#64 Schrittmacher: Wie Krankheit zur Superpower werden kann

Nach den Narkosen und der Operation hat Papst Leo nun eine neue Superpower. Ihm gegenüber: Eine Kirche, die in überkommenen Fantasien von Heil und Krankheit gefangen scheint.

Uhr am Handgelenk, die den Herzschlag misst
© Foto von Nik auf Unsplash

Sooft ich im Wiener Allgemeinen Krankenhaus auf der Station 6L meinen Schrittmacher auslesen lasse, teilt mir die Kardiologin mit, wie lange die Batterie noch durchhält: zweiundfünfzig Monate, dreißig Monate, zwanzig Monate. Sie nennt die Frist bis zum nächsten Aggregatwechsel.

Seit ich vierundzwanzig Jahre alt bin, trage ich dieses Implantat in mir. Bei meiner Geburt stellten die Ärzte eine Fehlbildung des Herzens fest. Seit meiner Kindheit pflege ich daher eine zärtliche Freundschaft mit dem Skalpell. Skalpell reimt sich sogar auf meinen Nachnamen. Ich lebe nur mit einem halben Herzen. Im Jargon nennt sich dieser Makel univentrikuläres Herz. Vielleicht liebe ich alte Sprachen, weil zu meinen frühen Kindheitserinnerungen in Krankenhäusern Worte gehören, die eine archaische Magie ausstrahlen: Stenose, Situs inversus, Arterie, Synkope, Bradykardie, Palpitation usf.

Fürsorgliche Institution auf Abwegen

"Ich war keinen einzigen Tag krank," klagte neulich ein ehemaliger Kollege, der seit seiner Jugend im Rollstuhl sitzt. Er ist in leitender Funktion in einer deutschen Diözese. Während etliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die gesund sind, sich bei der Kirche hauptsächlich durch ihre Unauffälligkeit auszeichnen, startete dieser behinderte Kollege im Rollstuhl Projekte von enormer Strahlkraft. Er meint es mit seiner Arbeit ernst, ist getrieben.

Als er sich einmal auf die Dezernatsleitung bewirbt, wimmelt die Diözese ihn ab: "Weißt du," gibt man ihm damals zu verstehen, "das ist eine Position mit hoher Repräsentanz. Da muss man viel herumgehen." Sie nehmen einen anderen. Warum? Weil der Mann im Rollstuhl nicht verkörpert, was sich die Kirche vorstellt, wenn sie sich ihre Knechte vorstellt? Diese allzu fürsorgliche Institution will ihm diese Autorität nicht zugestehen.

Oft sind die gesunden Kirchenmäuse dem Evangelium eher hinderlich als nützlich.

Sind wir Akrobaten oder Objekte des Heils?

Trotzdem lässt er sich nicht entmutigen, gibt eine Zeitschrift für Bildung und Kultur heraus, versammelt ein kreatives, geistreiches Redaktionsteam um sich herum, gründet eine Gesprächsreihe, die sich durch ihre Vernetzung mit Kultureinrichtungen in der Region und hochkarätige Gäste schnell als extrem erfolgreich erweist. Inzwischen gibt es diese seit mehr als zehn Jahren. Das ist selten in dieser Kirche. Solche Mitarbeiter sind selten in der Kirche. Viele gesunde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche fliegen unterm Radar, beantworten die Emails, die man ihnen schickt, nehmen an den Sitzungen teil, zu denen man sie herbeizitiert.

Oft sind die gesunden Kirchenmäuse aber – in meiner Erfahrung – dem Evangelium eher hinderlich als nützlich. Die gesunden Mitarbeiter der Kirche sehen kranke Menschen hauptsächlich als Gegenstand ihrer Arbeit. Sie "denken Behinderte mit." Sie befürworten barrierefreie Zugänge und machen Fortbildungen für Deutsch in einfacher Sprache. Wenn ich als behinderter Mensch nicht zahlreiche ähnliche Situationen nennen könnte, würde ich dies vielleicht als eine spezielle Situation einordnen. Eine Abnormalität. Aber es ist nicht so.

Der eigentliche Skandal: In den Augen der Gesunden leistet die Kirche mit ihren caritativen Einrichtungen Fürsorge für Kranke und Benachteiligte. Natürlich ist das edel und ein Herzstück christlicher Nächstenliebe. Aber der Satz, Jesus ist für die Kranken da, hat auch etwas Abgründiges, weil er eine Asymmetrie festschreibt, während er vorgibt, sie zu durchbrechen. Wenn der Herr seine Wunden zeigt, gehören sie zum Plot. Wenn er Kranke heilt, ist das Beleg seiner Herrlichkeit. Und genauso denkt die Kirche: eine Institution, die – wie vielleicht keine andere Einrichtung – an ihrer Lahmheit, an ihren blinden Flecken krankt, hält sich für das Maß dessen, was menschliches Heil ausmacht.

Für mich ist klar: Der Papst hat durch seine Erkrankung eine weitere Superpower gewonnen. Diese gewinnt er, indem er dem Tod noch einmal von der Schippe springt, die Frist noch etwas weiter fortschiebt. 

Der kranke Papst

Es sind diese Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich in den letzten Tagen lese, wie kirchennahe Medien und Personen darüber sinnieren, was das für ein Schaden sei, dass der Papst an Krebs erkrankt ist. Alles sei doch auf diesen Menschen fokussiert, der sich jetzt als insuffizient erweist. Theologische Ethikerinnen und Ethiker rücken an mit ihrer sperrigen Sprache von Verletzlichkeit, die mich ehrlich gesagt etwas anwidert.

Denn für mich ist klar: Der Papst hat durch seine Erkrankung eine weitere Superpower gewonnen. Diese gewinnt er, indem er dem Tod noch einmal von der Schippe springt, die Frist noch etwas weiter fortschiebt. Er weiß nun, dass die Kirche mit ihrem Repertoire an Ritualen und caritativen Stützen mit einer sonderbaren Schwelle ringt. Gegen die sie auch gewinnen kann. Gegen die sie sich in Revolte und Aufruhr erheben kann.

Denn es gibt, wie vielleicht Jakob an der Furt des Flusses Jabbok mit einer geheimnisvollen Gestalt ringt, diesen stillen Triumph: Wenn die Gestalt dieser Verneinung einen nicht zermalmen kann, wenn dieser Widersacher, so stelle ich es mir vor, selbst erschrickt vor seiner Schrecklichkeit – und blinkt, zögert, zurückschreckt, die Frist noch nicht gekommen ist, weil man in sich eine größere Gnade wirken spürt.

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