Die Enzyklika «Laudato Si’»Ein Meilenstein in der lehramtlichen Sozialverkündigung

In ersten Kommentaren wurde die im Juni dieses Jahres veröffentlichte Enzyklika Laudato si’1 mit dem Gründungsdokument der katholischen Soziallehre, der Enzyklika Rerum novarum von Leo XIII. (1891), verglichen. Papst Franziskus selbst verweist, wohl um den Ernst der Lage zu betonen, in seiner Einleitung auf Pacem in terri von Johannes XXIII. (1963), das dieser angesichts eines drohenden Nuklearkriegs an die Welt richtete. Inhaltlich ist Laudato si’ das erste päpstliche Lehrschreiben, das die zentrale globale Umweltthematik in den Mittelpunkt stellt. Zwar hob bereits das Abschlussdokument der Bischofssynode von 1971 De iustitia in mundo ein Jahr vor Veröffentlichung des maßgeblichen Berichts des Club of Rome2 hervor, dass aufgrund der Nicht-Universalisierbarkeit des westlichen Konsummodells die ökologische Frage engstens mit jener der globalen Gerechtigkeit verbunden ist.3 In den folgenden Jahrzehnten gab es jedoch in päpstlichen Dokumenten nur verstreut Äußerungen zur Umweltthematik.4 Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Jedenfalls stellt sich die katholische Kirche nun – wenn auch mit einiger Verspätung – ihrer Aufgabe als globale moralische Autorität in den für die Zukunft des Planeten zentralen ökologischen Belangen. Wie das Podium bei der Präsentation der Enzyklika im Vatikan zeigte, soll dies in enger Zusammenarbeit mit anderen Akteuren geschehen: Neben dem Direktor des päpstlichen Rates Iustitia et pax, Peter Kardinal Turkson, saßen der griechisch-orthodoxe Metropolit Johannes Zizoulas, der (agnostische) Klimaforscher Joachim Schellnhuber sowie die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Carolyn Woo.5

Zum Inhalt: Nach einem spirituellen Einstieg, in dem der Papst auf sehr persönliche Weise Gestalt und Botschaft des Heiligen Franziskus, seines Namenspatrons und des Patrons aller Bemühungen um einen bewahrenden Umgang mit der Schöpfung, in den Blick nimmt, behandelt die Enzyklika die Umweltfrage in sechs Kapiteln. Der erste Teil «Was unserem Haus widerfährt» (LS 17–61) beschreibt die gegenwärtige Umweltsituation: starke Umweltverschmutzung und ein sich bedrohlich verstärkender Klimawandel, zunehmende Wasserknappheit, die vor allem die Armen belastet, sowie der Verlust von Biodiversität und die sich daraus ergebenden Ungleichgewichte in den Ökosystemen kennzeichnen die gegenwärtige Lage. In der klaren und differenzierten Analyse wird das die Enzyklika durchziehende ethische Grundanliegen des Papstes bereits deutlich: «die enge Beziehung zwischen den Armen und der Anfälligkeit des Planeten» (LS 16), also die Interdependenz von sozialen und ökologischen Phänomenen, aufzuzeigen. Das zweite Kapitel, «Das Evangelium von der Schöpfung» (LS 62–100), enthält eine tief in der Heilsgeschichte verankerte Schöpfungstheologie, aus der der Papst immer wieder konkrete ethische Folgerungen für die Gegenwart zieht. Im dritten und vierten Kapitel, «Die menschliche Wurzel der ökologischen Krise» (LS 101–136) und «Eine ganzheitliche Ökologie» (LS 137–162), leuchtet die Enzyklika die geistesgeschichtlichen Hintergründe der Umweltkrise aus. Sie sieht ihren Ursprung vor allem in einer neuzeitlichen Mentalität des Beherrschens und Besitzens, die nur durch eine «mutige kulturelle Revolution» (LS 114) in allen Bereichen des modernen Lebens überwunden werden kann. Das fünfte Kapitel gibt «Einige Leitlinien für Orientierung und Handlung (sic!)» (LS 163–201), wobei der Schwerpunkt auf dem Aufbau dialogischer Beziehungen mit anderen Akteuren liegt. Der sechste und letzte Teil (LS 202–245) behandelt Fragen der Umwelterziehung und Spiritualität. Die Enzyklika schließt mit zwei Gebeten, einem für die Gläubigen aller monotheistischen Religionen und einem für Christen und Christinnen. Sie zeigt damit, dass Dialog, Verkündigung und Gebet nicht als Gegensätze sondern als komplementierende Weisen eines christlichen Einsatzes für ökologische und soziale Anliegen zu verstehen sind.

