben, als die atomare Bedrohung erstmals das Denken dominierte. Politik, schreibt er, sei ihrem Wesen nach ein Umgang mit Gewalt. Wer vollständig auf sie verzichte, verzichte nicht nur auf bestimmte Mittel, sondern auf die Möglichkeit politischer Selbstbehauptung überhaupt. Sein 1958 erschienenes Buch trug den Titel: "Die Atombombe und die Zukunft des Menschen."

Was Jaspers am Pazifismus kritisiert, ist nicht sein Ziel, sondern seine psychologische Struktur. Er sieht in ihm oft weniger eine ethische Entscheidung als eine Reaktion auf Angst: den Wunsch, der gefährlichen Wirklichkeit zu entkommen, indem man sich selbst aus ihr herausnimmt. Doch dieser Verzicht bleibt nicht folgenlos. Er kann, so Jaspers, mit einer eigentümlichen Aggressivität einhergehen – einer Empörung, die sich moralisch sicher fühlt, gerade weil sie nichts riskiert.

Atomwaffen schaffen eine Situation, in der weder die Logik der Gewalt noch ihre einfache Negation ausreichen.

Wenn ich an die Demonstration in Ramstein zurückdenke, verstehe ich, was er meint. Man steht im Kreis Gleichgesinnter, spricht von Frieden – und stellt sich außerhalb der konkreten Verantwortung, für die dieser Ort steht.

Atomwaffen schaffen eine Situation, in der weder die Logik der Gewalt noch ihre einfache Negation ausreichen. Sie zwingen dazu, Angst auszuhalten, ohne ihr sofort nachzugeben.

Jaspers spricht von der "Grenzsituation": einer Lage, in der der Mensch nicht ausweichen kann. Angst, schreibt er, sei zweideutig. Sie könne nach schneller Rettung um jeden Preis schreien – oder sich verwandeln in eine Kraft, die zur Klarheit zwingt, die nicht zur Flucht führt, sondern zur Verantwortung.

Wie lebt man in einer Welt, in der Möglichkeit äußerster Gewalt immer mitgedacht werden muss, ohne sich ihr zu überlassen und ohne sich aus ihr herauszuträumen?

Die Versuche, Gewalt gedanklich zu verkürzen, bergen große Gefahren. Die Angst vor ihr kann lähmen. Sie kann aber auch – wenn man sie nicht sofort beruhigt – zu einer Form von Wachheit werden. Hier beginnt politische Vernunft.

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