Im Folgenden sollen drei inhaltliche Themenkreise des äußerst dichten Dokuments ausführlicher behandelt werden.

1. Technik – Wirtschaft – Umwelt:
Interdependenz und die Neudefinition von Fortschritt

Zum ersten Mal in der Geschichte der katholischen Soziallehre setzt sich ein päpstliches Sozialdokument mit der Technik als Grundlage moderner Entwicklungen ethisch würdigend wie kritisch auseinander. Denn es waren und sind technische Erfindungen, die die Dynamik der Moderne jeweils anstießen und vorantrieben. Das Zusammenspiel von Technik und Wirtschaft hat das Leben der Menschen auf unserem Planeten in den letzten Jahrhunderten und – beschleunigt – in den letzten Jahrzehnten tief greifend verändert. Es machte ein in der Menschheitsgeschichte einmaliges Bevölkerungswachstum möglich (zwischen 1950 und 2015 von 2,53 auf 7,32 Milliarden) sowie eine so nie dagewesene Steigerung der Güterproduktion, wobei der Zugang zu den Gütern höchst ungleich verteilt ist. Es führte aber ebenso zu einer extremen Verknappung natürlicher Ressourcen, zu verbreiteter Umweltverschmutzung und zu ökologischen wie sozialen Problemen ungeahnten Ausmaßes. Die Schwäche der Politik (LS 53–59 et passim) gegenüber den Akteuren einer globalisierten Wirtschaft sowie unterschiedliche politische Interessen verhinderten bisher die Durchsetzung effektiver globaler Regelungen und Gesetze und ermöglichten es globalen Großunternehmen, ihre sozialen und ökologischen Kosten weithin zu externalisieren. Dies führte zu großen und weiter wachsenden Unterschieden in Einkommen, Vermögen und folglich im Konsum weltweit. Die Enzyklika kritisiert an mehreren Stellen scharf diese das globale Gemeinwohl schädigenden Dynamiken (LS 54 et passim). Da das sich globalisierende westliche Wachstums- und Konsummodell auf die Biosphäre als Basis angewiesen ist, unterminieren die gegenwärtigen Entwicklungen zudem seine natürlichen Grundlagen. Die neuzeitliche Technologie hat beachtliche Fortschritte gebracht, die auch gewürdigt werden: «Es ist recht, sich über diese Fortschritte zu freuen und angesichts der umfangreichen Möglichkeiten, die uns diese stetigen Neuerungen eröffnen, in Begeisterung zu geraten, da ‹Wissenschaft und Technologie ein großartiges Produkt gottgeschenkter Kreativität› sind» (LS 102). Ihre hochgradige Ambivalenz zeigt sich jedoch zunehmend angesichts der negativen Folgewirkungen des rasanten technischen und wirtschaftlichen Fortschritts. Diese können nicht bewältigt werden, ohne sich der Frage nach den geistigen Hintergründen der technologischen Zivilisation und den sie prägenden Mentalitäten zu stellen, der die Enzyklika im dritten Kapitel nachgeht. Demnach basiert das global gewordene technokratische Paradigma auf einer Anthropozentrik, die im homo faber mit seiner Grundeinstellung «des Besitzens, des Beherrschens und des Umgestaltens» (LS 106) ihr Modell hat. Dieses einseitige Menschenbild sowie die scharfe neuzeitliche Trennung zwischen dem Menschen als Subjekt und der Natur als für ihn unbegrenzt verfügbarem und verwertbarem Objekt sind die Geburtsfehler einer von Wirtschaft und Technik angetriebenen Zivilisation, deren «prometheischer Traum der Herrschaft über die Welt» heute an seine Grenzen stößt.6 In dieser Situation bedarf es dringend einer neuen Ethik. «Die rechte Weise, das Konzept des Menschen als ‹Herr› des Universums zu deuten, besteht hingegen darin, ihn als verantwortlichen Verwalter zu verstehen.» (LS 116).7 Der Papst warnt freilich auch mehrfach davor, an die Stelle des neuzeitlichen Paradigmas der Unterwerfung der Natur einen Naturromantizismus treten zu lassen, der «bedeutet […], alle Lebewesen gleichzustellen und dem Menschen jenen besonderen Wert zu nehmen, der zugleich eine unermessliche Verantwortung mit sich bringt.» (LS 90 et passim) Dies würde die für die Problembewältigung notwendigen ethischen Ressourcen weiter schwächen, die zu stärken das wesentliche Anliegen der Enzyklika ist.

Gerade angesichts einer wachsenden Fortschrittsskepsis (LS 113) stellt sich zudem die Frage, was Fortschritt nun eigentlich bedeutet. Denn um die Aporien gegenwärtiger Entwicklungen effektiv zu überwinden, braucht es letztlich ein Fortschrittsmodell, welches das menschliche Denken neu ausrichtet und das so dazu beiträgt, Wirtschaft und Technik anders zu konzipieren. Dies ist, so der Papst, möglich, denn «[d]ie menschliche Freiheit ist in der Lage, die Technik zu beschränken, sie zu lenken und in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts zu stellen, der gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist.» (LS 112) Eine Voraussetzung dafür bildet eine Verminderung der rasanten Geschwindigkeit gegenwärtiger Entwicklungen (der Papst verwendet das spanische rapidación – LS 18), nicht zuletzt um die für ethische Reflexion notwendige Zeit zu haben.

2. Eine ganzheitliche Ökologie: «Die Klage der Armen ebenso hören wie die Klage der Erde» (LS 49)

Die Interdependenz von Sozial- und Natursystemen und – damit eng verbunden – der Zusammenhang von ökologischer und sozialer Gerechtigkeit durchzieht die gesamte Enzyklika als roter Faden. Die Sorge für das gemeinsame Haus muss die Sorge für jene einschließen, die von den Umweltproblemen am härtesten betroffen sind. Es gilt «die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde» (LS 49; kursiv im Original). Eines kann nicht vom anderen getrennt werden. «Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise.» (LS 139)

Die Schädigung der Menschheitsgüter (global common goods), vor allem des Klimas, bringt für alle Menschen weltweit gravierende Nachteile. Die konkreten Folgen für einzelne Länder und soziale Schichten sind jedoch höchst unterschiedlich. So wirken sich die Klimaveränderungen in der südlichen Hemisphäre um vieles schwerwiegender aus als im Norden. Die Bewohner dieser Regionen sind jedoch arm und haben den Klimawandel daher nicht verursacht. Sie werden so in doppelter Weise zu Opfern der Umweltzerstörung und tragen, ohne vom Wohlstand zu profitieren, den größten Teil der ökologischen Lasten.8 Betroffen sind besonders das Afrika südlich der Sahara sowie die Küstengebiete weltweit. «Der Anstieg des Meeresspiegels, zum Beispiel, kann Situationen von äußerstem Ernst schaffen, wenn man bedenkt, dass ein Viertel der Weltbevölkerung unmittelbar oder sehr nahe am Meer lebt und der größte Teil der Megastädte sich in Küstengebieten befindet.» (LS 24) Diese «ökologische Schuld» nicht nur Einzelner, sondern ganzer Länder hat ihren Grund in Ungleichgewichten des internationalen Systems sowie im bei weitem überproportionalen Verbrauch natürlicher Ressourcen durch die Länder des Nordens (LS 51 et passim). Die ökologischen Probleme verstärken so die weltweit höchst ungleiche Verteilung von Vermögen und Lebenschancen weiter. Laudato si’ betont daher in Übereinstimmung mit früheren katholischen Lehrdokumenten, dass die Güter der Erde für alle da sind. Dies anzuerkennen, bedeutet «Treue gegenüber dem Schöpfer, denn Gott hat die Welt für alle erschaffen. Folglich muss der gesamte ökologische Ansatz eine soziale Perspektive einbeziehen, welche die Grundrechte derer berücksichtigt, die am meisten übergangen werden. Das Prinzip der Unterordnung des Privatbesitzes unter die allgemeine Bestimmung der Güter und daher das allgemeine Anrecht auf seinen Gebrauch ist eine ‹goldene Regel› des sozialen Verhaltens und das ‹Grundprinzip der ganzen sozialethischen Ordnung›» (LS 90). Das Ziel einer derartigen Ordnung muss das universale Gemeinwohl sein. «Die gesamte Gesellschaft – und in ihr in besonderer Weise der Staat – hat die Pflicht, das Gemeinwohl zu verteidigen und zu fördern,» das «vom Respekt der menschlichen Person als solcher mit grundlegenden und unveräußerlichen Rechten» ausgeht (LS 157) und sich so in den «Dienst des Lebens» zu stellen (LS 189).

Eine derartige Neuausrichtung verlangt vor allem eine Absage an eine konsumistische Wegwerfkultur, die nicht nur materielle Dinge sondern auch Menschen gering achtet (LS 22). Es braucht eine neue Weltsicht, ja einen neuen Menschen, der sich als Teil der Natur versteht und so dankbarer und einfacher lebt. (LS 118) Hier und an anderer Stelle mahnt die Enzyklika eine «ökologische Umkehr» auf breiter Basis ein, die die schlimmsten Auswüchse der Umweltkrise einzudämmen hilft. Immer wieder scheint im Text durch, dass Franziskus als erster Papst die Lebenssituation der Armen in den Megastädten des Südens aus eigener Anschauung kennt. Er bringt damit eine neue Perspektive in die katholische Soziallehre ein, die seit ihren Anfängen der Sache nach einer «Option für die Armen» verpflichtet ist.

Es wäre – so der Papst – freilich naiv anzunehmen, dass eine derartig umfassende Umkehr ohne geistige und spirituelle Ressourcen gelingen kann (LS 199). Der Anfang wie auch das Ende der Enzyklika, das zweite Kapitel und die Praxisorientierungen (LS 202–245) bringen oftmals in höchst poetischer Sprache theologische und spirituelle Reflexionen zur Bewahrung der Schöpfung, denn «[d]as ganze materielle Universum ist ein Ausdruck der Liebe Gottes, seiner grenzenlosen Zärtlichkeit uns gegenüber.» (LS 84) Wenn wir es als Gabe und Geschenk anzunehmen bereit sind, sollte dies die Rückkehr zu einem einfacheren und freieren Lebensstil sowie eine neue Kultur der Achtsamkeit und Genügsamkeit wesentlich erleichtern (LS 225). Gestalt und Botschaft des Heiligen Franziskus (LS 1f), sein Sonnengesang als Ausdruck einer harmonischen Beziehung zu Mitwelt und Natur (LS 87) und «das Gebet für unsere Erde» sowie ein «Christliches Gebet mit der Schöpfung» umrahmen die Enzyklika und zeigen, dass eine christliche Spiritualität verbunden mit einer Ethik der Verantwortung, die notwendig auf natur- und sozialwissenschaftlichen Grundlagen basiert, die Grundpfeiler christlichen Umweltengagements darstellen.9

3. Dialog und Positionierung der Katholischen Kirche in der internationalen Politik

Sowohl das Zweite Vatikanische Konzil wie auch die Antrittsenzyklika Ecclesiam suam von Paul VI. (1964) haben dem Dialog als dem Selbstverständnis der katholischen Kirche entsprechend breiten Raum gewidmet (vgl. Gaudium et spes 40–44). Der Papst greift diese Tradition auf. Sein persönlicher Stil, der sich nicht zuletzt in seiner Diktion niederschlägt («ich lade ein», «ich bitte zu bedenken»), ist in einladender Bescheidenheit selbst dialogisch. Die Idee des Dialogs, die nach dem Zweiten Vatikanum teils in Misskredit geraten ist, wird somit revitalisiert. Wie die Enzyklika zeigt, wäre es ein Irrtum zu meinen, dass dadurch Glaubensargumente ausgeklammert oder eigene Positionen hintan gestellt würden. Ziel des Dialogs ist es vielmehr, durch den Beitrag aller zu humaneren Problemlösungen zu finden (vgl. Gaudium et spes 11). Dies zeigen nicht zuletzt auf praktischer Ebene die vatikanischen Aktivitäten in den letzten beiden Jahren. Durch mehrere, ökologischen wie sozialen Themen gewidmete Konferenzen (z. B. gegen Sklaverei und Frauenhandel), an denen Papst Franziskus selbst teilnahm, gelang es innerhalb relativ kurzer Zeit, die Rolle der katholischen Kirche in der internationalen Gemeinschaft zu stärken und ihren Positionen stärkeres Gehör zu verschaffen.10 Zugleich trägt die Enzyklika gegenwärtige Bemühungen der internationalen Gemeinschaft mit. Dies gilt für die bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen im September 2015 verabschiedeten Sustainable Development Goals (SDGs), die die Milleniumsziele als Grundlage internationaler Entwicklung ersetzen und die gleichfalls Armutsbekämpfung und Schutz der Umwelt eng miteinander verbinden.11 Sie bilden ihrerseits einen Teil der Vorbereitungen auf die wichtige Weltklimakonferenz, die vom 30. November bis zum 11. Dezember 2015 in Paris stattfinden wird. Bemerkenswert ist dabei auch die Art und Weise, wie der Papst zum einen die Diskussion mit Wirtschaftskräften, vor allem in den USA, sucht, die der Ökologiebewegung ablehnend gegenüber stehen und zum anderen die Bemühungen internationaler Umweltorganisationen würdigt (LS 14, 166). Die wichtigsten Dialogpartner in der Suche nach effektiven Lösungen sind für die Enzyklika die internationale sowie die nationale und lokale Politik (LS 164–180), die auf eine größere Transparenz in den Entscheidungsprozessen drängen sollte (LS 181–188). Sie setzt zudem auf einen verstärkten Dialog zwischen Wirtschaft und Politik (LS 189–198). Die Religionen sollten ihrerseits in einen intensiven Dialog mit den Naturwissenschaften treten, nicht zuletzt um die ethische Dimension in die Umweltdebatte einzubringen (LS 110; 199–201). In den Aussagen zum Dialog und den Gruppen, mit denen er zu führen ist, wird das Ziel von Laudato si’ deutlich: die Lösung der großen gegenwärtigen Weltprobleme durch die Einbeziehung möglichst vieler Akteure effektiv voran zu treiben und einen ökologischen und sozialen Kurswechsel einzuleiten (LS 163). Denn die Lage ist ernst: «Wir könnten den nächsten Generationen zu viel Schutt, Wüsten und Schmutz hinterlassen. Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil, da er unhaltbar ist, nur in Katastrophen enden kann, wie es bereits periodisch in verschiedenen Regionen geschieht. Die Abschwächung der Auswirkungen des derzeitigen Ungleichgewichts hängt davon ab, was wir jetzt tun, vor allem, wenn wir an die Verantwortung denken, die uns von denen zugewiesen wird, die die schlimmsten Folgen zu tragen haben.» (LS 161) Ohne die Situation zu beschönigen, verfällt die Enzyklika – und dies ist eine ihrer Stärken – jedoch nie in einen letztlich kontraproduktiven Umweltalarmismus. Sie gibt vielmehr durch positive Aussagen und Beispiele Hoffnung in dem Glauben, dass sich im Zusammenwirken von menschlicher Freiheit mit der Gnade und dem Einfallsreichtum Gottes unerwartete Auswege finden lassen (LS 80) und dass auch die kleinsten guten Handlungen weit über ihr sichtbares Gewicht hinaus positive Wirkungen entfalten können (LS 212).

Bei der lange erwarteten Umweltenzyklika handelt es sich um ein in mehrfacher Weise herausragendes Lehrschreiben, das zudem eine Lücke in der Sozialverkündigung der katholischen Kirche schließt. Der eingangs zitierte Vergleich mit Rerum novarum ist daher durchaus berechtigt. In gut lesbarer Sprache (auch in der deutschen Übersetzung) bringt Laudato si’ eine beeindruckende Zusammenschau natur- und sozialwissenschaftlicher, ethischer und theologischer Argumente, leuchtet geistesgeschichtliche Hintergründe aus und sucht durch praktisch-ethische und spirituelle Reflexionen und Beispiele die individuellen Akteure in ihren ökologischen und sozialen Anliegen zu stärken. Es ist zu hoffen, dass die Enzyklika so einen wichtigen Beitrag zu dem höchst notwendigen ökologischen Kurswechsel leisten kann.

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